26 August 2012, 09:31
Die geistlichen Mütter Europas
 
Hildegard13
 
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Der evangelische Filmemacher Rainer Wälde begab sich gemeinsam mit seiner Frau Ilona auf Spurensuche nach den weiblichen geistlichen Wurzeln Europas und entdeckte die Patroninnen Europas: Birgitta von Schweden und Katharina von Siena.

Limburg (kath.net/idea) Es ist ein Aha-Erlebnis: Bei meinen Recherchen über die geistlichen Wurzeln Europas stoße ich eher zufällig auf die „Patroninnen Europas“ – ein Begriff, den ich bis dahin nicht kannte –: Birgitta von Schweden (1303–1373, siehe Foto), Katharina von Siena (1347–1380) und Edith Stein (1891–1942). Ich besorge mir die Biografien der „geistlichen Vorbilder“ und fange an zu lesen.

Schon nach wenigen Seiten ist mir klar: Das sind starke Persönlichkeiten, die konsequent gegen den Zeitgeist schwammen; Frauen mit Charisma und Mut, die sich nicht scheuen, gegen mächtige Männer anzutreten und ihnen auch gehörig die Meinung zu sagen. Selbst vor Päpsten schrecken sie nicht zurück, schicken ihnen sogar ausgesprochen kritische Briefe – in ihrer Zeit eine Sensation!

Doch der Clou ist, dass wiederum ein Papst – Johannes Paul II. (1920–2005) – diese drei kritischen Frauen 1999 zu den „Patroninnen Europas“ ernennt! Und plötzlich bin ich mitten in einer neuen spannenden Geschichte. Mit meiner Ehefrau Ilona treffe ich die Entscheidung für eine Reise zu den Glaubensquellen Europas – auf den Spuren der schwedischen Birgitta, der italienischen Katharina und ihrer spanischen Glaubensschwester Teresa von Ávila (1515–1582).

Wie kam der Glaube nach Mitteleuropa?

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Bereits seit fünf Jahren sind wir in jedem Sommer unterwegs, um die geistlichen Wurzeln unseres Kontinents zu erkunden: Wir wollen wissen, wer den Glauben ins deutschsprachige Europa gebracht hat. Über Iona und Lindisfarne – zwei Inseln, die als „Wiege des Christentums“ in Großbritannien bekannt sind – machten wir den Film „Meine Reise zum Leben“. Aus einer weiteren Reise entstand die Dokumentation „Im Segen der irischen Mönche“.

Nachdem wir uns vier Jahre lang mit den geistlichen Vätern beschäftigt haben, sind nun die Mütter Europas dran. Wir fragen uns, warum so wenig über sie bekannt ist, und machen uns mit unserem Kameramann auf den Weg nach Schweden: Wir wollen herausfinden, welche Spuren die erste „Patronin Europas“ dort hinterlassen hat.

Birgitta von Schweden: die fromme Selbstbewusste

Von Stockholm sind es noch 65 Kilometer Richtung Norden. Finsta liegt in der Provinz Uppland – hier wird Birgitta 1303 geboren. Ihre Eltern sind einflussreiche Schweden, die dem Hochadel angehören. Die Chronik beschreibt die Tochter als „sehr gute und fromme Frau“. Birgitta wird von ihren Eltern gläubig und zugleich selbstbewusst erzogen – eine spannende Kombination.

„Lieber würde ich sterben, als heiraten zu müssen!“ Dieses Zitat charakterisiert Birgitta sehr gut – doch die Eltern lassen ihr keine Wahl. Als 14-jährige Braut muss sie 1317 Ulf Gudmarsson ehelichen. Im ersten Jahr ihrer Ehe leben beide enthaltsam und begründen damit eine tiefe partnerschaftliche Beziehung.

Danach bringt sie acht Kinder zur Welt und kümmert sich zudem um den gemeinsamen Gutshof. Wenn ihr Mann unterwegs ist, betet Birgitta ganze Nächte hindurch und schläft auf dem Fußboden. Meditation und Askese sind ihr wichtig; sie will diszipliniert leben und kümmert sich um Arme und Kranke.

