
Köln (kath.net) Als ich Bernhard Luthe, dem dritten Vorstand von „Deutschland pro Papa“ (DpP) in einem Kölner Café meine Zusage gab, bei der Veranstaltung „Abenteuer Glaube“ ein Glaubenszeugnis zu geben, hatte ich noch keinen blassen Schimmer, was ich denn überhaupt sagen sollte. Pfarrer Stephan Spiegel, bei dem ich ein einjähriges Praktikum in der Pfarrei Senden (Iller) absolviere, brachte mich schließlich auf den Gedanken, über meinen Kampf mit der „P-Frage“ zu sprechen.
Die P-Frage ist „etwas, womit sich jeder anständige katholische junge Mann mal beschäftigen sollte“, „eine große Gnade Gottes“ oder einfach: Ein ziemlich gemeines Ding. Die Frage, ob ich zum Priestertum berufen bin oder nicht, verursacht schlaflose Nächte, gut meinende Ratschläge von Mitchristen und unsäglichen Liebeskummer. Aber gut, ich legte los und als ich meinen Beitrag fertig hatte und Pfarrer Spiegel zum ersten Mal vortrug, kamen mir schon die ersten Bedenken, ob es denn überhaupt gut sei, sich einem weitgehend unbekanntem Publikum so weit zu öffnen. Es war oft so, dass ich sehr viel Unverständnis erntete, wenn ich von meiner Angst, zum Priester berufen zu sein, sprach…
Am 13. Oktober wurde die Veranstaltung am Spätnachmittag mit einer Hl. Messe im Kölner Dom eröffnet. Vorsitzende Sabine Beschmann begrüßte anschließend die Anwesenden im Foyer des Domforums und umriss kurz die Geschichte des Vereins, der offiziell als gemeinnütziger, kirchlicher Verein eingetragen ist. „Deutschland pro Papa“ entstand aufgrund der großen Medienhetze auf Papst Benedikt, sodass Beschmann mit Regina Steinert schließlich diese Solidaritätsbewegung für den Papst ins Leben rief.
„Benedikt XVI.“, das war auch der rote Faden, der durch den Abend führte. Nach jedem Beitrag wurde ein kurzes Zitat unseres Heiligen Vaters vorgelesen, auch, bevor Weihbischof Klaus Dick ans Rednerpult trat. Ich kannte ihn vorher noch nicht und war begeistert von der Herzlichkeit dieses älteren Mannes. Er reflektierte zunächst über die Bedeutung des Wortes „Glauben“ und widersprach sofort der weitverbreiteten Meinung, Glaube sei weniger als Wissen. „Glaube ist Vertrauen“, das war sein Fazit.
Auch war es eine Genugtuung zu hören, wie er mit den Debatten über den „Reformstau“ aufräumte. „Das ist ein ganz übles Wort“, rief er, weil es bedeute, dass „unbedingt etwas verändert werden müsse“. Oft berufe man sich dabei auf das Zweite Vatikanum. Aber „das Zweite Vatikanische Konzil ruft uns stattdessen dazu auf, unseren Glauben täglich neu zu entdecken“, zitierte Weihbischof Dick den Konzilspapst Papst Paul VI. All jene, die im Namen dieses Konzils Schindluder betreiben, forderte er auf, endlich mal die Texte zu lesen, die dort verfasst wurden.
Dann kam Martin Lohmann, katholischer Publizist und Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV. Der 55-Jährige hat aus seiner Freude am Glauben nie einen Hehl gemacht und sich gerne zu Christus bekannt. Er werde, so sagte er, von Jahr zu Jahr christusgläubiger. Und marienverbundener. Den Ratschlag seines Beichtvaters habe er beherzigt und betrachte Christus immer mehr als Freund, dem man alles erzählen könne - auch wenn dieser ja eigentlich schon alles wisse. Glaube und Vernunft seien für ihn, so Lohmann, keine Gegensätze, sondern bildeten eine harmonische Einheit. Es gebe „nichts Vernünftigeres als den Glauben an Gott“ und nichts „Besseres als die Freundschaft mit dem Gottessohn sowie das Vertrauen auf und in ihn“. Das Jahr des Glaubens sei eine „kostbare Chance“, in Deutschland endlich Räume für die „Vernunft der Seele“ zu erschließen und zu öffnen. Wir bräuchten „ganz viel von dieser Vernunft der Seele“ und den Mut, diese gerade jetzt zu entdecken.
