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Lutherpreis: Diskussionen über 'Pussy Riot'-Nominierung

15. Oktober 2012 in Aktuelles, 12 Lesermeinungen
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Theologe Schorlemmer: "Verheerendes Zeichen" - Früherer Synodenpräsident Höppner: Erinnerung an DDR sollte zeigen, dass Protest in Gotteshaus möglich sein muss - Russische Lutheraner haben sich dezidiert gegen diese Preisverleihung ausgesprochen


Berlin-Moskau (kath.net/KAP) Im Vorfeld des Reformationsjubiläums ist unter den deutschen Lutheranern eine innerkirchliche Diskussion über die (biblischen) Grenzen der Meinungsfreiheit ausgebrochen. Anlass ist die Nominierung der Punkband "Pussy Riot" für den sogenannten "Lutherpreis". So sprach der Wittenberger Theologe und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer von einem "verheerenden Zeichen", da "Art und Ort" des umstrittenen "Pussy Riot"-Auftritts in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale "nicht preiswürdig", sondern "geschmacklos, verletzend und kontraproduktiv" seien. "Pussy Riot" treffe damit nicht den russischen Präsidenten Wladimir Putin oder Patriarch Kyrill, sondern verletze die Gefühle der Gläubigen, so Schorlemmer.

Der "Lutherpreis" trägt eigentlich den Namen "Das Unerschrockene Wort" und wird von den 16 im "Bund der Lutherstädte" zusammengeschlossenen deutschen Kommunen verliehen. Anfang November wollen sich die Vertreter der Lutherstädte treffen und über den Preisträger entscheiden. Der Preis, zu dem ein Preisgeld von 10.000 Euro gehört, soll im nächsten Frühjahr vergeben werden. Preisträgerin war u.a. die frühere burgenländische evangelische Superintendentin Gertraud Knoll. Knoll war 2008 aus Protest gegen den Trauerhirtenbrief des Kärntner Superintendenten Manfred Sauer zum Tod Jörg Haiders aus der Kirche ausgetreten.


Schorlemmers Sichtweise wird u.a. vom Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), geteilt. Auch im Wittenberger Stadtrat hat die Sache mittlerweile zu Turbulenzen geführt. Die CDU-Fraktion und die "Allianz der Bürger" haben ihre Unterstützung für die Nominierung zurückgezogen. Bürgermeister Eckhard Naumann wird auch aus dem Kreis der 16 Lutherstädte, die den Preis gemeinsam vergeben, ein Rückzug der Aufsehen erregenden Nominierung nahegelegt.

Für den ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner (SPD), sieht die Sache anders aus. Höppner war jahrelang in der Führung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen tätig und auch Präses der Synode. Weiterhin sitzt er im Vorstand der Evangelischen Akademie in Wittenberg. Höppner betonte im "Tagesspiegel", gerade aus der Erinnerung der Bürgerrechtsbewegung in den letzten Jahren der DDR sollte man gelernt haben, dass "politischer Protest in einem Gotteshaus möglich sein muss".

Ob die Punkband wirklich eine politische Botschaft aussenden wollte, die sie für den Preis "Das unerschrockene Wort" preiswürdig macht oder vielleicht doch nur mit einer möglichst spektakulären Aktion auf sich selbst habe aufmerksam machen wollten, ist Höppner zufolge allerdings nicht völlig klar. Er selbst wolle sich "kein Urteil anmaßen". Mit Gotteslästerung, wie einige Politiker dies nun den Musikerinnen zum Vorwurf machten, "hat die Sache aber nichts zu tun".

Die Lutheraner in Russland haben sich unterdessen dezidiert gegen eine Auszeichnung von "Pussy Riot" ausgesprochen. Das bringe sowohl den Namen Martin Luthers als auch den Preis selbst in Misskredit, hieß es am Wochenende in Moskau, wie die Onlineausgabe von "RIA Novosti" berichtet. Der Moskauer lutherische Bischof Konstantin Bendas wird mit den Worten zitiert, er hoffe darauf, "dass es in Deutschland genug gesunde christliche Kräfte gibt, die die schändliche Nominierung kippen". Weiter erklärte der Bischof, Martin Luther sei davon überzeugt gewesen, "dass das Leben eines Menschen, eines Christen, eines Predigers und eines Hirten im Einklang mit der Heiligen Schrift stehen sollte". Für ihn - so Bendas - sei klar: "Die Bandmitglieder dürfen keinen Preis erhalten".

"Goldene Mitte" gesucht

Am Freitag hatte sich der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. im Blick auf "Pussy Riot" über die seiner Meinung nach gegebenen Grenzen der Freiheit geäußert. Bei einer Sitzung des Obersten Kirchenrates betonte er, Meinungsfreiheit und Kreativität seien wichtige Werte und "nicht zu trennen vom Abbild Gottes in der menschlichen Natur". "Aber jede Freiheit kann sich ins Böse verkehren", betonte Kyrill I. Notwendig sei Respekt vor religiösen Stätten und den Gefühlen der Gläubigen. Die russische Gesellschaft und die Religionsgemeinschaften müssten die "goldene Mitte" zwischen Verunglimpfung einerseits und einer Einschränkung von Freiheiten andererseits finden.

Mit Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche plant das russische Parlament derzeit eine Verschärfung des Blasphemiegesetzes. Ein parteiübergreifender Gesetzentwurf sieht bis zu fünf Jahre Haft für die Schändung religiöser Gegenstände und Einrichtungen vor. Die Beleidigung religiöser Gefühle soll künftig mit bis zu drei Jahre Haft geahndet werden.

Copyright 2012 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich
Alle Rechte vorbehalten.


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