
München (kath.net/pl) „Es geht um eine wirklich neue Evangelisierung. Denn die geschichtliche Situation, in der wir uns heute in Europa befinden, hat die Kirche so noch nicht erlebt.“ Das sagte der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx (Foto) im Interview mit der „Rheinischen Post“. Man denke in der Kirche manchmal noch, „wir könnten in einer Art Zurückeroberung verloren gegangenes Terrain zurückgewinnen. Das wird so nicht gehen“. Doch „wir müssen die Menschen in ganz neuer Weise überzeugen“. Denn es gelte ja grundsätzlich: „Wenn ich die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen will – und das wollen wir ja –, muss ich damit rechnen, dass davon auch in religiösen Dingen Gebrauch gemacht wird“.
Die Kirche rede, so die Einschätzung des Münchner Kardinals, „zu viel über Strukturen und Moral und zu wenig über das eigentliche Ziel“, es fehle „an begeisternder Überzeugung“. Es gäbe zu vieles, was Missstimmung verbreite. Doch „auch das ist wahr: Wir müssen auch moralische Grundhaltungen, Werte und ein Menschenbild verteidigen, die ja auch vernünftig sind.“ Allerdings sei die Moral nicht das Wichtigste, so Marx, da habe die Kirche auch manchen Fehler gemacht. Vielmehr müsste man fragen: „ Steht Christus wirklich im Zentrum unserer Verkündigung? Erleben das die Menschen?“
Marx erläuterte weiter: „Dort, wo Menschen der Kirche begegnen, sollen sie auf authentische Zeugen treffen, da sollen die Sakramente würdig und überzeugend gefeiert werden. Auch ein Mensch aus einem anderen Kulturkreis, der zu uns kommt, müsste spüren: Hier passiert etwas Starkes, nichts Belangloses. Wir müssen deutlich machen: Wir sind kein Anachronismus, wir gehören in diese Zeit, aber wir orientieren uns nicht am jeweiligen Zeitgeist. Die Kirche darf nie ihren Glauben windschnittig an die Mehrheitsmeinung anpassen wollen.“
Denn die „am Glauben interessierten, vielleicht skeptischen Menschen“ sollten merken, „dass auch wir in der Kirche Suchende sind“, da Gott ja immer größer sei „als alles, was Menschen denken und aussprechen können“. Kirche sei „nicht Besitzerin, sondern Zeugin einer Wahrheit“. Und „diese Wahrheit ist ja letztlich eine Person: Jesus Christus. Gott ist anziehendes, faszinierendes Geheimnis. Kardinal Marx betonte: „Ich will kein kämpferisches Christentum in dem Sinne, dass wir anderen die Wahrheit des Glaubens mit dem Waschlappen um die Ohren hauen und Nichtgläubige gleichsam in die Hölle schicken.“
Der Münchner Erzbischof zeigte sich überzeugt, dass der christliche Glaube nicht verschwinden werde, denn dafür sei „das, was Jesus von Nazareth uns gezeigt und aufgegeben hat, viel zu stark. Auch Nichtchristen oder Menschen ohne Interesse an Kirche erleben in den modernen Gesellschaften des Westens die christliche Prägung, die große christliche Kultur und Tradition Europas. Unsere Vorstellungen von Menschenwürde, Menschenrechten, Nächstenliebe sind aus dem Christentum heraus entstanden, weil für uns jeder Mensch Ebenbild Gottes ist. Das gibt es so nur im Christentum und in der biblischen Überlieferung. Können wir darauf verzichten?“ Er selbst könne und wolle sich jedenfalls „eine Welt, die das alles nicht kennt“, nicht vorstellen“.
Foto Kardinal Marx: (c) Erzbistum München und Freising
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