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Entschleunigen in Heiligenkreuz

2. Oktober 2012 in Kommentar, 1 Lesermeinung
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Warum das Einklinken in den uralten Rhythmus der Zisterziensermönche für mich wie das Bad in einem kühlen ruhigen Bergsee ist. Ein Gastkommentar von Eduard Habsburg


Heiligenkreuz – St. Pölten (kath.net/habichtsburg)
Kehre soeben von dreieinhalb Tagen im Zisterzienserkloster Heiligenkreuz vor Wien zurück und bin (wieder einmal) "wie verwandelt" (sagt meine Frau), deshalb will ich das kurz teilen. Zwei Vorabbemerkungen: ich mache mir nicht viel aus gregorianischem Choral; "Chant" ist also nicht der Grund, warum ich hingehe; ich muss beruflich praktisch dauernd am Blackberry hängen; das hat schon mehr damit zu tun, warum das Einklinken in den uralten Rhythmus der Zisterziensermönche für mich wie das Bad in einem kühlen ruhigen Bergsee ist. Das und die Menge an jungen Gesichtern unter den Mönchen; das und vor allem die unbeirrbare Treue.

Wenn ich nach Heiligenkreuz fahre, wohne ich in einem der Zimmer im Innenhof. Und verbringe meine Zeit unspektakulär. Ich habe etwas geistige Lektüre dabei; mehr als ein oder zwei Bücher schaffe ich zumeist eh nicht. Ich nehme am Chorgebet und der Messe teil, gehe spazieren, bete ab und zu den Kreuzweg, der ebenfalls direkt vor der Türe ist. Das ist es eigentlich schon.

Wenn man will, kann man jederzeit mit einem der Mönche sprechen und sich geistlich begleiten lassen. Vielleicht sollte man es damit aber nicht übertreiben; sondern ganz viel Zeit zum Schauen verwenden. Denn was am Stärksten wirkt, ist sicher die Ruhe, das Uralte, das Treue. Es gehört beispielsweise schon ein wenig Treue dazu, sich als Besucher zu allen gesungenen Chorgebeten in der riesigen Stiftskirche zu schleppen, die um viertel nach fünf mit der (langen) Vigil beginnen, dann eigentlich ohne Pause über die Laudes um sechs in die Messe um halb sieben münden, während draußen die Sonne aufgeht. Es lohnt sich dafür, das Stundenbuch von Heiligenkreuz im Klostershop zu kaufen, aber zur Not teilt der Gastmeister immer gerne ein paar Exemplare aus. Leider ist alles auf Latein ohne Übersetzung daneben. Das ist vielleicht die größte Hürde für Nicht-Lateiner. Ich bin aber auch kein Latein-Fetischist.


Und wenn man nach einem ruhigen Vormittag um zwölf zur Terz&Sext wiederkommt, sind wieder die selben Gesichter zu studieren und ihre kleinen Eigenheiten, und dasselbe nach dem hastigen Mittagessen um eins, wenn die Mönche singend aus dem Kreuzgang zur Non einziehen; und und dann nach einem Nachmittag, während dessen man an lauter andere Dinge dachte, ist es plötzlich sechs und Zeit zur Vesper und mit all den Gedanken im Kopf taucht man wieder in der Kirche auf und trifft dieselben Gestalten, vielleicht durch ein paar neue Gesichter ergänzt, die draussen in den Pfarren gearbeitet haben; und dann wieder zur stillen Komplet um kurz vor acht, die mit einem tief zu Herzen gehenden "Salve Regina" in fast völliger Dunkelheit endet. Und dann geht man schlafen und trifft wenige Stunden später um viertel nach fünf dieselben Mönche...

Da beginnt man zu ahnen, was es mit dieser Treue ist und überlegt ein wenig schaudernd, wie es wäre, das jeden Tag des Lebens zu machen. Ein Mönch sagte mir diesmal, es sei gar nicht wichtig für ihn, immer alles genau zu betrachten und zu verinnerlichen, was er da sänge, sondern dass er es treu tue und es somit Realität würde. Weil es Gott zustehe.

Dann wundert man sich nicht mehr ganz so über die -zig Berufungen zum Priesteramt, die jährlich in Heiligenkreuz dazukommen. Und über die Strahlkraft des Klosters in die ganze Welt hinaus. Während man bei all diesem Mitleben und Mitbeten nebenbei recht schnell entschleunigt - in meinem Fall von 170 auf 20 km/h. Bis man fast ganz ruhig ist. Natürlich nur, wenn man, wie ich diesmal, den Blackberry wirklich zu Hause gelassen hat (meine Frau musste ihn mir aus den Händen zerren).

Also - Menschen wir ich, gehetzt, gestresst und auf ungesunde Weise viel zu vernabelt mit den modernen Medien, zudem vielleicht mit gewissen Lateinkenntnissen, werden hier eine echte Oase finden.

Zwei Geheimtipps zum Ende. Wenn man den Schlüssel zum Zimmer hat, kann man auch zu jedem (erlaubten) Zeitpunkt in den stillen Kreuzgang mit seinem plätschernden Brunnen, seinem Kapitelsaal mit Babenberger-Grablege und seiner Marienstatue gehen und dort Zeit verbringen. Das ist für mich ein unglaublicher, uriger Ort, um einfach ganz langsam zu gehen und zum Beispiel einen Rosenkranz zu beten. Man muss nur den immer wieder durchströmenden Touristengruppen ausweichen, aber das geht wirklich ganz gut.

Und wenn man im Winter kommt und das Chorgebet nicht in der großen Kirche stattfindet, sondern in der kleinen Bernardikapelle, wo man (beinahe) Schulter an Schulter mit den Mönchen sitzt, dann ist man fünfmal am Tag, auch in nachtschlafender Finsternis, gezwungen, diesen Kreuzgang zu durchqueren.

Das ist wie ein Durchgang in eine andere Welt.


Eduard Habsburg ist der Medienreferent des St. Pöltener Bischofs Klaus Küng
Foto: (c) Eduard Habsburg

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kathTube: Heiligenkreuz 30. 9. 2012 - Vorstellung des neuen Albums - Chant Stabat Mater




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