29 Mai 2012, 15:15
Vatikan: Prominente Kurienmitarbeiter befragt
 
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Verhafteter Kammerdiener soll nicht allein gehandelt haben - Ziel der Enthüllungen war laut Medien, Papst "vor den Machenschaften von Kardinal-Staatssekretär Bertone zu schützen"

Rom (kath.net/KAP) Medienberichten zufolge sind am Pfingstwochenende fünf Kardinäle von der Kommission befragt worden, die vom Papst zur Klärung der Causa "Vatileaks" eingesetzt wurde. Laut "La Repubblica" (Dienstag) laufen allerdings gegen die befragten Kardinäle keine Ermittlungen. Die Kommission wolle klären, wer der Auftraggeber im Enthüllungsskandal sei. Weitere Festnahmen in der Affäre würden im Vatikan nicht ausgeschlossen.

Der verhaftete päpstliche Kammerdiener habe nicht allein gehandelt, hieß es. Im Hintergrund stünden "hochrangige Kleriker". Ziel der Enthüllungen sei, den Papst "vor den Machenschaften von Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertones zu schützen", so "La Repubblica". Das Blatt zitierte dazu eine nicht namentlich genannte Person, die involviert sei. Weiter hieß es, dass die Absetzung von Vatikanbankchef Ettore Gotti Tedeschi ebenfalls von Bertone orchestriert worden sei.

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In anderen Zeitungen hieß es, im Visier der vatikanischen Ermittler seien rund 20 Personen, wobei "vier oder fünf" Mitarbeiter der Kurie bereits befragt worden seien. Laut der Turiner Tageszeitung "La Stampa" soll ein Laien-Mitarbeiter des Staatssekretariats in den vergangenen Tagen einen Nervenzusammenbruch erlebt haben. Er habe bei einer Anhörung ausweichende Antworten gegeben.

"Der Papst verfolgt eine Strategie der vollen Transparenz. Er ist sich der heiklen Situation bewusst, die die römische Kurie erlebt", kommentierte Vatikan-Pressesprecher P. Frederico Lombardi nach Angaben italienischer Medien.

Butler schon fünfte Nacht im Vatikangefängnis

Der beschuldigte Papst-Butler Paolo Gabriele, der am Donnerstag im Zuge eines seit Wochen schwelenden Enthüllungsskandals festgenommen worden war, hat unterdessen seine fünfte Nacht in Folge in einer Zelle im Vatikan verbracht. Dort befindet er sich seit seiner Festnahme.

Gabriele sagte nach Angaben seines Anwalts Carlo Fusco eine umfassende Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden zu. Sobald er und seine Kollegin Cristiana Arru die bisherigen Ermittlungsakten studiert hätten, werde sein Mandant auf alle Fragen der Ermittler antworten und mit ihnen zur Wahrheitsfindung zusammenarbeiten, hieß es in einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung Fuscos. Sein Mandant, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbinde, sei "sehr gelassen und ruhig", fügte er hinzu.

Der Anwalt wies zugleich Presseberichte zurück, die Frau des Beschuldigten habe die gemeinsame Wohnung verlassen. Auch habe sie bisher kein Interview gegeben und werde das auch nicht tun. Italienische Zeitungen hatten in den vergangenen Tagen angebliche Gespräche mit der Gattin des Kammerdieners wiedergegeben, die freilich nicht in inhaltliche Details einstiegen.

Die Weitergabe vertraulicher Informationen beschäftigt den Heiligen Stuhl, seitdem der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi angebliche Geheimdokumente aus dem Vatikan veröffentlicht hat. In einem Buch mit dem Titel "Sua Santita" (Seine Heiligkeit) publizierte er nach eigenen Angaben "Geheimpapiere von Benedikt XVI.". Dazu gehören Briefe und Faxe sowie Gesprächsvorlagen für den Papst. Unter anderem wurde ein internes Vatikan-Memorandum für ein Treffen Benedikts XVI. mit dem italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano abgedruckt.

"Im Vatikan ist nicht nur ein Krieg zwischen rivalisierenden Gruppen von Kardinälen im Gange. Hier geht es um eine tiefgründigere Frage. Der Unmut gegen die Untransparenz des Systems wächst. Auch die Ermittlungen gegen Gabriele sind absolut geheimnisumwoben. In Italien darf niemand länger als 72 Stunden lang inhaftiert werden, ohne dass die Vorwürfe offiziell bekanntgegeben werden", kommentierte Nuzzi am Dienstag.

"Wenn man in einem westlichen Land eine Person verhaften würde, weil sie den Medien wahre Informationen vermittelt hat, würden sofort Unterschriftensammlungen für ihre Befreiung beginnen. Das geschieht leider nicht im Vatikan", sagte Nuzzi. Der Buchautor zeigte sich mit Gabriele und seiner Familie solidarisch.

Folgt Tietmeyer auf Gotti Tedeschi?

Weiters wurden am Dienstag auch in der Gotti-Affäre neue Entwicklungen bekannt. So soll der frühere Präsident der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmeyer (80), nach "La Stampa"-Informationen aussichtsreichster Kandidat für den Chefposten der Vatikanbank IOR sein. Der deutsche Volkswirt genieße das besondere Vertrauen des Papstes, und man verspreche sich von seiner Person eine befriedende Wirkung auf die vatikaninternen Konflikte über die Finanzen, schreibt die Zeitung.

Der Aufsichtsrat des "Instituts für die religiösen Werke" hatte Ettore Gotti Tedeschi am Donnerstag sein Misstrauen ausgesprochen und dem zuständigen Kardinalsrat die Beendigung von dessen Mandat empfohlen. Gotti Tedeschi habe wichtige Aufgaben nicht in der gewünschten Weise wahrgenommen, hieß es in einer Mitteilung des Vatikan.

Tietmeyer war von 1993 bis 1999 Präsident der Deutschen Bundesbank. Zuvor war er von 1982 bis 1989 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Seit ihrer Gründung durch Johannes Paul II. im 1994 ist der westfälische Katholik Mitglied der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundesbank gab es 1999 und 2006 schon einmal Spekulationen über einen möglichen Wechsel Tietmeyers an die Spitze des IOR.

Unterdessen veröffentlichte die italienische Tageszeitung "Corriere della Serra" am Wochenende das Protokoll der IOR-Aufsichtsratssitzung vom Donnerstag. Darin hält das aus vier externen Bankfachleuten bestehende Gremium Gotti Tedeschi unter anderem vor, über die Bankgeschäfte nicht ausreichend informiert gewesen zu sein und nicht regelmäßig an den Konferenzen teilgenommen zu haben.

Zudem wird eine mangelnde Verteidigung des Instituts durch Gotti Tedeschi in der Öffentlichkeit kritisiert. Die zuständige Kardinalskommission, die die IOR-Gremien kontrolliert, hatte den Vorgang am Freitag beraten, jedoch kein Sitzungskommunique veröffentlicht.

Gotti Tedeschi bleibt weiterhin Professor für Finanzethik an der Mailänder Katholischen Universität. Er behält auch sein Funktionen beim spanischen Bankinstitut "Banco Santander SA".

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