09 Oktober 2012, 12:20
'Zwei Generationen Katholiken, die die Grundgebete nicht mehr kennen'
 
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US-Kardinal Wuerl kritisierte beim Enführungsreferat der vatikanischen Bischofssynode die offenkundig mangelhafte und fehlerhafte Katechese der 1970iger und 1980iger Jahre

Vatikanstadt (kath.net/pl) “Die Säkularisierung hat zwei Generationen von Katholiken geformt, die die Grundgebete der Kirche nicht mehr kennen. Viele sehen keinen Wert in der Teilnahme an der heiligen Messe, unterlassen es, das Bußsakrament zu empfangen, und haben oft den Sinn für das Geheimnis oder die Transzendenz verloren als etwas, das reale und nachweisbare Bedeutung hat.” Diese nüchterne Bestandsaufnahme machte der US-amerikanische Donald William Kardinal Wuerl, Erzbischof von Washington, bei seinem auf Latein gehaltenen Einführungsreferat vor der Weltsynode im Vatikan.

Man könne “so vielen Menschen begegnen”, die die christliche Heilsbotschaft zwar gehört haben, “für die diese Verkündigung aber jetzt schal geworden” sei. “Die Vision ist verblasst. Die Verheißungen scheinen leer zu sein oder keinen Bezug zum wirklichen Leben zu haben”, so beschrieb der US-Erzbischof die gegenwärtige kirchliche Situation.

Die Ursachen dafür suchte Wuerl u.a. in der offenkundig mangelhaften oder fehlerhaften Katechese der 1970iger und 1980iger Jahre. “Wir standen vor einer Hermeneutik der Diskontinuität, von der das Milieu der höheren Bildungszentren durchdrungen war und sich auch in einer irrigen liturgischen Praxis widerspiegelte. Ganze Generationen wurden getrennt von dem System der Unterstützung, das die Glaubensweitergabe erleichterte. Es ist, als hätte sich der Einfluss der Säkularisierung wie ein Tsunami über die kulturelle Landschaft ergossen und wichtige Kennzeichen der Gesellschaft wie Ehe, Familie, den Begriff des Gemeinwohls und des objektiven ‘richtig’ und ‘falsch’ hinweggespült.”


kath.net dokumentiert die “relatio ante disceptationem” des Generalrelators, S. Em. Kard. Donald William Wuerl, Erzbischof von Washington (USA), vor der Weltbischofssynode in Rom am 8.10.2012 in voller Länge

Es ist mir eine große Ehre, bei dieser Synode als Generalrelator meinen Dienst zu leisten, und ich bin unserem Heiligen Vater dankbar für dieses Privileg. Wir beginnen nun mit unseren Arbeiten über die Neuevangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens. Ich möchte daher einige Punkte behandeln, die, so hoffe ich, dazu beitragen werden, unsere Beratungen zu umreißen und einige Themen zur gemeinsamen Reflexion zu bieten.

Keiner von uns ist zu dieser Synode gekommen ohne die vorausgehende Vorbereitung, die in unserem pastoralen Dienst enthalten ist und die ihrerseits auch von der Arbeit des Generalsekretariats der Bischofssynode gespeist wird, das zunächst die Lineamenta erarbeitet hat mit den Ratschlägen und Vorschlägen der Bischofskonferenzen, der Synoden der katholischen Kirchen sui iuris, der Dikasterien der Römischen Kurie, der Bischöfe ohne Bischofskonferenzen und der Union der Ordensoberen. Anregungen kamen auch von einzelnen Bischöfen, Frauen und Männern des geweihten Lebens und Laiengläubigen, wobei die kirchlichen Bewegungen und Vereinigungen nicht vergessen werden dürfen. Vor kurzem wurde uns auch das Instrumentum laboris geschenkt, das in seinen eingehenden Überlegungen das Augenmerk auf die Neuevangelisierung richtet. Das Instrumentum gibt bereits einen Orientierungsrahmen für einen großen Teil der Synodenberatungen, und es ist meine Absicht, einige Abschnitte herauszustellen, die eingehender behandelt werden können. In meinen Ausführungen werde ich auf das Instrumentum laboris Bezug nehmen.

In meine Beobachtungen möchte ich folgende Punkte einschließen:

1) was und wen wir verkünden- das Wort Gottes;
2) neue Ressourcen, die uns bei dieser Aufgabe helfen;
3) Begleitumstände unserer Zeit, die diese Synode notwendig machen;
4) Elemente der Neuevangelisierung;
5) einige theologische Prinzipien für die Neuevangelisierung;
6) Eigenschaften der Träger der Neuevangelisierung; und schließlich
7) Charismen der Kirche heute, um die Aufgabe der Neuevangelisierung zu unterstützen

1) Was / Wen wir verkünden

Im Mittelpunkt unserer Verkündigung steht Jesus, sein Evangelium und sein Weg. Christliches Leben ist definiert als eine Begegnung mit Jesus. Als Jesus zum ersten Mal zu uns kam, bot er eine völlige neue Art zu leben an. Die Begeisterung breitete sich aus, so wie der Sohn Gottes, der auch einer von uns ist, das Kommen des Gottesreiches verkündete. Auch heute lädt er uns ein, seine Jünger zu werden, und bietet uns einen Platz in seinem Reich an, so wie er es bei jenen tat, die ihm zuhörten. Und dies war in den vergangenen zwanzig Jahrhunderten so. Mit dem immer besseren Verständnis seiner Botschaft wurde auch immer klarer, dass Jesus uns nicht nur eine völlig neue Art zu leben anbietet, sondern auch eine neue Art zu sein. Der heilige Petrus schreibt: “Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben...” ( 1 Petr 1,3). Dieses neue Leben als Kinder Gottes durch die Taufe ist uns von Jesus selbst offenbart worden: “Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen” (Joh 3,5). (vgl. Instrumentum laboris Nr. 18-19, Nr. 31)

Wir freuen uns, weil wir als Kinder angenommen worden sind, und der heilige Johannes versichert uns, das diese Annahme an Kindes Statt keine juristische Fiktion ist: “Seht wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es” (1 Joh 3,1).

Das Evangelium, zu dessen Verkündigung Jesus Christus gekommen ist, ist nicht eine Nachricht über Gott, sondern Gott selbst in unserer Mitte. Gott hat sich selbst sichtbar, hörbar, berührbar gemacht. Im Gegenzug will er unsere Liebe.

