10 Februar 2012, 16:24
Der vatikanische Intrigantenstadel geht weiter
 
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„Vaticanleaks“ die dritte: ein neues ‚streng vertrauliches’ Dokument sorgt für Aufsehen (in den Medien). ‚Mordkomplott’ gegen Benedikt XVI.? Das Krächzen der vatikanischen Breitmaulfrösche. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Komplott gegen den Papst. Innerhalb von zwölf Monaten wird er sterben“: Mit dieser reißerischen Schlagzeile auf der ersten Seite präsentierte sich die italienische Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ am heutigen Freitag in den Kiosken, nachdem die „Hammermeldung“ bereits am gestrigen Abend in einer im Internet übertragenen Fernsehsendung vorangekündigt worden war.

„Mordkomplott“ und „Benedikt XVI.“: bei diesen Worten werden nicht nur die ultramontanen „Papsttreuen“ nervös: allgemeine Aufmerksamkeit ist sicher, das obwohl halb Italien unter Schneemassen versunken ist. Neben entengefüllten Sommerlöchern scheint nun auch Bedarf nach Füllung von Winterlöchern zu bestehen – um von der Wirtschaftskrise abzulenken? Um die vielen Menschen vergessen zu lassen, die in einem (für Italien zugegeben ungewöhnlichen) Winter erfroren sind? Wer weiß...?

Die Zeitung „Il Fatto Quotidiano“ hatte sich bereits vor zwei Wochen damit hervorgetan, dass sie einige der vertraulichen Briefe des ehemaligen Sekretärs der Governatoratos des Staates der Vatikanstadt an den Papst und seinen Staatssekretär veröffentlicht hatte. Die Schreiben Erzbischof Carlo Maria Viganòs enthielten schwerwiegende Vorwürfe gegen namentlich genannte Personen hinsichtlich der Verwaltung und des Finanzgebarens des kleinsten Staates der Welt. Pünktlich veröffentlichte das vatikanische Presseamt eine Erklärung, mit der die Vorwürfe des heutigen apostolischen Nuntius in den Vereinigten Staaten von Amerika zurückgewiesen wurden.

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Wenige Tage nach dem „Fall Viganò” sickerten dann am 8. Februar Inhalte von Dokumenten in die Presse – diesmal war die „L’Unità“, die ehemalige Zeitung der ehemaligen kommunistischen Partei Italiens, das auserwählte Presseorgan –, die das IOR und die A.I.F. (neue Einrichtung zur finanziellen Information und Kontrolle des Heiligen Stuhls) betrafen und sich auf angebliche Vorfälle der Geldwäsche bezogen. Auch hier reagierte der Vatikan mit einer ausführlichen Stellungnahme. Was bleibt und was den Fällen gemeinsam ist, ist die Tatsache, dass es im Vatikan Löcher gibt, aus denen vertrauliche Dokumente fließen.

Vaticanleaks: der dritte (und hoffentlich letzte) Teil einer (langweiligen) Soap Opera

Und heute: das „Mordkomplott“. Bei dem nun veröffentlichten „Dokument“ handelt es sich um ein auf den 30. Dezember 2011 datiertes Schreiben, dessen Original in deutscher Sprache verfasst worden sei. „Il Fatto Qutidiano“ meint anmerken zu müssen, dass es dazu gekommen sei, damit der Papst und sein Sekretär das Ausmaß und Gewicht des Textes in ihrer Tiefe erfassen könnten (Anmerkung: wie bekannt ist, versteht, spricht und schreibt Benedikt XVI. ein ausgezeichnetes Italienisch und ist vielleicht mehr als viele Ureinwohner des Stiefellandes fähig, Nuancen, besondere Stilmittel usw. zu erkennen. Ähnliches gilt für seinen Privatsekretär Prälat Georg Gänswein).

Das mit „streng vertraulich“ übertitelte Schreiben soll der kolumbianische Kurienkardinal Darío Castrillón Hoyos von einem (deutschsprachigen) Freund erhalten haben. Es betrifft ein mögliches „Mordkomplott“, um den Papst innerhalb der kommenden zwölf Monate zu eliminieren, so der Schluss der Zeitung. Als „Quelle“ zitiert der Text Paolo Kardinal Romeo, Erzbischof von Palermo und vormaliger apostolischer Nuntius in Italien. Dieser habe im Rahmen einer nicht näher geklärten Reise nach China im November 2011 gegenüber seinen „Gesprächspartnern in China“ selbstsicher verkündet, „so, als wenn er dies genau wüsste, dass der Heilige Vater nur noch 12 Monate leben würde“ (Anmerkung: man beachte auch die Grammatik des Satzes). Romeo „prophezeite bei seinen Gesprächen in China den Tod von Papst Benedikt XVI. innerhalb der nächsten 12 Monate“. Romeo hätte als „möglicher Wissensträger eines Mordkomplotts“ seine Thesen so selbstsicher vorgetragen, „dass seine Gesprächspartner in China aufgeschreckt annahmen, dass auf den Heiligen Vater ein ernstzunehmender Anschlag geplant ist“.

