28 August 2012, 10:30
Lassen Sie uns übers Sterben reden!
 
Hildegard13
 
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Wider die Tabuisierung vieler Fragen. Von Michael Inacker / idea

Wetzlar (kath.net/idea) Der Tod hat für uns einen Schrecken, aber das Sterben noch viel mehr. Für uns Christen ist der Tod zwar nicht das Ende, sondern wir wissen uns aufgehoben im Heilsversprechen des Ewigen Lebens. Nur das Denken an den Weg dorthin schnürt uns die Kehle zu. Jeder, der darüber schreibt, wagt sich in eine Grauzone vor. Vermeintlich so einfache Antworten versagen vor der Grausamkeit von Lebensenden in einer Gesellschaft, in der der alternde, auch qualvolle Tod, oft gepaart mit Demenz, zum Normalfall wird – und nicht das friedliche aus-dem-Leben-Scheiden. Die Bibel hat eine andere Realität im Blick. Ein Dahinsiechen war nicht die Wirklichkeit. Wenn jemand alt wurde, dann war es ein „gesegnetes Alter“ – und die absolute Ausnahme.

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Antworten, die an der Not vorbeigehen

Deutschland hingegen altert. Die Lebenserwartung steigt weiter an. Doch häufig ist es die Lebenserwartung des Körpers und nicht die des Geistes. Irgendwann meldet sich der Geist ab, Demenz ergreift Besitz von uns, wir sind nicht mehr Herr unserer selbst. Wenn dann körperliches Leid hinzukommt, stehen der Mensch im Alter und seine Angehörigen an einem Grenzpunkt. Als Eltern weiß man um die Belastung für die Kinder, und dies bedeutet nicht nur „Rechtfertigungsdruck“ für Schwerstkranke und Alte, am Leben bleiben zu wollen. Die Frage stellt sich: Wie will ich sterben, und was können meine Angehörigen an Last und Leid mittragen?

Viele Bücher beschäftigen sich mit dieser Herausforderung – auf die die Kirchen oft Antworten geben, die an der Notlage vorbeigehen. Die Verantwortung wird auf Angehörige und die Mediziner abgewälzt. Verschämt spricht man von „passiver Sterbehilfe“, wenn sich Arzt und Angehörige darauf verständigt haben, keine lebenserhaltenden Maßnahmen mehr einzusetzen. Doch bedeutet nicht auch das Nicht-Geben eines Medikaments, der Nicht-Einsatz von Geräten, dass Menschen über den Zeitpunkt von Leben und Tod entscheiden? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: An dieser Stelle soll nicht einer aktiven Sterbehilfe das Wort geredet werden. Die Grenzbereiche zur Euthanasie und zu diesem menschenverachtenden Kapitel deutscher Geschichte wiegen zu schwer, um diese Diskussion leichtfertig zu führen.

Gegen eine Doppelmoral

Doch diese Feststellung hilft weder uns, die wir womöglich selbst einem Lebensende ins Auge blicken müssen, das uns die Würde raubt, noch unseren Angehörigen und Kindern, die längst zu Mitleidenden werden, deren Ehen und Familien bis zum Zusammenbrechen belastet werden. Bislang weigern wir uns, Fragen zu stellen, denn schon die Fragen werden als Dammbruch gesehen. Wir wissen viel über die Ethik des Lebens, aber die Ethik des Sterbens ist diffus. Dennoch muss die Debatte darüber geführt werden. Wir sind erwachsene Christen. Auch wenn wir am Ende zu dem Punkt kommen, dass wir alles so lassen, wie es ist, weil wir die Frage, wer entscheidet über menschenwürdiges Sterben, nicht beantworten können und weil die Risiken des Missbrauchs hin zur Euthanasie zu groß sind, ist es wichtig, diese Diskussion zu führen. Denn sie zeigt der Gesellschaft, dass wir über Pflege von Schwerkranken, die seelischen und finanziellen Belastungen der Angehörigen intensiver reden müssen. Bislang sind viele Familien sehr allein. Die Situation von Pflegeheimen, Hospizen sowie Familien muss verbessert werden, auch arbeitsrechtlich sollten Möglichkeiten einer Pflegezeit (ähnlich der der Elternzeit) geschaffen werden. Wenn dies am Ende einer solchen ehrlichen Debatte steht, wäre das sicher nicht das Schlechteste. Die Tabuisierung dieser Fragen aber führt am Ende zu einer Doppelmoral – in der wir anders über diese Frage denken als wir reden.

Der Autor, Dr. Michael Inacker (Berlin), ist Vorsitzender der Internationalen Martin Luther Stiftung und Vize-Chefredakteur des Handelsblatts.






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