01 August 2012, 11:24
Vertrauen – und Mut zum Christsein
 
Hildegard13
 
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Der slowenische Dogmatiker Anton Štrukelj macht in diesem 'Best of Benedikt' die Kraftquellen des Schiffes Christi wieder sichtbar. Eine Buchbesprechung von Peter Seewald.

Rom (kath.net) Als Joseph Ratzinger als knapp Vierzigjähriger seine „Einführung in das Christentum“ vorlegte und das Evangelium in die Sprache der Gegenwart packte, ging ein hörbares Aufatmen durch die katholische Welt. Inzwischen ist der frühere Professor der auflagenstärkste Theologe aller Zeiten. Seine Arbeit sieht er heute freilich nicht viel anders, als er es in dem Manifest von 1968 formuliert hatte: Sie sei der Versuch, aus Vernunft und Glauben eine Mauer zu bauen, einen Schutzwall gegen die „bedrängende Macht des Unglaubens.“

Gläubigen Katholiken fällt es in diesen Wochen nicht leicht, mit ansehen zu müssen, wie die bedrängende Macht des Unglaubens auch vor den Mauern des Vatikans nicht Halt macht. Viele dieser Vorkommnisse sind Folge einer inneren Ermüdung. Wo die Bereitschaft zur Reinigung nicht vorhanden ist, so hatte Ratzinger beizeiten gemahnt, „wird die Nörgelei, die Verdrossenheit an allem und an sich selber zum Grundklima, in dem die Tage grau sind und die Freude nicht wächst.“

Was genau die Ursachen und wie groß die Schäden durch Vatileaks wirklich sind, wird sich zeigen. Dass dieses Stück mehr Hysterie als Enthüllung bietet, mehr Posse als Skandal, ist jetzt schon klar. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, hatte Lenin postuliert, eine Linie, die zu einem gnadenlosen Überwachungsstaat führte – und letztendlich kollabierte, weil totale Kontrolle nicht möglich ist. Der Papst macht es umgekehrt, und er wird weiterhin dem Vertrauen und der Vergebung dem Vorrang geben.

Dieses Pontifikat ist noch nicht zu Ende. Wer davon spricht, dass nicht mehr regiert und geführt werde, entblößt nur die eigene Ahnungslosigkeit. Entspricht es nicht gerade auch der inneren Logik des Reinigungsprozesses, dem sich Benedikt XVI. verschrieben hat, wenn nun auch der Schmutz zu Tage kommt? Wer sauber macht, wirbelt Staub auf. Erneuerung geht nicht, ohne dass nicht auch das unfruchtbar Gewordene weg bricht. Und vermutlich sind die Brüche, die allüberall sichtbar werden – in Liturgie, Priesterausbildung, Katechese, bis hin zu „Weltbild“ – nicht nur als Ab-, sondern weit mehr auch schon als Auf-Brüche zu sehen; klein wie Samenkörner, aber nicht minder wachstumsfähig.

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Dass etwas in Bewegung geraten ist, zeigt sich nicht zuletzt in einer neuen Wachsamkeit. Missstände und Verhaltensweisen, die bislang nonchalant geduldet wurden, wirken plötzlich anstößig wie eine verschlampte Wohnung, bei der man sich fragt, wie man den Unrat eigentlich so lange hat liegen lassen können. Party-Kirche war gestern. Heute wird eine neue, moderne Opposition sichtbar, römisch-katholisch Glaubende, die nicht mehr hinnehmen wollen, wenn Bischöfe und Prälaten Wasser predigen und Wein trinken. Allzu deutlich ist die Mahnung der Bibel: „Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen“ (Jer 23,1). Und der Papst selbst ist es, der noch als alter Mann jung genug ist, die Erhabenheit einer unangepassten Existenz mit unverdrossenem Kampfeseifer wach zu halten. „Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe“, zitiert er ein von Origenes überliefertes Jesuswort: „Nur wenn wir den Mut haben, diesem Feuer nahe zu sein, wenn wir selbst uns zu Brennenden machen lassen, dann können wir auch in dieser Erde sein Feuer entzünden, das Feuer des Lebens, der Hoffnung und der Liebe.“

