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Pilot in letzter Entscheidung

1. August 2012 in Buchtipp, 1 Lesermeinung
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Spannende Geschichten, die das Leben schrieb – wahr, tiefgründig, teils schmerzvoll, wobei jedoch Hass und Ablehnung nicht das letzte Wort haben – Jeden Mittwochabend im August eine Leseprobe aus den neuen Büchern von Karl-Heinz Fleckenstein


Jerusalem (kath.net) Die besten Geschichten schreibt noch immer das Leben selbst. Die Erzählungen dieses Buches haben einen wahren Hintergrund. Sie schließen nicht unbedingt mit einem Happy End ab und sprechen manchmal von Angst, Schmerz und Enttäuschung, wobei jedoch Hass und Ablehnung nicht das letzte Wort haben: Verzeihen und Barmherzigkeit sind größer als alles menschliche Versagen.

Etwa die Geschichte von der „Olivenzweig-Revolution“ in einem südamerikanischen Land, wo trotz menschenverachtender Diktatur neue Hoffnung wie eine Blume zwischen den Rissen des harten Asphalts zu sprießen begann. Der Leser wird in das Geschehen mit hinein genommen und steht auch zwischen den Fronten im Nerven zermürbenden Stellungskrieg des Jahres 1916 bei Verdun. Dabei erlebt er ein Osterfest der Feinde, das fast dem Ersten Weltkrieg ein Ende gesetzt hätte.

Manche Erzählungen sind abenteuerlich wie die „Zeitreise im Paulus-Lab“, und manche spiegeln spirituelle Erfahrung wider in der Erkenntnis, dass wahre Erfüllung im Leben nicht so sehr in Nehmen, sondern in Schenken beruht. Spannungsgeladene 15 Geschichten, die gerade wegen ihrer Mischung von Erzählung, Erinnerung, Gespräch und hintergründigen Gedanken so reizvoll sind, dass man eigentlich noch mehr davon haben möchte.

Der Autor Karl-Heinz Fleckenstein ist katholischer Schriftsteller, Theologe, Archäologe und Reiseleiter durch das Heilige Land und lebt mit seiner Familie in Jerusalem. Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht kath.net hier eine der Geschichten als Leseprobe.


PILOT IN LETZTER ENTSCHEIDUNG

Militärfliegerhorst Memminger Berg.
7. Februar 1973, 8. 00 Uhr.

„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie du reagieren würdest, wenn deine Maschine in fünftausend Metern ‚krank’ wird?“ stellt Oberleutnant Kurt Stehli in der Offiziersmesse seinem Fliegerkollegen Johannes Schiller die brenzlige Frage. „Den Doktor rufen“, gibt dieser schlagfertig zurück.


„Spaß beiseite. Ich würde auf jeden Fall mit dem Schleudersitz aussteigen. Das Menschenleben ist mir doch tausend mal wertvoller als die teuerste Maschine.“ „Hoffen wir, dass wir nie in eine solche Entscheidung getrieben werden“, meint Kurt nachdenklich.

„Auch wenn schon so viele Starfighter abgestürzt sind. Trotzdem macht dieser Teufel seinem Namen alle Ehre: Sternenkämpfer. Rakete und Flugzeug in einem. Einfach klasse.“ Johannes verzieht seine Mund zu einem schiefen Lächeln. „Aber du musst sie behandeln wie eine Primadonna. Sie ist superempfindlich. Dafür aber genial.“

Der siebenundzwanzigjährige Kampfpilot schaut auf seine Armbanduhr. „Oberstleutnant Müller erwartet uns auf der Rollbahn. In einer halben Stunde startet unser Übungsflug Memmingen – Ingolstadt-Memmingen.“

Memminger Berg, auf dem Rollfeld,
8.15 Uhr

Der Flugplatz wirkt durch den leichten Neuschnee wie mit Puderzucker bestreut. Gerade hebt sich mit donnerndem Getöse einen F-104-G von der Rollbahn. In voller Fliegerkombination eilt Schiller zu seinem bereit stehenden Starfighter. Staffelkapitän Müller steht am Rande der Piste mit verschränkten Armen.

„Eigentlich bin ich stolz darauf, dass ich zu meinen Flugzeugführern so ein gutes, kameradschaftliches Verhältnis habe“, denkt er bei sich. „Das oft über die rein dienstliche Beziehung weit hinaus geht. Ich weiß, meine Jungs gehen füreinander und auch für mich, wenn es sein muss, durch dick und dünn“.

Jetzt trifft sich sein Blick mit dem von Schiller. Sie halten beide verschwörerisch den Daumen nach oben. Das typische Zeichen für „Hals- und Beinbruch“. „Komisch, diese verballhornte Form aus dem Jiddischen“, philosophiert Müller weiter. „Habaim ha brachim – Segen den Kommenden. Und sie brauchen schon den Segen, meine Jungs. Damit sie mit ihren Mühlen alle heil wieder zurückkommen.“

Dann macht der Staffelkapitän eine unwirsche Handbewegung, als wolle er eine lästige Fliege aus seinen Gedanken verscheuchen. „Auf geht’s zu den letzten Vorbereitungen für den Flug!“

Rückflug in Richtung Heimatfluglatz,
10. 03 Uhr

3000 m Höhe. Weit über den Wolken. Dicht neben Schiller Hauptmann Wittstock. Ein Knacken im Kopfhörer. Dann die ruhige Stimme von Johannes: „Schwierigkeiten mit den Triebwerken. Ich schalte das Notsystem ein. Gleiche damit den Schubverlust aus. Fehler kompensiert. Alles in Ordnung.“

Die beiden Jagdbomber werden vom Großradar München an den Radar auf dem Memmingerberg übergeben. Schon setzen sie zur Landelandung an. Funkverkehr ans Bodenpersonal: „Schillers Maschine ist „krank.“ Routinegemäß eilen Rettungsmannschaften herbei. Man muss für alle Fälle gerüstet sein.

