24 April 2012, 07:44
Glaubensstudie: Sagt Luthers Heimat Gott ade?
 
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US-Untersuchung löst eine neue Diskussion über die religiöse Lage aus

Halle/Dresden (kath.net/idea) Warum ist ausgerechnet das Mutterland der Reformation heute eine Hochburg der Gottesleugner? Diese Frage wird angesichts der Ergebnisse einer US-Studie neu diskutiert. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung der Universität Chicago ist im Osten Deutschlands der Glauben an Gott im internationalen Vergleich am schwächsten ausgeprägt. Nur acht Prozent der Bevölkerung glauben danach an einen personalen Gott. Gleichzeitig sind die neuen Bundesländer beim Anteil der Atheisten mit 46 Prozent „Spitze“. Der frühere Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack (Halle/Saale), sieht für die Entkirchlichung mehrere Ursachen. So seien nach 1945 Millionen Menschen nach Westdeutschland gegangen, die zu den bürgerlichen, kirchentragenden Schichten gehört hätten: „Sie fehlen uns bis zum heutigen Tag.“ Dies sei der „bleibende Erfolg“ der SED, sagte Noack gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Er lehrt heute Kirchengeschichte an der Universität Halle-Wittenberg und ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste im Diakonischen Werk der EKD. Nach seinen Worten waren für den Schrumpfungsprozess der Kirchen in der DDR nicht in erster Linie Austritte ausschlaggebend: „Grund waren vielmehr die Eltern, die ihre Kinder nicht mehr taufen ließen und sie nicht zum Kirchlichen Unterricht und zur Konfirmation geschickt haben, sondern stattdessen zur Jugendweihe.“ Noack zufolge ist der Großteil der Bürger im Osten Deutschlands heute nicht antikirchlich eingestellt: „Radikale Atheisten findet man bei uns fast nie. Die meisten Menschen sind vielmehr am christlichen Glauben nicht interessiert. Sie haben sich nie damit beschäftigt.“ Der Theologe warnt davor, den religionssoziologischen Blick auf die Lage im östlichen Deutschland überzubewerten und sich zu sehr auf Zahlen zu fixieren: „Wer das Kreuz Christi vor Augen hat, scheut sich nicht vor Statistiken.“ Es gebe viele hoffnungsvolle Entwicklungen. So seien christliche Schulen wegen ihrer Qualität auch bei den Eltern gefragt, die keinen Kontakt zur Kirche hätten. Und am kirchlichen Leben in den Dörfern beteiligten sich auch viele Konfessionslose.

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Konfessionslosigkeit als Bekenntnis

Der Theologieprofessor Johannes Berthold (Moritzburg bei Dresden) weist darauf hin, dass ein Großteil der Bürger schon in zweiter und dritter Generation in konfessionslosen Familien groß geworden sei: „In ihnen wird nicht von Gott gesprochen. Sie haben ihn schlicht vergessen.“ Deshalb fehle auch jegliches religiöses Grundwissen. Berthold ist Vorsitzender des Landesverbandes Landeskirchlicher Gemeinschaften Sachsen. Viele Familien haben nach seinen Worten die eigene Konfessionslosigkeit als Identität so verinnerlicht, „dass sie zum Bekenntnis geworden ist“. Deshalb sei es erstaunlich, „dass trotzdem immer wieder junge Menschen zum christlichen Glauben finden – allerdings nicht in großen Zahlen“. Dies geschehe vor allem durch persönliche Beziehungen zu Christen. Aber warum ist das Interesse am Glauben in ehemaligen Ostblockstaaten, die ebenfalls atheistisch regiert wurden, heute größer als in der früheren DDR? Dies führt Berthold darauf zurück, dass dort die römisch-katholische Kirche und orthodoxe Kirchen dem „elementaren Bedürfnis nach Spiritualität“ durch Bilder und Rituale entgegenkommen: „Der Kirche des Kultus gelingt das offenbar besser als der Kirche des Wortes.“ Gottesdienste evangelischer Kirchen seien häufig zu nüchtern. Ihnen fehle es an „spiritueller Kompetenz“.

Der Osten erlebte zwei atheistische Dikataturen

Der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses Elbingerode (Harz), Pastor Reinhard Holmer, erinnert daran, dass schon die nationalsozialistische Ideologie stark atheistisch gefärbt gewesen sei. Als Folge hätten zwischen 1933 und 1945 viele Bürger die Kirche verlassen. Außerdem habe es in manchen Regionen – etwa in Mecklenburg und Brandenburg – aufgrund fehlender Erweckungen relativ wenig geistliches Leben gegeben. Dort sei man auf den „Angriff des Kommunismus“ geistlich nicht vorbereitet gewesen. „Hinzu kommt, dass der Druck der Machthaber auf die Menschen, sich von der Kirche abzuwenden, relativ hoch war“, so Holmer. In Regionen mit stärkerer Frömmigkeit – etwa in Teilen Sachsens oder im katholischen Eichsfeld – hätten die Menschen diesem Druck eher widerstanden. Holmer leitete 18 Jahre das Evangelische Allianzhaus im thüringischen Bad Blankenburg.







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