18 Oktober 2012, 12:30
Die Niederlage der sexuellen Revolution
 
Hildegard13
 
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Nach Einschätzung des Demografen Roberto Volpi bedeutete der Niedergang der Ehe auch einen enormen Rückgang des Sexualverkehrs zwischen Mann und Frau, der öffentlichen Meinung zum Trotz. Von Lucetta Scaraffia / Osservatore Romano

Vatikanstadt (kath.net/OsservatoreRomano) Oft wird der Diskurs der Kirche über die Familie belächelt, als antiquiert und der menschlichen Natur wenig entsprechend betrachtet: eine Art Zwangsjacke, die das Glücklichsein verhindert. Das ist der Hauptgrund, warum dieser Diskurs es so schwer hat, sich Gehör zu verschaffen. Jetzt werden diese Gemeinplätze durch das Buch eines Demografen, der sich selbst als »progressiv« bezeichnet und der ganz gewiß nicht dem katholischen Lager zuzurechnen ist (Roberto Volpi, Il sesso spuntato. Il crepuscolo della riproduzione sessuale in Occidente. Lindau) durch die konkrete Kraft der Realität und mit Hilfe der Statistiken gekippt.

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Auf der nicht zu verleugnenden Grundlage des Geburtenrückgangs in der westlichen Gesellschaft – und insbesondere in Italien – möchte der Wissenschaftler durch die kritische Untersuchung der Daten herausfinden, »aus welchem Grund Sex im Westen zu dem geworden ist, was es ist, und was dies mit sich bringt, was es in den Individuen, bei den Paaren und in der Gesellschaft, im allgemeinen Empfinden, in den Haltungen und in den Werten einer Bevölkerung verändert«. Er geht von einer Feststellung aus: In den westlichen Ländern »führt Sex nicht nur nicht mehr zur Fortpflanzung, sondern ruft diese nicht einmal mehr ins Gedächtnis« – Kinder erscheinen nur mehr als eine zu vermeidende Gefahr.

Diese Veränderung ist zugleich Ursache und Auswirkung der Krise der Institution der Familie: Seit Jahrzehnten bedarf der Sexualverkehr zwischen Erwachsenen – um praktiziert oder akzeptiert zu werden – keinerlei Rechtfertigung mehr, die über die gegenseitige Zustimmung hinausgeht. In der öffentlichen Meinung hat der Sexualverkehr, losgelöst von jeder institutionellen Bindung, durch das Eingreifen der Medizin sogar eine Art allgemeinen therapeutischen Wert angenommen.

Diese Neuheiten tragen natürlich dazu bei, den Wert der Ehe zu mindern. Eine Bestätigung kommt aus den Daten, aus denen der Zusammenbruch der Stabilität der Ehe in Italien seit den siebziger Jahren hervorgeht – vor allem infolge der Legalisierung der Scheidung, die »letztlich der Ehe ihre schützende Aura genommen hat, ihr Gütesiegel, sozusagen die Garantie des Produkts«. Volpi zufolge – und das ist die wahre Entdeckung des Buches – bedeutete dieser Niedergang der Ehe auch einen enormen Rückgang des Sexualverkehrs zwischen Mann und Frau, der öffentlichen Meinung zum Trotz, die der sexuellen Revolution das Verdienst zuspricht, insgesamt eine Zunahme des Sexualverkehrs hervorgerufen zu haben.

Die wesentlichste Folge daraus ist, daß »die wirklich fruchtbare Periode der heutigen westlichen Frau zum großen Teil außerhalb von starken Paarerlebnissen vergeht«. Das Leben findet hier und heute statt und nicht in der Zukunft, und das trübt den Kinderwunsch sehr: »Für ein erfülltes Leben kann man immer mehr auf Kinder und somit auf die Weitergabe des Lebens verzichten.« Die Ersetzbarkeit von Kindern – zum Beispiel durch Haustiere, die viel weniger Verpflichtungen mit sich bringen – ist unbestreitbar Wirklichkeit geworden.

Zur Sorge um die Empfängnisverhütung kommt zunehmend jene um die Vorbeugung gegen sexuell übertragbare Erkrankungen: »Der Banalisierung des Sexualverkehrs mußte die Suche nach dem größtmöglichen Schutz entsprechen«, denn je mehr Sex banalisiert wird, desto gefährlicher kann er sein. Die Sexualerziehung, die nur den medizinischen Aspekt berücksichtigt und einzig und allein auf den Schutz ausgerichtet ist, ist in der Tat eklatant gescheitert. In den europäischen Ländern zeigen die vom Demografen herangezogenen Daten, daß eine höhere Dichte sowohl der Kenntnis als auch der Anwendung von Methoden zur Empfängnisverhütung, besonders dann, wenn diese in schulischen Aufklärungsprogrammen vermittelt wird, mit einer höheren Rate von Schwangerschaften, Geburten und Abtreibungen bei Heranwachsenden sowie höheren Zahlen der HIV-Positivität einhergeht.

Die von Volpi angeführten Zahlen liefern keine Bestätigung dafür, daß der Gebrauch des Präservativs zur Vermeidung von unerwünschten Ansteckungen und Schwangerschaften Wirkung zeigt. Diese Zahlen zeigen vielmehr, daß »es keine nachweisbare Wirksamkeit des Präservativs gegen die Übertragung von Sexualkrankheiten und auch nicht gegen Geburten und Abtreibungen bei Heranwachsenden gibt«, so der Wissenschaftler, denn in Wirklichkeit ist eine kulturelle Revolution unerläßlich. Und um klarzustellen, daß es sich um mathematische Schätzungen handelt und nicht um eine ideologische Position, fügt er sofort hinzu, daß er »entschieden für das Präservativ ist, ganz ohne Zweifel«. Aber das hindert ihn nicht daran, sich zu fragen, wie das laizistische Denken glauben kann, vom Gebrauch der Verhütungsmittel positive Resultate zu erwarten, unabhängig vom historischen und sozialen Kontext, von den Lebens- und Verhaltensmodellen. Er geht sogar so weit zu sagen, daß das Vertrauen auf das Präservativ ein unerschütterliches »Glaubensbekenntnis« darstellt.

»Die tatsächliche Wirklichkeit, die wir erleben«, schreibt der Demograf, »sieht so aus, daß die sexuelle Fortpflanzung im Westen dem Zusammenstoß mit der schwächer werdenden Verantwortlichkeit des westlichen Menschen gegenüber der Perspektive des Ehepaares, der Familie und der Kinder nicht standhält.« Denn alle Alternativlösungen zur Ehe, die heute stark ansteigen, bringen immer die Übernahme einer geringeren Verantwortung mit sich als die, die mit der Ehe verbunden ist. Denn heute kann man nicht bestreiten, daß »die Familie nicht modern ist, sie steckt ganz klar in Schwierigkeiten, ist aus dem Lot geraten«, so sehr, daß »alle Lösungen, die sich von ihr entfernen, vorteilhafter zu sein scheinen«, schreibt Volpi weiter.

Aus diesem Buch, das die zeitgenössische Realität analysiert und dabei reich ist an neuen und mutigen Anregungen, geht vor allem eines klar hervor: die Utopien vernebeln das Verständnis der Realität mehr als die Religionszugehörigkeit, und komplexe gesellschaftliche Phänomene wie der Geburtenrückgang können nicht banal mit staatlichen Anregungen gelöst werden, sondern müssen in ihrer umfassenden kulturellen Komplexität untersucht werden.






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