04 September 2012, 10:30
Schönborn: Die Gesellschaft muss das Thema Religion ernster nehmen
 
Hildegard13
 
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Der Wiener Kardinal Schönborn äußerte sich im Interview zu aktuellen Fragen um Europa, Schuldenkrise und Religion

Wien (kath.net) „Es muss Religionsgemeinschaften in einem freiheitlichen demokratischen Staat möglich sein, ihre religiöse Identität in Freiheit zu leben.“ Das sagte der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn (Foto) in einem Interview mit der „Die Presse“. Natürlich könne es da zu Wertekollisionen kommen, doch könne „der Wert der Religionsfreiheit nicht einfach als unter ferner liefen betrachtet werden“. Und „wenn in Deutschland und in Österreich unsere jüdischen Mitbürger“ das für sie „wirklich identitätsstiftende Zeichen“ der Beschneidung, „das mehr ist als nur ein Ritual, nicht mehr legitim praktizieren können, dann sagen sie zu Recht, dass sie in diesem Land keine Lebensmöglichkeit mehr haben.“ Eine solche Sorge müsse auch wegen „der belasteten Vorgeschichte des Judentums in unseren Ländern“ „sehr, sehr ernst genommen werden“.

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Der Kardinal nannte Europa ein „irreversibles Zukunftsprojekt“ und fragte: „Ist es nicht faszinierend, wie dieses Europa aus so vielen Krisen und Katastrophen entstanden ist?“ Phasen stärkerer Rückbesinnung auf die eigene nationale Identität nannte er dabei normal. Sowohl die europäische Identität wie auch die christliche Identität in Europa seien deutlich ausgeprägt. „Man sollte genauer hinschauen, mit wie viel aus dem Glauben motivierter christlicher Verantwortung auch in der Politik agiert wird. Warum bemüht man sich um Solidarität in Europa?“ Dies habe auch mit dem „christlichen Menschen- und Gesellschaftsbild“ zu tun, „das nach wie vor auf diesem Kontinent vorhanden und prägend ist“.

„Die Frage der Präsenz des Islam in Europa“ stelle sich „sehr massiv“, auch unabhängig davon, ob die Türkei Europa beitreten werde oder nicht. Man komme insgesamt nicht umhin, „das Thema Religion in der zivilen Gesellschaft ernster zu nehmen. Man darf nicht von religiösen Menschen erwarten, weil sie in einem liberalen demokratischen Staat leben, dass sie ihre Identität einklammern, um Bürger dieses Staates zu sein“. Diese Tendenz vertrete der aggressive Laizismus, der „die Wertvorstellungen von religiösen Menschen en bloc diskriminiert oder gar eliminieren will aus dem politischen Diskurs“.

„Es wird den kommenden Generationen sicher schlechter gehen“, sagte Schönborn. „Und das haben wir alle miteinander zu verantworten, weil wir auf Kosten der nächsten Generationen einen Teil, vielleicht sogar einen Gutteil, unseres Wohlstands konsumieren.“ „Exzessives Schuldenmachen ist ein schwerer Verstoß gegen die Gerechtigkeit“, betonte er „Schuldenpolitik ist äußerst unklug und ungerecht. Erfahrungsgemäß kann es nicht anders ausgehen, als dass kumulierte Staatsschulden und Kommunalschulden und Landesschulden früher oder später auf dem Rücken vor allem der Ärmeren, Schwächeren in der Gesellschaft ausgetragen werden.“ Auf die Solidarität - auch zwischen den Staaten - könne man nicht verzichten.

In der Kirche hätten wir uns in den letzten 50 Jahren „viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Vielleicht sagt uns die Situation des starken Rückgangs der Katholikenzahl auch, dass die Gottesfrage die eigentliche Lebensfrage ist“, erläuterte der Wiener Erzbischof und lud im Hinblick auf das im Oktober beginnende Jahr des Glaubens dazu ein, „uns dieser Glaubensfrage zu stellen“.

Foto Christoph Kardinal Schönborn: (c) Erzdiözese Wien






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