
Jerusalem (kath.net) Den Tagesablauf der Mutter Jesu, die Mahlzeiten der Familie, die Bräuche bei der Hochzeit zu Kana und viele andere Lebensumstände der bekannten Gestalten des Neuen Testaments lässt Karl-Heinz Fleckenstein in diesem Buch lebendig werden. Das Buch entstand aus seiner dreißigjährigen Erfahrung als Reiseleiter durch das Heilige Land. „Tatsächlich ist eine Reise ins Heilige Land wie eine Begegnung mit dem ‚Fünften Evangelium’. Man kann es betasten, schmecken, sehen und erleben“, schreibt der Autor im Vorwort.
Karl-Heinz Fleckenstein, studierte katholische Theologie und arbeitete als Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe der Monatszeitschrift „Neue Stadt”. Er absolvierte am Institut STUDIUM BIBLICUM FRANCISCANUM in Jerusalem eine Fachausbildung für „Biblische Theologie und Christliche Archäologie“. Dr. Karl-Heinz Fleckenstein lebt seit 1981 in Jerusalem und arbeitet aktuell als freier Schriftsteller, Journalist und zusammen mit seiner Frau Louisa als Reiseleiter und Gesamtkoordinator für das archäologische Projekt „Emmaus-Nicopolis“.
Leseprobe
Da ja das Kopieren der Heiligen Schriften nicht nur bei den Essenern, sondern überhaupt in eurer Zeit als ein gottgefälliges Tun angesehen wurde, bitte ich dich, die damalige Praxis der Herstellung solcher Buchrollen zu erklären.
Beim Abschreiben der Bibel ging man in der Tat höchst sorgfältig vor. Den Schriftgelehrten fiel die Aufgabe zu, die vorhandenen Originale zu kopieren und damit der Nachwelt zu überliefern.
Und wie musste beim Abschreiben einer Buchrolle vorgegangen werden?
Die Länge eines jeden Abschnittes bestand zwischen achtundvierzig und sechzig Zeilen. Die Breite belief sich auf dreißig Buchstaben. Das ganze Manuskript musste man zuerst linieren. Wurden jedoch nur drei Worte ohne eine Linie geschrieben, war das Ganze als wertlos wegzuwerfen. Als Vorlage diente ein authentisches Manuskript. Der Schreiber durfte davon nicht im Geringsten abweichen. Es war verboten, auch nur ein Wort oder einen Buchstabe aus dem Gedächtnis aufzuschreiben.
Zwischen den Buchstaben musste ein Zwischenraum so breit wie ein Haar gelassen werden. Zwischen den Paragraphen war ein Abstand von neun Buchstaben und zwischen den Büchern ein Freiraum von drei Zeilen einzuhalten. Als Kopierer durften nur Juden fungieren. Ihr Körper musste ganz gewaschen und in ein jüdisches Gewand gekleidet sein.
Beim Schreiben des Namens Gottes durfte die Feder nicht gerade neu in die Tinte eingetaucht worden sein. Selbst wenn der Schreiber von einem König angeredet wurde, während er gerade den heiligen Namen Gottes schrieb, durfte er ihn nicht beachten. Buchrollen, die diesen Vorschriften nicht entsprachen, mussten verbrannt oder vergraben werden. Wenn eine Kopie fertiggestellt und gründlich überprüft worden war, betrachtete man sie als genauso gleichwertig wie ein altes Manuskript, zumal alte Manuskripte oft schon beschädigt waren.
Welches Material wurde für die Buchrollen benutzt?
Hauptsächlich gebrauchten die Schreiber Papyrus. Zu seiner Herstellung dienten die Stängel der Papyrusstaude. Zunächst wurden diese in dünne Streifen geschnitten. Dann legte man eine senkrechte und waagrechte Schicht übereinander und presste sie. Der im Material enthaltene, natürliche Klebstoff genügte zur Bindung der Lagen. Anschließend wurden die Blätter getrocknet und geglättet. Damit waren sie schreibfertig.
Die beschriebenen Blätter wurden aneinandergenäht und um einen Stock gewickelt, so dass normalerweise eine Rolle mit einer Länge von 7,34 m und einer Höhe von 26 cm entstand. Die Buchrollen wurden in Leinen gewickelt und in verschlossenen Tonkrügen aufbewahrt, wie es schon zur Zeit des Propheten Jeremias üblich war (vgl. Jer 32,14).
Außerdem schrieb man auch auf Leder. Dieses Material musste allerdings von koscheren Tieren gewonnen werden, die kultisch rein und auch zum Genuss erlaubt waren. Leder hatte gegenüber Papyrus den Vorteil, dass es nicht so leicht abgenützt wurde. Deshalb verwandte man es vor allem für Niederschriften, denen man eine längere Haltbarkeit wünschte oder die öfter benutzt wurden. Deshalb musste das Gesetz für den liturgischen Gebrauch immer auf Leder geschrieben werden.
Und woraus bestanden die Schreibgeräte?
Man schrieb mit Tinte und Feder. Die Tinte durfte nur schwarz sein und musste nach einem speziellen pflanzlichen oder kohlenhaltigen Rezept zubereitet werden. Sie war mit Honig versetzt, weil das Wort Gottes als süß galt. Diese „Feder“ wurde aus einem Stück Schilfrohr hergestellt und mit einem Messer federförmig zugeschnitten. Ihre gespaltene Spitze ermöglichte sowohl flüssiges wie kursiveres Schreiben.
Wie wurde so eine Buchrolle beim Lesen gehandhabt?
Das war gar nicht so einfach. Man benötigt beide Hände. Die linke hielt wegen der Linksläufigkeit der Schrift die Rolle und die rechte zog die beschriebenen Kolumnen allmählich am Auge vorüber und rollte das Gelesene nach der Gegenseite wieder ein. Wollte man die Rolle wieder lesebereit machen, musste man sie ganz zurückrollen, damit der Anfang wieder nach außen kam.
Karl Heinz Fleckenstein
Sag, Simon, wie war es damals? Zeitreise in den Alltag der Bibel
Gebunden, 160 Seiten
Media Maria Verlag 2011
ISBN 978-3-9814444-3-8
€ 15,50
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