Johannes Paul II. konnte mit orthodoxen Manövern das Schiff Christi um die Klippen lenken, seinem Nachfolger ist aufgegeben, dieses Schiff wieder seetauglich zu machen. Dass es bei der Generalüberholung nicht nur den Morast an den Planken zu entfernen, sondern auch einen Teil der Mannschaft neu zu schulen gilt, macht die Aufgabe nicht leichter. Zu vieles scheint vergessen und verlernt, nicht zuletzt durch die Bequemlichkeiten des Landganges, einer lähmenden Ver-Weltlichung. Der Modernisierungsschub jedenfalls, den die katholische Kirche braucht, wird kaum durch eine weitere Aufweichung zu machen sein, sondern einzig durch Instandsetzung ihrer Kraftaggregate. Es geht nicht um ein paar lockere Schrauben, sondern um den fälligen Service der Motoren – Voraussetzung für die kommende Renaissance, die Wiederentdeckung der Schönheit, der Freiheit, der Freude aus dem ganzheitlichen Heilsangebot Jesu. „Der christliche Glaube ist nicht eine Freizeitbeschäftigung und die Kirche nicht ein Club“, ruft Papst Benedikt aus, „der Glaube hat es mit Wahrheit zu tun, und nur wenn der Mensch wahrheitsfähig ist, kann man auch sagen, er sei zur Freiheit berufen.“ Einer Freiheit, die in einer Welt der totalen Manipulation und Käuflichkeit gefährdet ist wie selten zuvor.

Der slowenische Dogmatiker Anton Štrukelj, 60, Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Ljubljana, hat nun ein Buch vorgelegt, das in hervorragender Weise geeignet ist, die Kraftquellen des Schiffes Christi wieder sichtbar zu machen. Zehn Beiträge zu miteinander korrespondierenden Themen – die Kirchlichkeit des Theologen, die Sendung des Priesters, Leben in Christus, die Einheit von Theologie und Mystik – führen anhand des Werkes von Papst Benedikt, aber auch des mit Ratzinger befreundeten Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar, auf eine Reise in das Geistesabenteuer des Katholizismus. Dass Štrukelj sein Buch ausgerechnet „Vertrauen“ nennt, ist angesichts so vieler Missbräuche und Vertrauensbrüche, die den Katholizismus erschüttern, nicht als unfreiwillige Ironie zu verstehen, sondern als Aufforderung, nicht den Mut zu verlieren, wachsam zu bleiben gegenüber Kräften des Bösen, die sich schon immer darin zeigen, eine Situation der Verunsicherung zu provozieren. Das Bekenntnis zur Kirche steht nicht im Widerspruch dazu, Missstände aufzuklären und zu bekämpfen. Aber wenn das Urvertrauen des Glaubens zerstört wird – das Vertrauen in die Wahrheit des Evangeliums, das Vertrauen, dass in der Kirche, trotz alledem, diese Wahrheit zum Ausdruck kommt –, ist nicht nur falschen Propheten Tür und Tor geöffnet.

Anton Štrukelj zeigt in seiner kundigen Einführung in das Werk Ratzingers einen Glaubenden, der vernünftig denkt, und einen Denker, der radikal glaubt. Wobei sich die Klarheit des Denkens und das Frohe des Glaubens niederschlagen in beeindruckender Präzision und Poesie der Formulierung. Was für eine Diskrepanz zu einem so lauen und halbherzigen Christentum, wie es heute vielfach gepredigt wird. Hier steht der Lobpreis des Glaubens im Vordergrund, nicht der Lobpreis des Zweifelns. Man erschrickt geradezu vor der Überfülle an geistigem Angebot, vor der Sicherheit, mit der es hingestellt wird, vor den nicht enden wollenden Perspektiven, die der heutige Papst einem Thema abgewinnen kann. Als das Herzstück der Theologie Ratzingers, so Štrukelj, könne dabei die Auseinandersetzung mit dem Thema „Kirche“ gesehen werden. Charakteristisch sei, dass Ratzinger dabei nicht nur von der Identifikation mit der Kirche spreche, sondern auch von der gelebten Liebe zur Kirche und dem Fühlen mit ihr. Als Christ sei man gehalten, vom privaten Ich zum ekklesialen Ich hinübergehen: „Trinitarischer Glaube ist communio, trinitarisch glauben heißt: communio werden.“ Dementsprechend glaubt der Einzelne nicht aus seinem Eigenen heraus, sondern immer „mitglaubend mit der ganzen Kirche“.

