24 Juli 2012, 10:30
'Axum ist der Stolz aller Äthiopier'
 
Hildegard13
 
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Das Allerheiligste ist die Bundeslade mit den Zehn Geboten. Von Sabine Ludwig (KNA)

Axum (kath.net/KNA) Montagnachmittag in Axum, Nordäthiopien. Frauen in Kutas, den traditionellen weißen Kleidern, strömen aus der Kathedrale Maryam Sion im Zentrum der Stadt. Männer sind nicht darunter. Sie verlassen das Gotteshaus durch einen anderen Ausgang. Kaiser Haile Selassie (1892-1975) hat es 1965 neben der alten Kathedrale errichten lassen, um auch Frauen den Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. Die meisten anderen Kirchen in Axum bleiben ihnen verschlossen.

Ähnlich wie Rom für die Katholiken ist Axum, heute eine Stadt mit rund 45.000 Einwohnern, für christlich-orthodoxe Äthiopier das örtliche Zentrum ihres Glaubens. «Geschichte und Zivilisation begannen in Axum», sagt Abba Paulos (76), orthodoxer Erzbischof von Axum und Patriarch Äthiopiens. «Axum ist der Stolz aller Äthiopier.»

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Größtes Heiligtum des Landes ist die Bundeslade. Sie befindet sich hier, seit Jahrtausenden. Die beiden Tafeln, die als die Zehn Gebote verehrt werden, die Gott dem Mose übergab, werden in einem mit Eisengittern gesicherten Bau aufbewahrt. Nur ein einziger Mönch hat Zugang. Von seinem Vorgänger auf dem Totenbett ernannt, bewacht er sein ganzes Leben lang die Lade. Niemand bekommt sie sonst zu Gesicht. Legenden ranken sich um die Tafeln. Nachdem sie nicht einmal die Kaiser sehen durften, gibt es immer wieder Zweifel an der Echtheit. «Hier befindet sich das Original», ist sich Kirchendiener Zemicael sicher.

Auch Weletmariam ist sich der Heiligkeit des Ortes bewusst. Jeden Tag besucht sie den zweistündigen Gottesdienst - sonntags sogar um fünf Uhr morgens. Vor zwei Jahren kam die heute 27-Jährige nach Axum; sie ist geblieben. Als Nonne möchte sie die christlich-orthodoxe Lehre vom Gotteshaus in Axum zu den Frauen ihrer entfernten Heimatstadt tragen. Dafür studiert sie täglich die Bibel in Geez, der altäthiopischen Sprache. Ein Schaf blökt nicht weit entfernt. Gläubige haben es an einen Baum gebunden. Morgen soll es geschlachtet werden, als Opfergabe für die Priester.

Die Kathedrale wird zu 85 Prozent von Frauen besucht. An den Wochenenden kommen bis zu 2.000 Menschen. Die Frauen sitzen rechts, die Männer links im Kirchenschiff. Eine uralte Regel, die widerspruchslos eingehalten wird. Mehr als 250 äthiopisch-orthodoxe Geistliche gibt es in Axum. Rund 90 Prozent von ihnen sind verheiratet. Nur Mönche haben ihr Gelübde zur Ehelosigkeit geleistet.

Touristenführer Tedros ist eigentlich Fußballtrainer. Doch damit ist im Norden Äthiopiens kein Geld zu verdienen. Als die UNESCO ihm einen Kurs in Geschichte und den Abschluss als Fremdenführer anbot, war für ihn sein weiterer Berufsweg klar. Denn ein Großteil der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Auch Tedros weiß, was Armut ist. Geboren in Eritrea, kam er im Alter von sieben Jahren mit seiner Mutter und den kleinen Geschwistern nach Axum, der Heimatstadt seiner Eltern. Der Vater, Soldat in der äthiopischen Armee, war im Kampf gefallen. Die Mutter musste die Kinder allein durchbringen. Der 28-Jährige hat Arbeit und verdient Geld. Denn Touristen gibt es genug.

Drei Kilometer von der Kathedrale entfernt, im staubigen rotbraunen Nirgendwo, taucht ein Ruinenfeld auf. Ein paar Buben in löchrigen Shorts turnen auf den Mauern herum; zwei kleine Mädchen posieren für Fotos. Der Legende nach liegt hier der Palast der Königin von Saba. Ihr Sohn Menelik besuchte einst seinen Vater, den israelischen König Salomo. Auf dem Rückweg soll er vom erstgeborenen Sohn des Hohepriesters begleitet worden sein.

Dieser beschloss, die Zehn Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai erhalten hatte, aus dem Jerusalemer Tempel zu stehlen und nach Axum zu bringen. Vielleicht hatte er eine Vision von Äthiopiens künftigem Ruhm als christliches Land. Deshalb soll er die Erde des Hochlands für den geeigneten Aufbewahrungsort der Bundeslade gehalten haben. Seit fast 3.000 Jahren als größtes Heiligtum Äthiopiens verehrt, wird sie jedenfalls hier gehütet und abgeschirmt. Tedros kann sich begeistern für die mündlichen Überlieferungen. Sie sind ihm Beweis genug, dass er den richtigen Weg gegangen ist: den des Touristenführers statt den eines arbeitslosen Fußballtrainers.

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