08 Mai 2012, 08:44
Wenn Leben als 'lebensunwert' bezeichnet wird
 
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Ein Buch aus dem Jahr 1920 muss all jene in große Verlegenheit bringen, die sich für die Sterbehilfe aussprechen und dabei glauben, all dies hätte nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Von Lucetta Scaraffia / L´Osservatore Romano

Rom (kath.net/Osservatore Romano) Endlich wurde die Schrift von Karl Binding und Alfred Hoche "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens", die 1920 in Deutschland erschienen ist, auch ins Italienische übersetzt (La liberalizzazione della soppressione della vita senza valore, Verona, Ombre Corte 2012). Ich sage »endlich«, da es sich um einen Text handelt, der eine Zäsur in der Geschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnet und auf vielfältige und wichtige Weise zum Nachdenken anregt, was im Vorwort der beiden Herausgeber Ernesto De Cristofaro und Carlos Saletti – das sich eher auf die rechtliche Ebene konzentriert – nur zum Teil explizit angesprochen wird.

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Das Buch offenbart nämlich, vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung, die es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland genoß – in der Zeit des Aufstiegs des Nationalsozialismus lehnte sich die Definition des Begriffes »Euthanasie« im Brockhaus an ihr Werk an und zitierte es –, daß das bis zum Äußersten geführte eugenische Denken auch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten allgemein verbreitet war. Und dies aufgrund von Gelehrten, die keine Nazis waren: der Strafrechtswissenschaftler Binding starb 1920; und der Psychiater Hoche (ein Schüler Ernst Haeckels, der Darwins Evolutionstheorie nach Deutschland brachte) trat im Augenblick der Machtübernahme der Nationalsozialisten von seinem Amt an der Universität zurück. Obwohl also die Nationalsozialisten regen Gebrauch von diesem Text machten und dessen grundlegende Thesen verbreiteten, handelte es sich doch um Ideen, die in einer früheren Kultur herangereift sind: der eugenistische Darwinismus, der in jenen Jahren in Europa weit verbreitet war.

Die Schrift kann unwiderruflich als überholt und zur nationalsozialistischen Ideologie gehörend angesehen werden, wenn man das insbesondere von Binding gedanklich entfaltete Thema der Macht des Staates über das menschliche Leben betrachtet. Denn die Idee vom deutschen Volk – das als ethnologisch homogene Einheit aufgefaßt wird, die sich aus starken und gesunden Individuen zusammensetzt – erhebt sich zu einem mächtigen Subjekt, dem die Interessen jedes einzelnen Lebens untergeordnet werden müssen. Sie ist aber zugleich ein sehr aktueller Text: in den Abhandlungen der beiden Verfasser bildet die Übermacht des Staates über das Individuum zweifelsohne nur einen mittlerweile obsoleten Bestandteil der dargelegten Gedanken. Unter den Gründen, mit denen die Vernichtung des Lebens von schwer kranken oder psychisch kranken Menschen gerechtfertigt – ja sogar herbeigewünscht – wird, finden wir Gedanken und Wörter, die auch heutzutage noch von den Befürwortern der Euthanasie oder Fötenselektion verwendet werden.

Binding und Hoche vertreten nämlich die Ansicht, daß das Leben jener Menschen, die aufgrund schwerer Krankheiten einen schmerzvollen und hoffnungslosen Todeskampf durchleben, aber auch das Leben der unheilbaren Geisteskranken, die ihr Leben angeblich ohne Ziel und Nutzen fristeten und für deren Unterstützung die Volksgemeinschaft hohe und unnütze Kosten tragen müsse, nicht als Leben im vollen Sinne angesehen werden kann. Im Hinblick auf diese Menschen erfinden die beiden Wissenschaftler einen neuen Begriff, dem auch weit über den Untergang des Nationalsozialismus hinaus großer Erfolg beschert sein sollte: »lebensunwertes Leben«. Ein Begriff, der den Weg für die Tötung von Kranken und Behinderten ebnete und ermöglichte, daß diese Ermordung von Menschen mit einer moralisch beachtenswerten Motivation begründet wurde: sie sprachen ja in der Tat vom »Gnadentod«.

Es sind dieselben Worte, die auch in den Schriften vieler zeitgenössischer Bioethiker und Politiker vorkommen, die Gesetzesentwürfe zur Sterbehilfe unterstützen. Die Herausgeber schreiben im Vorwort, »daß die Auffassung vom Leben als schützenswertes Gut von nun an von jeglichem metaphysischen Postulat und von jeglichem naturrechtlichem Dogma losgelöst und zu einer Semantik der Konkretheit und Immanenz geführt wird: das Leben habe in dem Maße Wert, in dem es Vergnügen bereitet und sich dem Leiden entzieht«. Dieses Buch müßte also aufgrund seiner unglückseligen Aktualität all jene in große Verlegenheit bringen, die sich für die Sterbehilfe aussprechen und dabei glauben, all dies hätte nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun.

Hoche gibt sich auch als Vertreter jener szientistischen Denkrichtung zu erkennen – die es auch heute noch gibt –, der zufolge die Wissenschaft nie irren könne und der daher wie einem Dogma geglaubt werden müsse. Indem er nämlich die Tötung Geisteskranker befürwortet, behauptet er, daß die medizinische Wissenschaft seiner Zeit unumschränkt und irrtumsfrei dazu befähigt sei festzustellen, ob ein psychisch Kranker geheilt werden kann oder nicht.

Die Verachtung von nicht vollkommenem Leben und die Überbewertung der Fähigkeiten der Wissenschaft: diese beiden Geisteshaltungen sind auch in unserer heutigen Zeit noch immer allgegenwärtig, und sie zeigen, daß die Eugenik nicht zusammen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beseitigt wurde, sondern weiterlebt. Und dies nicht zuletzt, weil sie sich mit letzterer nur zum Teil identifizierte. Die Schrift von Binding und Hoche ist ein klarer Beweis dafür.

kathTube-Foto: "Jedes Leben ist wertvoll"


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