„Kardinal Romeo fühlte sich sicher und konnte nicht davon ausgehen, dass seine Aussagen in dieser geheimen Gesprächsrunde über Dritte zurück in den Vatikan getragen werden“, so das Schreiben weiter.

Genauso selbstsicher habe Romeo prophezeit, „dass bereits jetzt schon im Geheimen feststehe, dass der Nachfolger Benedikts XVI. auf jeden Fall ein Kandidat mit italienschen Wurzeln sein werde“. Kardinal Romeo habe betont, „dass Kardinal Scola nach dem Ableben von Papst Benedikt XVI. zum neuen Papst gewählt werden wird“. Doch „auch Kardinal Scola habe bedeutende Feinde im Vatikan“.

Bereits vor diesen (einem schlechten Groschenroman gleichenden) Aussagen erklärte der Schreiber des „Dokuments“, dass sich Benedikt XVI. „im Geheimen“ mit der Frage seiner Nachfolge befasse und als geeigneten Kandidaten den Erzbischof von Mailand, Angelo Kardinal Scola, auserwählt habe, „der seiner Persönlichkeit am nächsten entspräche“. Ihn „würde er langsam aber sicher auf sein Amt als Papst vorbereiten und aufbauen“. Scola sei auf „Betreiben“ Benedikts XVI. von Venedig nach Mailand versetzt worden (Anmerkung: was für eine Neuigkeit! Wer ernennt noch mal direkt die Bischöfe in Italien???), „damit er sich von dort aus in Ruhe auf sein Papsttum vorbereiten könne“ (Anmerkung: es muss dem geheimnisvollen Schreiber überlassen werden zu klären, wie ein Bischof der größten Diözese der Welt sich dort „in Ruhe“ auf sein „Papsttum“ vorbereiten kann).

Aber auch Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone kriegt zusammen mit Benedikt XVI. sein Fett weg. Romeo habe Benedikt XVI. „heftig kritisiert“, so der Schreiber des Textes (Anmerkung: was auch keine Neuigkeit wäre...). Dieser befasse sich „überwiegend mit Liturgie und vernachlässige sein ‚Tagesgeschäft’. Dies überlasse Papst Benedikt XVI. Tarcisio Kardinal Bertone“.

Merkwürdigerweise wird erklärt, dass Romeo das Verhältnis zwischen Benedikt XVI. und Bertone als „gespalten“ bezeichnet habe. Romeo habe „in vertraulicher Atmosphäre“ gesagt, „dass Papst Benedikt XVI. Tarcisio Bertone wortwörtlich hasse und ihn am liebsten durch einen anderen Kardinal ersetzen würde“, es aber keinen anderen geeigneten Kandidaten gebe. Deshalb bleibe der Kardinalstaatssekretär weiter im Amt. Zusammenhangslos übermittelt der geheimnisvolle Schreiber des Textes die angeblichen Worte Romeos: „Darüber hinaus sei auch das Verhältnis zwischen dem Kardinalstaatssekretär und Kardinal Scola ebenfalls verfeindet und belastet“ (Anmerkung: deutsche Sprache, schwere Sprache).

Fazit: das von „Il Fatto Quotidiano“ gezeigte Dokument scheint echt zu sein. Es wurde an das Staatssekretariat geschickt, mit einem Eingangsstempel versehen, dort in erster Linie belustigt aufgenommen und auch an den Papst weitergeleitet. Der geneigte Leser ist dazu eingeladen, sich das Gesicht Benedikts XVI. vorzustellen, als er gelesen hatte, dass er jemanden „hasse“.

Wie aus dem zitierten Text hervorgeht, hat Kardinal Romeo – sollte er es denn wirklich getan haben – nicht davon gesprochen, dass Benedikt XVI. Opfer eines Mordkomplotts sein wird. Vielmehr hat der Kardinal – sollte er es denn wirklich getan haben – davon gesprochen, dass Benedikt XVI. in den kommenden 12 Monaten sterben könnte. Der Schluss „Tod des Papstes = Folge eines Mordkomplotts“ geht – sollte dies wirklich geschehen sein – auf die nicht näher zitierten „Gesprächspartner“ zurück.

