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| ![]() Paderborner Erzbischof Becker kritisiert gottlosen Lebensstil29. Juli 2012 in Deutschland, 28 Lesermeinungen Sittliche Grenzen werden überschritten «mit einer Selbstverständlichkeit und einer Selbstsicherheit, die geradezu erschreckend ist und auf eine Verfinsterung und Verhärtung des ganzen Menschen hinweist». UPDATE: Die Predigt in voller Länge Paderborn (kath.net/KNA/pdp) In Paderborn hat am Wochenende das traditionelle Libori-Fest begonnen. Unter den Klängen des Libori-Tuschs wurde der Reliquienschrein mit den Gebeinen des Heiligen Liborius (348-397) aus der Krypta in den Hochchor des geschmückten Doms gebracht. Erzbischof Hans-Josef Becker (Foto) feierte am Sonntag im voll besetzten Dom einen Gottesdienst anlässlich des Hochfestes des Bistumspatrons. Daran nahmen zahlreiche Bischöfe aus dem In- und Ausland teil. In seiner Predigt prangerte Becker einen gottlosen Lebensstil an. Im sittlichen Bereich gebe es kaum noch Grenzen, die nicht überschritten würden. Dies geschehe «mit einer Selbstverständlichkeit und einer Selbstsicherheit, die geradezu erschreckend ist und auf eine Verfinsterung und Verhärtung des ganzen Menschen hinweist», so der Erzbischof. Grund sei, dass viele Gott aus ihrem Leben ausschalteten. Dieser Lebensstil mache die Menschen nicht freier, froher und schöpferischer. Im Gegenteil, so Becker: «Nie war das Defizit an Menschlichkeit größer, als es heute ist.» Der Erzbischof warnte vor einer schrankenlosen Biomedizin und forderte eine Besinnung auf die Menschenwürde: «Die Würde des Menschen besagt, dass der Mensch einer Bewertung durch Menschen entzogen ist.» Personen hätten keinen Wert, sondern Würde, so Becker. «Und gerade die lässt sich nicht verwerten.» An dem Gottesdienst nahmen auch Bischof Yves Le Saux aus dem französischen Partnerbistum Le Mans, Erzbischof Petro Malchuk aus der Ukraine und der brasilianische Erzbischof Luiz Mancilha Vilela teil. Daneben kommen traditionell auch Vertreter aus Politik und Gesellschaft zum Patronatsfest nach Paderborn. Am Samstag wurde der rund 200 Kilogramm schwere Reliquienschrein in einer Prozession durch die Innenstadt getragen. Bis zum kommenden Sonntag stehen Gottesdienste, Bibelgespräche, Kultur, Tanz und Musik auf dem Programm. Das Libori-Fest hat seinen Ursprung im Jahr 836. Damals wurden die Gebeine von Liborius, der Bischof von Le Mans war, nach Paderborn überführt. Zu den Feierlichkeiten kommen regelmäßig mehr als eine Million Besucher. kath.net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Hans-Josef Becker am Libori-Sonntag, 29. Juli 2012, im Hohen Dom zu Paderborn, in voller Länge: Erneuert euren Geist und Sinn (Eph 4,23) Schwestern und Brüder im Herrn, Das Leitwort unseres Libori-Festes 2012 - Erneuert euren Geist und Sinn - betrifft den Lebensstil unserer Zeit. Was ist denn vorhanden, was erneuert werden soll? Wer sind wir als Christinnen und Christen? Was ist uns wichtig? Wofür stehen wir ein? Es wird immer wieder gesagt, dass es heute nicht selbstverständlich ist, Christ zu sein. Viele in unserer Umgebung denken und leben doch ganz anders. Dabei spricht der Weg in die Minderheit nicht gegen uns. Er erinnert uns an die Christen der ersten Generation, an die sich der Verfasser des Epheser-Briefes richtet. Wie die Christen damals sind wir entschiedener gefragt, was uns glauben und hoffen lässt. Du musst dich schon fragen, warum du Christ werden willst und warum du Christ bleiben sollst in dieser krisengeschüttelten Weltzeit und Kirchenzeit. Die schärfste Versuchung kommt nicht von außen, sondern von innen. Wir sind unsicher geworden, und darum hilft auch kein Wegschauen und kein Weglaufen. Wir dienen auch niemandem, wenn wir Andere anklagen und über die schlechten Zeiten jammern. Können wir uns denn die Zeit aussuchen, in die Gott uns ruft? Aus der Mitte des Glaubens an Ihn kommen die überzeugendsten Gründe, Christ zu sein und Christ zu bleiben und es immer wieder neu zu werden. Die erste Christengeneration hatte es zu tun mit einer Gesellschaft, die von einem heidnischen Lebensstil geprägt war. Und dieser Lebensstil widersprach der Lebensauffassung der Christen absolut. Der Epheser-Brief, aus dem ja unser Leitwort genommen ist, bezeichnet diesen heidnischen Lebensstil schlicht als Wahn, als nichtig, als gehalt- und substanzlos. Er spricht von Gottentfremdung und von Herzensverhärtung gegenüber dem Guten. Solch ein Lebensstil ist von Habgier erfüllt und damit ganz auf den Besitz und seinen Genuss eingestellt. Das ist und bleibt für ein