
Jerusalem (kath.net) Mirjam Baouardy, als 1983 selig gesprochene palästinensische Christin aus dem 19. Jahrhundert eine außergewöhnliche und mancherorts noch unbekannte Persönlichkeit, erzählt in diesem fiktiven Dialog mit dem Autor von den wichtigsten Erlebnissen ihres Lebens. Diesmal: Wie der bis heute bestehende Karmel von Betlehem aufgebaut wurde.
Karl-Heinz Fleckenstein ist katholischer Theologe, Archäologe und gemeinsam mit seiner Frau Louisa Reiseleiter durch Israel. Er lebt in Jerusalem.
Leseprobe
EINE UNERWARTETE REISE NACH NAZARET
Wer war eigentlich der Architekt für den bevorstehenden Klosterneubau in Betlehem?
Gott selbst wollte der Bauherr unseres Karmel sein. Fünf Mal zeigte er mir die Pläne. Ich brachte zunächst nicht den Mut auf, darüber mit meinen Oberen zu sprechen.
Am 20. September überraschte mich Mutter Priorin, wie ich versuchte, einige Linien des erschauten Modells aufzuzeichnen. Nun kam mir der praktisch veranlagte Abbe Bordachar zu Hilfe und führte die wichtigsten Umrisse des Bauplans zu Ende.
Wie sollte das Kloster aussehen?
Seiner äußeren Form nach glich es dem Bau eines Turmes, Symbol für Abgeschiedenheit und heiliges Schweigen. Das Erdgeschoss war für die Aufenthaltsräume vorgesehen, das obere Stockwerk für die Zellen.
In der Mitte des Kreuzgangs sollte man eine Zisterne graben. Auf der Terrasse befand sich unter freiem Himmel eine runde Wandelhalle. Die Kapelle, das Sprechzimmer, die Räumlichkeiten für die Pfortenschwester lagen außerhalb des Turms.
Der Herr selbst überwachte die Ausführungen des Baus. "Ein Karmel im Schatten der Grotte von Betlehem muss ein Modell der christlichen Armut sein", hatte er mir gesagt. "Ohne Verzierungen an den Säulenbögen, ohne schattenspendende Gewächse im Garten, nur Obstbäume".
Ich sah auch Heilige die Baustelle besichtigen, darunter Theresa von Avila und Katharina von Alexandrien. Alle äußerten sich befriedigt über den Fortgang der Arbeiten.
Da ich als einzige Schwester arabisch sprach, übertrug man mir die Bauaufsicht. Da galt es, die Lieferanten zu empfangen, die Maurer und Steinmetze anzufeuern, Frieden bei Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zu stiften oder wenn nötig, bei Diebstählen und Betrügereien ein klares, ernstes Wort zu sprechen. Ich machte dabei die Erfahrung, dass man sich aus Liebe zu Gott auch in "Kalk und Sand vergraben" kann.
Wie lange dauerte es, bis ihr in den neuen Karmel umziehen konntet?
Die Grundsteinlegung war am 24. März 1876. Auf Wunsch meines "Vielgeliebten" wurde folgendes Gebet ins Fundament mit eingemauert: "Um eine Gnade bitte ich dich, guter Jesus: Dass du dieses Haus und alle darin bewahrst; dass wir liebevoll sind, glühend und dein göttliches Herz liebend; losgelöst von allen irdischen Dingen. Führe in unsere Gemeinschaft immer solche Menschen, die fähig sind, dich zu preisen und dir zu dienen. Erlaube es niemals, dass jemand in unseren Konvent aufgenommen wird, der nicht das ewige Heil erlangt.
Schenke dieser, unserer Gemeinschaft, deine Liebe und deinen Frieden.
Nimm jedes Übel von ihr weg. Sei immer an ihrer Spitze und lass Gewalttätige vor ihr erzittern. Erfülle alle mit Furcht und Schrecken, die ihr Böses antun wollen. Schenke allen Frieden und Einheit, die diesem Konvent Gutes tun. Sei du immer ihr Meister. Heilige alle, die darin wohnen. Schenk uns die Gnade, dass wir deinen Geist bewahren und deine Gebote halten".
Acht Monate später, am 25. November, fand die Einweihung des Klosters statt. Der Patriarch von Jerusalem feierte mit uns die heilige Eucharistie. Nach dem Festmahl schloss Monsignore Bracco offiziell die beiden Tore und übergab die Schlüssel Mutter Priorin. Die Klausur war damit auf dem Davidshügel errichtet.
Wieso die Bezeichnung Davidshügel?
Weil dort der junge David gelebt und die Schafe gehütet hatte. Dort wurde er auch vom Richter Samuel im geheimen zum König gesalbt.
Stimmt es, dass dir der Herr während dieser Zeit einen mystischen Ring an den Finger gesteckt hat?
Ja. Im Jahre 1876 wurde ich während einer ekstatischen Entrückung vor die Wahl gestellt: Ich konnte sofort die Erde verlassen oder noch einige Zeit Leid und Prüfungen ausgesetzt sein. "Wenn ich jetzt zu meinem Herrn gehe", antwortete ich, "habe ich ihm nichts mehr anzubieten. Ich möchte wählen, was Gott am meisten gefällt. Sollte ich aber in der mir noch verbleibenden Zeit Jesus beleidigen, dann will ich lieber sofort zu ihm eilen". Da steckte mir Jesus einen Ring an den Finger. Ich hatte noch nie einen Ring getragen. "Jeder, der mir seinen Willen schenkt, erhält diesen Ring als Zeichen der Vereinigung mit mir", sagte er. "Wer damit durch Feuer geht oder sich in der Nähe des Löwen aufhält, wird keinen Schaden leiden".
