21 November 2011, 13:20
Weltbild und das scandalum pusillorum
 
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Es ist Ärgernis für die Kleinen, von dem das Evangelium spricht, für das jeder einzelne Bischof die Verantwortung trägt. Ein KATH.NET-Gastkommentar von Dr. Christian Spaemann

München (kath.net) Dass die katholischen Bischöfe in Deutschland mit dem Weltbildverlag einen Konzern betreiben, über den Buchartikel, gleich welchen Inhalts, bestellt werden können, der über seinen Katalog Monat für Monat Kitsch, Banalitäten, Schund und Gewaltangebote in die Haushalte Deutschlands bringt, der darüber hinaus nicht nur aktiv Sexliteratur ankauft und vertreibt, sondern selbst an der Produktion von Sexliteratur beteiligt ist, ist ein Skandal ersten Ranges.

Zu diesem Skandal gehört, dass die deutschen Bischöfe bis auf Kardinal Meisner, der sich mit seiner Diözese aus dem Konzern zurückgezogen hat, jahrelang nichts Wirksames dagegen unternommen haben. Geld ist ihnen offenbar wichtiger als die Verantwortung für das, wofür sie verantwortlich sind. Es ist ein scandalum pusillorum, ein Ärgernis für die Kleinen, von dem das Evangelium spricht, für das jeder einzelne Bischof die Verantwortung trägt.

Trio infernale und der Jesuitenorden

Wer trägt die unmittelbare Verantwortung für die Katastrophe? Als Eigentümer-Vertreter im Aufsichtsrat ist der Jesuit Pater Hans Langendörfer der wichtigste Mann im Weltbildkonzern. Es spricht für hohen Anstand, wenn ihn Kardinal Meisner in seinem gestrigen Interview in der Welt am Sonntag in Schutz nimmt und betont, dass Langendörfer nur so viel Macht habe, wie die Bischöfe ihm geben. Meisner macht hier aber indirekt einen Jesuitenpater und Priester der katholischen Kirche zu einem Zombie. Zombie sein hat aber mit dem Gehorsamsgebot der Jesuiten nichts zu tun. Spätestens seit 1945 wissen wir, dass es keine gewissenlosen menschlichen Räder in einem Getriebe gibt, sondern jeder für das, was er tut, Verantwortung hat also auch ein Jesuitenpater im Dienste der deutschen Bischofskonferenz.

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Zu Pater Langendörfer gesellt sich der Programmleiter vom deutschsprachigen Radio Vatikan, Pater Bernd Hagenkord. Nicht nur, dass er glaubte, den verdienstvollen Artikel des Journalisten Bernhard Müller auf Welt online, der den Skandal endlich öffentlich machte, mit Wortklaubereien kritisieren zu müssen. Nachdem Papst Benedikt XVI. bei einer Ansprache Bezug zum Weltbildskandal nahm und erklärte, dass der „Heilige Stuhl … darauf achten“ wird, „dass der notwendige Einsatz gegenüber diesen Missständen seitens der katholischen Kirche in Deutschland vielfach entschiedener und deutlicher erfolgt” und so seine Aufsichtspflicht gegenüber den deutschen Bischöfen betonte, verdrehte Hagenkord die Worte des Papstes inhaltlich, indem er behauptet der Papst hätte gesagt, der Heilige Stuhl und die Kirche in Deutschland würde sich gegen die Missstände einsetzen. Diese Eigenmächtigkeit eines Journalisten im Dienste des Heiligen Stuhls zeigt, dass sich Hagenkord scheinbar in einem Loyalitätskonflikt befindet. Dies macht ihn für seinen Job ungeeignet.

Zu Langendörfer und Hagenkord gesellt sich der Leiter des Öffentlichkeitsreferats der Deutschen Jesuiten, Thomas Busch. Dass sich engagierte Laien von ihm auf der Meinungsplattform der deutschsprachigen Seite von Radio Vatikan als Dunkelmänner und quasi geile Böcke dafür beschimpfen lassen müssen, dass sie eine Beteiligung ihrer Bischöfe nicht nur am Handel mit, sondern an der Produktion von Büchern wie „Gute Mädchen tun's im Bett - böse überall“ und „Absolut Sex: Wie Sie jeden Mann um den Verstand bringen“ nicht hinnehmen wollen, ist einer der zahlreichen Nebenskandale, die zeigen, wo wir mit unserer heiligen Kirche in Deutschland gelandet sind.

450 Jahre nachdem die Jesuiten um Petrus Canisius antraten um die zerrüttete Kirche in Deutschland wieder aufzurichten, scheinen sich heute andere Gesinnungen des Ordens bemächtigt zu haben.