christliches Leben eine ungeheuere Herausforderung. Man könnte fast mit denselben Worten des Epheser-Briefes auch den heute herrschenden Lebensstil beschreiben. Da herrscht ein sittliches Verhalten, das man mit Recht als permissiv, also als alles erlaubend charakterisieren kann. Wo gibt es heute im sittlichen Bereich eine Grenze, die nicht überschritten würde mit einer Selbstverständlichkeit und einer Selbstsicherheit, die geradezu erschreckend ist und auf eine Verfinsterung und Verhärtung des ganzen Menschen hinweist. Prägend für diesen uns nicht angemessenen Lebensstil ist die Tatsache, dass der wahre Gott aus dem Leben ausgeschaltet und keine Lebensmacht mehr ist. Sieht man das konkrete Leben der Gesellschaft unvoreingenommen, wie es sich gibt, kann man durchaus zu dem Schluss kommen: Da ist ein Lebensstil ohne Gott, hervorgehend aus der totalen Selbstbestimmung, ausschließlich auf die eigene Kraft und auf den äußeren Fortschritt bedacht, ohne eine das Leben mitsamt dem Tod übergreifende Zukunft! Zu denken gibt die Behauptung, dass gerade dieser Lebensstil ohne Gott den Menschen menschlicher und freier und froher und schöpferischer gemacht habe; nun könne der Mensch sein, was er sein soll, Mensch nämlich, und nichts als Mensch. Ohne Gott zu leben, wird als Befreiung des Menschen gepriesen. Die Wirklichkeit freilich straft die Preisung Lügen. Ich wage zu behaupten: Nie war das Defizit an Menschlichkeit größer, als es heute ist! Wenn man von Gott nichts mehr hält, wird man früher oder später auch vom Menschen nichts mehr halten! - Zur Erneuerung von Geist und Sinn gehört die Besinnung auf die Menschenwürde. In keiner Religion wird der einzelne Mensch so gewürdigt und in die Mitte des Glaubens gerückt wie im Christentum: Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, ist das Bild Gottes. In ihm erkennen wir: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild und eben kein Zufallsprodukt, kein Blindgänger. Der Mensch ist Gottes Ebenbild und Gottes Bundespartner. Ich sage auch deutlich: Christen lassen sich von niemandem darin übertreffen, groß vom Menschen zu denken. Jeder Mensch ist Mensch, nicht der eine mehr und der andere weniger, nicht der eine wertvoll und der andere unwert. Nein, jede und jeder ist unwiderruflich von Gott angenommen; jeder Mensch hat nicht nur einen Wert, sondern eine Würde, denn Gott hat sich in Christus mit jedem Menschen gleichsam vereinigt, wie das Zweite Vatikanische Konzil hervorhebt. Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil Gott ihr Urheber und Garant ist. Wer die Würde des Menschen verletzt, trifft Gott! Vor etwa fünfzehn Jahren haben 22 prominente amerikanische Wissenschaftler in einer Erklärung das Klonen verteidigt. Sie sahen: Der Mensch unterscheidet sich nicht wesentlich vom Tier. Gedanken und Gefühle, Sehnsüchte und Hoffnungen, das sind alles nach ihrer Meinung elektrochemische Hirnprozesse. Diese Wissenschaftler machen kurzen Prozess und sprechen den Vertretern von übernatürlichen oder spirituellen Weltbildern die Qualifikation ab, mitzureden. Ihre Argumente beziehen die genannten Forscher nicht auf die Menschenwürde, sondern auf genetische und physiologische Messwerte. Die sind bei Tieren und Menschen ziemlich ähnlich. Damit entfällt für sie die klassische Unterscheidung zwischen Mensch und Tier. Wenn der Mensch sich in seiner Biologie nicht vom Tier unterscheidet, dann auch nicht in seiner Würde; dann kann man mit ihm verfahren wie mit Tieren. Werte, Messwerte unterliegen der Definition des Menschen. Sie sind verhandelbar, sie erfassen immer nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit. Grenzwerte werden von Kommissionen festgelegt, Messwerte sind statistische Ergebnisse von Experimenten. Der Mensch wird dann schließlich nach seinem Gebrauchswert beurteilt oder buchstäblich verwertet. Hier zeigt sich, dass es durchaus seine Tücken hat, wenn man den aus dem Bereich der Ökonomie stammenden Begriff Wert einfach in die Ethik überträgt. Personen haben nicht nur einen Wert, sie haben eine Würde! Und gerade die lässt sich nicht verwerten. Sie ist unantastbar vorgegeben! Die Würde des Menschen besagt, dass der Mensch einer Bewertung durch Menschen entzogen ist. Und das meint die Offenbarung, wenn sie den Menschen als Ebenbild Gottes versteht. Ebenbild Gottesbild markiert einen Freiraum, in dem jeder Einzelne zu sich selbst kommen kann. Ebenbild Gottes garantiert dem Menschen, ein Original zu sein und keine Schablone. Unser Jahrhundert ist noch jung, aber wir werden schnell alt aussehen, wenn wir die Fragen außer Acht