
Salzburg (kath.net/KAP) Auch wenn das Christentum in Europa "weitgehend marginalisiert" und als wichtige gesellschaftlich gestaltende Kraft immer weniger in Erscheinung tritt, so bleibt es doch für die Zukunft Europas unverzichtbar. Das hat Kardinal Christoph Schönborn im Rahmen eines Eröffnungsvortrags bei den Salzburger Festspielen am Freitag unterstrichen. Das Christentum sei in Europa heute "Wurzel und Fremdkörper" zugleich: "Und doch sehe ich die Christen nicht als 'Auslaufmodell' in einem Europa, in dem die Sinnressourcen knapp werden", sagte der Wiener Erzbischof. Europa, so Schönborn, "sehnt sich nach einem authentischen Christentum".
Wichtig sei dabei, die Gratwanderung zu beachten: Europa brauche "den prophetischen Einspruch des Evangeliums als heilsame Unruhestiftung", das Christentum hingegen brauche gleichermaßen "die kritische Rückfrage des säkularen Europa. Sie tut ihm gut. Sie weckt es auf, fordert es heraus."
Der Vortrag Schönborns stellte den Auftakt zur Gesprächsreihe "Disputationes" im Rahmen der die Festspiele eröffnenden "Ouverture spirituelle" dar. Im Anschluss an den Vortrag diskutierte Kardinal Schönborn seine Thesen unter dem Titel "Europas Ouverture - Religion und Kultur" mit dem New Yorker Rabbiner Arthur Schneier.
Das Christentum erfahre sich heute in Europa mancherorts auf seine Anfänge zurückverwiesen, d.h. auf die Erfahrung der Existenz in einer "religiös und kulturell pluralen Welt, in einer weitgehend 'heidnischen' Welt, in der die in Jahrhunderten eingeübten christlichen Grundhaltungen verlernt wurden", sagte der Kardinal. Auch wenn die Christen in Europa nominell weiterhin eine große Mehrheit bilden, so gehe doch die Zahl "praktizierender Christen" zurück.
Gemeinsame Wurzeln von Christentum und Judentum
Dies sei jedoch kein Anlass zur Resignation: "Ich sehe die Situation des Christentums in Europa als etwas sehr Spannendes und Chancenreiches", so der Wiener Erzbischof. Das Christentum habe weiterhin ein Freiheitsdenken in Europa einzubringen, "als Freiheit gegenüber den Ansprüchen des mainstream, der political correctness oder einfach dem Zwang der Mode." Diese Freiheit habe eine "tiefere Quelle, eine unerschöpfliche Ressource": die Botschaft von der bleibenden Präsenz Christi in der Welt.
Zugleich unterstrich Kardinal Schönborn die bleibende Verwiesenheit des Christentums, aber auch des säkularen Europa auf das Judentum. "Allzu lange, allzu schmerzlich, allzu reich an tragischen Folgen war es, dass das Christentum das Judentum mehr als Fremdkörper denn als Wurzel gesehen hat." Einen "epochalen Wandel" im Denken habe erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) mit der Erklärung "Nostra Aetate" eingeleitet, "den nichts rückgängig machen darf". Das Christentum müsse anerkennen, dass "Gottes erste Liebe dem Volk des Ersten Bundes gilt".
Copyright 2012 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich
Tweet
Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben



Tippfehler melden
Druckversion


Anderswo...
Top Artikel der letzten 7 Tage

