20 Juli 2012, 19:00
'Unsere Glaubens- und Gebetssprache ist alles andere als veraltet'
 
Hildegard13
 
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Student Georg Dietlein erklärt im KATH.NET-Interview, warum er Christ ist, über eine Berufung zum Priester nachdenkt und was er an Papst Benedikt XVI. schätzt. Von Petra Lorleberg

Köln (kath.net/pl) „Wenn ich morgens, mittags (meist dann in der Universität) und abends das Stundengebet der Kirche aufschlage und beim Gebet der Psalmen Ruhe und Orientierung finde, erhält mein Tag ganz neuen Glanz.“ Dies sagt Georg Dietlein (Foto) im kath.net-Interview. Der Jurastudent, dem das Lernen überdurchschnittlich leicht fällt, wird im September erst 20 Jahre alt. Schon in der Gymnasialzeit hat er parallel zur Schule mit dem Studium der Theologie und der Philosophie begonnen und bereits ein erstes Buch veröffentlicht. Doch wer den Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes verstehen lernen möchte, muss ihn auf seinen christlichen Glauben ansprechen. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften möchte Dietlein ins Priesterseminar eintreten.


kath.net: Herr Dietlein, warum glauben Sie an Gott?

Georg Dietlein:
Das ist eine ziemlich tiefgründige Frage, die ich in aller Schlichtheit beantworten möchte: Ich glaube an Gott, weil es Gott gibt.

Der Glaube ist weder Produkt unseres Denkens noch der Schlussstrich rationaler Reflexion, sondern letztlich ein Geschenk, das wir uns nicht erarbeiten, sondern das wir stets nur aus der Gnade Gottes empfangen können, die dann, wenn wir uns ihr öffnen, in uns aufgeht.

Ich glaube deshalb an Gott, weil ich Glaubensvorbilder hatte, die mir diesen Glauben vorgelebt haben – vor allem meine Eltern, aber auch viele gute Priester und pastorale Begleiter – und dann seit meinem 13. Lebensjahr an den Universitäten Bonn und Köln meine Professoren, die zum Teil auch Priester waren.

Der heilige Paulus schreibt so schön: „Der Glaube kommt vom Hören“ (vgl. Röm 10,17). Letztlich kann eben nur eine Beziehung zu einer Person wirklich überzeugen. Diese personale Dimension des Glaubens reicht von den heute lebenden Christen bis hin zu den Glaubenszeugen der Stunde null und damit zur Selbstoffenbarung Gottes.

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kath.net: Bleibt der Glaube an Gott für Sie ein abstraktes Theoriewissen oder macht das etwas mit Ihnen und Ihrem Leben? Würden Sie anders leben ohne Ihren christlichen Glauben?

Dietlein:
Der Glaube an Gott ist das „Dramatischste“, was mein Leben verändert hat. Wer wirklich auf Christus baut, der räumt dieser Vertrauens-Beziehung in seinem Leben nicht den zweiten Platz ein – neben seiner Partnerin, seinem Partner, seiner Familie, seinen Hobbies, seinem Beruf –, sondern: den ersten.

Das hängt wesentlich damit zusammen, dass es für einen Christen nur einen einzigen personalen Lebens-Sinn geben kann. Und das sind – so traurig das erscheinen mag – nicht die eigene Familie, nicht die eigenen Kinder, nicht die eigene Lebensberufung, sondern: Jesus Christus selbst.

Die Liebe zu Christus muss immer die „erste“ Liebe sein, auch wenn sie andere Liebesbeziehungen – in der Ehe, zu Freunden oder in der Nächstenliebe – nicht verdrängt.

Für einen Christen hat das einen radikalen Lebenswandel zur Folge: weniger „Ich“, mehr „Du“. „Er muss wachsen, ich aber muss geringer werden“, könnten wir mit dem ersten Prediger Jesu, dem hl. Johannes den Täufer sagen (Joh 3,30).

Diese Christus-Existenz gibt einem ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Sie macht aus der Angst Hoffnung, aus der Sorge Gelassenheit, aus der Trauer Freude, aus der Egozentrik Christozentrik.