lassen, mit denen uns Gentechnik und Biomedizin herausfordern. Alles steht auf dem Spiel, wenn es ums Leben geht, erst recht, wenn es ans Leben geht! Das gilt für alle Stadien menschlichen Lebens! Es geht um unseren Lebensstil, sagte ich anfangs. Unser Lebensstil ist eindeutig bestimmt durch unsere Grundauffassung von der Würde des Menschen. Die Würde ist nirgends so konkret und so schutzbedürftig anzutreffen wie dort, wo Menschen an den Rand geraten sind oder ausgestoßen werden, unter Umständen schon vor der Geburt! In diesem Zusammenhang ziehe ich Heinrich Böll heran, der meines Erachtens sehr präzise - auch unter Berücksichtigung aller Defizite unserer Kirchen- und Glaubensgeschichte - feststellt: Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen. Weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt Raum gab: Für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache; und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen Ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte. (H. Böll, Eine Welt ohne Christus?) Erneuert euren Geist und Sinn, so die Aufforderung des Apostels. Und er ergänzt sofort: Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Eph 4,24) Der Apostel drückt den ganzen Vorgang von Erneuerung und Umkehr vom alten zum neuen Lebensstil im Bild des Kleiderwechsels aus. Er fordert uns auf, den alten Menschen auszuziehen wie ein nicht mehr passendes Kleid und den neuen Menschen anzuziehen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Wer Jesus lernt, Ihn als den Maßstab seines Lebens ansieht und sich ganz an ihm orientiert, der ist der Mensch, wie er ursprünglich nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Wir denken in diesem Zusammenhang an das Taufkleid. Da heißt es im Taufritus bei der Übergabe des weißen Kleides: Du hast Christus angezogen. Bewahre diese Würde für das ewige Leben. Öffentlich das äußere Gewand zu wechseln, ist eindrücklich und geschieht in wenigen Augenblicken. Aber existentiell betrachtet, schließt die Übergabe des Taufkleides den Auftrag nicht ab, Christus anzuziehen, sondern bringt diesen Auftrag erst in Gang. Sich selbst verändern zu lassen, in der inneren Ausrichtung sowie im äußeren Verhalten neu zu werden, ist die ungleich schwierigere Aufgabe. Den neuen Menschen anziehen, das darf ja nicht heißen, sich zu verkleiden oder sich christlich zu kostümieren und dann unter dem neuen Gewand das alte Leben weiterzuführen. Die Gefährdung, das Gewand Christi entgegengenommen zu haben und doch der alte Mensch bleiben zu wollen, ist einer der Anlässe für den Epheser-Brief und Grund zur Ermahnung. Vieles verkleidet sich christlich und fromm, ist aber doch nur Gehabe und Kostümierung. Was grundsätzlich in der Taufe als Gottesgeschenk an uns geschehen ist, das haben wir Christen zu verdeutlichen. Wir bleiben ein Leben lang damit beschäftigt, das zu werden, was wir von Gott aus sind. - Erneuert euren Geist und Sinn! Wir schulden der Welt das Zeugnis von Gott. Unsere Sensibilität gilt schon der Frage: An welchen Gott glauben wir und wen meinen wir, wenn wir Gott sagen. Das ist eine Frage, die auch für uns Christen nicht hinter uns liegt, sondern vor uns steht. Sie ist nicht erledigt, sondern uns aufgegeben. Wir müssen das Wort Gottes mit unserem Leben durchbuchstabieren und es darauf ankommen lassen, dass wir dabei die richtigen Buchstaben wählen und sie richtig zusammensetzen, damit nicht Götze steht, wo Gott stehen sollte. - Erneuert euren Geist und Sinn! Erneuert euren Geist und Sinn ein Leitwort, das uns auf den hinweist, für den der Glaubenszeuge und Glaubensbote Liborius im 4. Jahrhundert eingetreten ist. Es geht um Christus selbst, den verlässlichen Zeugen. Und darum sind wir berufen zur Treue und zur Verlässlichkeit gegenüber unseren Mitmenschen und gegenüber Gott. Gott ist verlässlich, und darum können und sollen wir zuverlässig sein Ihm und den Menschen gegenüber. Die Verlässlichkeit Gottes und die Verlässlichkeit des Evangeliums umgeben uns wie ein Gewand. Es geht um unser Menschsein und um unsere Menschlichkeit, auch über unsere Generation hinaus. Das Evangelium von Jesus, dem Christus, führt uns vor Gott, und es entlarvt die Götzen. Papst Benedikt bringt es auf den Punkt: Wir müssen alles tun, um uns selbst so zu erneuern, dass Christus wieder bekannt wird! kathTube-Kurzvideo: Impressionen aus dem hohen Dom von Paderborn Foto Erzbischof Becker, im Hintergrund der Libori-Schrein: (c) Erzbistum Paderborn Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. 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