01 November 2012, 09:00
Die hl. Hildegard war wachsam für die Zeichen der Zeit
 
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Der Limburger Bischof bei Dankfeier für Hildegards Erhebung zur Kirchenlehrerin: Was Hildegard lehrt, bringt sie wie eine Glaubensformel so ins Wort: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Heimat finde in Gott.“

Eibingen (kath.net/pbl) Was Hildegard „lehrt, bringt sie wie eine Glaubensformel so ins Wort: ‚Gott wurde Mensch, damit der Mensch Heimat finde in Gott.‘“ Dies sagte der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst am Mittwoch in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard Eibingen. Anlass für die Pontifikalvesper war der Dank für die Erhebung der hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin durch Papst Benedikt XVI. am 7. Oktober. In ihrer Spiritualität war die Benediktinerin „wachsam für die Zeichen der Zeit“ gewesen.


kath.net dokumentiert die Predigt des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst in der Dankfeier anlässlich der Erhebung der Hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin in der ersten Vesper zum Hochfest Allerheiligen am 31. Oktober 2012 in Eibingen in voller Länge:
Schrifttext zur Lesung: Hebr 12,22-24

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst!
liebe Schwestern der Hl. Hildegard!
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Es war ein sprechendes Bild, das zur Botschaft wurde. Als Papst Benedikt XVI. vor wenigen Wochen – am 7. Oktober – die Hl. Hildegard von Bingen zur Kirchelehrerin erhob, hing ein Porträt ihrer Persönlichkeit als Prophetissa an der gewaltigen Fassade des Petersdomes in Rom. Die ganze Welt hatte sie damit vor Augen, wie wir sie verehren: als eine Lehrmeisterin, die eine Lebemeisterin ist. Als Benediktineräbtissin war sie dort zu sehen mit der Feder und einem Schriftband in der Hand – Worte, die zur Weisung, zum Weg werden – im Blick.

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Sci vias - Den Weg zu wissen; – das ist ihre Botschaft und das machte ihr Bild vor wenigen Wochen in Rom so prophetisch. Denn da, wo es hing, geht es um den Weg des Glaubens und die Wagnisse, die immer dazugehören, wenn sich ein Mensch der Führung durch Gott überlässt. Genau über der Heiligen Pforte in der Fassade von St. Peter, die geöffnet wird, wenn ein Heiliges Jahr ausgerufen wird, vermittelte das Bild neue Kirchenlehrerin, was Papst Benedikt der XVI. im Blick auf die Heiligen gesagt hat: „Jeder Heilige ist wie ein geöffnetes Portal, durch das Gottes Licht in die Dunkelheiten unserer Welt leuchtet.“

Die Heilige Hildegard ist eine Frau mit dieser Transparenz. Ihre Ausstrahlung und Verehrung rührt nicht daher, dass sie sich ‚in die Karten schauen lässt’. Sie lässt uns in ihre Seele blicken, und was sie dort mit dem Herzen sieht, das spricht aus ihrem klaren Blick. So sehen wir sie auf dem Gebetsbild, das ein Wandgemälde der Klosterkiche zeigt. So haben sie die Menschen hier im Rheingau im Blick, so sehen sie die Pilgerinnen und Pilger, die nach Eibingen kommen.

Die Heilige Hildegard weiß um das Innere des Menschen, um seine Größe und seine Grenzen. Ihre Schriften sprechen von diesem Zusammenhang: „Virtutes et Vitii, Stärken und Schwächen, Tugenden und Laster, Kraft und Vermeidung“. Diese scheinbaren Gegensätze in unserem Leben bringt die Hl. Hildegard in ein Gespräch miteinander, so dass das Ringen zu einem Reifen wird. Am Ende aller Auseinandersetzungen zwischen Kraft und Schwäche steht im jeden Buch der Kirchenlehrerin der „Zelus Dei“, das Eingreifen Gottes.

Hildegard wird zur Prophetissa, weil sie in diesen Zusammenhängen eine tiefere
Zusammengehörigkeit aufzuspüren und zu vermitteln vermag: Was sie lehrt, bringt sie wie eine Glaubensformel so ins Wort: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Heimat finde in Gott.“

Das ist eine Wegweisung, die vom Himmel auf die Erde schauen lässt und von der Erde aus den Himmel in den Blick nehmen lässt. Das ist eine Weisheit, die – wie die Lesung aus dem Hebräerbrief sagt – in allem um „den Mittler des neuen Bundes“ (vgl. Hebr 12,24) weiß.

