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Wer ist der Größte?

20. September 2012 in Spirituelles, 1 Lesermeinung
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Jesus antwortet auf diese allzumenschliche Frage: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35) – Papst Benedikt kann uns hierin Vorbild sein. – Ein Kommentar zum Sonntagsevangelium von P. Bernhard Sirch


Illschwang (kath.net) B - 25. Sonntag im Jahreskreis, 1. Lesung: Weish 2, 1a.12.17-20,
2. Lesung: Jak 3, 16 - 4, 3; Ev. Mk 9,30-37

„Die Jünger hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei“ (Mk 9,34), so hören wir im heutigen Evangelium. Eine allzu menschliche Frage, die immer aktuell ist: Wer ist der Größte. Diese Frage ist aber auch der Urgrund für viele Zänkereien, Neid, Missgunst und Unfrieden. Auch die Jünger Christi beschäftigen sich mit dieser Frage. Wie reagiert Jesus auf diese Frage? "Da setzte Jesus sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein" (Mk 9,35). Dies ist eine klare Absage Jesu zu diesem Thema, das sehr viel Unfrieden stiftet.

Wer in der Kirche der "Größte" sein will, wer in der Kirche ein Amt bekleiden will, "soll der Letzte von allen und der Diener aller sein" (Mk 9,35). Dies ist eine Umkehrung aller unserer Vorstellungen. Vor allem in der Politik, in der Wirtschaft aber auch bisweilen im kirchlichen Leben erleben wir: "Power corrupts and absolute power corrupts absolutely"= "Macht verdirbt und absolute Macht verdirbt absolut". Diese Einstellung steht dem Ideal Christi total entgegen. Ein Vorbild kann uns Papst Benedikt XVI. sein, der vor allem Diener ist und selber viel gelitten hat und erleiden muß.

Die hl. Hildegard von Bingen, die der Papst am 7. Oktober 2012 zur Kirchenlehrerin erheben wird, sagt: "Besser Unrecht erleiden, als Unrecht tun". Nur im Blick auf den gekreuzigten und zur Rechten des Vaters sitzenden Christus und nicht mit weltlichen Rachegedanken im Herzen kann ein Jünger, eine Jüngerin des Herrn, diesen Rat umsetzen. Wenn in der Kirche der Rat der neuen Kirchenlehrerin umgesetzt wird, kann ein Klima der ersten Christen geschaffen werden, wo das Urteil der Menschen war: "Seht wie sie einander lieben". Diese Liebe erneuert die Kirche. Die drei Kardinaltugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe werden aufleuchten.

Wir müssen uns immer wieder ernstlich fragen: Haben wir die Gesinnung Jesus begriffen? Jesus hat eine ganz andere Grundeinstellung wie wir. Was bei Jesus zählt, ist nur das Reich Gottes, das wir erwarten. Der Gekreuzigte wird "wiederkommen in Herrlichkeit" (Glaubensbekenntnis). Ansehen, Wissen, Macht, die wir in dieser Welt haben, zählen bei Jesus überhaupt nicht!

Im heutigen Eröffnungsvers ist nicht von "Macht" die Rede, sondern Gott sieht die Not der Menschen: "Das Heil des Volkes bin ich - so spricht der Herr. In jeder Not, aus der sie zu mir rufen, will ich sie erhören. Ich will ihr Herr sein für alle Zeit". Nicht vom Durchsetzen von ehrgeizigen Zielen darf die Leitung von kirchlichen Gemeinschaften geprägt sein, sondern von dem Bemühen Gottes: "In jeder Not, aus der sie zu mir rufen, will ich sie erhören" (Eröffnungsvers, 25. Sonntag im Jahreskreis), wobei die Grausamkeit erheblich zunimmt, wenn kirchliche Stellen meinen mit "göttlicher Vollmacht" zu handeln, um die Menschen zur "Vollkommenheit" zu führen, bzw. zwingen.