Für eine Rückkehr zu den Geboten Gottes

1335 wird Birgitta als Oberhofmeisterin an den Königshof berufen. König Magnus – ihr Vetter – ist 19, seine Ehefrau erst 16 Jahre alt. Birgitta hat keine Wahl; die königliche Aufforderung kann sie nicht zurückweisen. Schweren Herzens verlässt sie Haus und Kinder. Doch sie hat den Mut, dem König eine „göttliche Botschaft“ zu überbringen: Sie fordert ihn auf, gemäß den Geboten Gottes zu leben – und in diesem Bewusstsein auch das Land zu regieren. Ihre delikate Mission gelingt: König Magnus hat Respekt vor seiner frommen Verwandten und bemüht sich, ihre Ratschläge umzusetzen. Der Einfluss Birgittas ist bis in die Gesetzgebung hinein zu spüren: Unmenschliche Verfügungen werden abgeschafft, überhöhte Steuern für einfache Bürger gesenkt.

Eine mutige Mahnerin in Rom

Nach dem frühen Tod ihres Mannes reist Birgitta 1349 ins italienische Rom. Hier findet sie für die kommenden Jahre ihr Zuhause. Sie betreut nicht nur die skandinavischen Pilger, sondern kümmert sich auch um die Armen und Kranken, denen sie täglich zuhauf begegnet. In einer Zeit ohne Sozialversicherung bietet sie ihnen Sicherheit und Wärme.

Doch Birgitta ist entsetzt von der Gottlosigkeit der „Ewigen Stadt“: Rom erscheint ihr wie ein „Räubernest“, wo auch die Herrscher korrupt handeln. Im Gebet bringt sie ihre Sorgen vor Gott. Dabei beweist Birgitta enorme Ausdauer: 15 Jahre lang prangert sie die Verkommenheit in Rom an – und erntet Spott und Hohn. Sie wird sogar bedroht, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden. Zu gerne möchte sie die Stadt verlassen; doch beim Beten hat sie den Eindruck, dass Jesus Christus sie genau hier haben will.

Katharina von Siena: geprägt von einer Gottesbegegnung

Was Birgitta begonnen hat, führt Katharina von Siena konsequent fort. Wir besichtigen ihr Geburtshaus in der oberitalienischen Stadt, wo sie 1347 zur Welt kommt. Die Eltern leben hier in der Toskana als Färber; Katharina ist das 23. Kind.

Verschiedene Quellen berichten von einer Gottesbegegnung, die Katharina im Alter von sechs oder sieben Jahren hat. Dieses Erlebnis prägt sie so stark, dass sie sich für die Ehelosigkeit entschließt. Doch nach ihrem 12. Geburtstag bahnt sich ein dramatischer Konflikt an: Die Mutter will sie verheiraten; auch Katharina hat eigentlich keine Chance, ledig zu Hause zu bleiben.

Da schneidet sie sich wie eine Punkerin die Haare ab und signalisiert damit ihren festen Willen zum Alleinsein. Die Mutter tobt, doch die Tochter kann die eheliche Haube vermeiden. Zur Strafe verliert sie aber ihr eigenes Zimmer im Elternhaus und wird zur hart schuftenden Magd degradiert.

Nun hat sie keine Zeit mehr zum Beten – und auch keinen Rückzugsraum dafür. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als im Herzen Ruhe fürs Gebet zu finden – sie nennt das ihre „innere Zelle“. Während um sie herum in der Färbergasse das Leben pulsiert, zieht sie sich innerlich mehr und mehr in die Gegenwart Gottes zurück.

Eine geistliche Familie entsteht

Zeitgenossen wie Bartolomeo Dominici beschreiben sie als fröhliche Frau: „Von Katharina strömte eine verborgene Kraft aus – und zwar nicht nur, wenn sie sprach, sondern einfach aus dem Umgang mit ihr. Man fühlte sich mächtig zum Guten gezogen und empfand eine solche Freude an Gott, dass alle Traurigkeit aus dem Herzen verschwand.“

Katharina betet sehr viel; der Dialog mit Gott ist ihr Ein und Alles. Sie sorgt sich um die Menschen in ihrer Umgebung, hilft im Haushalt, kümmert sich um Kranke, bringt armen Mitbewohnern zu essen. Mit der Zeit bildet sich eine geistliche Familie aus Freunden und Bekannten; durch Katharinas Vor-Leben und Zeugnis werden immer wieder Menschen Christen.