Und das kann ich auch ganz persönlich bestätigen: Je mehr ich Christus in mein Leben hineingelassen habe, desto fröhlicher bin ich geworden. Ich bin eigentlich jeden Tag glücklich und kann auch schwierige Situationen gelassen angehen.

Der selige Papst Johannes XXIII. hat einmal gesagt: „Wer glaubt, der zittert nicht. Er überstürzt nicht die Ereignisse. Er ist nicht pessimistisch eingestellt. Er verliert nicht die Nerven. Glauben, das ist Heiterkeit, die von Gott her stammt.“ – Ohne diesen Glauben wären wir als Menschen vermutlich sehr hoffnungslos.

kath.net: Sie möchten Priester werden. Wie viele Leute haben schon zu Ihnen gesagt: Ouh, haben Sie sich das wirklich gut überlegt?

Dietlein:
Das sagen mir schon sehr viele gesagt – und nicht nur Freunde, die dem Priesterberuf eher kritisch gegenüber eingestellt sind, sondern auch Priester selbst.

Wie wichtig Priesterberufungen angesichts zunehmenden Priestermangels auch sein mögen: Dies darf nicht dazu führen, dass wir junge Männer weihen, die dazu gar nicht berufen sind und damit wohl auch nicht die menschliche, pastorale und geistliche Eignung mitbringen.

Christus nachfolgen – das kann natürlich auch der Nicht-Geweihte, das kann jeder im Alltag. Durch die Taufe sind wir alle zur Heiligkeit berufen. Und deshalb prüfe auch ich mich immer wieder: Ist meine Berufung zum priesterlichen Dienst wirklich Gottes Wille oder ist das letztlich nur mein eigener Wunsch? – Da tut es gut, dass ich nach meinem Abitur mit 17 Jahren erst einmal ein „weltliches“ Studium angefangen habe. Für mich ist das eine Zeit der Prüfung, der Reinigung und der Reflexion. Ich kann mir schließlich auch gut vorstellen, als Rechtsanwalt, Notar, Richter oder in einem Unternehmen zu arbeiten.

Wenn meine Liebe zu Christus aber so stark ist, dann wird sie mich schließlich auch dazu führen, auf die „schönen“ Seiten eines zivilen Berufes – „Freiheit“ im Alltag, höheres Einkommen, Ehe und Familie – verzichten zu können. Als Zeit der Prüfung ist ja auch noch einmal die intensive Zeit im Priesterseminar da.

kath.net: Erleben Sie, ganz persönlich, ganz subjektiv, den christlichen Glauben eigentlich als einengend? Immerhin geht es für Sie um Zölibat, um Moral, Ehrlichkeit, Gewissen, Beichte…

Dietlein:
Wenn der christliche Glaube wirklich so einengend wäre, hätte er wohl nicht lange überlebt.

Gerade für die ersten christlichen Gemeinden hatte der Glaube etwas zutiefst Befreiendes: „Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). Und gerade deshalb waren die jungen Christen auch bereit, für den Glauben die Gefahr des eigenen Todes auf sich zu nehmen.

Oder blicken wir einmal zurück in die 1980er-Jahre nach Polen: Auch hier wirkte der christliche Glaube hoffnungsvoll-befreiend, bis hin zum Untergang einer Weltmacht, die für sich den „ersten Platz“ beanspruchen wollte.

Das, was die meisten an der katholischen Kirche als einengend empfinden, gibt es im Grunde gar nicht: Es gibt keine Gebote, es gibt nur Weisheiten für ein gelingendes und heiliges Leben. Und die meisten dieser Weisheiten sind nicht nur dem Christen verständlich, sondern jedem Menschen guten Willens, weil unser moralischer Anspruch von der Vernunft, von der Natur des Menschen her verständlich wird.

