
Wien (kath.net)
Prof. Anton Zeilinger aus Wien ist sicherlich einer der spannendsten Naturwissenschaftler unserer Zeit. Seine Interviews sind erfrischend, denn man merkt: hier spricht nicht nur ein Forscher seines Faches, sondern ein Denker, welcher über sein Mikroskop hinausschaut in die große weite Welt. Wissenschaft und Weisheit scheinen sich hier in einem Denken zu verbinden. Das führt zu teilweisen genialen Aussagen und goldrichtigen Ansätzen, und man fühlt sich im positiven Sinne in die Welt der alten, klassischen Physiker mitgenommen, welche Physik und Metaphysika noch zusammenzudenken versuchten.
Man spürt ein Ringen um Wahrheit, nicht nur um naturwissenschaftliche Einzelerkenntnisse. Einer der genialsten Aussagen (und welcher seiner Kollegen würde sich das mit solch einer Selbstverständlichkeit und Abgeklärtheit zu sagen trauen?) welche daraus resultieren ist sicherlich: „Unser System ist verkehrt, weil man in einem gewissen Alter in Pension geschickt wird. Das ist ein Blödsinn.“.
Absolut richtig – für die Naturwissenschaft, als auch für die Kirche. Das wäre jedoch ein eigenes lohnendes Thema, uns soll es an dieser Stelle um etwas anderes gehen: den Dialog der Glaubenswissenschaft mit der Naturwissenschaft. Mit Prof. Zeilinger ist das sicher möglich, weil man auf einen geöffneten Geist trifft, welcher vor allem die unüberschreitbare Grenze des eigenen Forschungsgegenstandes mit großem Realismus als Gegebenheit und Faktum anerkennt.
Das jüngste Interview von Prof. Zeilinger ist gerade dabei, einige Diskussion auszulösen. Während die einen die große Offenheit bewundern, Gott und die Übernatur generell naturwissenschaftlich mitzudenken, stoßen sich andere an manchen Aussagen und sehen diese, ganz im Gegenteil zu den Bewunderern, als einen Angriff auf den Glauben.
Es mag stimmen, daß es darin Aussagen gibt, welche bei einem Theologen Stirnrunzeln und hüsteln hervorruft, sich aber auch relativ leicht als Mißverständnis aufklären lassen – und dann die selbstkritische Frage, woran es in der kirchlichen Verkündigung der letzten Jahrzehnte gescheiter ist, daß sie anscheinend nicht ausreichend imstande war, fundamentale und grundlegende Glaubensaussagen recht zu vermitteln.
Gott ist aus seiner Schöpfung erkennbar, aber nicht aus einem Einzelding entdeckbar
Wenden wir uns aber den Mißverständnissen zu, welche offensichtlich hinsichtlich mancher Aussage entstanden sind. Im Wesentlichen sind es unterschiedlich verwendete Begriffe, welche zu diesen geführt haben. Einer der Sätze des Interviews, welcher dazu führte, war etwa:
„Den lieben Gott kann man nicht entdecken. Das ist eine Frage des Glaubens und nicht des Wissens. Ich kenne ein paar Leute, besonders aus konservativen kirchlichen Kreisen, die meinen, man könnte Gott nachweisen. Das wäre aber das Ende der Religion. Dann wäre das In-die-Kirche-Gehen nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern des beinharten Kalküls.“
Glaube und Wissen wird hier in Gegensatz zueinander gesetzt: Wissen steht für sichere Erkenntnis, Glaube für vermutete Erkenntnis, also für „Probabilität“. Tatsächlich gibt es diesen Begrifflichen Gegensatz, weil „Glaube“ ein äquivoker Begriff ist, d.h. ein „Vokabel“, wenn man so will, welches mehrere unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Hier ist dieser Gegensatz jedoch nicht korrekt angewandt, worauf noch sprechen zu kommen sein wird.
“Entdecken” ist in Folge des hier verwendeten Glaubensbegriffes also zwar im Sinne der naturwissenschaftlichen Entdeckung verstanden (wobei auch beachtet werden muß, daß „erkennen“ und „entdecken“ zwei unterschiedliche Dinge sind), jedoch wird dennoch nicht die generelle Unerkennbarkeit Gottes postuliert. Diesem Aspekt (nicht aber der Gegenüberstellung von Glaube und Wissen) ist absolut zuzustimmen, denn Gott kann zwar aus der Natur durch die menschliche Vernunft erkannt werden, gleichsam in der vernünftigen Zusammenschau vieler einzelner Teilfaktoren, aber ich kann Gott nicht naturwissenschaftlich beweisen oder ihn im naturwissenschaftlichen Sinne „entdecken“ wie ich ein Naturgesetz oder ein Elementarteilchen entdecken kann, da die Erkenntnis Gottes aus den physischen Dingen der Welt (der „Natur“ bzw. „Schöpfung“) nur durch einen logischen Vernunftschluß erschlossen werden kann, aber nicht in einer konkreten Sache der Natur festgemacht werden kann.
