
St. Ottilien (kath.net)
B - 16. Sonntag im Jahreskreis, Ev. Mk 6,30-34
Nachschrift vom Tonband der frei gehaltenen Predigt von Erzbischof Josef Stimpfle am 20 Juli 1970, anlässlich der Priesterweihe von Dr.P.Bernhard Sirch OSB (Foto) in der Erzabtei St.Ottilien. Stimpfle (1916-1996) war der 81. Bischof von Augsburg gewesen.
„Im Namens des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Sehr verehrter Herr Weihekandidat, hochwürdige und verehrte Benediktinerpatres und -brüder, liebe im Herrn versammelte Gemeinde.
Es ist in unseren Tagen für die Priester schwerer geworden, ihren Dienst, Ihre Weihe und ihre Stellung in der Kirche richtig zu verstehen. Und es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass an diesem gesegneten Weihetag nur einer aus der Mönchsgemeinde die Priesterweihe empfangen kann. Die Unsicherheit über den priesterlichen Dienst ist zutiefst begründet im Glaubensverständnis, in der rechten Erkenntnis jener priesterlichen Sendung, die Jesus Christus seinen Aposteln und weiter, durch ihre Nachfolger an die Bischöfe und Priester weitergeben will. Man kann nicht das priesterliche Amt erstreben, wenn man nicht klar weiß, was es ist und darum wollen wir vor der Spendung dieser Priesterweihe uns vom Herrn selber belehren lassen, was der Priester ist, was seine Aufgabe und seine Stellung in der Kirche und in der ganzen Menschheit bedeutet.
Das heutige Evangelium mit den beiden vorhergehenden Lesungen aus dem Propheten Jeremias und aus dem Epheserbrief können uns da Wegweisung bieten. Im Evangelium hörten wir, die Apostel, die der Herr zu ihrer ersten Missionsreise ausgesandt hatte, versammelten sich wieder bei Jesus und sie berichteten, was sie getan und gelehrt hatten. Diese Worte des Evangelisten hören wir öfters von der Tätigkeit Jesu selbst. Jesus hat gelehrt und hat Wunder gewirkt in seinem unsteten Wanderleben und wir hören es auch aus diesem Bericht wieder. Er wollte sich mit seinen Jüngern an einen einsamen Ort zurückziehen, aber siehe da, das Volk ist schon wieder da, sie hatten nicht einmal Zeit zum Essen sie fanden keine Ruhe, Jesus hat Mitleid mit ihnen, er gehört ihnen und er lehrte sie Vieles. Jesus ist der unermüdliche Verkündiger des Evangeliums vom Reiche Gottes. Und was von Jesus gesagt wurde, das wird hier in derselben Weise von seinen Aposteln gesagt. Auch sie lehren. Die Apostel haben vom Herrn Anteil bekommen an seiner eigenen Sendung. Jesus will seine Lehrtätigkeit ausdehnen über den engen Kreis der Dörfer und Städte, die er persönlich erreichen konnte durch seine Jünger hinein in das ganze Volk Israels. Und als der Herr sein Werk vollendet hatte, da sandte er dieselben Apostel über den ganzen Kreis des Volkes Israel hinaus in alle Welt: Geht hinaus in alle Welt und macht alle Völker zu Jüngern und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Jesus, der große Lehrer der Völker, der Offenbarer der Heilsgnade Gottes sendet seine Jünger als Lehrer in die Welt. Die Apostel sollen die ganze Welt mit dem Evangelium von der Gnade Gottes erfüllen. Und die Apostel haben wiederum dafür Sorge getragen, dass nach ihrem Ableben die Botschaft weiterhin ihren Lauf nehme. Und so ist die Sendung, die Jesus vom Vater empfangen und den Aposteln weitergegeben hat, in der Kirche bis heute lebendig im Bischofsamt und mit ihren Mitarbeitern, den Priestern. Das Priesteramt ist zuerst Sendung Gottes zur Verkündigung des Evangeliums. Das zweite Vatikanische Konzil hat diese erste Aufgabe: die Mission, die Verkündigung des Evangeliums in alle Welt neu ausgesprochen und den Bischöfen und Priestern eingeschärft.
