03 September 2012, 09:30
Martini: 'Die Kirche ist 200 Jahre zurückgeblieben'
 
Hildegard13
 
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Der jüngst verstorbene Mailänder Kardinal Martini hat im letzten Interview vor seinem Tod eine Umkehr der Kirche und eine stärkere Zuwendung zu den Menschen gefordert. Die Bedeutung von Dogmen und Kirchengesetzen dürfe nicht überbetont werden.

Mailand (kath.net/KAP) Die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" veröffentlichte am Wochenende ein Interview, in dem Kardinal Carlo Martini (Foto) kurz vor seinem Tod eine Umkehr der Kirche und eine stärkere Zuwendung zu den Menschen gefordert hat. Laut der Zeitung führte der österreichische Jesuit Georg Sporschill das Gespräch Anfang August, wenige Tage bevor Martini ins Endstadium der Parkinson-Krankheit fiel.

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"Die Kirche ist 200 Jahre zurückgeblieben" und sei müde, stellte Martini in dem Interview fest. Es könne nicht sein, dass sie sich nicht aufraffe und ihre Angst größer als der Mut sei, denn Glauben, Vertrauen und Mut seien die Fundamente der Kirche. "Ich bin alt, krank und von der Hilfe anderer abhängig", sagte der Kardinal. Aber er spüre die Liebe, die stärker sei als jede Entmutigung, die ihn angesichts der Herausforderungen der Kirche in Europa immer wieder beschleiche.

Die Missbrauchsskandale drängten die Kirche dazu, sich zu bekehren, ihre Fehler zuzugeben und "einen radikalen Weg der Veränderung zu beschreiten", sagte Martini. Als Beispiel nannte er die Themen Sexualität und Körperlichkeit, die für jeden Menschen wichtig seien. Die Kirche müsse sich fragen, ob die Menschen auf diesem Feld noch auf ihre Ratschläge hörten oder ob sie "nur noch eine Karikatur in den Medien" sei.

Der Kardinal sprach sich auch für einen anderen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und mit Patchwork-Familien aus. Diese bräuchten einen besonderen Schutz, auch wenn die Kirche an der Unauflöslichkeit der Ehe festhalte. Das Frage, ob solche Paare die Kommunion empfangen dürfen, müsste umgekehrt werden: "Wie kann die Kirche denjenigen in komplexen familiären Situationen mit der Kraft der Sakramente helfen?". Die Sakramente seien kein Mittel für die Disziplin, so Martini. Er mahnte zu Weitblick: Wenn die Kirche etwa eine wiederverheiratete Frau mit Kindern aus der ersten Ehe diskriminiere, dann verliere sie auch die künftige Generation.

Die Bedeutung von Dogmen und Kirchengesetzen dürfe nicht überbetont werden, warnte der Kardinal. Die Menschen bräuchten die Bibel, das "einfache Wort Gottes", um auf persönliche Fragen richtig antworten zu können. Weder der Klerus noch das Kirchenrecht könne an die Stelle des Innenleben eines Menschen treten. Die Dogmen seien dazu da, um diese inneren Stimmen richtig unterschieden zu können, so Martini.

Das Interview in italienischer Sprache: “Chiesa indietro di 200 anni“

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