
Bonn (kath.net/PM) Über die heilige Helena, Mutter des Kaisers Konstantin, als Missionarin Europas sprach der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner bei der Messe zur Übergabe der Helena-Reliquie im Bonner Münster am Freitagabend. An ihr zeige sich die Bedeutung der Mutter für das seelische Dasein des Menschen, wodurch sich heute Abtreibung und Kinderkrippen verheerend auswirken.
„Als Konstantin dann kurz nach seinem Sieg an der Milvischen Brücke im Jahr 313 zum ersten christlichen Kaiser Roms wurde, machte er seine Mutter Helena zur Mitkaiserin. Er erhebt nicht einen berühmten Krieger oder Politiker mit auf seinen kaiserlichen Thron, wie es sonst üblich war, sondern eine Frau, seine Mutter. Und dass das für Reich und Kirche ein außerordentlich guter Griff war, bestätigen die Geschichtsschreiber. … Es ist ein Geschenk des Himmels, dass von Anfang an, als das Christentum in das römische Reich hineinwuchs, eine heilige Frau, eine Mutter, mit zu den ersten Missionaren Europas und weit darüber hinaus gehört. Und es ist weiterhin staunenswert, dass Kaiser Konstantin sofort erfasst, dass zu einer tiefen Inkulturation des Evangeliums die Mutter, die Frau, an die erste Stelle gehört.
Man sagt mit Recht: Gott hat jedem Menschen die Seele unter dem Herzen seiner Mutter geschenkt. Darum ist die Mutter für das seelische Dasein des Menschen von so großer Wichtigkeit und Bedeutung.“
„Die ersten Lebensjahre eines Menschen sind von größter Bedeutung, und sie sind nie mehr nachzuholen. Die hl. Helena zu verehren, indem wir ihre Reliquie heute in unserem Bonner Münster wieder beheimaten, ist kein Akt der Nostalgie oder der Denkmalpflege, sondern das ist wie ein Lebensprogramm… Helena war es, die dem heidnischen römischen Reich nach dem Waffensieg ihres Sohnes den Menschen das Herz des Christentums nahe brachte.“
Helena ist eine Frau des Kreuzes: „Das Kreuz ist das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes.“
Die Predigt gemäß dem Redemanuskript lautet wörtlich:
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
1. Wir sind gegenwärtig in der Kirche daran gewöhnt, lange Klagelitaneien zu rezitieren, und vergessen, dass die Allerheiligenlitanei viel länger ist. Das heißt doch realistisch: Wir haben viel mehr Grund zum Danken als zum Klagen.
Danken kommt von denken. Vergessen wir nicht, dass zur Kirche Gottes, zur Bonner Münstergemeinde, nicht nur die Gläubigen gehören, die in der Pfarrkartei enthalten sind, sondern auch alle, die im Heiligenkatalog der Kirche verzeichnet sind. Und sie haben die absolute Mehrheit!
Das wusste man im Rheinland früher besser als wir Heutigen. Das Evangelium kam mit den Römern in unser Land, also bereits im 2. und 3. Jahrhundert. Davon geben die Märtyrergräber der Heiligen Cassius und Florentius in Bonn und des heiligen Gereon und seiner Gefährten in Köln Zeugnis, die der Thebäischen Legion angehörten und schließlich bis nach Xanten gekommen sind. Im Rheinland wurde das Evangelium sogar schon vor Kaiser Konstantin verkündigt.
Als Konstantin dann kurz nach seinem Sieg an der Milvischen Brücke im Jahr 313 zum ersten christlichen Kaiser Roms wurde, machte er seine Mutter Helena zur Mitkaiserin. Er erhebt nicht einen berühmten Krieger oder Politiker mit auf seinen kaiserlichen Thron, wie es sonst üblich war, sondern eine Frau, seine Mutter. Und dass das für Reich und Kirche ein außerordentlich guter Griff war, bestätigen die Geschichtsschreiber.
Die frühe Christenheit schon begnügte sich nicht nur mit der mentalen, mit der gedanklichen Gemeinschaft der Heiligen, sondern sie wollte auch ein Stück Himmel auf Erden sehen, sie wollten die Heiligen begreifen und erleben. Diese Sehnsucht, die Weggemeinschaft mit den Heiligen auch leibhaftig zu erleben, schenkte uns die Reliquien, die oft in kostbaren Behältnissen in den Kirchen und Kathedralen den Gottesdienstbesuchern deutlich machten, was in der heiligen Eucharistie geschieht, nämlich die Teilnahme an der himmlischen Liturgie, an der die Heiligen und die Engel Gottes in Anbetung vor dem Altar des geopferten Lammes stehen. Wir beten das in der Präfation jeder heiligen Messe. Darum singen wir mit allen Engeln und Heiligen das Lob seiner Herrlichkeit: „Heilig, heilig, heilig!“.