In der im Matthäusevangelium enthaltenen Bergpredigt hören wir von eine neue Lebensweise und was diese mit dem Barmherzigen, dem nach Gerechtigkeit Dürstenden, dem Trauernden, dem Friedfertigen, dem Armen im Geiste zu tun hat. Hier hören wir von der Berufung, Salz der Erde und Licht auf dem Leuchter zu sein. Später hören wir im selben Evangelium die aussergewöhnliche Formulierung, dass wir im Nächsten die Gegenwart Christi selbst sehen sollen. Die Jünger Jesu sind dazu gerufen, eine Welt für möglich zu halten, in der nicht nur der Hungrige gesättigt, der Durstige getränkt, der Fremde aufgenommen und der Nackte bekleidet wird, sondern dass sogar Sünden vergeben werden und das Unterpfand für das ewige Leben gegeben wird. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 23, Nr. 28-29)

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Jesus zieht uns an sich. Die Freude, die wir erfahren drängt uns, sie mit anderen zu teilen. Wir sind nicht nur Jünger, sondern wir sind Missionare, Verkünder des Evangeliums. Wie die ersten Jünger sollen wir uns selbst an der Seite Jesu sehen, der als Sämann die Samen einer neuen Lebensweise aussät, Samen der Teilhabe an einem Königreich, das für immer bestehen wird (vgl. Mt 13, 1-9, 18-23; Mk 4,3; Lk 8, 5). (vgl. Instumentum laboris Nr. 25 und Nr. 34)

Dieselbe Sicht müssen wir heute haben, wenn wir andere einladen, das Evangelium aufzuschlagen und von dem Ruf zu lesen, Reben am Weinstock des Herrn zu sein, von dem Brot des ewigen Lebens zu essen und die Worte der Wahrheit zu hören, Worte die auf immer bestehen werden.

Wir müssen mit lebendigem Glauben, fester Überzeugung und freudigem Zeugnisgeben fähig sein, unsere Verkündigung zu erneuern, in der Überzeugung, dass Gott so wie in vergangenen Zeiten auch heute immer noch zu uns spricht. So sagt das Nachsynodale Apostolische Schreiben Verbum Domini des Heiligen Vaters ganz klar: “Die Beziehung zwischen Christus, dem Wort des Vaters, und der Kirche kann nicht einfach nur als Ereignis der Vergangenheit verstanden werden, sondern es ist eine lebendige Beziehung, in die persönlich einzutreten jeder Gläubige berufen ist. Tatsächlich sprechen wir von der Gegenwart des Wortes Gottes heute bei uns: ‘Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt’ (Mt 28,20)” (51).

Was unseren katholischen Glauben heute auszeichnet, ist genau dieses Verständnis von der Kirche als fortdauernder Gegenwart Christi, dem Mittler von Gottes rettendem Eingreifen in unsere Welt, und der Kirche als Sakrament von Gottes heilsbringendem Handeln. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium am Anfang daran erinnert, dass “die Kirche [... ] ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit [ist]...”. (1) (vgl. Instrumentum laboris Nr. 27).

Die intellektuelle und ideologische Trennung von Christus und seiner Kirche ist einer der ersten Fakten, mit denen wir bei dem Versuch einer Neuevangelisierung von Kultur und Menschen heute umzugehen haben. Schon in seiner Enzyklika Gott ist die Liebe (Deus caritas est) hat uns der Heilige Vater daran erinnert, dass “die Kirche [...] Gottes Familie in der Welt” ist und dass sich “das Wesen der Kirche in einem dreifachen Auftrag aus [drückt]: Verkündigung von Gottes Wort (kerygma-martyria), Feier der Sakramente (leiturgia), Dienst der Liebe (diakonia)”. Weiter unterstreicht er, dass dies “Aufgaben [sind], die sich gegenseitig bedingen und sich nicht voneinander trennen lassen” (25).

Alles, was die Kirche ist, hat sie von Christus empfangen. Die erste und kostbarstes Gabe ist die aus dem Ostermysterium gewonnene Gnade: aus seinem Leiden, Tod und seiner glorreichen Auferstehung. Jesus hat uns aus der Macht der Sünde befreit und uns vom Tod errettet. Die Kirche empfängt von ihrem Herren nicht nur die überwältigende Gnade, die er für uns verdient hat, sondern auch die Aufgabe, seinen Sieg mittzuteilen und zu verkündigen. Wir sind dazu aufgerufen, die Frohbotschaft Jesu Christi treu der Welt zu übermitteln. Die erste Aufgabe der Kirche ist die Evangelisierung. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 23-26).

Eine der Herausforderungen, die einerseits die Neuevangelisierung dringend macht und andererseits eine Barriere gegen sie bildet, ist der heutige Individualismus. Unsere Kultur und der Schwerpunkt in vielen Teilen der gegenwärtigen Gesellschaft heben den Einzelnen hervor und schätzen die für jede Person notwendige Bindung an andere gering. In unserer Gesellschaft, die individuelle Freiheit und Autonomie, persönliche Selbstverwirklichung und Dominanz wertschätzt, verliert man leicht unsere Abhängigkeit von anderen und unsere Verantwortung für sie aus den Augen. In seiner Ansprache an die nordamerikanischen Bischöfe während seines Washingtonbesuches 2008 hat uns unser Heiliger Vater gelehrt, dass die Betonung unserer persönlichen Beziehung zu Gott auf Kosten unserer Berufung in die Mitgliedschaft einer erlösten Gemeinschaft “nur ein weiterer Beweis dafür [ist], dass eine Erneuerung der Evangelisierung der Kultur dringend ansteht” (vgl. Instrumentum Laboris Nr. 7, Nr. 35, Nr. 43-44, Nr. 48).