Natürlich hat die christliche Ethik – verglichen mit anderen Ethik-Entwürfen – auch ihre Eigenart: dass sie den Menschen so stringent und konsequent ins Zentrum rückt und darum auch Positionen nicht einfach aufgeben kann, etwa die Würde der menschlichen Person oder den Wert menschlichen Lebens. Dass der vermeintlich „vernünftige Mensch“ heute nicht alle kirchlichen Positionen zum Lebensschutz, in der Bioethik oder in der Sexualmoral unterschreiben würde, versteht sich aus der Schwäche der Vernunft. Auch sie ist leider immer wieder empfänglich für Verblendungen – hier kann der Glaube, wie Benedikt XVI. schreibt, reinigend wirken.

Der moralische Anspruch des Glaubens ist gerade deshalb nicht einengend, weil er uns einen Kompass mit auf unseren Weg gibt, an den wir uns halten können. Wer Gewissenserforschung betreibt, findet viel einfacher durchs Leben, weil sein Kompass „genordet“ ist.

Letztlich hat aber die katholische Morallehre auch nicht für alles eine Antwort. In Grenzsituationen dürfen und müssen wir dann unserem Gewissen folgen. Das ist eigentlich eine sehr schöne und befreiende Ethik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

kath.net: Beten Sie? Und wie würden Sie einem Menschen, der noch nicht beten kann, erklären, was Sie da tun?

Dietlein:
Das Gebet gehört zum Alltag eines Christen dazu wie das liebevolle Gespräch zum Alltag eines Ehepaares, wie der herzliche Gruß zum Alltag einer Freundschaft.

Die Form dieses Gebets kann allerdings im Alltag und im Lebenswandel variieren, wie sich auch die Formen von Liebe und Zärtlichkeit unter Ehegatten im Laufe des Lebens verändern.

Ich bete gerne den Rosenkranz – genauso wichtig ist mir aber das Gebet im Alltag: innehalten – und Gottes Angesicht suchen.

Bedeutsam geworden ist für mich das Stundengebet, auf das mich mein Freund und Lehrer Lothar Roos brachte: „Beten ohne Unterlass will keine Überforderung sein, sondern ein Trost: Weil Gott immer bei uns ist, sind wir nie allein.“

Wenn ich morgens, mittags (meist dann in der Universität) und abends das Stundengebet der Kirche aufschlage und beim Gebet der Psalmen Ruhe und Orientierung finde, erhält mein Tag ganz neuen Glanz.

Einem guten Freund, der bald getauft wird, habe ich eine „Prayerbox“ geschenkt. Vielleicht findet er in der Fülle christlicher Gebete ja etwas für sich.

Als „Hinführung“ zum Beten empfehle ich aber auch eine kleine Wallfahrt in der Stille, einen Schweigegang oder die Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten.

kath.net: Wir Katholiken glauben an die tatsächliche Gegenwart Jesu in der hl. Eucharistie. Manche denken aber, das sollte man besser nur symbolisch verstehen.

Dietlein:
Wer ein Symbol „nur“ als Symbol versteht, der geht von einem falschen Symbol-Verständnis aus. Das Wort „Symbol“ stammt vom griechischen „sym-ballein“, das heißt: zusammenfallen. In einem Symbol fallen Zeichenhaftigkeit und reale Gegenwart zusammen.

Das ist genau das „Zusammenfallen“, das die Sakramente der Kirche kennzeichnet: In den Sakramenten setzt Gott an uns Zeichen, durch die er an und in uns wirkt. Genauso ist übrigens auch die Kirche „Sakrament“, ja jeder einzelne Christ: Wenn wir christusförmig leben, bilden wir Christus ab, werden wir selbst, wie es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert, zum „Zeichen und Instrument“ seines Heilshandelns in der Welt.

Vor diesem Hintergrund muss man auch die Eucharistie verstehen: In der Eucharistie schenkt sich uns Christus unter den Gestalten von Brot und Wein. Er wird real-gegenwärtig. Es sind nicht mehr Brot und Wein, die wir zu uns nehmen, sondern Leib und Blut Christi – Christus, der in seinem ganzen Wesen in die uns sichtbaren Gaben übergegangen ist – ein Gott, zum Anfassen, Riechen und Schmecken.