Nach der Überlieferung soll die hl. Helena die erste Kirche in Bonn über den Gräbern des hl. Cassius und Florentius gestiftet haben. Ihre Reliquien wurden in einem kostbaren Schrein im Laufe der Zeit geraubt, sodass auch die Verehrung der hl. Helena sehr zurückging.
Andere Reliquien der hl. Helena waren natürlich auch in die neue Kaiserstadt Trier übertragen worden und sind dort bis auf den heutigen Tag gegenwärtig. Bei der Heilig-Rock-Wallfahrt in diesem Jahr wurde uns vom Trierer Bischof auf Bitten des Bonner Münsterpfarrers eine Helena-Reliquie mitgegeben, die wir nun heute feierlich in das Bonner Münster hineintragen dürfen.
Das Bonner Münster kommt daher wieder zu seiner vergessenen ersten Liebe zurück: zur Verehrung der hl. Helena. Davon, dass sie hier nicht ganz vergessen war, gibt die berühmte Statue im Mittelgang des Münsters Zeugnis. Man kommt an der hl. Helena nicht vorbei. Und sie kann uns wirklich zum rechten Zugang zu Christus und zur Feier seiner Gegenwart in der heiligen Messe verhelfen.
2. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass von Anfang an, als das Christentum in das römische Reich hineinwuchs, eine heilige Frau, eine Mutter, mit zu den ersten Missionaren Europas und weit darüber hinaus gehört. Und es ist weiterhin staunenswert, dass Kaiser Konstantin sofort erfasst, dass zu einer tiefen Inkulturation des Evangeliums die Mutter, die Frau, an die erste Stelle gehört.
Man sagt mit Recht: Gott hat jedem Menschen die Seele unter dem Herzen seiner Mutter geschenkt. Darum ist die Mutter für das seelische Dasein des Menschen von so großer Wichtigkeit und Bedeutung.
Ich kenne den einen oder anderen Priester, den ich in meinen Tätigkeitsbereichen Erfurt, Berlin und Köln erlebt habe, der mit dem Tod seiner Mutter seine Beheimatung und Verwurzelung in Kirche und Welt verloren hat und dann auf Abwege gekommen ist.
Unsere Mütter sind uns Heimat und Geborgenheit in der Welt und im Himmel. Kein Mensch kommt ins Dasein ohne Mutter, sogar die Mutter Christi nicht, Maria. Sie hat ihre Mutter in der hl. Anna. Und selbst Jesus Christus hat auf alles verzichtet: auf Prestige, auf soziale Würde, Macht und Einfluss, nur auf eine Mutter nicht, nämlich auf Maria.
Gott wirkt bei der Schöpfung des Menschen mit Vater und Mutter zusammen, ganz besonders aber mit der Mutter. Die Mutter ist darum konkurrenzlos. Der Mutter und nicht dem Vater traut Gott zu, neun Monate lang sein Kind und sein heiliges Ebenbild unter ihrem Herzen zu tragen und zu hüten. Darum hat er den Schoß der Mutter als sichersten und behütetsten Ort für sein neues Geschöpf und für sein neues Abbild vorbehalten.
Ich frage: Wohin ist unsere Gesellschaft geraten, wenn inzwischen die ersten Lebensmonate eines Menschen die für ihn gefährlichsten und jährlich für über 100.000 Kinder in Deutschland die einzigen und letzten Lebensmonate ihres Lebens geworden sind? Der Mutterleib ist in dieser Kultur des Todes selbst zum Ort des Todes geworden.
Und Gott sei es geklagt, dass oft Frauen selbst für diesen Zustand die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bis in die Gegenwart hinein vorangetrieben und erkämpft haben. Ich brauche ja nicht über diese traurigen Ereignisse der letzten Jahrzehnte ausführlich zu reden.
Wir benötigen an erster Stelle wieder eine Kultur des Lebens! Dafür hat uns Gott die hl. Helena geschenkt, die in den ersten Jahrhunderten im Rheinland, Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder, alte Menschen und Kranke auf das Leben hin orientierte.
Mich berühren tief die Worte einer Mutter, die den Namen Elisabeth Stone trägt: „Die Entscheidung, ein Kind zu haben, ist von großer Tragweite. Denn man beschließt für alle Zeit, dass das eigene Herz außerhalb des eigenen Körpers herumläuft“.
3. Unseren Müttern verdanken wir, dass sie uns durch ihre Nähe besonders in den ersten Jahren eine solche Stabilität und Kraft des Herzens, des Charakters und des Gemütes schenken, die uns dann zu wirklich lebenstüchtigen Menschen macht.