Die Kirche wird niemals müde, die vom Herrn empfangene Gabe zu verkünden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat daran erinnert, dass die Evangelisierung das Herzstück der Kirche ist. In Lumen Gentium, dem grundlegenden Text und Kern der Aussagen des Konzils über das Leben der Kirche, unterstreichen die Konzilsväter: “Diesen feierlichen Auftrag Christi zur Verkündigung der Heilswahrheit hat die Kirche von den Aposteln erhalten und muss ihn erfüllen bis zu den Grenzen der Erde” (17). Das Konzil spricht überzeugend von der Wahrheit, dass die göttliche Sendung, die Jesus der Kirche übertragen hat, in den Aposteln und ihren Nachfolgern bis an das Ende der Welt fortdauert. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 27 und Nr. 92)

2) Neue Ressourcen

Wir stellen uns der Aufgabe der Neuevangelisierung nicht innerhalb eines luftleeren Raumes. Seit Jahrzehnten hat das päpstliche Lehramt die Kirche zu einem tiefen Bewusstsein sowohl der Problematik als auch der Art und Weise, wie ihr zu begegnen ist, geführt. Papst Paul VI. hat das Interesse daran angestoßen, der selige Papst Johannes Paul II. zu einem tieferen Bewusstsein ihrer Notwendigkeit gedrängt, und unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., hat diese Aufgabe der Kirche zu einem beständigen Thema seiner Lehre und Predigt gemacht.
In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi hat Papst Paul VI. die Lehre des Konzils wiederaufgenommen, wenn er sagt, die Kirche ist “eine Gemeinschaft, die ihrerseits evangelisiert. Der Auftrag, der den Zwölf gegeben wurde – ‘Gehet hin, verkündet die Frohbotschaft’ –, gilt auch, wenngleich in anderer Art, für alle Christen... Im übrigen gilt die Frohbotschaft vom Reich, das kommt und das angefangen hat, für alle Menschen aller Zeiten. Jene, die sie empfangen haben, jene, die sie zu einer Gemeinschaft des Heils versammelt, können und müssen sie mitteilen und ausbreiten” (13). In diesem historischem Dokument, das zehn Jahre nach dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils veröffentlicht wurde, erkannte der Papst die Dringlichkeit einer “neuen Zeit der Evangelisierung”. (vgl. Instrumentum laboris Nr. 3 und Nr. 27)

Das Pontifikat des seligen Johannes Paul II. hat uns häufige Bezugnahmen auf die Elemente der Neuevangelisierung und eine mutmachenden Unterweisung geschenkt: im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Catechesi Tradendae, im nach der Synode über die Laien veröffentlichten Schreiben Christifideles Laici sowie in der Enzyklika Redemptoris Missio. Der selige Johannes Paul II. hat uns in Erinnerung gerufen, dass die Evangelisierung “der vorrangige Dienst (ist), den die Kirche jedem einzelnen und der Menschheit insgesamt anbieten kann”, und er hat den Einsatz für eine Evangelisierung angeregt, die “neu im Eifer, in den Methoden und in ihrer Durchführung.” ist (vgl Instrumentum laboris Nr. 130, Nr. 100-101)

Papst Benedikt XVI. hat bekräftigt, dass die Unterscheidung der “neuen Erfordernisse der Evangelisierung” “die prophetische Aufgabe der Päpste” ist. Er betonte, dass “die gesamte Aktivität der Kirche ein Ausdruck der Liebe ist”, welche die Welt zu evangelisieren sucht. Mit der Bekanntgabe der Schaffung einer neuen vatikanischen Behörde für die Neuevangelisierung in der Predigt am Fest der Apostel Peter und Paul in der Basilika St. Paul vor den Mauern hat unser Heiliger Vater diesem Einsatz eine formale Struktur gegeben und hat die Notwendigkeit und die all-umfassende Natur dieser Sendung der Kirche verdeutlicht. (vgl. Instrumentum laboris Nr. 130, Nr. 149)

Eine andere Quelle, die der universalen Kirche bei diesem Bemühen zur erneuten Präsentation des Evangeliums zur Verfügung steht, ist der Katechismus der Katholischen Kirche. Dieses Kompendium des Glaubens in seinen vielfältigen Manifestationen und Anwendungen ist ein helles Licht in dem, was leider in zu vielen Fällen Finsternis der religiösen Ignoranz geworden ist (vgl. Instrumentum laboris Nr. 100-101).

3) Begleitumstände unserer Zeit

Der dramatischen Veränderungen unterworfene gesellschaftliche Hintergrund für die Annahme, die Aneignung und das Leben des Glaubens ist der Kontext dieser Synode. Der Aufruf, den katholischen Glauben, die Botschaft des Evangeliums, die Lehre Christi erneut vorzuschlagen, ist gerade deshalb notwendig, weil wir so vielen Menschen begegnen, die diese Heilsbotschaft zwar gehört haben, für die diese Verkündigung aber jetzt schal geworden ist. Die Vision ist verblasst. Die Verheißungen scheinen leer zu sein oder keinen Bezug zum wirklichen Leben zu haben (vgl. Instrumentum laboris Nr. 41-44).

In der Kirche haben wir es in vielen Fällen, insbesondere in den meisten Ländern der so genannten “Ersten Welt”, mit einem dramatischen Rückgang der Glaubenspraxis der bereits Getauften zu tun. Unser Heiliger Vater hat darüber hinaus präzisiert, dass das Werk der Neuevangelisierung darin besteht, Jesus Christus und sein Evangelium in den Ländern zu verkünden, “wo zwar schon eine erste Verkündigung des Glaubens erfolgte und es Kirchen alter Gründung gibt, die aber eine fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft und eine Art ‘Finsternis des Sinnes für Gott’ erleben” (28. Juni 2010; vgl. Instrumentum laboris Nr. 52-53, Nr. 94).

Die Antworten der Bischöfe aus der so genannten Dritten Welt - den erst in jüngerer Zeit evangelisierten Gesellschaften - weisen auf dieselben Erfahrungen in ihren Ortskirchen hin (vgl. Instrumentum laboris Nr. 87-89).

Die gegenwärtige Situation hat ihre Wurzeln in den Umbrüchen der 1970er und 1980er Jahre, Jahrzehnte, in denen es offenkundig eine mangelhafte oder fehlerhafte Katechese auf vielen Unterrichtsebenen gab. Wir standen vor einer Hermeneutik der Diskontinuität, von der das Milieu der höheren Bildungszentren durchdrungen war und sich auch in einer irrigen liturgischen Praxis widerspiegelte. Ganze Generationen wurden getrennt von dem System der Unterstützung, das die Glaubensweitergabe erleichterte. Es ist, als hätte sich der Einfluss der Säkularisierung wie ein Tsunami über die kulturelle Landschaft ergossen und wichtige Kennzeichen der Gesellschaft wie Ehe, Familie, den Begriff des Gemeinwohls und des objektiven “richtig” und “falsch” hinweggespült. Tragischerweise haben die Sünden einiger weniger dem Misstrauen gegenüber den Strukturen der Kirche Vorschub geleistet (vgl. Instrumentum laboris Nr. 69, Nr. 95, Nr. 104).