Wir lesen dann weiter. Jesus sagte weiter zu seinen Jüngern, die von ihrer ersten Missionsreise zurückkamen und sicher müde waren: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind und ruht euch ein wenig aus. Ein Wort, das so das ganz menschliche und herzliche Empfinden Jesu offenbart. Er hat Verständnis für seine Mitarbeiter und gönnt ihnen Ruhe; dann fahren sie über den See in die Einsamkeit des Ostufers, dort wollten sie Ruhe finden. Jesus und seine Apostel suchen die Einsamkeit, nicht nur um ein wenig auszuruhen; dieses Wort hat noch einen tieferen Sinn. Jesus selber hat sich während seines unermüdlichen Wander- und Predigtlebens immer wieder in die Einsamkeit zurückgezogen, um allein zu sein im Gebet mit Gott seinem Vater. Und so wollte er auch, dass seine Jünger ihre Tätigkeit immer wieder vertiefen im Gebet, in der Sammlung, in der Stille sollten sie die innerste Gemeinschaft mit Gott suchen und sich immer aufs innigste verbinden mit dem, von dem alle Wahrheit und alle Erkenntnis ausgeht, mit Gott dem Vater. So wie die Lehrtätigkeit Jesu Christi und seiner Jünger mit dem Gebet verbunden ist und war, so muss es auch sein im Wirken der Bischöfe, der Priester und der Mönche von heute.
Die Aktivität muss immer ergänzt werden durch die Kontemplation. Das ist ein urapostolisches Gesetz, das der hl. Ordensstifter St. Benedikt seinen Mönchen eingeschärft hat: operi dei nihil praeponatur: Dem Werk Gottes, dem Gottesdienst, werde nichts vorgezogen - die allererste Quelle sollte das Gebet einnehmen. Und aus dem Gebet und dem Gotteslob heraus, soll dann der Dienst am Worte Gottes vollzogen werden. So hat Franz von Assisi seine Jünger immer wieder heimgeholt in die Einsamkeit der Höhlen bei Assisi, und nach mehrwöchiger Einsamkeit in Gebet und Buße hat er sie ausgesandt zu ihren Missionsreisen in Umbrien und Italien. So hat Dominikus seinen Ordensbrüdern, dem Predigerorden, eingeschärft sie sollten das verkünden, was sie zuvor im Gebet und in der Betrachtung innerlich geschaut hatten: Contemplata aliis tradere. Das in der Betrachtung Aufgenommene, anderen weitergeben, predigen - aus dem Gebet aus der innersten Gemeinschaft mit Gott dem Herrn soll der Dienst am Evangelium vollzogen werden.
Es ist und bleibt darum eine Lebensfrage für den Priester, dass er täglich im Gebet, in der Betrachtung, in der liebenden Vereinigung mit Jesus Christus seinem Herrn und mit Gott dem Vater lebt. Die Verkündigung und das Gebet, das Gebet und die Arbeit, beides gehört wesentlich zum priesterlichen Dienst. Der Priester ist ein Mann Gottes, ein Mann der in der Einsamkeit mit seinem Herrgott ringt, ein Mann des Gebetes, der stets stellvertretend für das ganze Volk in stillem Gebete für all die, denen er den Dienst am Evangelium leisten soll.
Und dann lesen wir weiter. Die Leute, die kamen und gingen, waren so zahlreich, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden. Und als die Jünger abfuhren, liefen die Leute aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an, an jenem einsamen Ort, wo sie sich ausruhen wollten. Als Jesus ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Jesus sieht die Menschen auf sich zukommen, er vergisst sich selber, er vergisst die eigene Müdigkeit, und er schont auch seine Jünger nicht. Die Menschen brauchen sie nötiger als er die eigene Ruhe und Erholung. Er ist ganz für die Menschen da und hat Mitleid mit ihnen.
Jesus Christus ist für die Menschen gekommen, für die Menschen hat er gelebt, gearbeitet, gepredigt und schließlich hat er für die Menschen nicht nur seine Zeit, sondern auch sein Leben geopfert am Kreuz. So war er ganz und gar, das Spiegelbild der erbarmenden Liebe Gottes zu den Menschen. Dies ist das Priestertum Jesu Christi in seiner letzten Wurzel, er ist unser Hoherpriester geworden, als er sich im Gehorsam gegen den Liebeswillen des Vaters für alle Menschen am Kreuze geopfert hat. Das Erbarmen des guten Hirten hat er seinen Jüngern weiter vermacht und so ist das Herz des Priestertums Jesus Christi, die Liebe des guten Hirten.
Der Priester ist nicht für sich geweiht, sondern für die Menschen. Die Priester und die Bischöfe sollen allezeit für alle Menschen dasein. Durch den Dienst am Evangelium, durch ihr tägliches und nächtliches Beten und durch die Aufopferung ihrer selber. Und darum wird dem Neugeweihten am Schluss bei der Übergabe von Kelch und Patene das Wort gesagt: Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, lass dein Leben geprägt sein vom Geheimnis des Kreuzes.