Noch schwerer wiegt die Unterlassung

Noch schwerer als die Tatsache, dass die deutschen Bischöfe eine riesige Geldmaschine durch Handel mit und Produktion von Schund und Banalitäten betreiben, wiegt die Unterlassung, das Ignorieren von Möglichkeiten des Medienapostolats. Es ist das Vergraben von Talenten, über das vorletzten Sonntag in allen katholischen Kirchen Deutschlands gepredigt wurde und dessen sich die Kirche in diesem Land seit Jahrzehnten selber schuldig macht. Es ist eine merkwürdige Form von Weltflucht ins Geld, die hier stattgefunden hat. In der Kernaufgabe der Kirche, nämlich der Glaubensverkündigung, hat sie den spirituellen und technischen Anschluss an die Gegenwart verpasst. Die religiöse Ecke in den Läden des Weltbildverlags ist ein Beispiel dafür: Eine Alibiaktion, blass, langweilig und ohne Qualität.

Die versäumten Möglichkeiten des Medienapostolats

Für einen normalen Katholiken an der Basis ist der Gedanke an das ganze Ausmaß dessen, was die katholische Kirche Deutschlands angesichts ihrer Möglichkeiten auf dem Gebiet der Medien versäumt hat, nur schwer zu ertragen. Man beklagt, dass der katholische Standpunkt heute kaum noch an die Menschen heranzubringen ist.

Stimmt das?

Wie würde das geistige Klima in Deutschland heute aussehen, wenn jeder kirchensteuerzahlende Haushalt Deutschlands Monat für Monat eine Zeitschrift bekommen würde, in der den Menschen der christliche Glaube erklärt wird, in der man ihnen von den zahlreichen Wundertaten Gottes in unserer Zeit berichtet, in der sie etwas über Fatima und Lourdes oder das Leben der Heiligen erfahren würden, in der man aus christlicher Sicht ihre Eheprobleme anspricht, in der man ihnen Hilfestellung gibt, wie sie mit ihren Kindern beten können, in der man ihnen erklärt, wie würdiges Sterben in ihrer Familie aussehen könnte, welche Hoffnung sie nach dem Tod haben oder was sie für ihre Verstorbenen noch tun können?

Wie würden die Menschen in Deutschland über Glaube und Kirche denken, wenn man ihnen hier über die neuesten archäologischen Forschungen im heiligen Land berichtet, ihnen vermittelt, welchen Erfolg die Kirche mit ihren nicht auf Kondome fixierten Aidskampagnen in Afrika hat, ihnen von sozialen Projekten der Weltkirche erzählt und Statistiken darüber vorlegt, wo in unserer Gesellschaft tatsächlich die höchste Gefahr von sexuellem Missbrauch liegt?

Was, wenn in dieser, Monat für Monat in jeden kirchensteuerzahlenden Haushalt Deutschlands kommenden Zeitschrift eine Beilage für Kinder und Jugendliche zu finden wäre, in der neben Glaubensverkündigung, Wettbewerben und Preisausschreiben, Vernetzungen zum Internet hergestellt würden? Wenn eine attraktive katholische Internetplattform für die Jugend entstehen würde, über die Gebetstreffen und Wallfahrten organisiert würden? Wo schafft die Kirche über attraktive und in Glaubensdingen profilierte Präsenz in der Medien- und Computerwelt ein Milieu wenigstens unter jenen Kinder und Jugendlichen, die noch eine Verbindung zur Kirche haben?

Dass medialer Einsatz für den Glauben etwas bringen kann, steht außer Zweifel und ist vielfach belegt. Eine billig aufgemachte, aber spritzige und in Glaubensdingen eindeutige kleine Jugendzeitschrift, die einzige dieser Art im deutschsprachigen Raum, die viele Jugendliche positiv inspiriert hat, musste kürzlich wegen Geldmangel eingestellt werden. Milliardenumsätze mit einem Allerweltskonzern und hierfür kein Geld?

In Frankreich gibt es katholische Familienzeitschriften mit Niveau, in denen neben Glaubensdingen aktuelle gesellschaftliche Fragen diskutiert werden. Kardinal Maradiaga aus Nikaragua hat eine Evangeliumswebseite aufgezogen, in die jeden Tag vierhunderttausend Jugendliche hineinschauen. Die Reihe könnte beliebig fortgesetzt werden. Alles Teilkirchen ohne Kirchensteuer und ohne Besitz milliardenschwerer Konzerne.