Gott ist nämlich kein Teil der Natur, d.h. er ist selbst kein Teil seiner Schöpfung, deshalb kann man auch nicht an einem konkreten „Teil“ dieser Natur, etwa einer physikalischen Konstante oder einem chemischen Gesetz oder einem Elemantarteilchen, Gott festmachen. Sehr wohl aber kann man aus der Erkenntnis der Zusammenwirkung der einzelnen Naturgegebenheiten einen personalen und vernünftigen Schöpfer dieser Dinge „erkennen“, wobei auch hier auf den Unterschied naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Erkennens zu verweisen ist: beides liefert uns wirkliche Erkenntnis, also Wissen, wenngleich sie in Inhalt wie auch in der Art ihrer Erlangung voneinander verschieden sind.
An diesem Punkt ist festzuhalten, daß die Gotteserkenntnis, welche auf Grund der natürlichen Vernunft im Schluß aus den natürlichen, geschaffenen Dingen erlangt wird, nur eine sehr allgemeine ist, d.h. wiewohl ich die Existenz Gottes aus der Schöpfung zu erkennen vermag, kann ich nur sehr allgemeine und vage Eigenschaften Gottes daraus ableiten, nicht aber Dinge wie etwa die Dreifaltigkeit Gottes oder Ähnliches. Beinahe alles, was wir über Gott wissen, ist uns nur möglich, weil Gott dieses Wissen dem Menschen in seiner Selbstoffenbarung, welche in Jesus Christus ihren Höhepunkt gefunden hat, zugänglich gemacht hat. Die Existenz Gottes als solche ist jedoch mit Hilfe der natürlichen, menschlichen Vernunft erkennbar, nicht aber im naturwissenschaftlichen Sinne beweisbar – was jedoch nicht bedeutet, daß nur naturwissenschaftliche Schlüsse und Beweise zu sicherem Wissen führen können, da ja auch die unterschiedlichen Erkenntnisbereiche inhaltliche Differenzen zueinander aufweisen.
Kirche bzw. Religion wird also mit „Vermuten“ in Verbindung gebracht. Das Nicht-Wissen, so Zeilinger, ist gleichsam ihre Vorbedingung, sie besteht auf Grund des nicht-wissenden Vermutens. Diese Bedingung ihrer Existenz ist dabei derart stark ausgeprägt, daß die Religion (bzw. Kirche) in sich zusammenfallen würde, d.h. zu existieren aufhören würde, wenn sie plötzlich Wissen wäre, so der Physiker.
Die Äquivozität des Glaubensbegriffes
An dieser Stelle ist auf die bereits angedeutete Äquivozität des Begriffes „Glauben“ näher einzugehen. „Äquivok“ ist ein Begriff dann, wenn dasselbe Vokabel unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Als Beispiel zum besseren Verständnis kann das Wort „Bank“ dienen: Es kann eine Sitzgelegenheit meinen, ein Geldinstitut oder ein Ordnungssystem, wie etwa eine Datenbank, eine Blutbank etc. Es bedarf weiterer Faktoren, wie etwa der Grammatik, des Kontextes, der Syntax oder Ähnlichem, um im konkreten Satz die gemeinte Bedeutung feststellen zu können. Auch „Glaube“ oder „glauben“ ist ein solch äquivoker Begriff, welcher je nach Verwendung unterschiedliche Bedeutungen haben kann.
Eine Bedeutung ist tatsächlich jene, welche Prof. Zeilinger verwendet: der Ausdruck von Nicht-Wissen, Unsicherheit, Probabilität. Für gewöhnlich wird diesem Begriff von Glauben jedoch ein „daß“ nachgestellt (bzw. dieses umschrieben): „Ich glaube, daß er ein schwarzes Hemd trug“ sagt aus, daß der Sprecher dieses Satzes hinsichtlich der Farbe des Hemdes, oder aber hinsichtlich der Art des schwarzen Kleidungsstückes (hier kommt es auf die Betonung an), unsicher ist, es also nicht genau weiß. In diesem Sinne wäre auch der Satz zu verstehen: „Ich glaube, daß es Gott gibt“. Der Sprecher dieses Satzes kann damit zweierlei zum Ausdruck bringen: entweder, wie im ebengenannten Beispiel, eine Unsicherheit hinsichtlich der Existenz Gottes, oder aber er will seinem Meinen Nachdruck verleihen, was etwas unterschiedlich davon ist, aber noch immer nicht adäquat die Gewißheit ausdrückt.
