
Betlehem (kath.net) Eine stille Leuchtspur in dieser Welt – so war Mère Saint Joseph (1927-1998), die in dieser Biographie vorgestellt wird. 19 Jahre lang war sie Priorin der Karmelitinnen von Betlehem, dem Kloster der seligen „kleinen Araberin“ Mirjam Baouardy.
Der Autor, Karl-Heinz Fleckenstein, ist Theologe und Archäologe, war Gesamtkoordinator für das archäologische Projekt „Emmaus-Nicopolis“ und arbeitet zusammen mit seiner Frau Louisa als Reiseleiter durch das Heilige Land.
Leseproben
Gott umarmt die Seele mit dem Geist der Liebe
Mutter Saint Joseph, 13. 12. 1994
Lasst uns durch Gebet und Nächstenliebe auf das kommende Weihnachtsfest vorbereiten, damit das göttliche Kind in unseren Herzen geboren werden kann.
Unser Leben soll für Jesus eine Gabe der Liebe sein. Ist doch jede Minute unseres Daseins auch ein Geschenk seiner Liebe zu uns. Deshalb lasst uns in Treue die Zeit auskosten und im Gebet und Hilfsbereitschaft füreinander seinen Wünschen entsprechen.
Unser Vater Johannes vom Kreuz hat unsere Berufung einmal trefflich so definiert: „Die Betrachtung ist nichts anderes als das geheime, friedliche und liebende Durchdringen Gottes in die Seele. Und wenn dieses Durchdringen keinem Hindernis begegnet, umarmt es die Seele mit dem Geist der Liebe.“
Einzig die Liebe zählt vor Gott
Mutter Saint Joseph, 20. 09. 1995
Synode der Kirche von Jerusalem
Es ist Zeit für unsere Diözese, den Wunsch Jesu zu realisieren: „Sie alle sollen eins sein, genauso wie du, Vater, mit mir eins bist. So wie du in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns fest miteinander verbunden sein. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).
Wie können wir uns als Karmelitinnen hinter Klostermauern dafür engagieren, da wir kein Apostolat nach außen haben?
Unser Beitrag für die Einheit der Kirche geschieht durch unser Leben im Gebet, in der Treue zu unserer Regel und den täglichen Verpflichtungen gegenüber, vor allem aber, indem wir die Einheit in unserer Gemeinschaft leben durch die aufmerksame, brüderliche Liebe. Schöne Worte allein genügen nicht. Es ist allein die Liebe, die vor Gott zählt.
Meine lieben Schwestern, das ist die große Herausforderung an jede von uns. Bitten wir den Heiligen Geist, damit seine sieben Gaben uns durchfluten:
Die Gabe der Weisheit, die uns ermöglicht, die Dinge, Situationen und Menschen mit den Augen der Liebe zu betrachten.
Die Gabe der Einsicht, die uns hilft, Gott besser zu verstehen in den Glaubenswahrheiten und im Verständnis der Bibel.
Die Gabe des Rates, die uns in verschiedenen Lebenssituationen Orientierung gibt und uns vor falschen oder überstürzten Entscheidungen schützt.
Die Gabe der Erkenntnis, die uns zeigt, Gut und Böse zu unterscheiden und Ereignisse einzuordnen.
Die Gabe der Stärke, die uns nach Gottes Willen handeln lässt, das als gut und richtig erkannte auch zu verwirklichen und in schwierigen oder dunklen Zeiten weiter zu glauben.
Die Gabe der Frömmigkeit, die Hingabe, Vertrauen und Freude an Gott bewirkt, dass wir aber auch in Eintracht mit unseren nächsten Mitmenschen leben können.
Die Gabe der Gottesfurcht, die nichts mit lähmender Angst zu tun hat, sondern Ehrfurcht vor Gott bewirkt, der uns gleichzeitig liebend nahe und ganz anders ist.
Grünes Licht und „Gebets-Schützenhilfe“ für ein Ausgrabungsprojekt
Für das Ausgrabungsprojekt Emmaus-Nicopolis war wiederum Mutter Saint Joseph der auslösende Faktor. Beim Recherchieren der Biographie des „Kleinen Nichts“ hatte ihnen die Priorin großzügigerweise die Originalnotizen der Mitschwestern von Mirjam Baouardy zur Verfügung gestellt. Jedes Mal, wenn die „Kleine Araberin“ in Ekstase die Botschaften „von oben“ oft singend von sich gab, schrieben die Nonnen eifrig mit.
