
Rom (kath.net/Osservatore) In der bedeutsamen Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 anläßlich seiner dritten Apostolischen Reise nach Deutschland im Berliner Bundestag, dem deutschen Parlament, gehalten hat, behandelte er die Frage der Rechtsgrundlagen in den demokratischen Staaten, wobei er die für die Sprache des Seins offene Vernunft der positivistischen Vernunft gegenüberstellte. Damit stieß er eine öffentliche Debatte über dieses Thema an.
In seiner Rede zitierte der Papst den berühmten Rechtsphilosophen Hans Kelsen (1881–1973). Kelsen wurde als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren und war zweifelsohne der bekannteste Rechtsphilosoph des zwanzigsten Jahrhunderts. Ziel dieses Juristen war es, dem Recht seinen wissenschaftlichen Charakter zurückzugeben und dabei die Reinheit seines eigentlichen Objektes wiederherzustellen.
In der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist deutlich zutage getreten, was geschieht, wenn Politik und Recht sich vom Naturgesetz entfernen. Das nationalsozialistische und das kommunistische Regime sind eklatante Beispiele dafür. Vor einem Jahr legte der Papst vor den deutschen Parlamentariern dar, daß in einem demokratischen Rechtsstaat im Hinblick auf Fragen der Menschenwürde das Prinzip der Mehrheit – auch wenn es zur Entscheidungsfindung notwendig ist – allein nicht genüge: der Politiker muß sich über die Gerechtigkeit einer getroffenen Maßnahme Gedanken machen. Und bei diesem Prozeß kommt ihm das Naturrecht zu Hilfe.
Wenn das Recht sich von der Ethik loslöst, gewinnen sofort die totalitären Ideologien Überhand. Auf den ersten Blick scheint es so, als seien im 21. Jahrhundert die Ideologien von unserem Planeten verschwunden; aber so ist es nicht. Heutzutage gibt es eine subtilere und verdecktere Ideologie, Trägerin von Pseudo-Rechten: es ist die Ideologie des moralischen Egoismus, die dazu tendiert, eine Gesetzgebung zu unterstützen – zum Beispiel in den Bereichen Bioethik und Familie –, die sich den ethischen Launen des Augenblicks anpaßt.
Genauso nehmen die Mächtigen der Weltfinanz die Regierung in die Hand, wenn die Wirtschaft von der Sozialethik getrennt wird (vgl. Benedikt XVI., Caritas in veritate, 36 und 45). Aber dieser Weg führt zum Despotismus der Stärksten der Gesellschaft in der jeweiligen Etappe der Geschichte.
Die Rede Benedikts XVI. im Bundestag hat hervorgehoben, daß das Naturrecht dem Politiker bei seiner Suche nach dem hilft, was gerecht ist, was die wesentliche Aufgabe der Politik ist. Und aus diesem Grund kehrt das Naturrecht zurück, und wird dies immer tun. Nach seinem Ende, das einige vorausgesagt haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als gerade wieder zum Naturrecht zurückzukehren.
Miguel Delgado Galindo ist Untersekretär des Päpstlichen Rates für die Laien
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