Die Säkularisierung hat zwei Generationen von Katholiken geformt, die die Grundgebete der Kirche nicht mehr kennen. Viele sehen keinen Wert in der Teilnahme an der heiligen Messe, unterlassen es, das Bußsakrament zu empfangen, und haben oft den Sinn für das Geheimnis oder die Transzendenz verloren als etwas, das reale und nachweisbare Bedeutung hat.
All das oben Genannte hatte zur Folge, dass ein großer Teil der Gläubigen schlecht darauf vorbereitet war, mit einer Kultur umzugehen, die - wie unser Heiliger Vater auf seinen vielen Reisen in die ganze Welt unterstrichen hat - gekennzeichnet ist von Säkularismus, Materialismus und Individualismus.

Aber die heutige Situation ist nicht in allem düster. So wie es möglich ist, die Ursachen oder zumindest die Anlässe für die heutige negative Situation auszumachen, so ist es auch möglich, eine zunehmend erkennbare positive Antwort festzustellen. Viele Menschen, vor allem die Jugendlichen, die der Kirche entfremdet wurden, sind der Meinung, dass die säkularisierte Welt keine angemessenen Antworten auf die ewigen und tiefen Fragen des menschlichen Herzens hat (vgl. Instrumentum laboris Nr. 63-64, Nr. 70-71).

Viele Hirten haben bemerkt, dass sich die Neuevangelisierung auf zwei Ebenen zugleich entfaltet, nämlich in der Einführung der Kinder in den Glauben und die Unterrichtung ihrer Eltern im Glauben. Für viele Lehrer und diejenigen, die bereits in der Katechese unterrichtet sind, ist dies ein besonders bereichernder Moment, denn die jungen Erwachsenen nähern sich dieses Mal dem Glauben mit einer viel größeren Offenheit, weil sie selbst mehr wissen wollen.

Kontaktpunkte finden sich für viele junge Erwachsene heute in den Programmen der Universitätspastoral an weltlichen Universitäten und höheren Schulen, in Pfarrei- oder Diözesanprogrammen mit einem Schwerpunkt auf aktuellen wichtigen Fragestellungen sowie in auf die Familie zugeschnittene Veranstaltungen für diejenigen, die Kinder haben und sowohl spirituelle als auch soziale Unterstützung suchen.

Heutzutage sollte auch die Familie selbst als vorbildlicher Ort der Neuevangelisierung und damit zusammenhängenden Lebensfragen besonders erwähnt werden. Während die zeitgenössische Gesellschaft das traditionelle Familienleben herunterspielt oder sogar lächerlich macht, bleibt dies jedoch eine natürliche Realität und der erste Baustein der Gemeinschaft. Die Familie ist der natürliche und normale Kontext für die Weitergabe des Glaubens und der Werte und ebenso die Realität, auf die wir unser ganzes Leben lang häufig zurückkommen, um Unterstützung zu finden (vgl. Instrumentum laboris Nr.110-113).
Ein immer offensichtlicheres Merkmal der Neuevangelisierung ist, dass unsere Bemühungen, das Evangelium zu verbreiten, uns nicht länger notwendigerweise in fremde Länder und zu weit entfernten Völkern führen. Die Menschen, die es nötig haben, erneut von Christus zu hören, sind mitten unter uns, in unserer Nachbarschaft und in unseren Pfarreien, auch wenn sie im Herzen und im Geist weit von uns entfernt sind. Immigration und weit verbreitete Migration haben ein neues nachbarschaftliches Umfeld geschaffen, das nur zu oft wirklich eine Übung der Neuevangelisierung ist.

Die Missionare der Erstevangelisierung überwanden immense geographische Distanzen, um die Frohe Botschaft zu verbreiten. Wir, die Missionare der Neuevangelisierung, müssen ideologische Distanzen überwinden, die genauso immens sind, und das häufig, bevor wir über unsere Nachbarschaft oder Familie hinausgekommen sind.

4) Elemente der Neuevangelisierung

Die Neuevangelisierung ist kein Programm, sie ist eine Art, zu denken, zu sehen und zu handeln. Sie ist eine Art Linse, durch die wir die Möglichkeit sehen, das Evangelium erneut zu verkünden. Sie ist auch Zeichen für das Weiterwirken des Heiligen Geistes in der Kirche.
Im Kern besteht die Neuevangelisierung darin, erneut eine Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, mit seinem Evangelium und seiner Kirche denjenigen anzubieten, die die Botschaft der Kirche nicht mehr anziehend finden. Ich glaube, es gibt drei verschiedene, jedoch miteinander zusammenhängende Phasen:
a) die Erneuerung oder Vertiefung unseres Glaubens sowohl auf intellektueller als auch auf emotionaler Ebene (vgl. Instrumentum laboris Nr.24, Nr. 37-40, Nr. 118-119, Nr. 147-158)
b) ein neues Vertrauen in die Wahrheit unseres Glaubens (vgl. Instrumentum laboris Nr.31, Nr. 41, Nr. 46, Nr. 49, Nr. 120) und
c) die Bereitschaft, ihn mit anderen zu teilen (vgl. Instrumentum laboris Nr. 33-34, Nr. 81)
Die Neuevangelisierung beginnt bei jedem einzelnen von uns, indem wir es uns zur Aufgabe machen, unser Glaubensverständnis und unsere Aneignung des Glaubens zu erneuern, und zwar so, dass die Botschaft des Evangeliums und dessen Umsetzung im Heute tiefer, bereitwilliger und freudiger erfasst wird.

Unser Bemühen um eine erneute Wertschätzung des Glaubens sollte ein neues Vertrauen in die Wahrheit unserer Botschaft zur Folge haben. Leider haben wir erlebt, wie dieses Vertrauen nur allzu lange durch die Übernahme eines großen Teils des säkularen Wertesystems untergraben wurde, das sich in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt hat als eine höherwertige und bessere Lebensweise als diejenige, die von Jesus, seinem Evangelium und seiner Kirche vorgeschlagen wird. Im schulischen und theologischen Bereich der Kultur, der die Hermeneutik der Diskontinuität widerspiegelt, wurde die Sicht des Evangeliums nur zu oft verdunkelt und eine sichere, überzeugte Stimme machte den Entschuldigungen Platz für das, woran wir festhalten und was wir glauben.
Im Evangelium lesen wir, dass Jesus lehrte, wie jemand, der Vollmacht hat (Mk 1,21-22). Er lehrte aus seiner eigenen Identität heraus. Jesus besitzt Autorität aufgrund dessen, wer er ist. “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben”, verkündete er (Joh 14,6). Diese göttliche Pädagogik bleibt das Vorbild für uns heute. Diese Wahrheit - die Offenbarung dessen, wer Jesus ist - teilt er uns durch die Kirche mit. Jesus hat uns nicht als Waisen zurückgelassen. Als er zu seinem Vater zurückkehrte gab er denjenigen, die er erwählt und mit dem Heiligen Geist gesalbt hatte den Auftrag, all das, was er ihnen mitgeteilt hatte, zu lehren und es bis an die Enden der Erde zu verkünden.