Der geistige Hintergrund der Katastrophe

Wie konnten wir so weit kommen in dem Land, das einst Männer wie der hl. Bonifatius unter dem ganzen Einsatz ihrer Kraft, ihres Gebetes und ihres Lebens für den Herrn gewonnen haben? Eine Mission, die nur in engster Verbindung mit dem Papst und mit seiner Autorisierung möglich war? Wie konnte es zu dieser Geist- und Phantasielosigkeit in einer Kirche kommen, die so viel Erfahrung mit den Tücken des jeweiligen Zeitgeistes der letzten zweihundert Jahre mitbringt, die eine braune und rote Diktatur durch- und überlebt hat? Der Philosoph Robert Spaemann hat bereits 1977 in einem Artikel unter dem Titel „Wovon handelt die Moraltheologie“ auf die Ausbreitung des Denkens in Kategorien reiner Güterabwägung in der katholischen Kirche in Deutschland hingewiesen. Er hat den Bruch mit der katholischen Lehre aufgezeigt, wenn diesem Denken keine klaren Grenzen gesetzt werden, und vor den Folgen gewarnt.

Vieles von dem, was dann in der deutschen Kirche passierte, war Folge dieses Denkens, das in fataler Weise an den Großinquisitor aus Dostojewskis Gebrüdern Karamasow erinnerte. Man bekam immer mehr den Eindruck, dass die deutschen Bischöfe zu einem Verein von Jongleuren und Tricksern wurden.

Das unwürdige Spiel mit dem Beratungsschein begann. So war in den katholischen Schwangerenberatungsstellen nicht mehr die Rettung jedes einzelnen Kindes vorrangig, mit dem man es zu tun hatte. Man war vielmehr bereit, sich als Kirche durch das Ausstellen von staatlich geforderten Beratungsscheinen, die zu nichts anderem als zur Durchführung einer Abtreibung dienten, an der Tötungsmaschinerie zu beteiligen, weil man meinte, so über eine damit verbundene höhere Frequentierung der Beratungsstellen irgendwelche anderen Kinder retten zu können. Man hat in dieser Sache versucht, mit dem Heiligen Vater in Rom Katz und Maus zu spielen, obwohl man wusste, dass man mit dieser Denkweise in der katholischen Kirche auf verlorenem Posten stand.

Dann kam das anhaltende Mauern in Sachen Kirchensteuer. Die meisten Bischöfe können oder wollen nicht sehen, dass durch die kirchenrechtswidrige Koppelung der Kirchenmitgliedschaft an die Kirchensteuer Menschen von der Kirche zum Bruch mit der Kirche verführt werden und sich die Kirche dadurch schuldig macht. Auch hier zählt nicht mehr der Einzelne, sondern die Nützlichkeit des Systems. Jetzt stehen wir vor dem Weltbildskandal, einem innerkirchlichen Disaster bisher unbekannten Ausmaßes, und wieder gibt es Stimmen, die in Verteidigungsstellung gehen: Man kann ja ruhig mit Schmutz Geld machen, wenn das irgendwann irgendwem nützt. Viele können und wollen das nicht mehr hören. Sie wollen, dass persönliche Verantwortung in der Kirche wieder zählt und dass Konsequenzen gezogen werden, auch personeller Art.

Neues Verständnis für die Freiburger Rede des Papstes

Die Freiburger Rede von Papst Benedikt zum Thema Entweltlichung der Kirche in Deutschland war prophetisch. Kaum einer hatte geahnt, dass es so schnell zum Knall kommen würde. Viele haben diese Rede nicht verstanden. Jetzt wird sie leichter verständlich. Die Rede war ein einziger Aufruf zu einer Kirchenreform, die diesen Namen verdient.

Der Weltbildskandal zeigt uns, dass nur eine entweltlichte Kirche in der Welt und für die Welt fruchtbar sein kann, während eine Verweltlichung der Kirche eine Art Weltflucht weg von ihren Aufgaben darstellt.

Dem hl. Bonifatius ging es nicht um Macht, sondern um jede einzelne menschliche Seele, als er bereits als Vierzehnjähriger zunächst erfolglos versuchte, sich den Stämmen unserer Vorväter zuzuwenden. Genauso wenig ging es den zahlreichen katholischen Priestern und Laien, die im KZ der Nazis ihr Leben ließen, um irgendeine Art von Macht, sondern um den Glauben und das Heil der Seelen.

Das bevorstehende Treffen der Bischöfe könnte den ersten Schritt zu einer Wende bringen: Heraus aus dem Exil der deutschen Kirche in einem geistlosen, selbstreferentiellen System, in das die katholische Kirche in Deutschland in den letzten 40 Jahren geraten ist, und hinein in eine Zukunft, die in Deutschland in vielen Gruppierungen längst schon begonnen hat.

Hinein in den großen Strom der Weltkirche. Hinein in die Einheit mit ihrem Landsmann in Rom, der zu den größten Geistern gehört, die in den letzten zweitausend Jahren auf dem Stuhl Petri gesessen sind.

An der Seite unserer großen Heiligen und Märtyrer hinein in die Verkündigung des Glaubens und die Sorge um das Schicksal jedes einzelnen Menschen, angefangen bei jedem von uns selbst.


www.spaemann.com


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Foto Dr. Christian Spaemann: (c) Christian Spaemann







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