Gerade bei diesem Beispiel des „Glaubens“ müssen wir im übrigen sehr oft einkalkulieren, daß es auch von überzeugten Katholiken oft falsch verwendet wird, bzw. formal anders verwendet als es tatsächlich gemeint ist. (Es gilt jedoch immer das hermeneutische Gesetz: „verba valent usu“, d.h. es sind die Wörter immer ihrem tatsächlichen Gebrauch nach zu verstehen).
Treffen ein Atheist und ein überzeugter Katholik aufeinander, do könnte es sein, daß erster sagt: „Gott existiert nicht!“, und der Katholik antwortet: „ich aber (im Gegensatz zu dir) glaube daß es ihn gibt!“, wobei er aber meint und sagen möchte: „ich glaube an Gott!“
Hierbei sind wir auch schon bei dem zweiten Begriff von „Glauben“ angelangt, nämlich dem Glauben als Wissen. Diese Art von Glauben besagt, daß eine Person um eine Sache weiß, weil sie sich eine erkannte Wahrheit willentlich zu eigen gemacht hat. Diese Art von Wissenserwerb gründet in der persönlichen Prüfung einer Fremdeinsicht mit dem abschließenden Urteil, daß diese Fremdeinsicht auch wahr ist. Dadurch wird die Fremdeinsicht zur Eigeneinsicht. Voraussetzung dafür ist, daß man sich der Erkenntnis nicht verwehrt: man kann sich auch bis zu einem bestimmten Maße weigern, eine evidente Sache anzuerkennen und zu „glauben“. Dieser Art von Wissenserwerb appelliert an die menschliche Vernunft – und diese ist unser „geistiges Organ“, mit Hilfe dessen wir uns in der großen Welt der verschiedenen Informationen zurechtzufinden suchen, egal welcher Art die Informationen auch sein mögen. Am Ende steht immer die Vernunft welche letztlich entscheidet, welche Einsichten ich mir wirklich aneigne und mir „gewiß“ werden lasse.
Die Vernunft, welche den gesamten ihr zur Verfügung stehenden Raum überblickt, ist in der Lage zu entscheiden, welche Informationen „glaubwürdig“ sind und mir damit zur Gewißheit werden, und welche nicht. Dadurch ist eine der möglichen Bedeutungen des Glaubens auch die Gewißheit, wobei der Begriff als solcher speziell im Bereich des religiösen gebraucht wird, aber ebensogut anders umschrieben werden könnte, etwa mit „ich bin mir der Existenz Gottes/der Gottessohnschaft Jesu/der Wirkung des Beichtsakramentes/etc. gewiß“. Nur sind wir eben gewohnt, dies mit den Worten „ich glaube an Gott/die Beichte/…“ (und nicht daß!) zu formulieren. (Wie gesagt: wir sind gewohnt es so zu formulieren, auch wenn dies eigentlich nochmals unterscheiden werden müßte, was an dieser Stelle aber zu weit führt; es wäre der Unterschied des „credere in“ und „credere + Akk“ welcher hier nochmals zu differenzieren wäre).
Die mittelbare Fremdeinsicht (etwa die Offenbarung Gottes, welche in der Heiligen Schrift festgehalten ist) wird durch eine objektive Erkenntnis (die Wissenserlangung um eine Tatsache), welche dann durch die menschliche Vernunft geprüft wird, zur subjektiven Erkenntnis, indem der Wille das Fürwahrhalten dieser Erkenntnis zuläßt und somit zur Eigeneinsicht werden läßt (der Glaube / die Glaubensgewißheit). Glaube ist daher also auch im Sinne des Wissens um eine Wahrheit zu verstehen. Die Gewißheit des Glaubens ergibt sich also daraus, daß eine certitudo obiectiva, d.h. eine Tatsächlichkeit bzw. Wahrheit, zur Kenntnis gelangt, durch den Verstand die Kenntnis des Sachverhaltes als wahr erkannt wird, und mit Hilfe des freien Willens dieser Erkenntnis zugestimmt wird, womit sie zur certitudo subiectiva wird, was bedeutet, daß man einen Irrtum des Urteiles ausschließt.