Viele Menschen, die heute Vergewisserung suchen hinsichtlich des Wertes und der Bedeutung des Lebens werden überzeugt von der klaren, eindeutigen und vertrauenswürdigen Botschaft Christi, wie sie in seiner Kirche dargelegt wird. Um dies gut zu tun, müssen wir das “Peinlichkeits-Syndrom” überwinden, wie manche das mangelnde Vertrauen in die Wahrheit des Glaubens und in die Weisheit des Lehramtes bezeichnet haben, das unsere Epoche kennzeichnet.

Das dritte Element der Neuevangelisierung muss die Bereitschaft und der Wunsch sein, den Glauben zu teilen. Vor allem in der westlichen Welt gibt sehr viele, die bereits von Jesus gehört haben. Für uns besteht die Herausforderung darin, mitten in ihrem alltäglichen Leben und ihrer konkreten Situation ein neues Bewusstsein und eine neue Vertrautheit mit Jesus zu entfachen. Wir sind nicht nur zur Verkündigung aufgerufen, sondern auch dazu, unsere Vorgehensweise so anzupassen, dass eine ganze Generation angezogen und dazu gebracht wird, den unkomplizierten, aufrichtigen und spürbaren Schatz der Freundschaft mit Jesus wiederzufinden.

Der erste Moment jeder Evangelisierung entspringt nicht einem Programm, sondern der Begegnung mit einer Person: mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Die Kirche bekräftigt: “Der Herr Jesus Christus selbst, der in seiner Kirche gegenwärtig ist, geht dem Werk der Verkünder des Evangeliums voraus, begleitet es und folgt ihm, und lässt so ihre Arbeit fruchtbar werden: Was sich am Anfang ereignet hat, setzt sich durch die ganze Geschichte hindurch fort” (Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung, 1).

Wir vertrauen zuallererst und zu jeder Zeit auf Jesus. Er ist der Eckstein. Wenn wir uns denen nähern, die im Glauben erkaltet sind oder Abstand genommen haben von ihm, ist der Prüfstein stets die Einfachheit der Lehre, die motiviert und den Menschen in der Tiefe anspricht. Wir wenden uns unseren Brüdern und Schwestern zu, die das Sakrament der Taufe empfangen haben und trotzdem nicht mehr am Leben der Kirche teilnehmen. Ihnen bieten wir unsere Erfahrung der Liebe Jesu an, nicht eine philosophische Abhandlung über das Verhalten.

Die Art und Weise, wie wir kommunzieren, muss Zugang zu den Herzen finden, so dass der Heilige Geist unsere Brüder und Schwestern wieder mit der Freundschaft mit Jesus vertraut machen kann, der allein “der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte” ist (Gaudium et spes, 10).

Das persönliche Zeugnis derer, die Jesus nachfolgen, ist schon in sich selbst eine Verkündigung des Wortes. Unsere Botschaft muss daher heute in unserem Lebenszeugnis verwurzelt sein. Dies sollen auch Momente der Einladung sein und nicht des Scheltens.
Wir müssen der Welt unsere Freude mitteilen, endgültig und vollkommen geliebt und daher zur Liebe fähig zu sein. Unsere Botschaft muss Ausdruck finden in Worten und im Leben, in Gebet und Tat, im aktiven Handeln und im Ertragen des Leids.

5) Theologische Prinzipien für die Neuevangelisierung

Evangelisierung und Neuevangelisierung sind sowohl theologische Begriffe wie auch pastorale Initiativen.

Das Dokument Dominus Iesus der Glaubenskongregation zählt neun theologische/philosophische Mängel auf, die unsere begrifflichen Vorstellungen beherrschen und die unsere missionarischen Anstrengungen unterhöhlen. Schon zehn Jahre zuvor hat die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten eine Überprüfung von katechetischen Texten durchgeführt und zehn Mängel in der Lehre entdeckt, die berichtigt werden müssen.
Da die Theologie Begriffe gebraucht, um unseren Glauben auszudrücken, der im Evangelium verwurzelt ist, sind die Grundlagen unseres Glaubens in Gefahr, wenn die Menschen mit dem begrifflichen Rahmen Schwierigkeiten haben. Säkularismus und Rationalismus haben eine Ideologie geschaffen, welche den Glauben der Vernunft unterwirft. Religion wird zu einer persönlichen Angelegenheit. Die Lehre in Glaubensangelegenheiten wird auf eigentümliche Auffassungen reduziert, ohne dass die Möglichkeit eines Anspruchs auf eine allgemein gültige Wahrheit besteht.
In einer vom Relativismus beherrschten Kultur haben Begriffe wie Menschwerdung, Auferstehung, Erlösung, Sakrament und Gnade - Zentralthemen der Theologie, um unseren Glauben an Jesus Christus zu erklären - wenig Bedeutung für Katholiken und nicht mehr gläubige Katholiken. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 20)

Es ist eine Versuchung für die Träger der Evangelisierung, und vielleicht auch für die Seelsorger, diese begrifflichen Hindernisse nicht in Angriff zu nehmen und statt dessen unsere Aufmerksamkeit und Energie auf eher soziologische Notwendigkeiten oder pastorale Initiativen zu lenken, oder sogar eine Wortfindung jenseits unser eigenen Theologie zu betreiben.

Während die Neuevangelisierung notwendigerweise aufmerksam sein muss gegenüber den Zeichen der Zeit und mit einer Stimme reden muss, welche die heutigen Menschen erreicht, so darf sie doch auch nicht die Verwurzelung in der großen lebendigen Tradition der Kirche verlieren, wie sie sich schon in den theologischen Begriffen ausgedrückt hat.

