
Jerusalem (kath.net) Gleichzeitig drückt die Ehe auch eine prophetische Realität aus: sie wird zum Träger einer Botschaft für die Welt als Zeichen der Liebe und Treue Gottes, trotz der Lieblosigkeit und Untreue der Menschen.
Das Zeugnis, das wir heute zu geben haben, ist nicht so sehr ein Zeugnis durch Worte, sondern durch eine gelebte Liebe: durch unser eheliches So sein bezeugen wir, dass Gott Liebe ist. Wir dürfen diese Liebe gegenwärtig und sichtbar machen inmitten einer oft gottfernen Menschheit.
So wie die Liebe Gottes treu ist und unwiderruflich, so gibt unsere Gemeinschaft als Ehepartner Zeugnis darüber, dass als Antwort auf die Großzügigkeit Gottes eine unwiderrufbare Liebe und Treue der Menschen mit der Gnade ihres Herrn möglich ist.
Deshalb braucht die Welt die verheirateten Paare, die liebevoll zueinander sind, um das zu bestätigen, was Jesus zu allen Christen sagt: „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch ist, und damit eure Freude vollkommen wird. Ich bin gekommen, dass ihr das Leben habt und es in Fülle habt“ (Joh 15,11, 10,10).
Damit die sakramentale Ehe ihre Zeichenhaftigkeit bewahrt, darf sie nicht langweilig und begeisterungslos sein, darf sie nicht bloß gut sein; sie muss sich als attraktiv erweisen. Nichts wird die positive Reaktion und Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen, als uns als ein Paar zu sehen, das mit den Jahren weiter wächst und seine Liebe füreinander vermehrt.
In der ehelichen Liebe von Mann und Frau, die Anteil hat an der Liebe Christi zu seiner Ekklesia, geschieht Selbstverwirklichung der Kirche. Als Ehepartner bringen wir nicht nur die mystische Realität Christus – Kirche zur Darstellung, wir dürfen diese Einheit in unserem Ehebund durch den Pakt der Liebe zu einem sakramentalen Zeichen werden lassen: in der Begegnung der Geschlechter, in unserem Leben der Solidarität füreinander, in unserem gegenseitigen Austausch als Dialog der Liebe, alles steht in der Funktion dieses heiligen Zeichens.
Alle sichtbaren Gesten des Einander-mögens werden zur Bildersprache der Liebe Christi zu seiner Kirche, sie symbolisieren seine Hingabe an sie. So vereint Christus gerade durch unsere eheliche Liebe seine Kirche mit sich.
Die eheliche Gemeinschaft wird zur „Hauskirche“. Damit die „Welt“ sagen kann: wenn dieser Mann so sehr seine Frau liebt, um wie viel mehr muss Christus seine Kirche lieben. So werden wir beide zu einem aufgerichteten Zeichen, zu einem Beweis für die Gegenwart Christi in seiner Kirche.
Nach dem Lebensstil von uns Ehepaaren erfährt die Kirche ihr eigenes Selbstverständnis:
Erfüllen wir beide nur täglich unsere Pflichten und geben uns damit zufrieden, dann erlebt sich auch die Kirche als eine Gruppe pflichtbewusster Menschen, die ihre Verantwortung mehr oder weniger treu ausführen, unter denen aber nichts Aufregendes passiert.
Sind wir Ehepaare ohne Leben, dann wird auch die Kirche wenig Interesse an neuem Leben haben. Halten wir nicht viel von gegenseitiger Treue, dann werden wir auch eine Kirche haben, die den anderen fallen lässt und ihn abweist.
Wenn sich in unserer Ehe Machtkämpfe abspielen, wenn es darum geht, wer das Sagen hat, dann werden wir eine Kirche erleben, in der es um Kompetenzen und Zuständigkeiten geht.
Wenn wir Ehemänner uns an der Liebe orientieren, ohne nach Leistung und Profit zu fragen, dann machen wir deutlich, was unsere Berufung bedeutet: unsere Frauen so zu behandeln wie es Christus der Kirche gegenüber tut.
Wenn wir Ehefrauen in erster Linie am Verständnis für den anderen interessiert sind, dann wird auch in der Kirche mehr Verständnis aufkommen, anstatt nur Recht haben zu wollen; denn in der Ehe wissen wir aus der täglichen Erfahrung, dass Rechthaberei die Liebe tötet.
Als Ehepartner mögen wir uns vielleicht manchmal missverstehen oder einander enttäuschen, aber der wesentlichste Punkt unserer Berufung ist die liebende Beziehung zueinander, so wie Christus die Kirche geliebt hat.
Wenn wir ein Leben der immer wieder neuen Vergebung führen, dann wird diese Dimension des liebenden Verzeihens im Sinne eines „Evangeliums der Familie“ auch zu einer Erfahrung der Kirche.
Und damit werden wir zu Trägern einer Botschaft des Lebens und der Liebe inmitten einer Welt, die vom Konsumdenken, von Gewalt und Hass geprägt ist. Indem wir uns gegen den breiten Strom der Masse wenden, geben wir das gelebte Evangelium den nachfolgenden Generationen weiter.
Wenn wir Ehepartner unsererseits an Liebe orientiert sind, statt um Leistung zu kreisen, dann kann das „The Way of Life“ der „Welt von morgen“ werden, den wir heute schon durch unser Leben darstellen.
Wenn das Ganze unseres Miteinanders größer ist als die Summe unserer beiden Einzelpersonen, dann wird auch das Ganze der Kirche größer sein als alle Kirchenmitglieder zusammengenommen.
In den Jahreszeiten der Ehe gibt es Stunden der Zärtlichkeiten, Zeiten der Krisen und der Konflikte, des Schenkens und der Treue. Aber immer ist es der liebende Blick Christi zu seiner Kirche, der auch die Wogen eines aufgewühlten Meeres zu beruhigen vermag. Seine Barmherzigkeit folgt den manchmal so unsicheren Schritten.
Das Alltägliche verliert im Hinblick auf die Gegenwart Christi seine Banalität. In ihm liegt schon der Keim der Erfüllung. Indem wir uns ganz einander in der Gegenwart schenken, bezeugen wir die Gegenwart des lebendigen Gottes, der sein Zelt unter den Menschen aufgeschlagen hat: in jedem liebenden Herzen, im Schmerz und in der Freude.
Wann immer wir uns in der Ehe aufs Engste miteinander verbinden, erfahren wir das Heilsgeschenk Gottes. Der unendliche Reichtum des lebendigen Gottes lebt in der Zerbrechlichkeit des menschlichen Seins.
So dürfen wir Ehepartner im Bewusstsein des Glaubens sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20), weil diese Liebe zwischen Mann und Frau auf der Hoffnung in Christus begründet ist. Sie wird zu einem Begegnungspunkt der Hoffnung für die ganze Menschheit. In der Ehe nimmt die Erneuerung der Gesellschaft ihren Ausgangspunkt.
Karl-Heinz Fleckenstein
Verliebt wie am ersten Tag
Lebenslange Garantie für eine glückliche Ehe
Vindobonaverlag 2012
148 Seiten
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