Liebe Brüder und Schwestern, so sehen wir im Bilde Jesus Christi, des guten Hirten, das strahlende Bild des Priestertums des Neuen Bundes, das Priestertum der katholischen Kirche aufleuchten. Es steht im krassen Gegensatz zu jenen selbstsüchtigen und pflichtvergessenen Hirten, die der Prophet Jeremias im Namen Gottes tadelt, weil sie kein Herz haben für das Volk. Das Volk sich verlaufen lassen und das Volk in die Irre gehen lassen. Ein ernstes Wort an jeden Bischof, Priester und Mönch. Dass wir auch in unseren Tagen uns diese Gewissenserforschung zu Herzen nehmen: sind wir wirklich so besorgt um unser Volk heute? Sind wir wirklich ganz da für den Menschen? Jesus Christus war total für die Menschen da. Gott der Vater hat seine Hand auf ihn gelegt und ihn hingegeben. Und er hatte keine Zeit weder zum Essen noch zur Ruhe. Er war immer im Dienst der Menschen. Und er musste sein Leben für sie lassen. Diese Totalität, für die Menschen dazusein, im Namen Gottes, das gehört zum katholischen Priestertum, und so verstehen wir auch, dass ein Priester der katholischen Kirche verzichten muss auf das, was alles schön und gut ist und was den übrigen Menschen gehört, ja die ganze Welt mit all ihren Gütern und den hohen Gütern von Ehen und Familien. Dies ist alles gut, aber der Priester, der Jesus Christus repräsentieren muss, der hat keine Zeit für sich, für ein Familienleben, der muss bei Tag und bei Nacht immer für alle Menschen da sein. Aus diesem Grunde hält die katholische Kirche des Westens an der Ehelosigkeit der Priester fest. Getreu dem Geiste des ewigen Hohenpriesters, der seine Diener dazu bestellt für die Menschen bei Tag und bei Nacht Sorge zu tragen im Gebet, im Dienst am Evangelium, in der Spendung der Sakramente und in der Liebe des guten Hirten. Ist das nicht ein Beruf, der auch heute noch wert ist gelebt zu werden und ergriffen zu werden.
Meine lieben Brüder und Schwestern, liebe Jugend vor allem, die sie hier sind. Lassen wir uns nicht irre machen von denen, die kein Verständnis mehr haben für diese tiefste Glaubenswirklichkeit. Jesus Christus, unser Lehrer und Vorbild und Hoherpriester hat etwas Neues in die Welt gebracht. Das ist gewiss ein Aufruf zur höchsten Hochherzigkeit. Das ist ein Aufruf zum Handeln und zu unermüdlichem Wirken im priesterlichen Dienst. Das ist ein Aufruf zur totalen Hingabe an Gott, den Vater und Jesus Christus im Gebet, in der Betrachtung und das ist ein Aufruf zur Selbstaufopferung für alle Menschen nach dem Vorbild des Herrn.
So wollen wir den Priester jetzt sehen, der in unsere Mitte tritt, um die Sendung Jesu Christi zu empfangen, die gerade an dieser Stätte und von St.Ottilien aus so treu bewahrt wurde; von hier aus sind ungezählte Priester als Missionare ausgezogen, wie einst der Herr und seine Apostel. Nach Peramiho, nach Ndanda, nach Eshowe in Südafrika, nach Korea und wirken dort und haben dort die Kirche Jesu Christi eingepflanzt und verkündigen das Evangelium und sind Repräsentanten des guten Hirten. Möge dieser Geist auch in Zukunft in unserem Volke lebendig werden und bleiben, dass bei künftigen Priesterweihen nicht nur einer, sondern wieder eine wach-sende und größere Zahl von Mönchen und Missionaren hier für den Dienst am Evangelium, für das Leben in der innigsten Gemeinschaft mit Gott im Gebet und für die Liebe des guten Hirten unter den Menschen die priesterliche Weihe und Sendung empfangen kann. Und so wollen wir bei dieser Priesterweihe für den neu zu Weihenden beten, für die ganze Mönchsgemeinschaft und für unser ganzes Volk, vor allem für unsere Jugend, dass sie aus dem Glauben und aus der Liebe Jesu Christi heraus die Liebe zu allen Menschen so stark in sich fühlen, dass sie bereit sind, um des Evangeliums willen ehelos zu bleiben um im Namen des Herrn die fro-he Botschaft von der Gnade Gottes aller Welt zu verkünden, um im Gebet für alle Menschen einzutreten und um ihr Leben zu einem Dienst zu machen für den Frieden. Amen.“
kathpedia: Josef Stimpfle
Tweet



Tippfehler melden
Druckversion


Anderswo...
Top Artikel der letzten 7 Tage