Merkwürdig ist auch, dass der Papst anscheinend einen Mann wie Romeo bei einer derart wichtigen Entscheidung wie der Besetzung des Bischofsstuhls von Mailand konsultiert haben soll. Weiter: sollte der Kardinal von Palermo wirklich von einem „Mordkomplott“ gegen den Papst wissen – warum sollte er davon ominösen Gesprächspartnern in China berichtet haben und nicht dem Heiligen Vater selbst oder dem Chef der vatikanischen Sicherheitsdienste? Wieso sollte das ein mysteriöser deutscher Freund Darío Kardinal Castrillón Hoyos’ getan haben (der anscheinend auch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat)?

Das Winterloch: es ist kalt und auch langweilig. Was ist nun wirklich erwähnenswert? Dass nach dem „Fall Viganò“ von vor zwei Wochen und dem „Fall IOR/A.I.F.“ nunmehr wieder vatikanische Breitmaulfrösche laut losgekrächzt haben und die Römische Kurie in einem unschönen Licht erscheinen lassen. Der Intrigantenstadel hat eine weitere Vorstellung gegeben. Es geht anscheinend um einen undurchschaubaren Kampf innerhalb der vatikanischen Mauern, dessen Ziele nicht klar erkennbar sind, der jedoch größten Schaden anrichtet.

Ein Intriganenstadel-Roman vor doppeltem Hintergrund: Zum einen ist deutlich, dass Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone das eigentliche Ziel dieser mit Hilfe der Medien ausgetragenen Anschläge ist. Zum anderen wird ersichtlich, dass einige anscheinend mit festem Blick auf ein kommendes Konklave starren. Tröstlich ist hierbei ein römisches Sprichwort: „Chi entra papa ner conclave, ne risorte cardinale“: Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder raus. Die Römer wissen es. Sie haben eine fast zweitausendjährige Erfahrung mit „ihren“ Päpsten.

Post scriptum:

Es versteht sich von selbst, dass der Vatikan die im zitierten Text gemachten Aussagen als haltlose Phantasien und „Wahnvorstellungen“ dementiert hat. Zur Meldung erklärte der Direktor des vatikanischen Presseamts, P. Federico Lombardi SJ, er finde diese Gerüchte so absurd und unseriös, „dass ich all dies nicht einmal kommentieren will“.

Auch der unmittelbar betroffene Kardinal von Palermo meldete sich am heutigen Freitag zu Wort und bezeichnete die im zitierten „Dokument“ vorgebrachten Thesen als „haltlos“. Sie verdienten nicht die geringste Beachtung. Romeo habe zwar im November 2011 eine private Reise nach China unternommen. Diese habe sich allerdings auf die Stadt Peking beschränkt. Wie es der Praxis entspreche, seien die zuständigen Ämter des Heiligen Stuhles davon in Kenntnis gesetzt worden.


SCHREIBEN VON BENEDIKT XVI. AN KARDINALSTAATSSEKRETÄR TARCISIO BERTONE ZUR BESTÄTIGUNG SEINES AMTES, 15. Januar 2010:

„Stets habe ich Ihren »sensus fidei« bewundert, ihre Bildung in den Bereichen der Glaubenslehre und des Kirchenrechts und ihre »humanitas«, die uns sehr geholfen hat, in der Kongregation für die Glaubenslehre in einer wirklich familiären Atmosphäre zu leben, was immer mit großer und entschlossener Arbeitsdisziplin verbunden war“.

SCHREIBEN VON PAPST BENEDIKT XVI. AN TARCISIO BERTONE, KARDINALSTAATSSEKRETÄR UND CAMERLENGO DER HEILIGEN RÖMISCHEN KIRCHE, ZUM GOLDENEN PRIESTERJUBILÄUM, 1. Juni 2010:

„Vor nicht langer Zeit haben Wir Dich zu Unserem engen Mitarbeiter gemacht, indem Wir Dich zum Staatssekretär ernannten, mit dem Wir Unsere Entscheidungen und Aufgaben teilen. Ganz ohne Zweifel widmest Du Dich mit großem Engagement und Sachkenntnis der Mitarbeit an Unseren pastoralen Projekten auf Ebene der Universalkirche sowie an Unseren Initiativen, die der ganzen Welt gelten, auf daß die Familie Gottes gestärkt und die Welt harmonischer werde“.

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