
Vatikanstadt (kath.net/KNA) Nie zuvor hat sich der Papst bei seinen Auslandsreisen so nahe an eine Kampfzone gewagt wie beim bevorstehenden Besuch im Libanon. Gerade 110 Kilometer sind es von der Hauptstadt Beirut bis Damaskus, wo täglich Menschen in einem blutigen Konflikt sterben. Benedikt XVI. stattet dem Libanon, seinen staatlichen Behörden und der großen Christengemeinde von Freitag bis Sonntag einen Staats- und Pastoralbesuch ab. Er wird Politiker treffen und mit seinen Gläubigen Gottesdienste feiern. Vor allem aber will er das Schlussdokument der Nahost-Synode von 2010 veröffentlichen: eine Art «Roadmap» für den Weg und die Zukunft der vielfach diskriminierten Christen zwischen Kairo und Teheran.
Die 24. Auslandsreise von Benedikt XVI. sollte ursprünglich auch nach Syrien gehen. Diesen Plan mussten die Organisatoren fallen lassen. Der Besuch im Libanon stand für den Papst jedoch nie in Frage - auch wenn die Gewalt aus dem Nachbarland bereits vereinzelt herüberschwappte. Für die Sicherheit des Papstes in und um Beirut sei gesorgt, heißt es im Vatikan; außergewöhnliche Vorkehrungen gebe es nicht. Mehrfach will der 85-Jährige sogar das Papamobil benutzen. So werden am Sonntag sicher Zigtausende Christen und Muslime den Papst auf den 20 Kilometern entlang der Küste nach Beirut begrüßen. Zu der Messe werden sogar mehrere hunderttausend Menschen erwartet.
Der Vatikan hat den Libanon aufgrund seiner außergewöhnlichen multikulturellen und bireligiösen Situation für diese Nahost-Reise ausgewählt. Der Zedernstaat ist das einzige arabische Land, in dem die Christen nicht eine kleine benachteiligte Minderheit, sondern eine staatstragende Kraft bilden. Zwar stellen sie heute nicht mehr die Hälfte der Bevölkerung wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ihr Anteil dürfte bei 40 Prozent liegen; die Muslime - Schiiten und Sunniten - sind in der Mehrheit. Doch die Verfassung garantiert Christen und Muslimen politische Gleichberechtigung. Freilich hat der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 das lange Zeit friedliche Zusammenleben der Religionen im Libanon belastet. Die Christen haben an Einfluss im Staat verloren. Daher möchten Papst und vatikanische Diplomatie das libanesische Modell mit dem interreligiösen Einvernehmen stärken.
Die Libanon-Reise des Papstes gilt freilich dem gesamten Nahen Osten und seinen Christen. Die Bischofssynode vor zwei Jahren hatte die mitunter dramatische Lage der Christen sorgfältig analysiert. An erster Stelle sei eine Stärkung der christlichen Identität nötig. Neben dieser innerkirchlichen Erneuerung seien mehr Ökumene und ein intensiverer «Dialog des Lebens» mit Muslimen und Juden unverzichtbar. Ursache für den Exodus der Christen aus der Region seien vor allem die politischen und sozialen Spannungen. Im israelisch-palästinensischen Konflikt, aber auch in Irak und jetzt in Syrien geraten die Christen zwischen die Fronten und drohen aufgerieben zu werden.
Auch fundamentalistische Strömungen im Islam gehen zu Lasten der
Christen. Man kann davon ausgehen, dass der Papst im nachsynodalen Dokument volle Religionsfreiheit für Christen fordert. Neben Maßnahmen gegen den Exodus muss die Kirche zudem überlegen, wie sie die Situation der bereits in der Diaspora von Europa oder Amerika bestehenden Christengemeinden in Nahost verbessert. Bislang vernachlässigt wurde das Phänomen der massenhaften Einwanderung lateinischer Christen aus Indien oder den Philippinen in die Nahost- und Golfstaaten. Auch hier sah die Synode Klärungsbedarf.
Insbesondere erwartet man vom Papst im Libanon Impulse für mehr Frieden und Gerechtigkeit in Nahost und zu einer Lösung der verschiedenen Konflikte. Benedikt XVI. reise nicht als politischer Staatschef, sondern als Kirchenoberhaupt, betonte Vatikansprecher Federico Lombardi vor Reisebeginn. Er werde nicht in die aktuelle Parteienpolitik eingreifen. Doch indem er die Katholiken auf die christliche Botschaft der Gottes und Nächstenliebe verpflichte und die Gläubigen anderen Religionen zu Dialog, Respekt, Toleranz und Gerechtigkeit anhalte, leiste er einen direkten Beitrag zu Aussöhnung und Frieden in der Welt - und im Krisenherd Nahost.
(C) 2012 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Tweet
Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben



Tippfehler melden
Druckversion



Anderswo...
Top Artikel der letzten 7 Tage