Doch sie wird auch politisch aktiv: Dem Papst schreibt sie einen Brief nach dem anderen. Ganz in der Tradition ihrer schwedischen „Schwester in Christus“ Birgitta fordert sie ihn auf, aus dem seit 1309 bestehenden Exil im französischen Avignon nach Rom zurückzukehren: „Seid ein mutiger Mann, kein Feigling. Antwortet Gott, der Euch ruft, den Platz des glorreichen Hirten – des heiligen Petrus – in Besitz zu nehmen. Pflanzt gute Verwalter ein, die treu dem gekreuzigten Christus dienen.“

Teresa von Ávila: die starke Beterin

Ein’ feste Burg ist unser Gott – dieses Wort von Martin Luther fällt mir ein, als ich vor wenigen Tagen zum ersten Mal die Stadtmauer des spanischen Ávila mit seinen 88 Türmen sehe. Es passt auch gut zum Gottesbild der Teresa von Ávila: Sie beschreibt die menschliche Seele als eine Burg mit vielen Zimmern, in deren innerster Kammer Gott wohnt.

1535 tritt die damals 20-Jährige in ein Kloster des Ordens der Brüder der allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel ein: „Sofort spürte ich ein großes inneres Glück, in jener Lebensform zu stehen, das mich bis heute nie mehr verlassen hat. Gott verwandelte die Trockenheit meiner Seele in tiefste Beseligung.“

Doch kurz darauf wird Teresa schwer krank, leidet an starken Herzbeschwerden und wird immer wieder bewusstlos. Jahrelang ist sie nahezu gelähmt. In dieser Zeit erlernt sie eine neue Form des Betens: „Es ist wichtig, dass man eine Seele in ihrem Gebetsleben weder einengt noch bedrängt. Sie muss alle Wohnungen der inneren Burg frei durchschreiten können: nach oben, nach unten und von allen Seiten.“

Gottvertrauen in Zeiten der Inquisition

Diese innere Seelenruhe braucht Teresa nötiger denn je. Wieder einigermaßen genesen, entscheidet sie sich für ein Leben in Armut und gründet ein Kloster neuerer Art in Duruelo. Während in Deutschland die Reformation längst in vollem Gange ist, gelten ihre Vorstellungen in Spanien immer noch als revolutionär. Bald bekommt sie massiven Ärger mit der Stadtverwaltung, den Kirchenoberen und auch den Mitschwestern. Darum schreibt Teresa ihre eigene Klosterregel, in der es „um gegenseitige Liebe, Demut und Freiheit von falschen Bindungen“ geht. Gütergemeinschaft gilt bei ihr als Grundprinzip. Sie gründet ein Kloster nach dem anderen – insgesamt 17 innerhalb von 15 Jahren – und beweist damit Management-Qualitäten.

Gleichzeitig sorgt jedoch die Inquisition – die gefürchteten kirchlichen Gerichtsverfahren zur Umkehr oder Verurteilung von „Ketzern“ und „Hexen“ – für Angst und Schrecken. Aus Angst vor reformatorischem Gedankengut werden Bücher in der spanischen Muttersprache verboten. Auch Teresas Buch – ihre reformierte Ordensregel – landet auf dem Index; selbst ihre Mitschwestern dürfen es nicht lesen. Erst nach ihrem Tod 1582 erscheint die erste Edition ihrer Werke:

„Gott, Du bist mein Haus und meine Bleibe, / bist meine Heimat für und für. / Ich klopfe stets an deine Tür, / dass dich kein Trachten von mir treibe. / Und meinst du, ich sei fern von hier, / dann ruf mich und du wirst erfassen, / dass ich dich keinen Schritt verlassen: / und, Seele, suche mich in dir.“







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