Diesen Begriff des Glaubens hat das oben genannte Zitat von vorne herein nicht im Blick, worin die nicht ganz korrekte Anwendung beruht, auf welche wir hiermit zurückgekommen sind. Unter der Prämisse des erstgenannten Begriffes von „glauben“ kann man der Aussage Zeilingers also durchaus zustimmen wenn er sagt, den lieben Gott könne man nicht „entdecken“. Nicht zustimmen kann man ihm hingegen, wenn er einen Gegensatz von Glauben und Wissen aufbaut, da der „Glaube“ (und damit Religion und Kirche) sehr wohl dem „Wissen“ zuzuordnen ist, und nicht dem „Meinen“, der „Unsicherheit“ oder der „Probabilität“. Daß Zeilinger nur diesen einen Begriff von „Glaube“ im Sinn hat, zeigt auch folgende Aussage: „Na ja, auch Frau Schröder muss einiges in ihrer Wissenschaft glauben, wie eben die Gültigkeit der Naturgesetze. Die kann man nie beweisen, höchstens widerlegen. Und Atheist sein heißt ja auch glauben – eben daran, dass es keinen Gott gibt. Auch das ist keine beweisbare Position.“
Unter Berücksichtigung der Äquivozität des Glaubensbegriffes würde auch diese Aussage zu modifizieren sein, wenngleich es aber höchst ungerecht wäre, auf Grund dieses Zitates die Naturwissenschaft und ihre Vertreter/dessen Autor gleich als Feinde des Glaubens abzutun, weil hier ein Mißverständnis in der Begrifflichkeit zugrunde liegt, aber keine Leugnung desselben. Einem aufrichtigen Denker wie Zeilinger ist es vielmehr zuzutrauen, daß er, hätte er diese Unterscheidung des Glaubensbegriffes vor Augen gehabt, anders geantwortet hätte.
Was ist in der kirchlichen Glaubensunterweisung schiefgelaufen?
Viel mehr gibt dieses Beispiel eines sicherlich hoch gebildeten, dem Glauben in vorbildhafter Weise eindeutig aufgeschlossenen Wissenschaftlers, der noch dazu eindeutig nach Wahrheitserkenntnis strebt und darüber hinaus nicht in der eigenen Disziplin steckenbleibt, sondern doch endlich wieder als ein Vertreter einer „philosophischen Physik“ gelten kann wie sie eigentlich wünschenswert wäre, da es einem jeden Forscher ja darum gehen sollte, die Wirklichkeit –bei aller Unerreichbarkeit- aber doch auch möglichst vollumfänglich zu erfassen, Anlaß zu einer selbstkritischen Frage, was in der Glaubensunterweisung der Kirche in den letzten Jahrzehnten schiefgelaufen ist, daß sie es anscheinend nicht schafft, ihre eigenen, fundamentalen Grundbegriffe hinreichend darzulegen, so daß sie so etwas wie „Allgemeingut“ werden.
Eigentlich müßte es doch in einem Informationszeitalter, in welchem man viel Information schnell und gebündelt vermitteln kann, möglich sein, ihre wesentlichen Überzeugungen und Begriffe so zu verbreiten und vermitteln, daß sie jeder zumindest kennt, zunächst noch unabhängig davon ob er sie teilt oder nicht.
Vielleicht sollte man daher auch einmal dahingehend überlegen, ob man nicht von den ewigen Themen „Strukturdebatte, Wiederverheiratetenkommunion, Zölibat, Frauen“ etc. endlich wegkommen sollte, um sich wieder mehr den eigentlichen Themen der Kirche, nämlich jenen des Glaubens, zu widmen, damit das Wesentliche des Glaubensgutes wieder mehr und mehr zur Allgemeinbildung wird, und nicht immer mehr zum theologischen Geheimwissen.
Und genau darin wäre eigentlich der Auftrag gelegen, welchen sich das letzte Konzil selbst auferlegt hatte - Wie es scheint, wäre es bitter nötig, diese Aufgabe nach beinahe fünfzig Jahren endlich anzugehen. Denn ein aufrichtiger, nach Wahrheit strebender Dialog zwischen Natur- und Gotteswissenschaft, oder, um es etwas pointierter zu formulieren, zwischen Schöpfungs- und Schöpferwissenschaft wäre gerade in der heutigen Zeit ein hochspannendes Unterfangen, erst recht mit Wissenschaftlern und Denkern wie Zeilinger.
Michael Gurtner ist katholischer Theologe aus der Erzdiözese Salzburg
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