Als Joachim Weber nun an der Reihe war, war ich total gespannt. Ich kenne ihn aus der Zeit der Kandidatur bei der Priesterkongregation der Legionäre Christi und war damals schon beeindruckt von seiner tiefen Frömmigkeit und seiner intensiven Gottesbeziehung auf der einen Seite und seinem unglaublichen Humor auf der anderen.
Man merkte dem Jocki die Aufregung an, als er seine Rede mit der Ankündigung begann, nicht über seinen Glaubensweg zu sprechen, der ziemlich unspektakulär sei, dafür darüber, was ihm an seinem Glauben am meisten bewege. Als der 19jährige dann von seiner Liebe zur Eucharistie zu schwärmte, blieb mir die Spucke weg; Jocki stand nun ganz locker da vorne und wollte im Feuereifer das große Mysterium der gewandelten Hostie deutlich machen: „Dieses kleine Dings, auf dem ich jahrelang bedenkenlos herumgekaut habe, dieses Dings ist Gott!“ In atemloser Spannung folgte das Publikum seinen Ausführungen und auch ich war fasziniert, als er darlegte, dass wir durch den Empfang des Leibes Christi zuvor in der Messe nun als „Tabernakel in die Welt gehen“. Das Fazit seiner emotionalen Rede war, dass es also unsere große Aufgabe sei, dieses Geheimnis der Eucharistie zu lieben und zu versuchen, es zu fassen.
Anschließend trat Dorothea Bodewig ans Rednerpult, die ich als ein unbekümmertes und fröhliches Mädchen auf dem Weltjugendtag schon kennengelernt habe. Sie hat ein markantes, ansteckendes Lachen und unvergesslich bleibt mir die Szene, wie sie ohne Scheu nach der Abschlussmesse auf dem Weltjugendtagsgelände die eingeschweißte Rucksackpizza unter den Augen der andern sich ekelnden Mädchen gegessen hat.
„Ich habe einen Traum“, verkündete sie. „Mein Traum ist riesig und unzerstörbar. Ich will in den Himmel kommen.“ Auf eine mit- und hinreißender Art erzählte sie, wie sie sich nach der Katastrophe von Fukushima und dem Suizid einer Klassenkameradin so hilflos fühlte und dann begriffen hat, wie viel sie doch auch durch ihr Gebet bewirken kann.
Eine etwas kleinere Krise erlebte sie, als sie das Gefühl hatte, dringend eine neue Frisur zu brauchen, erzählte sie. Durch das Aufschlagen der Bibel und das Gebet habe sie gelernt, dass Gott sie schön geschaffen habe. Auch darin begründet sich Dorotheas Engagement für „Looking Good – Inside and out“, einer Initiative der Laienbewegung Regnum Christi, welche Mädchen helfen soll, zu einer Persönlichkeit heranzureifen, die neben der körperlichen Schönheit auch eine innere Ästhetik vorzuweisen hat, die auf das Bewusstsein zurückgeht, vor Gott einen unendlich großen Wert zu haben.
Dass der Schriftsteller Michael Hesemann eingeladen war, freute mich besonders. Sein Buch „Die Dunkelmänner“ habe ich von meiner Mutter zum 17. Geburtstag geschenkt bekommen. Er sprach in seinem Vortrag über seine Beziehung zur Gottesmutter. Gerade das Wunder von Fatima habe gegenüber den biblischen Wundern den Vorteil, „dass es vor den Augen der kritischen Presse geschah und es niemand relativieren kann“. In direkter Linie dazu sei auch das Jahr des Glaubens ein Aufruf zum Gebet und zur Treue im Glauben. Das sei schon damals das Rezept gewesen, die Turbulenzen der kommenden Zeiten zu ertragen. „Gott wirkt in der Geschichte und damit auch in unser Leben hinein. Wir können ihm begegnen, wir können mit Ihm reden – im Gebet.“
Voraussetzung dafür sei jedoch, dass der Glaube schon in der Familie gelebt wird. Durch seine Gespräche mit dem Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, habe er erfahren, wie intensiv der Einfluss des Glaubens in der Familie Ratzinger damals schon war. Die Kirche könne durch die Hauskirche erneuert werden, so Hesemann.
