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23 Dezember 2011, 15:36
Die Tradition und das Konzil

25. Dezember 1961: Das II. Vatikanische Konzil wird einberufen. Die ‚unerleuchtete Isolierung’ des Konzils aufbrechen. Geschichte in der Geschichte. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) Vor 50 Jahren, am 25. Dezember 1961, hatte Papst Johannes XXIII mit der Apostolischen Konstitution „Humanae salutis“ offiziell das bereits 1959 angekündigte Konzil für das Folgejahr einberufen. So beginnt am Weihnachtstag 2011 das Gedenken an ein für die Geschichte der Kirche bestimmendes Ereignis. Diesem wird im Jahr 2012 mit der Ausrufung des „Jahres des Glaubens“ am 11. Oktober, dem 50. Jahrestag des Beginns des II. Vatikanischen Konzils, sein besonderer Akzent verliehen werden.

Es kann damit gerechnet werden, dass die kommenden drei Jahre bis zum Jubiläum des Abschlusses des Konzils am 8. Dezember 2015 einer besonderen und intensiven Reflexion auf geschichtlicher, theologischer und kulturphilosophischer Ebene gewidmet sein werden. Nicht zuletzt das nunmehr auch in deutscher Sprache zur Verfügung stehende Werk des italienischen Historikers Roberto de Mattei „Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte“ (Edition Kirchliche Umschau, 2011) dürfte mit seiner bisher einzigartigen historischen Analyse wertvolle Beiträge zur Vertiefung der Diskussion veranlassen. Dass das Buch de Matteis ein ebenso einzigartiges und teilweise atemberaubendes Leseerlebnis darstellt, kann das schwierige Unterfangen einer gerechten und sachlich-ideologiefreien Auseinandersetzung mit dem Konzilsereignis und seinen Folgen nur begünstigen.

Das II. Vatikanische Konzil ist, wie dies der Kirchengeschichtler und heutige Kardinal Walter Brandmüller in einem Aufsatz aus dem Jahr 1991 schrieb, das „Konzil der Superlative“ gewesen (erneut veröffentlicht in: Walter Brandmüller, Licht und Schatten. Kirchengeschichte zwischen Glauben, Fakten und Legenden, Augsburg 2007, 177-190: Das Konzil und die Konzile). Noch nie in der Kirchengeschichte sei ein Konzil derart intensiv vorbereitet worden, so Brandmüller, wenngleich die Qualität der aus aller Welt eingesandten Anregungen und Vorschlägen nicht an die der Vorbereitungsarbeiten für das I. Vatikanische Konzil herangereicht hätten. Dennoch hätten sie in ihrer Quantität und Verarbeitung alles bisher Dagewesene übertroffen.

Konnte das I. Vatikanische Konzil mit seinen rund 642 Konzilsvätern noch im rechten Querschiff der Peterskirche stattfinden, so zogen am 11. Oktober 1962 2.440 Bischöfe in die Basilika ein, deren gesamtes Längsschiff nun als Konzilsaula diente. Zu den Superlativen des Konzils gehörte auch die Aufmerksamkeit der Massenmedien, wie Brandmüller besonders hervorhebt: allein 1962 seien über 1.000 Journalisten aus aller Welt akkreditiert gewesen. „Damit wurde das 2. Vaticanum auch zum bekanntesten Konzil aller Zeiten, zu einem weltweiten Medienereignis ersten Ranges“ (182).

Dem hinzuzufügen ist, dass die staatliche italienische Fernsehanstalt RAI das Konzil mit eigenen, teilweise täglichen Sendungen während der drei Jahre seiner Dauer begleitete. Diese nunmehr historischen Dokumentationen gestatten einen einzigartigen Einblick in die Anliegen und Themen, die die katholische und auch nicht katholische Öffentlichkeit bewegten, sowie in Wirklichkeiten, die erst einige Jahre später zur „Norm“ werden sollten. Dazu gehören Aufnahmen von Messfeiern während der Konzilsjahre, bei denen die gemeinsame Gebetsrichtung von Priester und Volk „conversi ad Dominum“ bereits aufgegeben und der Altar zu dem wurde, was heute geläufig „Volksaltar“ genannt wird.