Joseph Ratzingers eigener Werdegang vom Lehrstuhl über die Seelsorge nach Rom, erläutert Štrukelj, habe sein Gespür für „die innere Einheit von theologischer Forschung, theologischer Lehre und Arbeit und Hirtendienst in der Kirche“ geschärft. Ein guter Theologe brauche den „Mut des Fragens“, weiß Ratzinger, aber nicht minder die „Demut, auf die Antworten zu hören, die uns der christliche Glaube gibt.“ Subjekt der Theologie sollte eben nicht der Theologe sein, sondern Gott, und die Theologen sollten auf eigene Wortmacherei verzichten, damit stattdessen „das Sprechen Gottes“ zu hören ist. Wahre Theologen müssten ihre Arbeit mit Gebet begleiten, Modeerscheinungen meiden und nicht vor lauter Betonung ihrer Wissenschaftlichkeit dazu beitragen, dass „vom Christentum nur ein armseliges Fragmentstück übrigbleibt.“ Theologie setze einen neuen Anfang im Denken voraus, der nicht Produkt der eigenen Reflexion ist, „sondern aus der Begegnung mit einem Wort kommt, das uns immer vorangeht“.

Ihm selbst, bekennt der Papst, sei „dieses Voraussein von Gottes Wort, dem wir denkend nachgehen“, in über sechzig Jahren Theologenleben „immer mehr zu ganz persönlicher Erfahrung geworden.“ Letztendlich müsse „dieses Ja zu diesem neuen Anfang bewusst übernommen, muss die Wende vom Ich zum Nicht-mehr-Ich vollzogen sein.“ Der Zusammenhang von Theologie und Heiligkeit sei daher nicht irgendein sentimentales oder pietistisches Gerede, sondern folge aus der Logik der Sache und bestätige sich die ganze Geschichte hindurch. Athanasius sei nicht denkbar ohne die neue Christuserfahrung des Mönchsvaters Antonius; Augustinus nicht ohne die Passion seines Weges zur christlichen Radikalität; Bonaventura nicht ohne die ungeheure neue Vergegenwärtigung Christi in der Gestalt des heiligen Franz von Assisi. Auf diese Weise könne sich der Theologe auf eine weite „Wanderschaft voller Geheimnisse und Verheißungen“ begeben und entdecken, dass das „Land des Glaubens unermesslich“ ist.

Brennend aktuell sind in Štrukeljs Buch die Stücke über den priesterlichen Dienst. Angesichts eines dramatischen Verlustes an Bewusstsein und Wissen um die Bedeutung des katholischen Priesterbildes wirken Ratzingers Aufsätze wie ein frisch herausgegebenes Lehrbuch für all jene, die das kleine Einmaleins des Pfarrers vergessen oder nie begriffen haben. Etwa dass ein Priester „nicht irgendeine private Lebensphilosophie vorträgt, die er sich zurechtgedacht oder zurechtgelesen hat, sondern das Wort, das uns zu treuen Händen anvertraut wurde.“ Es sei und bleibe „die gültige Definition der Grundform und des Grundauftrags priesterlicher Existenz in der Kirche des Neuen Bundes“, was Paulus in seinem Korintherbrief fixiert hat: „Wir sind Gesandte an Christi Statt“, heißt es darin, „und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!’ (2 Kor 5,20).

