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| ![]() Die Kompassnadel zweier Menschen8. November 2012 in Buchtipp, keine Lesermeinung Den jungen Historiker Rudolf führt sein Beruf ins Land der Bibel, wo er auf die junge Mirjam trifft... Leseprobe aus dem archäologischen Geschichtsroman Expedition Emmaus von Karl-Heinz Fleckenstein Emmaus (kath.net) Mit diesem Roman setzt sich der Leser auf eine "heiße Spur". Der deutsche Historiker und die jordanische Reiseleiterin haben einen gemeinsamen Traum: das verschüttete Emmaus, das im 19. Jahrhundert entdeckt wurde, wieder ans Licht zu bringen Der Leser erlebt das soziale Umfeld des 19. Jahrhunderts in Palästina mit seinen Sitten, Gebräuchen und Lebensgewohnheiten. Die handelnden Personen wie der Reverend Edward Robinson, die "Kleine Araberin", Bertha Darthigaux und viele andere sind tatsächlich geschichtliche Personen. Die Gestalten im 20. Jahrhundert sind authentisch nachgezeichnet wie beispielsweise Paul VI. auf seiner Pilgerreise des Jahres 1964 zu den Heiligen Stätten im Land der Bibel. Die Handlung geht auf einen wahren Kern zurück, obwohl Namen und zeitliche Abfolge kreativ umgearbeitet wurden. Der Autor Karl-Heinz Fleckenstein lebt seit 1981 in Jerusalem. Mit seiner Frau Louisa führt er Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. 1994 promovierte er in Biblischer Theologie an der Lateran-Universität in Rom. Bis 2005 arbeitete er als Gesamtkoordinator für das archäologische Ausgrabungsprojekt Emmaus-Nicopolis, die Tätigkeit, die ihn zu diesem Roman inspirierte. Leseproben 21. Oktober 1978, 20.00 Uhr In einer schummerigen Ecke im gemütlichen Cafe auf dem Münchner Funkturm. Mirjam schaut ihm mit ihren großen, schwarzen mandelförmigen Augen offen ins Gesicht: "Sicher, ein ausgefüllter Tag voller Eindrücke. Aber ein guter Tag. Dank ihrer großzügigen Hilfe am Morgen schaffte ich schnell die Einschreibung für den Sprachkurs. Dann die Stadtbesichtigung unter ihrer fachkundigen Führung: Der eindrucksvolle Liebfrauendom, das originelle Glockenspiel am Rathaus, das lustige Karl-Valentin-Museum und nach dem ersten Magenknurren das gemeinsame Weißwurst-Essen beim Donisel. Alles total neu für mich. Aber so schön!" Der Kellner stellt eine brennende Duftkerze auf den Tisch. "Hat sich das junge Paar schon entschieden?" "Eine lukullische Überraschung aus dem Alpenland", lacht Mirjam herzlich, als sie die riesigen Holzplatte mit Emmentaler, Camembert, Schmelzkäse, Handkäse, Romadur und allerlei Quarksorten gewahr wird. Ein unbeschwertes Lachen. Rudolf muss unwillkürlich an das muntere Plätschern einen erfrischenden Bergbach denken. "Dann wollen wir mal das Glas erheben: Prosit!" "Sachteen heißt das in meiner arabischen Muttersprache: Zur doppelten Gesundheit!" "Auf einen guten Erfolg bei ihrem Sprachkurs! Und auf ein gutes Gelingen unserer Schnuppereise ins Heilige Land!" Spontan ergreift von Pierrebourg die beiden Händen Mirjams und schaut ihr dabei tief in die Augen. Ein Blick, der mehr sagt als tausend Worte. Sie sprechen nicht sehr viel an diesem Abend. Eine verhaltene, intime Atmosphäre. Ein harmonischer Gleichklang der Seelen. Es gibt Dinge im Leben, einmalige Sternstunden, die man nicht zerreden darf. Unausgesprochen behalten sie mehr Gewicht. Die Stunden fließen dahin wie ein einziger Augenblick. Mirjam schaut auf ihre Armbanduhr. Ya Allah, mein Gott. Es ist schon zwanzig vor Elf. Die Schwestern im Wohnheim sagten mir ausdrücklich, um Elf würde das Haupttor geschlossen." Während der Fahrstuhl die vielen Stockwerke nach unten gleitet, fragt Rudolf unvermittelt: "Wann treffen wir uns wieder? Wie wär's am nächsten Wochenende? Am Sonntag habe ich um acht Uhr an der Katholischen Akademie in Freiburg einen Termin für ein Interview mit Kardinals Willebrands, dem verantwortlichen Bischof des Vatikans für den ökumenischen Dialog. Hättest du nicht Lust, mitzukommen? Schon am Samstag Nachmittag fahre ich mit meinem Kameramann los. Für dich könnte ich ohne Weiteres ein Zimmer im Gästehaus der Akademie buchen." "Liegt nicht Staufen in der Nähe von Freiburg?" *** 18. Dezember 1978, 21. 