Am Beginn unserer Reflexionen über die Neuevangelisierung scheinen mir einige theologische Grundlagen aus den Lineamenta, dem Instrumentum laboris und viele aus dem Material der Bischofkonferenzen aus aller Welt aufzufallen. Ich möchte vier davon ansprechen.

a) Die anthropologischen Grundlagen der Evangelisierung

Wenn die Säkularisierung mit ihren atheistischen Tendenzen nicht mehr mit Gott rechnet, verändert sich das gesamte Verständnis davon, was Menschsein bedeutet. Deshalb muss die Neuevangelisierung ihre Aufmerksamkeit auf den eigentlichen Ursprung von menschlicher Würde, Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung richten. Die Tatsache, dass jede Person als Abbild Gottes und ihm ähnlich geschaffen wurde, ist zum Beispiel die Grundlage für die Deklaration von allgemein gültigen Menschenrechten. Wir sehen hier wieder einmal die Gelegenheit, mit Überzeugung einer zweifelnden Gemeinschaft von der Wahrheit und Integrität von Realitäten wie Ehe, Familie, moralischem Naturgesetz und objektiven Gut und Böse zu reden. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 19)

Die Neuevangelisierung muss auf dem theologischen Verständnis beruhen, dass es Christus ist, der dem Menschen den Menschen selbst offenbart, und zwar die wahre Identität des Menschen in Christus, dem neuen Adam. Dieser Gesichtspunkt der Neuevangelisierung besitzt eine handfeste Bedeutung für den Einzelnen. Wenn es Christus ist, der uns offenbart, wer Gott ist, und somit auch, wer wir sind und was uns mit Gott verbindet, dann ist Gott nicht weit weg oder unendlich entfernt. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 19)

Die anzunehmende Grundlage der Neuevangelisierung sollte die natürliche Sehnsucht aller nach Gemeinschaft mit dem Transzendenten - mit Gott - sein. In jedem Menschen findet sich die Grundorientierung auf die Transzendenz und die rechte Lebensführung hin, die in der natürlichen Schöpfungsordnung wurzelt. Der Katechismus der Katholischen Kirche erinnert uns daran, dass die Zehn Gebote selbst ein privilegierter Ausdruck des Naturrechts sind. Die Neuevangelisierung muss von der Überzeugung getragen sein, dass der christliche Glaube einige Einsichten besitzt in die Problematik des Bösen, die Tatsache der Sünde, den Sündenfall und dem Ruf zu einem neuen Leben. Das Böse und die Sünde sind in der Tat Hindernisse für die Frohbotschaft, aber es ist die Frohbotschaft, welche den Sinn des menschlichen Zustandes klärt und damit auch die Möglichkeit eines Lebens, das die angeborenen Begrenzungen der menschlichen Schwachheit überwindet. Letztlich muss die Neuevangelisierung auf der Erkenntnis beruhen, dass wir nur im Licht Jesu Christi voll begreifen, was es bedeutet, Menschen zu sein.

b) Christologische Grundlagen der Neuevangelisierung

Wie schon angemerkt, ist Neuevangelisierung die Wieder-Einführung, die neue Darstellung von Christus. Unsere Verkündigung Christi beginnt allerdings mit einer klaren theologischen Erläuterung dessen, wer Christus ist, seiner Verbindung mit dem Vater, seiner Gottheit und Menschheit und der Tatsache seines Todes und seiner Auferstehung. Im Zentrum unseres christlichen Glaubens steht Christus. Aber der Christus unsere Verkündigung ist der Christus der Offenbarung, der Christus, so wie ihn seine Kirche sieht, der Christus der Überlieferung und nicht der von persönlichen, soziologischen oder abweichenden theologischen Kreationen. Niemand von uns konnte alleine den Geist, das Herz, die Liebe und die Identität Gottes erkennen. Jesus kam, um die Wahrheit zu offenbaren - von Gott und von uns selber. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 18-21)

c) Die ekklesiologischen Grundlagen der Neuevangelisierung

Die Neuevangelisierung muss für eine klare theologische Erläuterung der Heilsnotwendigkeit der Kirche Sorge tragen. Das ist ein delikater Aspekt in unseren Predigten und ist in den Katechesen zu oft vernachlässigt worden. In der heutigen wiederauflebenden Kultur ist das Gefühl weit verbreitet, dass man das Heil jenseits von Kirche erreicht durch eine Beziehung mit Jesus. Wir aber müssen betonen und beweisen, dass Christus jeden Menschen überall, aber in und durch die Gegenwart der Kirche, erreicht. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 35-36)

Die Schrift bietet viele Bilder und Gleichnisse für die Beschreibung von Kirche. Ein Bild davon ist das einer mit Christus und untereinander durch die Taufe verbundenen großen Völkerfamilie. Der heilige Paulus spricht von der Kirche als dem Leib Christi, mit unserem Herrn als dem Haupt und uns als den Gliedern. Im Schreiben an die Gläubigen aus Korinth sagt er: “Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm” (1 Kor 12, 27).

Die Grundlage unserer Bemühungen für die Neuevangelisierung muss die Erkenntnis sein, dass Christus jedem von uns bei der Taufe die Gaben des Heiligen Geistes geschenkt hat. Es ist der Geist, die Seele der Kirche, der uns in eine Einheit zusammenführt, die jede Art von Trennung überwindet. (vgl.1 Kor 12,13). (vgl. Instrumentum laboris Nr. 119)

Die Neuevangelisierung muss von Gottes allgemeinem Heilswillen sprechen und gleichzeitig anerkennen, dass Jesus einen klaren und alleinigen Weg zur Erlösung und Rettung geschaffen hat. Die Kirche ist nicht ein unter vielen gleichberechtigten Wegen zu Gott. Auch wenn Gott will, dass alle gerettet werden, so hat er doch aus seinem allgemeinen Heilswillen heraus Christus gesandt, um uns an Kindes Statt anzunehmen und uns vielleicht ewige Glückseligkeit zu schenken.

d) Soteriologische Grundlagen der Neuevangelisierung

Eingebunden in unser Verständnis der Gegenwart Gottes unter uns heute ist das Bewusstsein dessen, was wir unter seinem Reich verstehen. Im neuen Testament finden wir überall das Reich Gottes. Für Jesus scheint es eine Sorge darzustellen. Vom Beginn seiner Predigttätigkeit an verkündigte er: “das Himmelreich ist nahe” (Mt 4,17). Jesus redete von den Handelnden, der Macht, den Grenzen und der Dauer des Reiches. (Vgl. Instrumentum laboris Nr. 24)

Das Herz des Evangeliums ist das Reich Gottes. Wenn wir ein christliches Leben führen wollen - wenn wir den glaubhaften Anspruch erheben wollen, Jesu Jünger zu sein - dann ist es wesentlich notwendig, dass wir auf das von ihm verkündigte Reich hinschauen.
Auf Erden ist das Reich geheimnisvoll verborgen und kann überall angetroffen werden, aber nur in einer geistlichen Weise. Das Reich Gottes “existiert schon ... [Es] wird am Ende der Zeiten vollendet sein. In der Person Christi ist es gekommen und im Herzen derer, die ihm eingegliedert sind, wächst es geheimnisvoll bis zu seiner endzeitlichen Vollendung”(KKK 865).