Landeanflug, 10. 25 Uhr

Hauptmann Wittstock schüttelt in seiner Flugzeugkanzel ungläubig den Kopf. „Was ist los? Warum bricht Schillers F-104-G von der Fläche weg? Mensch, Johannes, was ist los mit dir?“ Jetzt atmosphärische Geräusche im Kopfhörer. „Hier Fliegerhorst Memmingerberg. Unser Radarschirm sieht Schillers Maschine nicht mehr.“

In der Ortschaft Unterkammlach,
10. 32 Uhr

„Um Himmelswillen. Oh mein Gott! … „Ein Flugzeug rast auf unser Dorf zu“, schreit die Bäuerin Berta Fuchs voller Verzweiflung, als sie gerade im Hof die Hühner füttert. Ihr Mann August bekreuzt sich: „Der Himmel steh uns bei!“

Oberleutnant Schiller im Cockpit,
10. 33 Uhr

„Die Triebwerke streiken doch. Immer mehr Schubverlust. Noch kann ich aussteigen. Meine eigene Haut retten. Ich habe alles Recht dazu. Aber unter mir das Dorf. Der Bahnneigungsflug zielt genau dort hin. Da sind Häuser, eine Schule. Kinder tollen auf dem Pausenplatz herum. Aussteigen oder nicht?! Ich versuche hochzuziehen. Es klappt nicht. Also aussteigen! Jetzt oder nie! Hände weg vom Steuerknüppel. Auslösemechanismus betätigen. Schlaufe ziehen. Schuss für den Schleudersitz. Herauskatapultieren. Eine Zehntelsekunde. Entscheidend für meine Rettung. Ich kann es nicht. Die Zeit ist verbraucht. Schluss. Steuerknüppel hochziehen.“

Eine Reflexbewegung. Johannes handelt instinktiv. Aus der Motorik des Augenblicks heraus. An der Spitze seiner Lebenspyramide. Im letzten Augenblick reißt er das Flugzeug nochmals hoch. Die gefährliche Bahnneigung ist gebrochen. Wenige Augenblicke später bohrt sich der Starfighter mit einer Geschwindigkeit von 450 Stundenkilometern in den frostigen Waldboden. Knapp einen Kilometer hinter der Dorfgrenze.

Fliegerhorst Memmingerberg,
10. 45 Uhr

Bange Minuten. Ein Anruf der Polizei. Schillers Kameraden suchen nach dem Fallschirm. Nach dem Schleudersitz. Immer noch banges Hoffen. Sie erinnern sich an andere Fälle, wo schließlich der strahlende Pilot neben der zerschellten Maschine stand. Das letzte Klammern an einen Strohhalm. Doch bald machen die harten Fakten jede Illusion zunichte.

Die Bewohner der Gemeinde eilen voller Entsetzen zur Absturzstelle. Die Bäuerin Berta Fuchs sagt es laut, was jetzt alle denken: „Oberleutnant Schiller hat unser Dorf vor der Vernichtung gerettet und starb dafür selbst.“

***

Karl-Heinz Fleckenstein
Pilot in letzter Entscheidung
Geschichten, die das Leben schrieb
Vindobonaverlag 2012
180 Seiten
18,90 Euro

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Lesermeinungen

 rosenberg 2. August 2012 

Ehre seinem Andenken.

Alles richtig bis auf das Datum. Am 1.Februar 1973 kam Oberleutnant Johannes Schiller vom Jagdbombergeschwader 34 „Allgäu“ beim Absturz seines „Starfighter“ F-104G, Werknummer:8150, Kennung: 24 -10, ums Leben. Der Absturzort war Unterkammlach. Die Absturzursache war eine offene Schubdüse, also ein Technisches Versagen des dafür berüchtigten Kampfjets. Der nach dem Ausfall des Nachbrenners auftretende extreme Schubverlust wegen der noch offenen Schubdüse, war hier wie in so vielen Fällen, die Absturzursache des nur Einstrahligen Starfighters. Da der Querschnitt der offenen Nachbrennerdüse für den Luftdurchsatz im Normalbetrieb zu groß war, sank der Schub schnell auf zu geringe Werte, so dass ein Strömungsabriss erfolgte, der nicht mehr beherrschbar war.
Das Schicksal des Johannes Schiller steht beispielhaft für viele Zivile und Militärische Flieger aus allen Nationen, die ihr Leben opferten, um andere Menschen vor dem sicheren Tod oder schweren Leiden zu bewahren. Ehre seinem Andenke


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