Ich finde es schrecklich, dass man mit allen Argumenten versucht, die Kinder schon in ihren ersten Lebensjahren aus der Nähe der Mutter weg in Kinderkrippen und Kindergärten unterzubringen. In den ersten Jahren empfindet sich das Kind überhaupt noch nicht als ein selbständiges Wesen, als ein selbständiger Mensch, sondern es empfindet sich immer noch als Teil der mütterlichen Wirklichkeit. Erst, wenn das Kind eines Tages „Ich“ sagen kann, das geschieht wohl mit dem 3. Lebensjahr, ist sich das Kind bewusst geworden, ein eigenständiger, sich selbst verantworteter Mensch geworden zu sein.
Wird das Kleinkind zu früh von der Mutter entbunden oder getrennt, dann kann es Schaden an Seele und Herz erleiden. Das ist so, wie wenn man einer Blume die Sonne entzieht.
Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass in den letzten Jahren der DDR-Existenz das Chaos unter der Jugend so groß war, dass der sozialistische Starpädagoge und Psychologe der Partei der Ministerin für Erziehung und Familie, Frau Honecker, den guten Rat gegeben hat, sich in dieser Frage einmal ausnahmsweise an der Bibel zu orientieren, wo Kinderkrippen nur Provisorien sind, aber keine ständigen Einrichtungen.
Es könnte sein, dass unsere Gesellschaft dasselbe Unglück über unser Volk und seine Zukunft herabholt. Wenn Kinder zurzeit die größte Mangelware – wenn ich das einmal so sagen darf – unserer Gesellschaft sind, kann einem bange werden, welche Herausforderungen und Anforderungen in Zukunft auf sie zukommen werden. Wenn sie dann nicht durch seelische Stärke, durch eine kraftvolle Vitalität und einen standfesten Charakter geprägt sind, dann Gnade uns Gott!
Die ersten Lebensjahre eines Menschen sind von größter Bedeutung, und sie sind nie mehr nachzuholen. Die hl. Helena zu verehren, indem wir ihre Reliquie heute in unserem Bonner Münster wieder beheimaten, ist kein Akt der Nostalgie oder der Denkmalpflege, sondern das ist wie ein Lebensprogramm von hoher Wichtigkeit für die Sankt Martinsgemeinde am Bonner Münster, für unsere Stadt Bonn, für das Rheinland, für unser ganzes Volk.
Helena war es, die dem heidnischen römischen Reich nach dem Waffensieg ihres Sohnes den Menschen das Herz des Christentums nahebrachte, indem sie Kirchen gründete und besonders für die Armen, für die Kranken, für die Rechtlosen durch die Errichtung von Spitälern und Kinder- und Krankenhäusern sorgte.
Aus dieser Erfahrung meldete sich ja vor einigen Jahrzehnten der Rheinländer Heinrich Böll zu Wort, indem er sagt: „Ich würde die schlechteste christliche Lebensordnung allen noch so edel formulierten rein humanistischen Gesellschaftsformen vorziehen. Denn in einer christlichen gibt es immer noch Raum für die Mühseligen und Beladenen, für die Kranken, für die Sterbenden, für die Kinder und für alle, die im Leben zu kurz gekommen sind“.
Zum Zeichen dafür trägt die hl. Helena das Kreuz Christi in ihren Händen. Die kirchliche Überlieferung sagt, dass sie bei ihrer Wallfahrt ins Heilige Land auf dem Kalvarienberg das Kreuz Christi gefunden und aufgerichtet habe.
Das Kreuz ist das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Es verbindet vertikal Himmel und Erde, oben und unten, Gott und Mensch. Und es verbindet horizontal alle Menschen und sammelt sie vom Unendlichen rechts und links der Waagerechten an den Kreuzpunkt, an dem Gott aus dem Minus der Menschen sein Plus macht.
An dem Kreuzpunkt, an dem aus dem Minus das Plus wird, ist der bleibende Platz der hl. Helena. Sie ist die Frau mit den nach oben, zu Gott hin gefalteten Händen und mit den zu den Menschen ausgebreiteten Armen und gebenden Händen und mit dem offenen Herzen.
Helena ist eine Kreuzesfrau. In ihr hat das Evangelium Gestalt angenommen. Sie macht als solche eine gute Figur. Sie braucht keine Bewunderer, sie sucht Nachfolgerinnen und Nachfolger. Macht also als Bonnerin und Bonner eine gute Figur wie Helena! Wir heißen nicht nur Kinder Gottes und Schwestern und Brüder Christi, wir sind es! Lasst unsere Mitmenschen das erfahren! Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
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