Von den 1.135 Seiten der offiziellen Ausgabe der Dokumente aller 20 ökumenischen Konzilien habe das II. Vatikanische Konzil allein 315 Seiten und somit mehr als ein Viertel hervorgebracht, so Brandmüller. So nehme das Konzil „in der Reihe der übrigen Allgemeinen Konzilien ohne jeden Zweifel eine besondere Stellung ein, allein nach eher materiellen, äußerlichen Kriterien“ (182-183).

Ein die heutige Diskussion weiter bestimmendes Thema ist das Verhältnis des Konzilsereignisses und seiner Produktion zur Tradition. „Hermeneutik der Diskontinuität oder des Bruchs“ oder „Hermeneutik der Reform“ lauten die beiden großen Argumentationslinien, entlang derer versucht wurde, dem Konzil gerecht zu werden. Während die zweite der theologischen Auslegung des Lehramtes der Kirche seit Johannes XXIII. und Paul VI. entspricht und in der jüngsten Zeit besonders von Papst Benedikt XVI. betont wurde, vollzieht sich die erste als historische Betrachtungsweise, die im Konzilsereignis einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit erkennt und sich auf dieses Ereignis selbst und dessen geschichtliche Folgen sowie dessen Rezeption bezieht.

Nicht nur in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie vom 22. Dezember 2005 hatte sich Benedikt XVI. zu jener falschen Herangehensweise an das Konzilsereignis, dessen Produktion und Folgen in der Form einer Bruchhermeneutik geäußert. In seiner Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus vom 16. März 2009 betonte der Papst erneut, dass die Sendung des Priesters ihre Wurzeln insbesondere in einer guten Ausbildung habe, die vorangetragen werde „in Gemeinschaft mit der ununterbrochenen kirchlichen Tradition, ohne Brüche oder Versuchungen einer Diskontinuität“: „In diesem Sinne ist es wichtig, bei den Priestern, besonders bei den jungen Generationen, eine korrekte Rezeption der Texte des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils zu fördern, die im Licht der gesamten Lehre der Kirche interpretiert werden müssen“.

Trotz aller Unterschiede und Besonderheiten müsse das II. Vatikanische Konzil und sein spezifischer Beitrag „im Strom der Überlieferung“ gesehen werden, so Walter Brandmüller bereits 1991. Dieser spezifische Beitrag „kann selbstverständlich nicht in einer Hinzufügung neuer Inhalte zum Glaubensgut der Kirche“ und noch weniger in einer „Ausscheidung bisher überlieferter Glaubenslehren“ bestehen (a.a.O. 186). Insofern seien Konzilien „nach vorne, in Richtung auf umfassendere, klarere, aktuellere Lehrverkündigung offen, nie aber nach rückwärts“ (ebd.). Denn: „Ein Konzil ist niemals Endpunkt oder Ausgangspunkt, nach denen die Kirchengeschichte oder gar die Heilsgeschichte eingeteilt werden können. Ein Konzil ist ein Glied in einer Kette, deren Ende niemand kennt als der Herr des Kirche und der Geschichte“ (189)

Zum „Problem Traditionsbruch“ und seiner Charakteristik hatte sich Joseph Kardinal Ratzinger in seiner Ansprache an die chilenischen Bischöfe am 13. Juli 1988 – dreizehn Tage nach den unerlaubten Bischofsweihen durch Erzbischof Marcel Lefebvre – geäußert und dabei von einer „unerleuchteten Isolierung“ gesprochen:

„Manche Darstellungen erweckten den Eindruck, als ob nach dem Vatikanum II alles anders geworden sei und alles Vorherige gar nicht mehr oder nur noch im Lichte des Vatikanums II gelten könne. Das Zweite Vatikanum wird nicht als Teil der lebendigen Gesamttradition der Kirche behandelt, sondern geradezu als das Ende der Tradition als ein völlig neuer Beginn. Obgleich es selbst kein Dogma erlassen hat und sich bescheidener im Rang als pastorales Konzil verstanden wissen wollte, stellen es manche so dar, als sei es gleichsam ein Superdogma, das alles andere unwichtig mache.