Beim „Durchstöbern“ des Archivs merkten sie, dass Mirjam sogar eine archäologische Entdeckung der Nachwelt hinterlassen hatte. Und das geschah so: Im April 1878 hatte Rom auf wiederholten Wunsch Mirjams die Genehmigung für die Errichtung eines zweiten Karmelitinnenklosters in Nazaret erteilt. Mit Erlaubnis des Patriarchen durfte die „Kleine Araberin“ mit einigen Mitschwestern das Grundstück dort besuchen.
Am siebten Mai 1878 verließen sie in einer Pferdekutsche Betlehem in Richtung Mittelmeer-Küste. Der Weg führte durch Ain Karem, den Ort der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth. Weiter ging es durch Abu Gosh, dem Kirjat Yearim der Bibel. Dort ließ Jesus Mirjam verstehen, dass er an diesem Ort auf die beiden Emmaus-Jünger gestoßen war. Mit ihm hatten sie auf der römischen Straße den kürzesten und direktesten Weg in ihr Dorf eingeschlagen.
Am 10. Mai erreichten die Schwestern das Dorf Latrun-Amwas. Dort in einer kleinen Herberge machten sie Halt zum Pferdewechseln. Plötzlich kam eine Verzückung über Mirjam. Sie eilte den anderen voraus, überquerte die Straße und lief ein gutes Stück inmitten der Felder auf einem kaum erkennbaren Pfad. Schließlich erreichte sie eine verwahrloste Ruine, fast gänzlich von Dornen und hohem Gestrüpp überwachsen. Plötzlich stampfte Mirjam mit dem Fuß auf die Erde, wenige Schritte von der Ruine entfernt. Dann ließ sie Jesus mit großer, innerer Bewegung und Sicherheit sprechen: "Hier unten liegt der Stein. Es ist wirklich der Ort, wo unser Herr mit seinen Jüngern gegessen hat!"
Berta Darthigaux, eine französische Seelenfreundin Mirjams kaufte daraufhin das Grundstück und schenkte es den Karmelitinnen von Betlehem. Da auf Bitten Mirjams die Patres von Betharram als Seelsorger der Karmelitinnen von Betlehem ihren Dienst übernahmen, entstand so eine übernatürliche Freundschaft zwischen beiden Kommunitäten. Die Schwestern stellten ihren geistlichen Vätern einen Teil des Grundstücks in Emmaus zur Verfügung. Darauf hin errichteten die Patres ein Haus für ihre Gemeinschaft.
Die Entdeckung des fast verschollenen, biblischen Emmaus durch das „Kleinen Nichts“ war für das Reiseleiter-Ehepaar Grund genug, ihre Pilgergruppen dorthin zu begleiten. Schließlich gehört der Ort zu den fünf authentischen topografischen Stätten, an denen der Auferstandene sich offenbart hatte.
Bei ihren Besuchen in Emmaus-Nicopolis mussten sie jedoch die schmerzliche Feststellung machen, dass dort alles ziemlich verwahrlost war. Die Karmelitinnen lebten hinter Klostermauern in Betlehem und die Betharamiten hatten ihr Haus an ein französisches, archäologisches Institut vermietet, das sich mit prähistorischen Forschungen beschäftigte, aber keinerlei Interesse an dem biblischen Emmaus zeigte.
Wenn die Pilger dort nach den Toiletten fragten, konnte sie nur verlegen antworten, dass es noch keine gäbe. Die Mosaiken in der Basilika aus dem fünften Jahrhundert schimmelten vor sich hin. Schulklassen oder Touristen, die zufällig vorbei kamen, brachen sich einige Mosaiksteinchen als Souvenir heraus.
Die beiden sprachen darüber mit Mutter Saint Joseph und signalisierten ihre Bereitschaft, mit der Hilfe „von oben“ und durch ihre Beziehungen zu Archäologen durch Ausgrabungen etwas für die Erhaltung und weitere Entdeckung dieser heilige Stätte zu tun. Schließlich gehöre doch Emmaus der ganzen Christenheit.
Und Mutter Saint Joseph ließ das Feuer ihrer Begeisterung auf sich überspringen: „Ihr habt mein volles Vertrauen zu diesem Vorhaben. Ich werde dafür beten, dass der Himmel eure Bemühungen segne. Nur eine Bedingung habe ich: Macht mir keine Schulden für den Karmel!“
Und damit begann für sie das Ausgrabungs- und Glaubensprojekt Emmaus-Nicopolis mit Mutter Saint Josephs Gebete als Rückenwind.
