
München (kath.net/ps/rn)
KATH.NET: Herr Seewald, die deutschen Bischöfe haben ihren früheren Beschluss, den Verlagskonzern „Weltbild“ zu verkaufen, nun revidiert. Das Unternehmen wird einer Stiftung überantwortet. Sie haben frühzeitig gegen den Verkauf votiert, warum?
Seewald: Weil ich die Hoffnung habe, dass man mit diesen Talenten etwas Gutes machen kann. Der eigentliche Skandal bei „Weltbild“ ist ja, dass hier ein Verlagshaus, das zu einhundert Prozent der katholischen Kirche gehört, weder katholisches Profil zeigt, noch sich für die Anliegen von Kirche und Glauben interessierte. Dieser Kurs kann nun endlich korrigiert werden. Die Bischöfe haben einen Schritt in die richtige Richtung getan, das verdient Anerkennung.
KATH.NET: Manchen geht der Prozess freilich viel zu langsam.
Seewald: Niemand wird sagen, dass jetzt schon alles zum Besten steht, aber was bisher gemacht wurde, ist gut. Wichtig ist jetzt, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.
KATH.NET: Wie bedeutsam ist der Fall „Weltbild“ überhaupt?
Seewald: „Weltbild“ hat hohe Symbolkraft, das sollte man nicht unterschätzen. Es ist der Testfall, dass man den neuen „Aufbruch“, von dem so häufig die Rede ist, auch tatsächlich will. Jeder einzelne Bischof, der als Treuhänder seines Bistums involviert ist, wird sich daran messen lassen müssen. Niemand wird künftig glaubhaft von Neuevangelisation sprechen können, der hier nicht Flagge zeigt.
KATH.NET: Manch einer würde, wie man hört, lieber weitermachen wollen wie bisher.
Seewald: Einfach die Sache nur umwidmen, wäre Augenwischerei. Das würde zu einem riesigen Ansehensverlust führen und die Glaubwürdigkeit der Bischofskonferenz erschüttern. Dann hätten die Bischöfe ein Milliardenunternehmen regelrecht verschenkt, ohne dafür etwas bekommen zu haben. So dumm kann niemand sein. Wer jetzt nicht handelt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Es muss einen Ruck geben, ein unübersehbares Signal. „Weltbild“ ist nicht die Heilsarmee, aber man kann im Rahmen einer neuen Verlagsphilosophie einen großen Beitrag leisten.
KATH.NET: Carel Halff, der langjährige Geschäftsführer von „Weltbild“, hat allerdings den Beschluss der Bischöfe dahingehend erklärt, die Verlagsgruppe werde, so wörtlich, „bleiben, wie sie ist“; nur die Gesellschafterstruktur werde sich ändern.
Seewald: Das ist schon eine merkwürdige Aussage. Es geht erklärtermaßen darum, etwas anders, besser zu machen, vor allem inhaltlich besser. Die Kirche muss ihre riesigen Ressourcen, die sie hat, besser nutzen. Dass sie das in der Vergangenheit nicht gemacht hat, ist mit der Grund für viele heutige Probleme, etwa den gigantischen Verlust an Glaubenswissen und katholischer Hochkultur.
KATH.NET: „Weltbild“ gilt immerhin als erfolgreiches Unternehmen.
Seewald: Es gibt unzählige verdienstvolle Mitarbeiter, die viel geleistet haben. Die Frage ist: Was genau bedeutet im Falle eines kirchlichen Unternehmens „Erfolg“? Gibt es einen Erfolg gemäß eines christlichen Bildungsauftrages? Und was den wirtschaftlichen Erfolg betrifft: Größe und hohe Umsatzzahlen alleine bringen bekanntlich noch keine Rendite. Alles Geld wurde reinvestiert. Nicht zuletzt aufgrund waghalsiger Expansionen, etwa in Polen, die viele Millionen gekostet haben.
KATH.NET: Ist eine Neuorientierung ohne Konzeptänderung überhaupt möglich?
Seewald: Natürlich nicht, aber die wird in der Satzung der künftigen Weltbild-Stiftung hoffentlich auch deutlich definiert.
KATH.NET: Wie wichtig sind die personellen Fragen?
Seewald: Es geht immer über die Köpfe, und es ist Sache der Gesellschafter, hier richtig zu entscheiden. Die besten Statuten helfen nichts, wenn Sie nicht auch Menschen mit Herz, mit Hirn, mit Enthusiasmus haben, die diese Ziele auch umsetzen wollen und können. Nehmen Sie den FC Bayern in diesen Tagen, wo ein neuer Manager frischen Wind reinbringt. Denn der setzt genau dort an, wo er die Identität, die Wurzeln, die Kraft sieht, all die Dinge, die den FCB so großartig gemacht haben.
Ein anderes Beispiel: Dass bei Axel Springer oder anderen Verlagen jemand das Haus führt, der nicht auch für die Programmatik und die Philosophie der Eigentümer steht, wäre unvorstellbar. In der Kirche gelten hohe Maßstäbe. Wer über Jahre und Jahrzehnte hinweg in der ersten Reihe, hüben wie drüben, für die extremen Versäumnisse verantwortlich war, kann nicht beanspruchen, weiter am Ruder zu stehen. Nur mit frischen, mutigen Kräften, die nicht nur einen kühlen Verstand, sondern auch ein katholisches Herz haben, kann man auch neue Chancen umsetzen.
KATH.NET: Welche Chancen meinen Sie konkret?
Seewald: Die Medienarbeit der Kirche ist eine Katastrophe. Da werden mit Millionen an Kirchensteuermitteln Zeitungsbeilagen finanziert, die sich Woche für Woche als antirömische Agitpropmaschinen aufstellen, was weder sonderlich originell noch fortschrittlich ist. In der Krise der Kirche ist nicht der alte Sermon gefordert, sondern frischer Geist, der Elan aus der Freude, der Schönheit und Weisheit des Katholischen heraus, der dann auch wieder zünden kann. Das „Jahr des Glaubens“ bietet die Tribüne, christlichen Glauben neu anzubieten, neu sagen zu lernen. Dass hierbei ein Haus wie „Weltbild“, das vermutlich weltweit größte katholische Verlagsunternehmen, seinen Beitrag leisten muss, ist wohl nicht zu viel verlangt. Neuevangelisation ist kein müder Aufguss irgendeiner vertrockneten Geschichte, sondern global gesehen mit das spannendste, größte, modernste, wichtigste und zukunftsweisendste Projekt unserer Zeit überhaupt.
KATH.NET: Herzlichen Dank für das Interview
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