So wissen wir also, dass Christus sein Reich auf Erden errichtet hat, auch wenn noch nicht in der Fülle seiner Herrlichkeit. Es ist schon da, aber es ist immer noch am Wachsen: “Am Ende der Zeiten wird das Reich Gottes zu seiner Vollendung gelangen” (KKK 1060). Währenddessen gilt: “Christus der Herr herrscht schon jetzt durch die Kirche” (KKK 680).
Die vier theologischen Grundlagenabschnitte für die Neuevangelisierung zeigen, dass, gleich welche Ergebnisse wir in dieser Synode zu erreichen hoffen und gleich welche pastoralen Ziele wir setzen, um Christus der heutigen Zeit wieder vor Augen zu stellen, wir dabei fest in die biblische Vorstellung verwurzelt sein müssen, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen ist, als Teil einer Schöpfung, die Gottes Weisheit widerspiegelt und eine natürliche, moralische Ordnung für die menschlichen Handlungen bietet. Diese geschaffene Schönheit zu entstellen ist die Sünde und der Egoismus, der jede nachfolgende Generation gezeichnet hat. Aber Gott hat in diese Welt seinen Sohn gesandt, um uns neues Leben anzubieten. Er hat die Kirche ins Leben gerufen, um seine lebendige und rettende Gegenwart fortzusetzen. Unser Heil ist untrennbar verbunden mit unserer Teilhabe an dem großen Sakrament, das die Kirche ist. Durch sie hoffen wir, das jetzt kommende Reich darzustellen und gleichzeitig unsern Anteil an ihrer Herrlichkeit zu verwirklichen.

6) Die Qualitäten der Träger der Neuevangelisierung

Unter den Qualitäten, die heute von dem Träger der Evangelisierung erwartet werden - und es gibt deren viele, die identifiziert werden können - ragen vier heraus: Kühnheit und Mut, die Bindung an die Kirche, das Gefühl der Dringlichkeit und der Freude (vgl. Instrumentum laboris Nr. 46, Nr. 49, Nr. 168-169).

In der Apostelgeschichte lautet das Wort, das die Apostel nach der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten beschreibt, “mutig”. Petrus wird dargestellt, wie er mutig aufsteht und die frohe Botschaft der Auferstehung verkündigt, später greift Paulus das Thema auf und verkündet mutig das Wort auf unermüdlichen Reisen quer durch die ganze damals bekannte Welt (vgl. Instrumentum laboris Nr. 41).

Heute muß die Neuevangelisierung einen Mut zeigen, der aus dem Vertrauen in Christus geboren ist. Es gibt unzählige Beispiele für stillen Mut: der hl. Maximilian Kolbe, die selige Teresa von Kalkutta, und vor ihnen der selige Miguel Pro und die jüngsten Märtyrer aus Litauen, Spanien, Mexiko und die zeitlich weiter zurückliegenden Bezeugungen durch die Heiligen aus Korea, Nigeria und Japan (vgl. Instrumentum laboris Nr. 128 und Nr. 158).
Wenn von Mut die Rede ist, dann müssen wir auch die Notwendigkeit zu institutionellen Zeugnissen seitens jener Partikularkirchen anerkennen, die sich der Präsenz institutioneller Ausdrücke der Kirche erfreuen, wie Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Dienstleistungen im Sektor des Gesundheitswesen, soziale Dienstleistungen und weitere Formen der Hilfe für die Bedürftigen; es muß anerkannt werden, dass diese institutionellen Ausdrucksformen des kirchlichen Lebens auch Gottes Wort bezeugen sollten.

Die Träger der Neuevangelisierung bedürfen der Bindung an die Kirche, an ihr Evangelium und ihre seelsorgerische Präsenz. Die Beglaubigung dessen, was wir verkünden und die Verifizierung der Wahrheit unserer Botschaft, dass dies die Worte des Ewigen Lebens sind, hängen von unserer Gemeinschaft mit der Kirche und von unser Solidarität mit ihren Hirten ab (vgl. Instumentum laboris Nr. 77f.).

Eine weitere Eigenschaft der Neuevangelisierung und folglich der mit ihr Befaßten ist das Gefühl der Dringlichkeit. Vielleicht sollten wir in der Erzählung des Lukas über den Besuch Marias bei Elisabeth ein Vorbild für unser eigenes Gefühl der Dringlichkeit sehen. Das Evangelium berichtet, wie Maria eilig zu der langen und schwierigen Reise von Nazareth zu einem Dorf auf den Hügeln von Judäa aufbrach. Keine Zeit durfte verloren werden, da ihre Sendung so wichtig war (vgl. Instrumentum laboris Nr. 138 & 149).

Schließlich, wenn wir uns umsehen und das weite offene Feld sehen, das darauf wartet, dass wir die Samen des neuen Lebens aussäen, dann müssen wir das mit Freuden tun. Unsere Botschaft sollte so geartet sein, dass sie andere dazu inspiriert, und freudig auf dem Pfad zu folgen, der zum Reich Gottes führt. Der Träger der Evangelisierung muss sich durch Freude auszeichnen. Wir bringen eine Botschaft großer Freude, Christus ist auferstanden, Christus ist bei uns. Ganz gleich unter welchen Umständen wir leben, unser Zeugnis muss, gemeinsam mit den Früchten des Heiligen Geistes, Liebe, Frieden und Freude ausstrahlen (Gal 5,22).

7) Charismen der Kirche heute, die bei der Neuevangelisierung helfen

Die Probleme der sozialen Gerechtigkeit

Ein Bereich, der eine neue Wertschätzung unseres katholischen Glaubens und Interesse an ihm anzeigt, ist der Wert, den man der sozialen Gerechtigkeit beimißt. Wir sehen, dass die katholische Soziallehre, die im Laufe von mehr als einem Jahrhundert erarbeitet wurde, die Entwicklung der sozialen Gerechtigkeit in großen Teilen der Welt geprägt hat und auch heute noch beeinflußt. Die katholische soziale Gerechtigkeit entwickelte sich nicht aus dem Nichts. In den Jahrzehnten vor der Enzyklika Rerum Novarum wurde der Schauplatz vorbereitet, auf dem sich die Kämpfe für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte abspielen sollten. Mit der Verbreitung von Rerum Novarum im Jahr 1891 wollte die Kirche der schrecklichen Ausbeutung und Armut der Arbeiter am Ende des 19. Jahrhunderts entgegentreten (vgl. Instrumentum laboris Nr. 71, Nr. 123f., Nr. 130).