Der Blick auf Jesus Christus erschließt die Tür zum Inneren des Glaubens und der Welt. Deshalb war es so bewegend, dass Papst Benedikt die Eröffnung der Weltbischofssynode mit der Erhebung der Hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin verbunden hat und in diesen Tagen zugleich die Konzilseröffnung vor 50 Jahren mit in den Blick kam. Ich hatte das Bild der neuen Kirchenlehrerin vor Augen, als wir das Jahr des Glaubens damit eröffnet haben, dass alle versammelten Bischöfe – wie vor 50 Jahren – über den Peterplatz in die Eucharistiefeier einzogen.

Wege im Glauben brauchen Bilder der Seele. Hildegards Dienst an der Kirche besteht in ihrer Begabung, mehr und tiefer sehen zu dürfen als andere. Diese Schau macht sie wachsam „für die Zeichen der Zeit“, weil sie ganz im Sinne des II. Vatikanischen Konzils diese „im Licht des Evangeliums“ deutet. Was sie sieht, erschließt anderen die Tür zu Gott, den Mitmenschen und sich selbst. Es ist diese geistliche Empathie, mit der die Hl. Hildegard der Kirche lehrt: „Nur wer fühlt, was er sieht, gibt, was er hat.“

Es ist diese Ganzheitlichkeit, die sehen lässt, was Papst Benedikt als Introitus in das Jahr des Glaubens bezeichnet: „Die Tür des Glaubens (vgl. Apg 14,27), die in das Leben der Gemeinschaft mit Gott führt und das Eintreten in seine Kirche erlaubt, steht uns immer offen.“ Die Hl. Hildegard bezeugt uns: Wer glaubt, gewinnt ein Blick für offene Türen.

Vor Türen zu stehen, Schwellen zu überschreiten, bringt manchmal Herzklopfen mit sich. Was erwartet mich dahinter? Wie werde ich empfangen? Wem begegne ich dort? Bin ich dem gewachsen, was auf der anderen Seite auf mich zukommt? Das sind bange Fragen, die wir alle kennen, – spätestens dann, wenn wir anklopfen und nach dem Türgriff fassen. An dieser Schwelle nimmt die Hl. Hildegard viele suchende Menschen unserer Tage bei der Hand.

Wer ‚mehr’ hören und ‚mehr’ sehen möchte, als diese Welt zu bieten hat, entdeckt in ihrer Nähe das Einfache als das Ursprüngliche und Durchsichtige. Weil die Tür des Glaubens offen steht, will Gott für jeden den Durchblick, der im ersten Lichtspalt die Seele weiter tasten, das Herz nachkommen und den Fuß bewegen will.

Die Hl. Hildegard ist als Kirchenlehrerin eine Ostiarierin, wie sie die frühe Kirche kannte und wie es sie noch heute in den Benediktinerklöstern gibt: Menschen, die sich zum Dienst an den offenen Türen berufen wissen, um anderen über manche Schwelle zu helfen. Wo Menschen ihre wirkliche Heimat im Glauben erahnen, brauchen sie Seelenführer, die sie zu der Mitte mitnehmen, wo alles aus Gott zu sprechen beginnt.

Die Hl. Hildegard von Bingen sieht ihre Berufung in dieser missionarischen Weggefährtenschaft. Sie schreibt in ihrem zweiten Hauptwerk, dem „Buch der Lebensverdienste“: „Gemeinsam mit den Engeln aber lobe ich Gott voll Vertrauen, will alles, was von Gott kommt. Schreibe mit den Cherubin all seinen Ratschluss, den er verkündet, wie Gott ihn sieht. Beurteile aber auch alles durch die Propheten, die Weisen und die Schrift. Und alle Weltreiche strahlen durch Gottes Gerechtigkeit auf mich zurück. In Gott bin ich Spiegel, denn in allen Gott(es)Gesegneten blitze ich auf.“

Sich öffnende Türen reflektieren das Licht, das Gott in der Seele eines Menschen entzündet. In diesem Licht sitzt Hildegard, die Kirchenlehrerin, auf vielen Bildern, die ihre Aura vermitteln. Es ist ein Glanz, in dem das Wort aus dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums aufscheint, das Jesus in einem Bildwort von sich selbst sprechen lässt: „Amen, amen, ich sage euch; ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden" (Joh 10,7 ff).

„Weide“, das ist in den Worten des Johannesevangeliums der Weg ins Licht. Die Hl. Hildegard sieht im Bild des sanften rötlichen Feuer den Menschen, der im Glauben und in der Leidenschaft der Liebe eins wird mit dem dreifaltigen Gott. Ihn anzurufen und zu verehren macht den Menschen zur Tür für Gott, durch die Er in diese Welt kommen will. Die Hl. Hildegard bezeugt uns diese Transparenz: „Jeder Heilige ist wie ein geöffnetes Portal, durch das Gottes Licht in die Dunkelheiten unserer Welt leuchtet.“
Amen.

Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst über Hildegard von Bingen




Hildegard von Bingen - Spurensuche im Bistum Limburg








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