Dieser Eindruck wird vor allem durch die Vorgänge im praktischen Bereich verstärkt. Was vorher das Heiligste war – die überlieferte Form der Liturgie – erscheint plötzlich als das Verbotenste und das einzig sicher Abzulehnende. Kritik an modernen Maßnahmen der Nachkonzilszeit wird nicht geduldet, wo aber die alten großen Wahrheiten des Glaubens im Spiele stehen, etwas die leibliche Jungfräulichkeit Maria, die leibliche Auferstehung Jesu, die Unsterblichkeit der Seele usw., erfolgen Reaktionen überhaupt nicht oder nur höchst gedämpft.

Ich habe als Professor selbst erlebt, wie der gleiche Bischof, der vor dem Konzil einen untadeligen Professor wegen seiner etwas groben Ausdrucksweise abgelehnt hatte, sich nach dem Konzil nicht imstande sah, einen anderen Professor abzulehnen, der offen einige Grundwahrheiten des Glaubens leugnete.

All dies bringt die Menschen zu der Frage, ob denn die Kirche von heute eigentlich noch dieselbe Kirche sei wie die Kirche von gestern, oder ob man ihnen nicht, ohne sie zu fragen , eine andere untergeschoben habe. Wir können das Vatikanum II nur dann wirklich glaubhaft machen, wenn wir es ganz deutlich als das darstellen, was es ist: ein Stück der ganzen und einen Tradition der Kirche und ihres Glaubens“.

Daraus folgt: die Rede von „dem“ Konzil als Ort des radikal Neuen, durch das verschiedenste Umbrüche und Abbrüche notwendig geworden sind, sowie der auch heute noch gern wiederholte Slogan von „Kirche als Baustelle“ im Gegensatz zur oder in Ablehnung der Tradition widersprechen der Wahrheit des katholischen Glaubens, sind von dieser „abgeschnitten“ und somit schismatischen Geistes.

„Die Tradition, nicht der Zeitgeist ist das konstitutive Element des Interpretationshorizonts“, so Brandmüller (189). Wie bereits Papst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 in seiner Eröffnungsansprache erklärt hatte, wolle das Konzil „die Lehre rein und vollständig übermitteln, ohne Abschwächungen oder Entstellungen“. Mahnend hatte sich Johannes XXIII. an die Konzilsväter gewandt: „Unsere Pflicht ist es nicht nur, dieses kostbare Gut zu hüten, so als interessierte uns nur das Altehrwürdige an ihm, sondern auch, uns mit eifrigem Willen und ohne Furcht dem Werk zu widmen, das unsere Zeit von uns verlang.

Es ist notwendig, die unumstößliche und unveränderliche Lehre, die treu geachtet werden muss, zu vertiefen und sie so zu formulieren, dass sie den Erfordernissen unserer Zeit entspricht. Eine Sache sind nämlich die Glaubensinhalte, also die in unserer ehrwürdigen Lehre enthaltenen Wahrheiten, eine andere Sache ist die Art, wie sie formuliert werden, wobei ihr Sinn und ihre Tragweite erhalten bleiben müssen“.

Nunmehr stehen – nicht zuletzt ausgehend vom „Jahr des Glaubens“, dessen Beginn Papst Benedikt XVI. für den 11. Oktober 2012 ausgerufen hat, drei besondere Jahre intensiven Nachdenkens bevor. Diese sollen nach dem Willen des Papstes genutzt werden, um der vor allem in Europa spürbaren Krise der Kirche zu begegnen, die eine Krise des Glaubens ist: „Wenn wir auf sie keine Antwort finden, wenn Glaube nicht neu lebendig wird, tiefe Überzeugung und reale Kraft von der Begegnung mit Jesus Christus her, dann bleiben alle anderen Reformen wirkungslos“ (Ansprache an das Kardinalskollegium und die Römische Kurie, 22. Dezember 2011).

Wesentlich für die Suche nach einer Antwort ist das liebende Eindringen in das Wesen der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche: „Nur wer erfahren hat, wie über den Wechsel ihrer Diener und ihrer Formen hinweg die Kirche die Menschen aufrichtet, ihnen Heimat und Hoffnung gibt, eine Heimat, die Hoffnung ist: Weg zum ewigen Leben – nur wer dies erfahren hat, weiß, was Kirche ist, damals und heute“ (Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 2005, 326).