Zunächst musste ein Eigentumsplan für das Grundstück durch einen israelischen Geometer erstellt werden. Nur mit einem solchen Dokument in der Hand konnte vom Staat das Grundstück als Eigentum der Karmelitinnen von Betlehem reklamiert werden. Dabei durften sie Mutter Saint Joseph zu den entsprechenden Ämtern nach Beit El begleiten.
Ein jüdischer Rechtsanwalt war bereit, den Schwestern von rechtlicher Seite unter die Arme zu greifen. Bei einem Besuch im Karmel, nachdem er im Sprechzimmer hinter dem Gitter mit Mutter Saint Joseph die rechtliche Lage erörtert hatte, rief er spontan aus: „Ich habe den Eindruck, diese Nonnen sind hinter Gittern und Klostermauern freier als wir draußen, die wir von so vielen äußerlichen Ketten gefesselt sind.“
So kam es endlich im Sommer 1993 mit dem Segen von Mutter Saint Josef zum ersten Spatenstich in Emmaus-Nicopolis. Ein Pilger stellte eine Summe bereit, mit der sowohl der Eigentumsplan als auch die Anschaffung der archäologischen Werkzeuge wie Schaufeln, Schubkarren, Hacken, Pickeln und anderes Gerät finanziert werden konnte. Abt Boulos vom nahe gelegenen Trappistenkloster Latrun, ein geistlicher Freund von Mutter Saint Joseph, schenkte dazu noch einen Kleintransporter, um den Abraum bei den Ausgrabungen wegzuschaffen.
Auf Anregung der Priorin errichteten sie ein Spendenkonto für die weiteren Ausgaben des Ausgrabungsprojekts. Dabei scheuten sie sich nicht, unter ihren Pilgern den Hut mit dem Motto „viele Brösel bilden das eine Emmaus-Brot“ herumgehen zu lassen. Auf diese Weise war es möglich, die Grabungsexpedition zur Ehre Gottes weiter zu führen.
Ein Masterplan für die archäologische Stätte wurde erstellt. Fachleute aus Rom und Ravenna restaurierten die Mosaiken. Toiletten wurden endlich für die Besucher eingerichtet. Manchmal wurden sie von vorbei kommende Touristen oder Israelis gefragt: „Ihr buddelt da in der sengenden Sonnenhitze. Wer zahlt euch eigentlich dafür?“ Schmunzelnd antworteten sie dann: „Die Firma Gott und Sohn.“
Jahr für Jahr kamen freiwillige Helfer aus verschiedenen Ländern Europas, sogar aus Übersee. Auch sie arbeiteten für „Gotteslohn“. Die Mühe der Ausgrabungen wurde durch viele wertvolle Funde belohnt. Ein eindeutig wissenschaftlicher Beweis für die Echtheit dieser biblischen Stätte lag nun vor.
Mutter Saint Joseph verfolgte die Ausgrabungen mit großem Interesse. Regelmäßig berichteten ihr die beiden über die jeweilige Situation des Projekts. Wenn sie dann im Sprechzimmer des Karmels der Priorin mit der ganzen Schwesternschar gegenübersaßen, rief sie mit strahlendem Gesicht und klatschte dabei in die Hände: „Ihr bringt uns jedes Mal so gute Nachrichten! Welch eine Freude! Eure Arbeit möge euch und euren Kindern zum Segen gereichen!“ Sie kam sogar einige Male während der Ausgrabungsarbeiten selbst nach Emmaus. Vor Ort durften sie ihr dann den neuesten Stand der Ausgrabungen erklären.
Als auch noch die Gemeinschaft der Seligpreisungen sich in Emmaus niederließ, begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Ortes. Mutter Saint Joseph wusste jetzt: diese religiöse Kommunität lebt und wirkt für Emmaus. Tatsächlich, die Mitglieder der Gemeinschaft verfolgten nicht nur mit Spannung die jährlichen Ausgrabungen, sie standen auch betend dahinter. Neben dem Karmel von Betlehem bedeutete das jetzt für das Ehepaar noch ein zweites Standbein der „Hilfe von oben“.
Karl-Heinz Fleckenstein
Mère Saint Joseph
Das Herz einer Mutter
100 Seiten
United P. C. Verlag 2012
ISBN 978-84-9015-397-0
16.90 EUR
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Film von "Kirche in Not" über die Karmelitinnen von Bethlehem
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