Die Eucharistie dient allerdings nicht nur unserer eigenen „Erbauung“. Wir gehen auch vor allem für andere zur Kommunion – um selbst Zeichen der Hoffnung und Freude für andere zu werden, um selbst transparente Gegenwart Christi, Sakrament zu sein.

kath.net: Fasziniert Sie Papst Benedikt XVI.?

Dietlein:
Als Joseph Ratzinger Papst wurde, war ich gerade zwölf Jahre alt. Ich konnte ihn ganz bewusst und aktiv „von Anfang an“ mitverfolgen. Seit dem Weltjugendtag 2005 habe ich mit ihm auch theologisch beschäftigt. Als ich 2006 mit meinem Theologie-Studium begann, war es kaum mehr möglich, dem Theologen Joseph Ratzinger zu entgehen.

Er ist ohne Zweifel einer der ganz großen Theologen des jetzigen und zurückliegenden Jahrhunderts. Sein Wirken als Professor der Theologie ist geprägt von großer Eleganz und Schönheit. Er stellt die Verhältnisse zwischen Gott und Mensch, Christus und Kirche, Glaube und Vernunft klar und beweist, dass gerade unsere Glaubens- und Gebetssprache alles andere als veraltet ist.

Besonders schätze ich an Benedikt XVI., dass er als Bischof und Papst nicht beim Professor „stehen geblieben“ ist. Ihm ging es niemals darum, seine eigene Meinung in den Mittelpunkt zu stellen. Ausgangspunkt seines Schaffens war stets das Zeugnis der biblisch-kirchlichen Tradition.

Es ist beeindruckend, mit welcher Überzeugungskraft der Heilige Vater auch in hohem Alter noch wirkt: „Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles.“

kath.net: Welches Zitat eines Christen beschäftigt Sie zurzeit besonders?

Dietlein:
„Die Selbsterkenntnis führt uns an der Hand zur Demut.“ – Dieses Wort stammt vom Heiligen Josemaría Escrivá.

Ich habe bei der Gewissenserforschung und der Beichte die Erfahrung gemacht, dass alle Um- und Abwege, die wir in unserem Leben einschlagen, letztlich mit unserem eigenen Stolz, unserer eigenen Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit zusammenhängen.

Zum Selbst-Bewusstsein eines Christen gehört das Bewusstsein, dass wir zunächst nur Geschöpf sind, also abhängig, weiterverwiesen, nicht „aus uns selbst“.

Das hält uns davon ab, uns selbst zum Schöpfer zu machen, unsere Umwelt und unsere Gesellschaft nicht nach Gottes Plan, sondern nach unserem eigenen Willen zu gestalten.

Und deshalb ist Maria auch die größte Heilige in meinem Leben. Ihr „Fiat voluntas tua“ finden wir wieder im Vater unser: „Dein Wille geschehe.“ Die Berufung Mariens ist kein „Nebenschauplatz“ der Evangelien, sondern ein „roter Faden“: Wir sind genau wie Maria zur Heiligkeit berufen – wir müssen eben nur ganz still werden, um auf Gott zu hören, um „ihn machen lassen“. Dann kann Christus jeden Tag in uns Mensch werden.

Mein Motto: Mach’s wie Maria, lass Gott machen.


Georg Dietlein wurde 1992 in Köln geboren. Parallel zu seiner Gymnasialzeit studierte er seit 2006 Katholische Theologie und Philosophie in Köln und Bonn. Aus dieser Zeit stammt sein Erstlingswerk zum mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham, das er 2008 veröffentlichte. 2009 folgte ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität zu Köln. Mit Erlangung seines Abiturs setzte er 2010 das Studium der Rechtswissenschaften fort und begann zusätzlich ein Studium der Betriebswirtschaftslehre. Er ist kirchlich, politisch und gesellschaftlich engagiert und veröffentlicht regelmäßig in juristischen Fachzeitschriften. 2011 gründete Georg Dietlein gemeinsam mit Kölner Studierenden die erste selbständige studentische Rechtsberatungsgesellschaft in Deutschland - „Student Litigators“. Nach seinem rechtswissenschaftlichen Studium möchte Georg Dietlein ins Priesterseminar eintreten.






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