Der Priester müsse ein Mensch sein, „der Jesus von innen her kennt, ihm begegnet ist und ihn zu lieben gelernt hat.“ Erst als Mann des Gebetes sei er auch wirklich ein „geistlicher“ Mensch, ein Geistlicher. Wie aber ist diese schwere Aufgabe zu meistern? Die Antwort des Papstes erklärt, wie auch er als Oberhaupt der universalen Kirche seine Arbeit angeht: „Wer für Christus handelt, weiß, dass immer wieder ein anderer sät und ein anderer erntet. Er braucht nicht fortwährend nach sich zu fragen; er überlässt dem Herrn, was herauskommt, und tut angstlos das Seinige, befreit und heiter ob seiner Geborgenheit im Ganzen.“ Wenn heute Priester sich überanstrengt, müde und frustriert fühlten, liege es oft an einer verkrampften Suche nach Leistung. Der Glaube werde dann zu einem schweren Gepäck, „wo er doch Flügel sein sollte, der uns trägt.“

Das christliche Menschenbild wird deutlich, wenn Ratzinger den Dienst des Seelsorgers an den ihm anvertrauten Menschen konkretisiert. Ein Priester, erläutert er, „muss Menschen zur Fähigkeit des Versöhnens, des Vergebens und Vergessens, des Ertragens und der Großzügigkeit führen. Er muss ihnen helfen, den anderen in seiner Andersheit zu ertragen, Geduld miteinander zu haben, Vertrauen und Klugheit, Diskretion und Offenheit ins rechte Maß zu bringen und noch vieles mehr. Er muss vor allem auch fähig sein, den Menschen im Schmerz beizustehen – im körperlichen Leiden wie in all den Enttäuschungen, Erniedrigungen und Ängsten, die keinem erspart werden.“ Denn „die Fähigkeit, das Leid anzunehmen und zu bestehen“, so einer der Lehrsätze dieses geistlichen Meisters, „ist eine grundlegende Bedingung für das Gelingen des Menschseins; wo sie gar nicht erlernt wird, ist das Scheitern der Existenz unausweichlich.“

Es war der Hunger nach Erkenntnis, der den Gottsucher Joseph Ratzinger aus seiner bayerischen Heimat heraus gewissermaßen von Gipfel zu Gipfel in jene Höhen des Geistes führte, die das Reich Gottes auf Erden bilden. Immer wieder kommt dabei jene christliche Radikalität zum Ausdruck, die alles Kleinbürgerliche und jede atheistische Spießigkeit hinter sich lässt, um im Leben und über das Leben hinaus sich Dimensionen zu erobern, von denen die allermeisten noch nicht einmal ahnen, dass es sie gibt. Dass er dies dann ohne Eitelkeit und Triumphalismus weitergeben kann, ist das Kennzeichnen der wirklich Großen. Sie wissen, dass ihre Entdeckungen nicht aus eigener Herrlichkeit kommen, sondern aus einem hörenden Empfangen. Und das schöne daran: Selbst das Schwere hat durch den Flügelschlag dieses „Mozart der Theologie“ immer etwas von der Leichtigkeit des Glaubens, ohne diesen je zu banalisieren oder ihm seinen Ernst zu nehmen.

Anton Štrukeljs Buch vermag es, gut lesbar und übersichtlich zu zeigen, was Joseph Ratzinger lehrt und lebt. Dass sich wie nebenbei der Eindruck verfestigt, welch gute Fügung es war, diesen Mann auf den Stuhl Petri zu setzen, ist vom Autor nicht unbedingt beabsichtigt, lässt sich aber auch nicht vermeiden. Kurzum: „Vertrauen“ ist ein treffsicheres best of Benedikt, ein echt katholisches Vademekum für die Stunde der Bedrängnis. Und nicht von ungefähr erinnert der Papst darin an jene Hirten auf dem Felde, die ihrer Herde vorangehen, sie locken, sie liebkosen, ihnen gut zureden – und manchmal auch einen kleinen Schubs geben, wenn diese sich in ihrer Saumseligkeit nur noch am Wegesrand aufhalten und dabei die eigentliche Richtung, um die es geht, aus dem Auge verlieren.


Anton Štrukelj
Vertrauen. Mut zum Christsein
St. Ottilien 2012
239 Seiten
15,40 €

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