Die Haltung Gottes: "In jeder Not, aus der sie zu mir rufen, will ich sie erhören" (Eröffnungsvers, 25. Sonntag im Jahreskreis) ist für den Umgang in der Kirche wie für die Politik und Wirtschaft gefordert: der demütige Dienst für die Menschen. Nicht Beherrscher der Menschen sein wollen, sondern ein Herz haben für die Mitmenschen. Güte walten lassen, selbst wenn der "Untergebene" nicht "vollkommen" ist.


Klar wird in der 2. Lesung der Urgrund für das böse Verhalten geschildert: "Wo nämlich Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht. Wo Frieden herrscht, wird von Gott für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut. Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern" (Jak 3, 16 - 4, 1). Wenn in der Kirche, bzw. kirchlichen Stellen "Eifersucht und Ehrgeiz herrschen", keine Versöhnung erfolgt und kein liebevoller Umgang gepflegt wird, so ist dies für viele Gläubige ein großes Ärgernis und schwächt die Glaubwürdigkeit der Kirche. Wenn in der Kirche "Eifersucht und Ehrgeiz herrschen" (Jak 3, 16), so ist dies ein Zeichen, wie weit wir uns vom Ideal Christi entfernt haben. Hierin liegt ein Grund, warum das Christentum vor allem in der westlichen Welt immer mehr verblasst. Die unseligen Streitereien in den Pfarreien und auch Machtkämpfe in den Diözesen lähmen das kirchliche Leben.

Selbst wenn in der hl. Kirche Vatileaks möglich sind, so muß man sehen, dass unter den 12 Aposteln, die Jesus berufen hat, auch ein Apostel Judas war. Heute ist bei weitem nicht jeder 12. Mitarbeiter ein "Judas". Dass trotz der Schwachstellen in der Kirche, die nicht wegzudiskutieren sind, die Kirche nach 2000 Jahren noch existiert, zeigt die göttliche Gründung der Kirche, wobei Petrus, dem Felsen die Zusage gilt: "Du bist Petrus - der Fels -, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen" (Mt 16, 18). Sowohl die Kirche im Gesamten und der einzelne Christ haben schon Schlimmeres mit der Hilfe Gottes überstanden und sich erneuert im Hinhören auf Jesu Wort: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein" (Mk 9,35). Gott wirkt in die Kirche immer wieder direkt ein, da der einzelne Christ ist im Letzten Gott verantwortlich und nicht einem "Obern", bzw. "Oberin".

In der Theologie gibt es eine "Hierarchie von Glaubenswahrheiten". Ich denke, es gibt auch eine "Hierarchie grundlegender christlicher Verhaltensweisen". Glaubenswahrheiten und christliche Verhaltensregeln darf man aber nicht trennen. Wie der Mensch zum Gehen zwei Beine benötigt, so kann der Christ zu immer höheren Stufen gelangen, wenn er sich in die Glaubenswahrheiten vertieft und gleichzeitig bemüht ist, die Verhaltensregeln Christi für sein Leben zu übernehmen.

Eine grundlegende Verhaltensform im zwischenmenschlichen Bereich ist: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein" (Mk 9,35). Im Lukasevangelium sagt Jesus: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient" (Lk 22, 25-27). Hier wird scharf die Gesinnung dieser Welt, der Weltkinder der Einstellung Jesu Christi gegenübergestellt: “Ich aber bin unter euch wie der, der bedient" (Lk 22, 27).

Paulus gibt eine theologische Begründung: "Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz". Dann folgert der Apostel: "Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: 'Jesus Christus ist der Herr' - zur Ehre Gottes, des Vaters" (Phil 2, 5-11).

Paulus weiß im Grunde seines Herzens: "Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt" (2 Kor 1,28). Darauf wollte auch Jesus am Beginn des heutigen Evangeliums hinweisen: "In jener Zeit zogen Jesus und seine Jünger durch Galiläa. Jesus wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen" (Mk 9, 30-32).

So betet auch Maria: "Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut... Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen" (Lk 1,48.52). So sagt auch Jesus: "Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden (Mt 23,12; Lk 14,11). Im Jakobusbrief lesen wir, wie die menschlichen "Werte" umgedreht werden: "Der Bruder, der in niederem Stand lebt, rühme sich seiner hohen Würde, der Reiche aber seiner Niedrigkeit" (Jak 1,9).