Ich hatte diesen Ring nie verdient. Gott in seiner Barmherzigkeit gab mir einen Preis für meinen Undank. Der Ring war zwar für die anderen unsichtbar, mich aber erinnerte er ständig daran, dass meine Lebensaufgabe noch nicht erfüllt war. Und diese bestand offensichtlich darin, immer wieder etwas "einzufädeln", während Gott das "Nähen" selbst besorgte. In der Tat hatte er noch eine dritte Gründung vor, den Karmel von Nazaret.
Und wie ging dieses "Einfädeln" vor sich?
Der sicherste Weg, dem göttlichen Wunsch nachzukommen, bestand darin, den Patriarchen von Jerusalem darüber zu informieren. Da ich zu ihm ein Kind-Vater-Verhältnis hatte, machte ich ihn etwas scherzhaft darauf aufmerksam, er habe noch eine alte Schuld zu begleichen: seinen anfänglichen Widerstand gegen unsere Niederlassung in Betlehem. Monsignore Bracco lächelte voller Güte über meine offenherzige Argumentation. Er versprach mir: "Ich werde die nötigen Schritte in die Wege leiten".
Im April 1878 erhielt er von Rom die Genehmigung für das Projekt. Mit seiner Erlaubnis durften wir das Grundstück für den zukünftigen Karmel in Nazaret besuchen: Mutter Anna von Jesu, unsere Novizenmeisterin, Mutter Maria vom Kinde Jesu und ich.
Es sollte eine wahre Entdeckungsreise werden...
Kostproben aus den Gedanken der „kleinen Araberin“
Lass dich nicht von der Geschäftigkeit mitreißen
Mein Kind, lass dich nicht von einer oberflächlichen Aktivität mitreißen. Die Pläne der Menschen vergehen. Schau auf mich! Ich kann abwarten. Auch du habe Geduld. Warte mit mir, bis die Dinge sich von selbst wandeln.
Jesus, der Same meiner Seele
Jesus, du bist der Same auf dem Acker meiner Seele.
Vater, du bist die Sonne, die diesen kargen Boden erwärmt.
Du, Heiliger Geist, bist der Regen, der seine Unfruchtbarkeit belebt.
Immer einen Platz für Jesus
Ich sah Jesus, arm, traurig und leidend. Er suchte einen Platz, um auszuruhen. Dann sagte er zu mir: "Niemand ist bereit, mich aufzunehmen. Sie schicken mich weg, sobald ich bei ihnen anklopfe. Auch du vertreibst mich manchmal aus deinem Herzen. Ach, fände ich doch jemand, der bereit wäre, für meine Ehre zu arbeiten. Alles täte ich für ihn."
Jesus kommt persönlich zu dir
In der Eucharistie kommt Jesus persönlich zu dir. Er ist so gut, so liebevoll, so großzügig, so groß, mächtig und schön.
Und wer bist du? Staub, ein Nichts. Trotzdem will er sich in der Heiligen Kommunion dir schenken. Er möchte eins werden mit dir. Deshalb soll dein Sinnen und Trachten ganz auf ihn gerichtet sein.
Weißt du nicht, dass ich die Barmherzigkeit bin?
Ich spürte gestern keine innere Glut in mir. Fast wäre ich dem Kommunion-Empfang ferngeblieben. Ich fühlte mich so leer, ohne Glauben und Liebe. Hätte jemand ein ganz normales Brot genommen, er hätte es mit mehr Ehrfurcht getan als ich. Zu Jesus sagte ich: "Wäre ich an deiner Stelle, wahrscheinlich würde ich so eine Unwürdige in die Tiefe hinabstürzen, um diese Kreatur loszuwerden. Ich fühlte mich wie verloren. Und tief in meinem Innern weinte ich.
Plötzlich hörte ich die Stimme meines Herrn: "Weißt du nicht, dass ich die Barmherzigkeit bin?"
Der Rosenkranz
Jedes Ave Maria im Rosenkranzgebet ist wie ein Weizenkorn. Jedes Ehre sei dem Vater ist wie die Ähre. Je inniger du das Ave Maria betest, desto größer und schwerer ist das Weizenkorn.
Wo finde ich den Vielgeliebten?
Mein Herz sehnt sich nach dem Vielgeliebten. Ich fragte den Himmel und die Geschöpfe der Erde: "Könnt ihr mir sagen, wo er sich aufhält?"
Von allen erhielt ich die gleiche Antwort: "Du findest ihn in einem aufrechten Herzen und in einem demütigen Sinn".
Vergrößere nicht den Riss
Siehst du einen Riss im Kleid eines anderen, vergrößere den Schaden nicht noch mehr. Reiße lieber ein Stück von deinem eigenen Kleid ab und flicke das Loch.
Jesus wird bei seiner Wiederkehr dich dafür mit dem hochzeitlichen Gewand bekleiden.
Karl-Heinz Fleckenstein
Mirjam Baouardy
Palästinenserin und Friedenspatronin für das Heilige Land
172 Seiten
Novum Verlag 2009
ISBN 3-85022-873-8
ISBN 978-3-85022-873-2
17.90 EUR
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