
Essen (kath.net/KNA) Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland wird nach Ansicht des Berliner Theologieprofessors Rolf Schieder in den kommenden zwei Jahrzehnten weiter zunehmen. Derzeit gehörten noch 60 Prozent der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an, sagte der evangelische Theologe am Dienstag dem Essener Internetmagazin «sinnstiftermag». «Man muss damit rechnen, dass die Quote in den nächsten 20 Jahren auf 50 Prozent gesunken sein wird.» Im Schnitt kehrten pro Jahr 250.000 Menschen ihrer Kirche den Rücken.
Als Gründe für einen Kirchenaustritt nannte Schieder vor allem finanzielle Erwägungen. «Wer acht zusätzliche Prozentpunkte auf seine Einkommenssteuerlast sparen will, der kann das mit seiner Austrittserklärung sehr leicht tun.» Deshalb neigten vor allem Berufsanfänger zwischen 25 und 35 Jahren zu diesem Schritt. «In den ersten fünf Berufsjahren ist das Kirchenaustrittsrisiko sechsmal höher als im späteren Berufsleben», so Schieder. Allerdings habe seit einiger Zeit die Unzufriedenheit mit der Institution oder einzelnen Amtsträgern die finanziellen Motive als Austrittsgrund auf den zweiten Platz verdrängt.
Vor allem das Schrumpfen der Mittelschicht sei für die Kirchen langfristig bedrohlich, weil sie in diesem Milieu am besten verankert sei, führte der Theologe aus. Vielfach hätten die Deutschen inzwischen zur Kirche ein ähnliches Verhältnis wie zur Feuerwehr: «Es soll sie für die Notfälle des Lebens auf jeden Fall geben - aber wer will die Feuerwehr schon jede Woche im Haus haben?» Vor allem an den Wendepunkten der eigenen Lebensgeschichte wie etwa Taufe, Heirat oder Tod, aber auch bei Verbrechen oder Naturkatastrophen sei kirchlicher Beistand nach wie vor gefragt.
Als «beste Werbung für die Kirchen» bezeichnete Schieder eine qualitativ hochwertige Arbeit bei Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht und Diakonie. «Je mehr die Menschen von der Qualität der kirchlichen Bemühungen überzeugt sind, umso mehr sind sie bereit, die Kirchen durch finanzielle Opfer zu unterstützen.» Die «Verbetriebswirtschaftlichung» von Kirche halte er hingegen für einen falschen Weg, so Schieder, der an der Berliner Humboldt-Universität Praktische Theologie lehrt. «Die Kirche ist kein Unternehmen, und die Christen sind keine Kunden.»
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