Um den Jüngern mit aller Deutlichkeit zu zeigen, wie Jesus seine Aussage: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein" (Mk 9,35) verstanden wissen will, "stellte er ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagt zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat" (Mk, 9 36.37). Ein Kind will vor allem geliebt werden.

Jesus hat schöne Worte gefunden, wie er sich vorstellt, wie der "Erste" sein soll. Ganz entscheidend ist jedoch, wie der "Erste" innerhalb einer christlichen Gemeinde sein Amt ausübt. Der Umgang der "Oberen" mit den "Untergebenen" sei es in der Diözese oder in den Klöstern, wirkt sich ganz entscheidend aus auf die Frage nach Priester- und Ordens-Nachwuchs. Wenn ich für Priester Exerzitien gegeben habe, konnte ich immer wieder von Priestern hören, wie sehr sie unter der "Obrigkeit" leiden. Wenn ich etwas bereue, dann dies, dass ich zu wenig zugehört habe, weil ich mir dachte: hier wird übertrieben; dies ist doch nicht möglich. Inzwischen konnte ich erfahren, was alles "möglich" ist!

Vor allem die Bischöfe müssen sich um die Priester, bzw. Pfarrer vermehrt kümmern. Der Papst, die Bischöfe werden in der Basis durch die Pfarrer repräsentiert. Jesus selber kümmerte sich um seine Jünger und ließ die Jünger von Emmaus von Ihrer Enttäuschung erzählen und wandelte diese Jünger zu eifrigen Verkündern des Auferstandenen. In der Wirtschaft gehört die Mitarbeiterschulung zu den wichtigsten Aufgaben eines Unternehmers!

Bei der Frage: Wie soll das Amt ausgeübt werden, ermahnt der hl. Benedikt den Abt: "Es sei dem Abt daran gelegen, mehr geliebt als gefürchtet zu sein" (Benediktinerregel, Kap. 64,15). Benedikt will eine "Schule für den Dienst des Herrn errichten. Wir wollen nichts Hartes, nichts Schweres anordnen. Sollte aus gerechtem Grund, zur Läuterung von Fehlern, zur Bewahrung der Liebe zu Gott und zum Nächsten, einiges strenger sein als erwartet, so fliehe nicht verschreckt von diesem Weg des Heils, der zu Beginn nicht sehr ausgetreten ist" (Prolog, 45-48). "Der Abt habe seine eigene Gebrechlichkeit vor Augen. Und so breche er das geknickte Rohr nicht ab. Dennoch: Fehler darf er nicht noch nähren. Er rotte sie aus, klug und schonend, wie es der Einzelfall verlangt (Regel des hl. Benedikt, Kap. 64, 13.14).

Im gleichen Kapitel ermahnt Benedikt den Abt: "Immer lasse er Barmherzigkeit dem strengen Recht vorgehen. Dann wird Gott auch mit ihm so verfahren. Die Fehler der Brüder verabscheue er. Die Brüder selbst schätze er hoch. Im Zurechtweisen halte er klug Maß, um nichts zu zerbrechen" (Kap. 64, 10-12).

Es ist schwer, die Verhaltensregeln Benedikts im Alltag in die Tat umzusetzen. Bischöfe und Päpste, Könige und Kaiser, hatten im Mittelalter die Weisungen Benedikts vor Augen. "Der Abt denke immer an die Bedeutung seines Amtes und die Rechenschaft, die Gott von ihm fordern wird. Er soll mehr vorsehen als vorstehen" (Kap. 64, 7.8).

Beispiel für alle "Oberen und Oberinnen" wird immer der Herr sein. So beten wir im heutigen Kommunionvers: "So spricht der Herr: Ich bin der Gute Hirt, ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich" (Joh 10, 14). Christus hat gelebt, was er seinen Jüngern verkündete: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein" (Mk 9,35). Er hat den Jüngern die Füße gewaschen und nicht die Köpfe: "Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (Joh 15, 14.15).

www.pater-bernhard.de


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