28 März 2012, 09:44
Russland: Wie ein Priester Müttern hilft
 
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Pater Michael Shields: Gerade hier, wo das menschliche Leben mit Füssen getreten wurde, müssen sich die Kirchen gemeinsam für das Leben einsetzen - Fast jede Frau über 30 hat hier Abtreibungen hinter sich – Pornographie zerstört Gesellschaft

Magadan (kath.net/KIN) Fünf Frauen sitzen zusammen im Kreis. Sie zünden viele Kerzen an, am Ende sind es 47 kleine Lichter: So viele Kinder haben diese fünf Frauen abgetrieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprechen sie darüber. Gemeinsam trauern sie um ihre toten Kinder, geben ihnen Namen, bitten um Vergebung. Auf diesem schweren und schmerzhaften Weg werden sie seelsorgerisch betreut. Ins Leben gerufen wurde diese Initiative von Pater Michael Shields, der seit 20 Jahren im russischen Magadan tätig ist.

„Abtreibungen hinterlassen eine tiefe Wunde im Herzen. Heilt sie nicht, so sind die Frauen am Ende verbittert und voller Wut“, erklärt der aus Alaska stammende katholische Priester. Zu Sowjetzeiten waren Abtreibungen ein verbreitetes Mittel der Geburtenkontrolle, und bis heute ist die Abtreibungsrate hoch.

„Fast jede Frau über 30 hat hier Schwangerschaftsabbrüche hinter sich. Manche haben sogar mehr als zehnmal abgetrieben. Als ich jedoch anfing, in meinen Predigten darüber zu sprechen, wollte es noch kaum eine Frau zugeben“, berichtet er.

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Heute ist es anders: Inzwischen suchen immer mehr Frauen, deren Seelen nach diesen Erfahrungen zutiefst verletzt sind, Hilfe und Heilung. Einige von ihnen werden nach diesem langen und schmerzhaften Heilungsprozess selbst zu Helferinnen für andere, indem sie junge Frauen über den Schmerz und das Leid aufklären, das eine Abtreibung mit sich bringt.

Aber in Magadan werden nicht nur Frauen betreut, die bereits abgetrieben haben, sondern auch schwangere Mütter, die verzweifelt sind und nicht wissen, wie sie ihr Leben mit einem Kind meistern sollen. Oft will der Partner keine Verantwortung übernehmen und stellt die schwangere Freundin vor die Wahl, entweder abzutreiben oder die gemeinsame Wohnung zu verlassen. Auch von ihren Eltern können die meisten keine Hilfe erwarten.

„Die Entscheidung für das Kind erfordert von der Frau viel Mut, denn sie steht plötzlich vor dem Nichts. Sie hat kein Geld, keine Wohnung und niemanden, der sie unterstützt, weil viele keinen Kontakt zu ihren Familien haben, wenn sie zu ihrem Freund gezogen sind“, so Shields.

Pornographie ist Krankheit in der Gesellschaft

Manche Männer finden sogar, dass die Schwangerschaft ihre Partnerin „hässlich macht“. Pater Michael erklärt: „Pornofilme spielen eine fatale Rolle. Die Pornographie ist wie eine Krankheit in der Gesellschaft. Sie ist überall verfügbar und zerstört die Beziehungen, macht die Familien kaputt und degradiert die Frauen.

Oft ziehen Paare zusammen, die nichts verbindet als die sexuelle Anziehung, und es gibt kein Verantwortungsgefühl und keine Verpflichtung gegenüber dem Partner.“

Aber auch Ehepaare entscheiden sich bisweilen für eine Abtreibung, wenn sie sich wirtschaftlich nicht imstande sehen, ein weiteres Kind aufzuziehen. In manchen Dörfern beträgt die Arbeitslosenrate 75 Prozent. Manche empfinden ein Kind auch einfach als Last.

Die Kirche steht den schwangeren Müttern bei

Um den Frauen zu helfen, sich für ihr Kind zu entscheiden, ist ganz konkrete Hilfe notwendig, betont Pater Michael. „Gute Worte allein bewirken gar nichts. Die Frauen müssen sehen, dass sie wirklich unterstützt werden. Sie brauchen Lebensmittel, Medikamente, Geld, um die Miete bezahlen zu können. Wenn sie das erste Mal etwas von uns bekommen, sind sie überrascht.

