
Wetzlar (kath.net/idea) Die Ehe gehört zu den politischen Ärgernissen, die sich entgegen aller Reform- und Erziehungsbemühungen unvermindert halten – so wie Fernreisen, die Liebe zum Fastfood und der Autowahn. Seit Jahren predigt man den Leuten, dass man auch ohne Trauschein glücklich sein kann, aber sie wollen einfach nicht hören. Im vergangenen Jahr sind 377.000 Paare vor den Traualtar gezogen, allen Einwänden und guten Argumenten zum Trotz.
Wenn man schon an die Gefühlsbasis nicht herankommt, die diese ungeliebte Institution so zählebig macht, dann sollten aus aufgeklärter Sicht wenigstens die ökonomischen Gründe entfallen. Als Versorgungsinstanz hat die Ehe schon länger an Bedeutung verloren: Wer nach den neuen Scheidungsgesetzen darauf setzt, dass es auch nach einer Trennung zu einem auskömmlichen Leben reicht, dem kann man nur beizeiten eine ausführliche Rechtsberatung empfehlen. Nun geht es an die steuerliche Privilegierung, die für diese Traditionseinheit zum Leidwesen der modernen Familienreformer bis heute gilt.
Verweigerung gilt schnell als Diskriminierung
Anlass für die neuerliche Debatte ist der Vorstoß, das sogenannte Ehegattensplitting auf homosexuelle Paare zu übertragen. Wer sich ein wenig im deutschen Sozialstaat auskennt, kann über diese Idee nicht wirklich überrascht sein. Weil die Verweigerung einer staatlichen Begünstigung schnell als Diskriminierung gilt, muss jede Wohltat, die einmal einer Gruppe zugestanden wurde, irgendwann auch allen anderen gewährt werden – selbst wenn diese die Kriterien, die dazu führten, dass es überhaupt zu einer staatlichen Intervention kam, in keiner Weise mehr erfüllen.
Nur 10 % haben keinen Nachwuchs
Ein Argument für die steuerliche Gleichstellung lautet, dass vom Ehegattensplitting auch viele heterosexuelle Paare profitieren würden, die nie Kinder in die Welt setzten und dies auch nicht vorhätten. Das stimmt zwar nur bedingt: Tatsächlich ist die Zahl kinderloser Ehen viel kleiner als vermutet. Von den verheirateten Frauen im Alter zwischen 35 und 49 Jahren – also der Gruppe, die ihren Kinderwunsch mutmaßlich, soweit möglich, realisiert hat – haben nur 10 % keinen Nachwuchs.
Um die Wahrheit geht es nicht
Aber um die statistisch begründete Wahrheit geht es gar nicht. Die Weitsichtigen unter den Advokaten der neuen Familie haben klar erkannt, dass man ein Privileg auch abschaffen kann, indem man es so weit ausdehnt, dass es seinen Sinn verliert. Der andere Weg, die vermutete Ungleichbehandlung abzustellen, bestünde darin, die Begünstigung samt ihrer Voraussetzung zu eliminieren. Die Jugendorganisation der „Grünen“ hat schon vor Jahren das Verbot der Ehe verlangt, um so der „unsäglichen Subventionierung heterosexueller Liebe durch das Ehegattensplitting“ Einhalt zu gebieten, wie es in der Begründung hieß. Wie alle radikalen Lösungen hätte auch diese den Vorzug, schnell, einfach und vor allem ungemein konsequent zu sein.
Der Autor, Jan Fleischhauer (Berlin), ist „Spiegel“-Autor. Im Frühjahr erschien bei rororo sein Buch „Der Schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten“.
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