18 Oktober 2012, 09:20
Religionsfreiheit und Christenverfolgung
 
Hildegard13
 
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Zweifelsohne sind die „Christen unterschiedlicher Konfessionen die Gruppe, die am stärksten der Verfolgung ausgesetzt ist“. Interview über den von KIRCHE IN NOT herausgegebenen Bericht „Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2012“

Wien (kath.net/KIN) Zweifelsohne sind die „Christen unterschiedlicher Konfessionen die Gruppe, die am stärksten der Verfolgung ausgesetzt ist“. Dies sagte Peter Sefton-Williams, Vorsitzender des Redaktionsausschusses des von Kirche in Not herausgegebenen Berichts „Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2012“, im Interview.

Kirche in Not: Was ist der von Kirche in Not herausgegebene Bericht „Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2012“?

Peter Sefton‐Williams:
Es handelt sich um ein umfangreiches Forschungsprojekt auf internationaler Ebene, mit dem die Situation aller religiösen Minderheiten, nicht nur von Christen, in 196 Ländern dokumentiert werden soll. Er wird von Experten aus den jeweiligen Ländern und Regionen geschrieben. Deren Berichte werden geprüft und redaktionell bearbeitet und anschließend in sechs Sprachen übersetzt: Italienisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch und Englisch. Der Gesamtbericht erscheint auf CD‐Rom. Der Bericht ist objektiv und sachlich gehalten, die Informationsquellen, die Grundlage der Texte sind, werden uneingeschränkt offen gelegt. Der Bericht deckt das komplette Jahr 2011 und wichtige Ereignisse im ersten Halbjahr 2012 ab.

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Kirche in Not: Kirche in Not ist doch ein katholisches Hilfswerk. Warum stellt es die Situation aller religiösen Minderheiten heraus und nicht nur die der Christen?

Sefton‐Williams:
Da Kirche in Not vor kurzem den Status einer päpstlichen Stiftung erhielt, möchte ich Papst Benedikt XVI zitieren, um diesen Ansatz zu erklären. In einer Ansprache für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Dipomatischen Corps im Januar vergangenen Jahres in Rom sagte der Heilige Vater, Religionsfreiheit sei das erste Recht der Menschen, weil sie das Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer angehe. Die Verweigerung dieses Rechts führt zu Ungerechtigkeit, erstickt den Frieden und hemmt die Entwicklung des Menschen. Als Katholiken glauben wir, dass Religionsfreiheit nicht auf uns beschränkt ist. Mit diesem Bericht geben wir ein Bild davon ab, welches Leid manche Muslime, Hindus, Buddhisten und so weiter, ebenso wie Christen, für ihren Glauben ertragen. Darüber hinaus sollte erwähnt werden, dass Kirche in Not zwar von der Kongregation für den Klerus in Rom abhängig ist, dass wir aber in unserer täglichen Arbeit unabhängig sind. Dementsprechend repräsentiert dieser Bericht in keiner Weise offiziell die Katholische Kirche und er wurde vom Heiligen Stuhl weder gelesen noch genehmigt.

Kirche in Not: Wie definieren Sie Religionsfreiheit?

Sefton‐Williams:
Unsere Vorgehensweise sieht vor, dass wir zunächst untersuchen, was im Gesetz eines bestimmten Landes zur Religionsausübung steht. In einigen Fällen – wie Saudi‐ Arabien, Nordkorea oder Pakistan – gibt es eklatante Diskriminierung per Gesetz. In anderen Fällen garantiert das Gesetz in der Theorie die Religionsfreiheit, beispielsweise in der Türkei, in Iran und Indonesien. Wir halten dann die Realität fest, den Alltag, wie ihn religiöse Minderheiten in diesen Staaten erleben. Wir greifen auf eine Reihe objektiver Bezugspunkte oder Maßstäbe zurück, anhand derer wir den Grad der Religionsfreiheit ermitteln. Beispiele für solche Bezugspunkte sind das Recht zu konvertieren, das RechtGotteshäuser oder Gebetsstätten zu errichten, das Recht zu missionieren, das Recht, den eigenen Kindern Religionsunterricht zu erteilen, oder dass es keine Diskriminierung am Arbeitsplatz gibt.

Kirche in Not: Hat es in Bezug auf Religionsfreiheit im Berichtszeitraum Fortschritte oderRückschritte gegeben?

Sefton‐Williams:
Erwartungsgemäß variiert das Bild. Es gibt einige hoffnungsvolle Entwicklungen. Die Wichtigkeit von Religionsfreiheit rückt stärker ins Bewusstsein. In den westlichen Staaten, beispielsweise in Belgien, Italien und Deutschland, sprechen die Parlamente allmählich das Thema religiöser Verfolgung an. Was die Gesetzgebung anbelangt, gibt es einen allgemeinen Trend zum Besseren – nur selten haben Verfassungs‐ oder Gesetzesänderungen im Berichtszeitraum zu einer Einschränkung der Religionsfreiheit geführt. Es gibt auch eine begrüßenswerte Tendenz zur Rückgabe von Vermögenswerten an religiöse Gruppen, z. B. in der Türkei und in den ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Außerdem gibt es Anzeichen einer größeren Offenheit, wie zum Beispiel die Genehmigung einer öffentlichen Karfreitagsprozession in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Leider konnten in den Ländern, in denen es fortwährende religiöse Unterdrückung gibt, für den untersuchten Zeitraum keine Verbesserungen festgestellt werden. In einigen Fällen, so z. B. in China, verschlechterte sich die Situation insgesamt, während in anderen Ländern, wie in Nigeria, Kenia und Mali islamische Extremistengruppen zu Terrormethoden greifen. Grundsätzlich kamen wir zu dem Ergebnis, dass die Bedrohung der Religionsfreiheit nicht geringer geworden ist.