Wir verhelfen ihnen ausserdem möglichst bald zu Ultraschallbildern von ihrem ungeborenen Baby, damit sie eine Beziehung zu ihm aufbauen können. Sie sollen ebenfalls schon früh damit anfangen, Babykleidung zu kaufen, damit sie sich schon auf ihr Kind freuen und vorbereiten. Wir müssen ihnen auch helfen, alles fürs Krankenhaus zu kaufen, denn in den Kliniken gibt es nichts. Man muss alles selbst mitbringen, was dort benötigt wird.“

Manche Frauen brauchen zudem ein Dach über dem Kopf. Für solche Notfälle konnte Pater Michael Shields dank der Unterstützung des internationalen katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT in seiner Pfarrei eine Wohnung für junge Mütter einrichten, die keine Bleibe haben.

Neben der materiellen Unterstützung brauchen manche Frauen Hilfe dabei, wirklich in ihre Mutterrolle hineinzuwachsen, denn viele von ihnen haben es selbst nie erlebt, was eine richtige Mutter ist. „Sie wissen nicht, was sie tun müssen“, sagt Pater Michael. Deshalb werden sie von erfahrenen Müttern aus der Gemeinde begleitet, die ihnen mit Rat und Tat und menschlicher Wärme zur Seite stehen.

Ausserdem wird ihnen dabei geholfen, gegebenenfalls die Schule abzuschliessen. „Sie sollen sehen, dass sie die Chance auf ein neues Leben haben“. Bei seinem Engagement kann Pater Michael Shields voll auf die Unterstützung seines Bischofs Kiril Klimowicz von Irkutsk (Diözese St. Joseph) zählen, dem der Schutz des menschlichen Lebens ein Herzensanliegen ist.

Katholische und die orthodoxe Kirche vereint für das Leben

„Wir müssen jedes Leben retten. Die katholische und die orthodoxe Kirche können hier in Russland auf diesem Gebiet eng zusammenarbeiten. Der Schutz des menschlichen Lebens, der Einsatz für die Familie, für die Würde der Frau und gegen Abtreibung und Pornographie bieten Räume, wo Einheit möglich ist“.

Die Kommunisten haben die Menschenwürde nahezu zerstört

Vor allem in Magadan, einem Ort, der für die sowjetischen Straflager berüchtigt ist, sei das Leben lange Zeit nicht geachtet worden. „Die Kommunisten haben die Menschenwürde nahezu zerstört“, erklärt Pater Michael. „Gerade hier, wo das menschliche Leben mit Füssen getreten wurde, müssen sich die Kirchen gemeinsam für das Leben einsetzen.“

Schöne Augenblicke, die Hoffnung machen, erlebt Pater Michael immer wieder. Viele Frauen entscheiden sich am Ende für ihr Kind. Und manche der jungen Väter, die erst auf eine Abtreibung gedrängt hatten, gewinnen das Baby lieb, wenn es zur Welt kommt. Dann entsteht doch noch eine kleine Familie. Andere junge Mütter konnten inzwischen eine Berufsausbildung machen und stehen nun auf eigenen Füssen.

Kerzen für Kinder

Vor der Ikone Unserer Lieben Frau vom Leben brennen Lichter. Lichter für tote Kinder und Lichter für das Leben. Viele Kinder in Magadan wären ohne die Unterstützung von Pater Michael und seinen Helferinnen nie geboren worden. Heute spielen und lachen sie. Ihre Mütter sind froh, dass es sie gibt. Diese Kleinen tragen dazu bei, dass Magadan von einem „Totenhaus“ immer mehr zu einem Ort des Lebens wird.

Kirche in Not Schweiz

Foto: Pater Michael Shields, ein kleiner Junge und Erzbischof Roger Schwietz (Erzdiözese Anchorage, USA)
(c) Kirche in Not Schweiz


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