Es wäre nicht richtig, zu sagen, dass Jesus ein bestimmtes politisches, soziales oder wirtschaftliches Programm vertreten hätte. Er hat allerdings grundsätzliche Prinzipien festgelegt, die jedes gerechte, menschliche, wirtschaftliche oder politische System charakterisierten sollten. Nur durch den Glauben kann man zu der Überzeugung gelangen, dass unser gerechtes Handeln zum Plan Gottes gehört, das Kommen seines Reiches herbeizuführen.

Wenn wir heute die Themen betrachten, die diejenigen einladen, die sich der Kirche entfremdet haben, so kann es uns ermutigen, dass so viele junge Leute den Wunsch verspüren, in den Dienst der Kirche einbezogen zu werden. Für sie stellt die Lehre der Kirche über soziale Gerechtigkeit sowohl eine Offenbarung als auch eine Einladung zu einem erfüllteren Leben innerhalb der Kirche dar.

Neue Gemeinschaften/ Kirchliche Bewegungen

Wir sind nicht die einzigen, die die Aufgabe der Neuevangelisierung in Angriff nehmen. Noch sind wir die ersten, die überlegen, wie diese Aufgabe bewältigt werden soll. Ausdruck dafür, dass die Neuevangelisierung begonnen hat, sind die kirchlichen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften, ein wahrer Segen für die Kirche heute. Dieses Zeugnis für das Wirken des Heiligen Geistes wird ergänzt durch die reichen spirituellen Charismen der alten religiösen Gemeinschaften und Kongregationen, die so treu dafür arbeiten, Zeugnis abzulegen für den Anbruch des himmlischen Königreiches. Sie tun dies durch ihr Engagement dafür, die evangelischen Räte der Vollkommenheit zu leben. Die an viele ergangene Einladung Christi, ihm als Jünger in größerer Nähe nachzufolgen, lebt in der Kirche auf eine ganz besondere Weise im Ordensleben fort (vgl. Instrumentum laboris Nr. 115).

Ich will nicht versuchen, die neuen religiösen Gemeinschaften aufzuzählen, da ich befürchte, ich würde gar zu viele auslassen, die bereits große Früchte tragen. Dasselbe trifft zu für die neuen kirchlichen Bewegungen, wie etwa Comunione e Liberazione, Opus Dei und den Neokatechumenalen Weg, um nur drei davon zu nennen. Sie alle verweisen auf das Wirken des Heiligen Geistes, das die Kirche sich heutzutage denen zuwenden lässt, die sich von ihr entfernt haben.

Eine der Aufgaben, die Teil unseres Bemühens sein könnte, die Kirche in der Arbeit der Neuevangelisierung zu engagieren, könnte darin bestehen, alle neuen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften dazu aufzurufen, ihre Energie und ihre Tätigkeiten stärker ins Leben der Gesamtkirche zu integrieren, vor allem in deren Ausprägung als Ortskirche oder Teilkirche, unter der apostolischen Leitung des Bischofs (vgl. Instrumentum laboris Nr. 116).

Im Verlauf des im September 2011 vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung organisierten Treffens trat ganz klar zutage, dass es viele junge, eifrige Gläubige gibt, die bereits an der Neuevangelisierung mitarbeiten und die sich bereits zu Gruppen zusammengeschlossen haben, die eine stattliche Schar von Bewegungen und Orten umfasst, die eine geistliche Heimat sein können.

Schluss

Zu Beginn unserer Antwort auf den Auftrag unseres Heiligen Vaters, der wünscht, dass sich diese Synode mit der Neuevangelisierung befasst, erscheint es opportun, darauf hinzuweisen, dass uns ein vierfacher Auftrag erwartet:

1) die Unentbehrlichkeit der Evangelisierung zu bekräftigen;2) die theologischen Grundlagen der Neuevangelisierung zu berücksichtigen;
3) die zahlreichen aktuellen Äußerungsformen der Neuevangelisierung zu unterstützen;
4) praktische Wege vorzuschlagen, wie die Neuevangelisierung beispielsweise in den Gemeinden, in der Universitätsseelsorge, in den Organisationen verschiedener Berufsvereinigungen, in der Seelsorge für verschiedene Gruppierungen wie etwa das Militär, das Gesundheitswesen oder soziale Einrichtungen ermutigt, strukturiert und durchgeführt werden kann, aber auch junge Fachleute aller Berufszweige zu ermutigen, sich selbst als die Werkzeuge der Evangelisierungstätigkeit der Kirche zu betrachten. In Anbetracht der Bedeutung der Politik, die ein Spiegel menschlicher Freiheit, menschlicher Würde und der natürlichen Ordnung der Moral ist, sollte auch die kommende Generation jener, die am politischen Leben mitwirken, im Brennpunkt unserer praktischen Betrachtungen stehen.

Es scheint, dass die Überlegungen hinsichtlich der aktuellen Situation, mit der sich die Kirche heute auseinander setzen muss, zu einer Bestätigung ihrer wesentlichen Berufung zur Evangelisierung, zur Anerkennung zahlreicher Faktoren und Instrumente für die Erneuerung sowie zur Präsentation einer praktischen Orientierung und Ermutigung führen sollte.

Diese Synode sollte ein Aufruf an die gesamte Kirche sein, das Leben und die Realität in der Optik der Neuevangelisierung zu sehen, in einer Weise, die betont, dass zahlreiche Gläubige bereits mit einigen ihrer Aspekte vertraut sind, auch wenn sie nicht immer mit dem Namen Neuevangelisierung identifiziert werden.

Nun, wo wir unsere Arbeit beginnen, haben wir guten Grund, dies voller Optimismus und Enthusiasmus zu tun, denn die Samen der Neuevangelisierung, die im Verlauf der Pontifikate Pauls VI., Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. ausgesät wurden, haben bereits zu keimen begonnen. Unsere Aufgabe besteht darin, Wege zu finden, ihr Wachstum zu fördern, zu ermutigen und zu beschleunigen.

kathTube-Kurzvideo: Card. Wuerl: Secularization is like a tsunami that destroys everything before it (Rome Reports)




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