00 Uhr. Der Ölberg von Jerusalem. Mirjam und Rudolf sitzen eng aneinander geschmiegt lange Zeit in Gedanken versunken auf der Mauer vor dem Seven-Arches-Hotel. Verträumt blicken sie auf die beleuchtete Stadt. Das irdische und himmlische Jerusalem scheinen sich miteinander zu verschmelzen zu einer einzigen Straße in die jenseitige Welt. Die Silhouette der Bauten, der Kirchen, Moscheen, Synagogen verblasst und gibt neuen Raum der Landschaft ihrer Seelen. Die abendliche Kühle wartet auf das Wunder eines neuen Morgens. Rudolf legt seinen Arm mit einer liebevollen Geste um Mirjams Schultern. Seine Wangen streicheln ihr glattes, dunkles Haar, das auf ihre Schultern fällt und ihr zarten Gesichts einrahmt. Der braune Teint verleiht ihrer Haut einen orientalischen Zauber. Rudolf schließt die Augen: "Dieses Menschenkind mit den vollkommenen Gesichtszügen, in denen sich Sanftmut und Leidenschaft verbergen, schenkt mir die Vision eines fast greifbaren Glücks." "Ich habe den Eindruck", sagt er nach einer Weile intensiven Schweigens, "Jerusalem ist die Stadt, in der der Mensch durch die Jahrtausende hindurch immer wieder seinem Schöpfer im 'Heute Gottes' begegnet." "Als das sakramentale, sichtbare Zeichen der Liebe des Allmächtigen zu dieser Erde. In Jerusalem hat Gott nicht nur für die Rettung des Menschengeschlechts in die Geschichte eingegriffen. Ich spüre es fast greifbar: er wirkt weiter in dieser Stadt, in der die Ewigkeit präsent wird. In Jerusalem begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart. In ihr treffen das Profane und das Göttliche aufeinander: Heiligkeit und Sünde. Dort reichen sich Alltäglichkeit und Transzendenz die Hand, Mensch und Gott, Zeit und Ewigkeit. Jerusalem ist die Stadt der Steine und des Paradieses. So wie das einmal ausgesprochene Ja der Ehepartner ewige Gültigkeit besitzt und durch das tägliche Leben zu einer Ausdehnung in der Zeit wird, so trifft der Mensch im Gedächtnis in Jerusalem auf das Vergangene, Gegenwärtige und Ewige. In Jerusalem nehmen wir persönlich teil an der Wahl, der Zusage und Treue Gottes." Mirjam schaut Rudolf nachdenklich an. In ihren Pupillen liegt eine tiefe Schwärze, so tief wie er noch nie in die Augen einer Frau gesehen hat. Ihre etwas leicht abgebogene Nase zwischen den hohen Backenknochen hebt sich über ihre vollen Lippen zart gemeißelt ab. "Du hast es treffend formuliert. Genau das ist es, was mich wie ein Magnet nach den fünf Jahren meines Studiums im Ausland mit unbändiger Kraft in meine Heimat zurückzog, trotz all der verlockenden Angebote von draußen. Sicherlich, auch in Jerusalem müssen wir wie überall in der Welt mit Banalitäten, Leidenschaften und täglichen Sorgen fertig werden. Und doch ist und bleibt die Stadt ein sichtbares Zeichen für das Jerusalem des Geistes." Die Mondsichel lugt zwischen den Wolkenfetzen hervor und taucht den Ölberg in ein unwirklich anmutendes Licht. Rudolf Blick schweift hinab auf die Kirche Dominus Flevit. Wie eine versteinerte Träne steht sie da, umgeben von schlanken Pinien: "Hier auf dem Ölberg offenbarte Jesus seine große Liebe zu Jerusalem. Er wollte die Bewohner der Stadt sammeln wie eine Henne ihre Kücken unter ihre Flügel nimmt. Doch sie haben nicht gewollt." "Nur ein paar hundert Schritte von hier liegt die Stätte der Himmelfahrt", fährt Mirjam in Gedanken verloren fort. "Heute steht eine Moschee darüber. Und doch pflanzt sich das Echo der Worte des Engels an die desorientierten Jüngern bis heute fort: 'Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus wird wiederkommen.' Für mich ist es ein beredtes Zeugnis dafür, dass wir nicht zur Materie, sondern zum Vater zurückkehren werden. Weil es im Haus des Vaters viele Wohnungen gibt." Rudolf tippt sich mit der Hand an die Stirn, als sei ihm eine neue Einsicht zugefallen: "Du meinst also, der Ölberg sagt uns Christen, dass wir uns loslösen sollen von einem allzu irdischen Verhaftetsein, das uns den eigenen Aufstieg zu Gott erschwert. Ja richtig: Auf dem Ölberg wird der Dualismus zwischen Himmel und Erde zugunsten des Himmels gelöst!"
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