25 Juli 2012, 09:33
Ernsthafter Glaube wird der Unruhestiftung verdächtigt
 
Hildegard13
 
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Warum erregen sich die Deutschen jetzt über Recht oder Unrecht der Beschneidung jüdischer und muslimischer Knaben so heftig und so dauerhaft wie nie – Ein Gastkommentar von Klaus Baschang

Köln (kath.net/idea)
Meine Eltern ließen mich impfen, ohne meine Zustimmung einzuholen. Das war ein Angriff auf meine körperliche Unversehrtheit. Dennoch bin ich ihnen dankbar. Sie haben mich vor Pocken und Diphtherie bewahrt. Dankbar bin ich auch, dass sie mich taufen ließen, ohne mich zu fragen. Sie haben ihren Glauben so früh wie möglich mit mir geteilt. Im Notfall konnte ich mich dessen trösten, immer wieder neu das Geschenk der Taufe bedenken. Wann wäre denn mein Glaube je reif genug gewesen, um selbst die Taufe begehren zu können? Manche Christen sehen das anders; es sei ihnen unbenommen. Gut war auch, dass ich bei meinen Eltern meine Muttersprache lernen konnte. Hätte ich ohne jede sprachliche Zuwendung meine Kindheit zubringen müssen, wäre ich noch als Kind gestorben. Der Stauferkaiser Friedrich II. (1194-1250) ließ eine Kindergruppe ohne sprachliche Begegnungen aufwachsen – sie starben alle.

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Bedenken gegen Glaubenspraxis

Warum erregen sich die Deutschen jetzt über Recht oder Unrecht der Beschneidung jüdischer und muslimischer Knaben so heftig und so dauerhaft wie nie zuvor über eine religiöse Frage? Stammtische und Fernsehtalksendungen haben ihr Thema gefunden. 45 Prozent fordern ein staatliches Beschneidungsverbot für Minderjährige. Die Religionsfreiheit der Familien sei aufzuheben, ebenso das Elternrecht gegenüber den Kindern, das ihrer Fürsorgepflicht entspricht.

Freiheit von religiösen Handlungen für alle Kinder bis zur Volljährigkeit wird gefordert. Der Bundestag will ein Rahmengesetz auf den Weg bringen, um jüdischen und muslimischen Mitbürgern Rechtssicherheit zu geben. Bis das Bundesverfassungsgericht die verschiedenen Grundrechte in Beziehung zueinander gesetzt hat, dauert es zu lange. Aber ausgerechnet die Multi-Kulti-Grünen haben noch Bedenken. Und Die Linken ebenfalls. Für sie ist die Abschaffung der Religion ohnehin wichtiger als deren behutsame Pflege. Sie können nicht begreifen, dass staatlich verordnete Religionslosigkeit wiederum Religion ist, wenn auch mit negativem Vorzeichen.

Lehren aus der Debatte ziehen

Was kann man aus dieser Diskussion lernen?

1. Kein Mensch kommt als unbeschriebenes Blatt aus der Kindheit in die Volljährigkeit. Keiner wächst in totaler Freiheit so heran, dass er erst dann die persönlichen Lebensbedingungen nach eigenem Geschmack bestimmen könnte. Religion ist dazu da, die persönliche Lebensgeschichte zu begreifen und die Zukunft des eigenen Lebens zuversichtlich ins Auge zu fassen. Die Wahrheit einer Religion bemisst sich auch daran, was sie zur Ausbildung der Persönlichkeit leistet.

2. Keineswegs sind alle Religionen gleich. Das hätten zwar viele gern. Es ist aber theologisch falsch und politisch gefährlich. Als getaufter Christ kann ich meinen Glauben ablegen, einen anderen annehmen, glaubenslos werden – es passiert mir nichts. Der Jude bleibt Jude sein Leben lang – ob er seinen Glauben praktiziert, ruhen lässt oder sich als gottlos bekennt. Auch ihm passiert nichts. Doch das Bewusstsein der Zugehörigkeit zum Volk der Juden hat dieses Volk durch die Jahrhunderte getragen und zu allen Zeiten ein globales Gemeinschaftsgefühl gestiftet und zwar unabhängig davon, ob sie ihren Glauben praktiziert haben oder nicht. Ganz anders ist es, wenn Muslime ihre Glaubensgemeinschaft verlassen. Dann sind sie mit dem Tode bedroht. Die religiöse Gemeinschaft des Islam ist zugleich eine politische. Darum kennt er keine politische Freiheit. Die terroristischen Abirrungen stehen vor aller Augen. Leider verdecken sie den politischen Zwangscharakter auch des friedlichen Islam. Wer von der Gemeinschaft der abrahamischen Religionen redet, redet also von einem Phantom und verführt die Menschen.

3. Viele Menschen werden irritiert, wenn Glaubende ihren Glauben ernstnehmen. Sie haben sich in der religiösen Beliebigkeit gemütlich eingerichtet. Ernsthafter Glaube wird der Unruhestiftung verdächtigt. Das Gegenteil ist richtig. Wer weiß, was anderen Menschen wichtig ist, kann sich darauf einstellen. Wer es nicht weiß, ist auf unsichere Vermutungen angewiesen. Daraus erwächst der Unfriede. Überall wird jetzt Transparenz gefordert. Das muss auch für die Religionen gelten. Sie dürfen ihre Besonderheiten nicht verstecken. Eine deutsche Bischöfin hatte einmal das Kreuz durch die Krippe ersetzen wollen – eine Selbstverleugnung, die der Kirche die Glaubwürdigkeit raubt.

4. Religion kann verwildern und politisch missbraucht werden. Nicht alles ist gut, was als Religion daher kommt. Die Genitalverstümmelung von Mädchen hat mit dem religiösen Sinn der Beschneidung nichts zu tun! Ein Christentum, das nur Gefühle pflegt und seine Lehre öffentlich selbst bezweifelt, fällt als Orientierungsgröße aus. Dabei hat keine Religion so regelmäßig Selbstkorrekturen vorgenommen wie die christliche. Aber Reformation der Kirche ist nicht die Anpassung an die Erwartungen des Publikums. Vielmehr müssen Grundlagen jeweils zur Geltung gebracht werden. Dann kommen religiöse Diskussionen wie die gegenwärtige erst auf das angemessene Niveau.

5. Religion braucht Organisation. Die Gläubigen brauchen geregelten Umgang untereinander, die Öffentlichkeit erkennbare Spielregeln in der interreligiösen Szene. Auf diese Anspruchsebene hat es der Islam noch nicht geschafft. Der Ruf nach Gleichberechtigung mit Christentum und Judentum ist richtig. Aber er ist ausschließlich als Aufforderung an den Islam zu richten. Anders ist er billiger Populismus, auch wenn Kirchenleute in ihn einstimmen.

Paulus: „Beschneidung des Herzens“

Seit Paulus ist für Christen das Beschneidungsproblem geklärt. Er war Jude und beschnitten und dann auch getauft. Er sagt: In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist (Galater 5,6). Wer es genauer wissen will, kann Römer 2,25 ff nachlesen. Dort spricht Paulus von der Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht. Ihm ist es zu verdanken, dass das Christentum zur Weltreligion wurde. Der Dank dafür verpflichtet die Kirche zu missionarischer Existenz. Sie darf mit ihren Problemen dem Wirken des Heiligen Geistes nicht im Wege stehen.

Klaus Baschang ist badischer Oberkirchenrat i.R. (Karlsruhe)






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