17 Oktober 2011, 18:00
Der Zölibat: Anstößig, aber notwendig
 
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250 Teilnehmer bei Fachtagung über den Zölibat im Stift Heiligenkreuz – Mit Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, P. Karl Wallner, Raphael Bonelli, P. Johannes Lechner und Dr. Michael Prüller

Heiligenkreuz (kath.net/rn) „Der Zölibat ist in der heutigen Zeit anstößig, aber es ist notwendig, mit Leib und Seele darauf hinzuweisen, dass es einen Himmel gibt.“ Dies betonte der Heiligenkreuzer Abt Maximilian Heim zu Beginn einer spannenden Tagung über ein Thema, das innerkirchlich viele Menschen bewegt: der Zölibat. Die Fachtaguung über „Zölibat und Beziehung” lockte etwa 250 Teilnehmer ins bekannte Stift Heiligenkreuz. Veranstalter war das von Raphael Bonelli gegründete Institut RPP (Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie) .

Zu Beginn erinnerte Pater Karl bei der Begrüßung daran, dass Heiligenkreuz bei dem Thema durchaus mitreden könne. Bei 800 Einwohnern seien etwa 200 von diesen Zölibatäre. Wallner sagte, dass Heiligenkreuz vom lieben Gott die Aufgabe bekommen habe, durchaus ein bisschen ein Antidepressivum in der gegenwärtigen Welt und Kirche sein.

Als erste sprach Prof. Rotraud Perner zum Thema „Wieviel Sex braucht der Mensch?” Für sie gebe es „viele Formen von Sexualität”, Zölibat sei eine „Lebensform”, „nicht unbedingt eine Form, wie man mit seiner Sexualität in gedanklichem Sinn” umgehe. Auf die Frage, wieviel Sex denn ein Mensch schließlich brauche, meinte Perner dann, dass dies eine Frage für einen Pornografiekonsumenten sei und nicht für den Menschen, der versuche, menschlich zu sein.

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Auch Michael Prüller, Pressesprecher von Christoph Kardinal Schönborn, sorgte mit seinem Vortrag über „Ehe und Zölibat” für Begeisterung. Schon gleich am Beginn löste Prüller Erheiterung beim Publikum aus, als er bekannte, dass er eigentlich kein Experte für das Thema sei, da er nur einmal verheiratet sei und beim Thema Zölibat nicht richtig mitreden könne. Schließlich legte Prüller in 15 Thesen Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten dar. Für den Medienexperten der Erzdiözese Wien sind Zölibat und Ehe gleichermassen Manifestationen eines reifen Umganges mit Sexualität. „Beide bedingen die Einordnung der Sexualität in einen höheren Zusammenhang. In jeder guten Ehe gibt es weniger Sex, als es einer der beiden Partner gerne hätte oder dass es mehr Sex gibt, als einer möchte. Die wichtigste Sache ist ein produktiver Umgang mit der Enthaltsamkeit”, so Prüller.

Der frühere Presse-Journalist erinnerte dann die Tagungsteilnehmer auch daran, dass der Zölibat genau wie die Ehe nur gelingen könne, wenn sie „aus freien Stücken” gewählt werden und nicht dann, wenn sie letzte Zuflucht sind. „Meine Beobachtung ist: Wer ein guter Zölibatärer ist, ist auch in dieser Sicht ein guter Ehemann und wer kein guter Zölibaterer ist, ist auch kein guter Ehemann”, so Prüller.

Anschließend sprach dann P. Karl Wallner über das Thema „Zölibat und Normalität”. Der bekannte Dogmatiker sorgte am Beginn gleich für Schmunzeln, als er sich outete, dass er es selten so bereut habe, zu einem Vortrag eine Zusage gegeben zu haben: „Denn je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich festgestellt, dass ich es nicht schaffe, hier nüchtern und unpersönlich zu reden”. Gleich zu Beginn bekannte der Zisterziensermönch: „Ich bin mit Begeisterung Priester und bin 100 % für den Zölibat. Ich könnte mir eine katholische Kirche ohne diese programmatische Entscheidung nicht vorstellen”. Wallner bekannte sich dann auch dazu, dass er, mit Ausnahme des Satirebuchs von Zander über die „10 Argumente für den Zölibat”, keine Bücher über den Zölibat gelesen habe.

„Ich hasse alle Diskussionen über den Zölibat. Der Grund für den Zölibat liegt allein in der Grundlosigkeit Gottes”, stellte Wallner dann klar und erinnerte, dass die natürliche Berufung des Menschen die Ehe sei. Von dieser natürlichen Berufung sei aber die Berufung zur Lebensform Christi zu unterscheiden. Dies sei eine „übernatürliche” Berufung.