Vor dem Auftritt Michael Hesemanns war ich allerdings an der Reihe. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich meine Geschichte erzählte. Es ist eine sehr persönliche Geschichte über Vertrauen, Wut und enttäuschte Liebe. Eine Geschichte über Gott, die beim Flaschenautomaten beginnt und beim Kaugummiautomaten endet.
„Der liebe Gott ist kein Flaschenautomat; 1 Euro 5 Cent einwerfen, auf 'Apfelschorle' drücken und 'Apfelschorle' bekommen – so funktioniert Er nicht. Nein, der liebe Gott ist ein Kaugummiautomat; ich werfe Geld rein, drehe unten am Rädchen und weiß nicht genau, ob jetzt ein Kaugummi, ein Ring oder sonst was rauskommt.“ Bei der Frage nach der Berufung war ich nämlich oft der Meinung gewesen, Gott durch meine Gebete meinen Willen aufzwingen zu können.
„Grund für diese Angst ist aber nicht die Verantwortung, die man als Priester hat, das weite Aufgabenfeld oder das schlechte Image, sondern einfach, weil ich den Wunsch nach einer Frau fürs Leben habe.“
Bis zuletzt war ich mir unsicher, ob es nicht besser wäre, ich würde die Passage über meine verletzte Liebe auslassen, schließlich geht das niemandem etwas an. Andererseits ist sonst die Geschichte nicht komplett. Ich ließ sie nicht aus.
Beim Zurückgehen schien es, als sei eine Last von mir abgefallen. Kopfschütteln und Unverständnis für meine Angst? Weit gefehlt! Ich durfte allerhand Hände drücken und Leute anlächeln, die mir sagten, dass sie für mich beten werden. Besonders freute ich mich über Herrn Weihbischof Dick, der meine Hand nicht mehr loslassen wollte, als er versprach, jetzt jeden Abend für mich zu beten. Und eine Frau meinte begeistert: „Dat war ja so toll und lustig vorjetragen, damit hast du glatt den Karneval eröffnet!“ – Ich schaute sie fragend an, ob das als ein Kompliment für diese Art von Vortrag zu werten sei, bis sie noch schnell hinzufügte: „Aber es war natürlich auch ganz ernst!“
Mit einer Sondererlaubnis durften wir gegen 21:45 Uhr noch einmal in den Dom und beteten zum Abschluss der Veranstaltung zusammen die Komplet. Danach ging es in ein Restaurant, wo mir Michael Hesemann unter vier Augen für meinen Vortrag gratulierte und liebe Grüße an meine Mutter ausrichten ließ, die doch so tolle Ideen hat und mir „Die Dunkelmänner“ zum Geburtstag geschenkt hat.
Als alles vorbei war und ich um 4 Uhr morgens im kalten und menschenleeren Kölner Hauptbahnhof auf den Zug wartete, war es wieder da, dieses besondere Gefühl von Einsamkeit, dieser Moment, in dem man alle Ehemänner um ihre Ehefrauen beneidet. Ich fühlte mich einsam, nicht allein. Neben mir saß mein Chef, Pfarrer Stephan Spiegel. Er kommt damit gut klar und sagt scherzhaft: „Die einzige Frau, die mir was zu sagen hat, ist die Stimme von meinem Navigationssystem.“
kathTube-Video: Das Zeugnis von Rudolf Gehrig
![]()
Foto Rudolf Gehrig: © Rudolf Gehrig
Tweet
Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben



Tippfehler melden
Druckversion


Anderswo...
Top Artikel der letzten 7 Tage