Kirche in Not: Welche religiösen Gruppen dieser Welt leiden am stärksten unter Diskriminierung oder Verfolgung?

Sefton‐Williams:
Geht man von all den Untersuchungen und anderen Berichten zu diesem Thema aus, sind zweifelsohne Christen unterschiedlicher Konfessionen die Gruppe, die am stärksten der Verfolgung ausgesetzt ist. Interessanterweise stellten wir fest, dass in 131 der 196 von uns untersuchten Länder die Mehrheit der Bevölkerung dem Christentum angehört, aber in keinem dieser 131 Länder enthielt das Gesetzeswerk Gesetze zur Beschränkung der Religionsfreiheit. Dies trifft nicht nur auf die europäischen Länder zu – wo die Mehrheit nicht mehr zur Kirche geht, der kulturelle und historische Einfluss des Christentums jedoch außer Frage steht – sondern auch auf Afrika (z. B. Liberia, Lesotho, Madagaskar, Angola und Mosambik) und Asien (z. B. die Philippinen, Osttimor und Südkorea). Von den 49 Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist (einschließlich Kosovo), haben jedoch 17 Länder den Islam als Staatsreligion mit unterschiedlichen Konsequenzen, wie zum Beispiel das Verbot, einen nicht‐muslimischen Glauben zu praktizieren – wie in Saudi‐ Arabien – oder Fälle, in denen die Angehörigen eines anderen Glaubens zwar toleriert werden, jegliche ihrer Aktivitäten jedoch streng kontrolliert werden. Natürlich sind es nicht nur die Muslime, die die Christen unterdrücken, und Muslime unterschiedlicher Richtungen sind oft selbst das Ziel von Diskriminierung. Wie viele Christen unterschiedlicher Konfessionen weltweit auf Grund gesetzlicher oder kultureller Strukturen sich in Schwierigkeiten befinden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vergangenes Jahr schätzte Erzbischof Dominique Mamberti, Sekretär des Heiligen Stuhls für die Beziehungen mit den Staaten die Zahl auf über 200 Millionen.

Kirche in Not: Zu welchen weiteren Ergebnissen gelangt der Bericht?

Sefton‐Williams:
Es gibt zunehmend Bedenken, dass es in einigen westlichen Ländern – beispielsweise Spanien, im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden – immer wieder Versuche gibt, eine extreme Form des Säkularismus einzuführen, der religiöse Überzeugungen aus dem öffentlichen Leben heraushalten will. Man kann solche Entwicklungen zwar nicht als religiöse Verfolgung bezeichnen, nichtsdestotrotz handelt es sich hier um eine Besorgnis erregende Tendenz. Auch so genannte „Anti‐Konvertierungs‐Gesetze“ und der sich daraus ableitende Machtmissbrauch, scheinen sich auf lokaler Ebene auszubreiten, insbesondere in einigen indischen Bundesstaaten und dies obgleich die Staatsverfassung das Recht auf Religionsfreiheit anerkennt. Auch Pakistan sollte erwähnt werden. Dort richten die Anti‐ Blasphemie‐Gesetze und die Feindseligkeit der Gesellschaft gegenüber Christen schweren Schaden an.

Kirche in Not: Welche Auswirkungen hat der „Arabische Frühling“ auf religiöse Toleranz und Vielfalt?

Sefton‐Williams:
Es ist zu früh, um etwas zu sagen, aber die Vorzeichen sind nicht ermutigend. Länder, in denen es relativ ruhig war, wie Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien, geben nun Anlass zu ernster Besorgnis.

Kirche in Not: Welchen Einfluss wird dieser Bericht haben?

Sefton‐Williams:
Selbstverständlich sind wir als Hilfswerk streng unpolitisch. Wir hoffen, dass wir allen Angehörigen unterschiedlichen Glaubens, die unterdrückt werden, Trost spenden und sie unterstützen können, indem wir die Notsituation verschiedener religiöser Minderheiten schildern. Indem wir den Blick der Öffentlichkeit auf sie lenken, wollen wir diejenigen, die für diese Unterdrückung verantwortlich sind, beeinflussen, damit sie sich menschenfreundlicher und respektvoller verhalten.

Der „Kirche in Not“ - Bericht zur „Religionsfreiheit weltweit 2012“ wird auf Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Portugiesisch veröffentlicht. Erhältlich ist die Untersuchung auf CD-ROM. Er kann bei Kirche in Not kostenlos angefordert werden.

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Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Foto einer zerstörten Kirche in Vietnam: © Kirche in Not






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