Der Theologe erwähnte, dass er seine Berufung sehr dramatisch erlebt habe und deswegen heute Priester sei. „Ich kann es nur zu gut verstehen, wenn junge Leute das Schaudern überkommt, wenn sie das Rufen Gottes hören. Mir musste der liebe Gott einen Fußtritt geben.” Selbst die Lektüre von Drewermann’s Kleriker-Buch konnte ihm die Berufung nicht ausreden. Wallner bezeichnete dann die Zölibatären als die “Sondertruppe des lieben Gottes”.

Am Nachmittag ging die Tagung dann mit einem Vortrag von Raphael Bonelli über die Psychologie des Zölibats weiter. Er unterschied bei seinem Referat grundsätzlich drei Personengruppen. Neben den Ungebundenen (Menschen, die nach dem Zeitgeist leben) gäbe es die Gebundenen und eben die Zölibatären. Auch die Zölibatären legten sich fest, seien andererseits aber so frei wie ungebunden. Dies sei ein gewisses Paradoxon. „Die Entscheidung zum Zölibat beginnt im Kopf und geht über den Kopf ins Herz. Dies muss so sein, sonst gibt es ein Problem. Die Dimension eines Verzichtes ist wichtig”, erklärte Bonelli.

Der Professor für Psychiatrie erinnerte auch daran, dass die Suizidrate unter den Ungebundenen ungleich höher sei als in den anderen Gruppen, besonders im Alter. „Das macht Sinn. Wer ein ganzes Leben darauf ausgerichtet hat, sich selbst zu verwirklichen, fällt irgendwann auf sich selbst zurück”. Bonelli erinnerte dann auch daran, dass die Liebe im Geben und nicht im Nehmen bestehe. „Kurzfristig ist der Ungebundene der Lustige, mit dem hat man Spaß. Langfristig sind die gebundenen Lebensmodelle die Lebensmodelle, denen es besser geht.”

Dozent Bonelli bekräftigte, dass der Zölibatäre seine Beziehung pflegen müsse. Dies geschehe im Gebet. Wenn diese Beziehung nicht da sei, dann sehe er große Probleme. Nochmals erinnerte der Psychiater, dass das Herz beim Ungebundenen beim Ich sei und sich die Frage stelle, was einem das bringe. „Das Herz oder die emotionale Energie beim Verheirateten ist bei der Familie, beim Nestbau. Dies bedarf viel Sorge. Wo ist die Sorge beim Zölibatären? Die Sorge ist die Seelsorge. Er sorgt sich für viele Menschen. Es ist beeindruckend, wie intim dies sein kann. Viele haben eine unheimliche Beziehungsfähigkeit.”

Bonelli ging dann auch auf die Sexprobleme der einzelnen Personengruppen ein und stellte aufgrund seiner Erfahrung fest, dass das größte Sexproblem normalerweise der Ungebundene hat. Dieser tappe in irgendwas hinein, zum Beispiel in die Welt der Pornographie. Bei den Zölibatären gäbe es dagegen prozentuell am wenigsten Probleme.

Bonelli gab allerdings klar zum Verstehen, dass das zölibatere Leben an der Ich-Haftigkeit scheitern könne. Zum Zölibat dürften auch nur psychisch Gesunde und keine schrägen Gestalten zugelassen werden. Hier müsse im Priesterseminar genau geschaut werden. Ein Kriterium für die Zulassung zum Priestertum müsse auch die potentielle Ehefähigkeit sein. Wenn ein Priester kein Interesse an einer Frau habe, sollte dies ein Ausschlusskriterium sein.

Nach dem Vortrag von Bonelli sprach P. Johannes Lechner über die „Spiritualität des Zölibats”. Lechner, der Theologe und Bruder der Gemeinschaft des Heiligen Johannes ist, erinnerte daran, dass bei der Berufung am Beginn eine Begegnung mit jemanden stehe. Den Zölibat könne man spirituell gut leben, wenn man auf Christus schaue. „Warum hat Jesus so gelebt? Dies ist der Life-Style von Jesus”, erklärt der Theologe, für den der Kerninhalt von Jesu Zölibat bereits in dessen Worten im Alter von 12 Jahren war, als dieser sagte: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört. Das ist der Kerninhalt von Jesu Zölibat.” Diese Zugehörigkeit zum Vater bleibe der Schwerpunkt im Leben Jesu.

Lechner verwies in seinem Referat auch darauf, dass Priester, die den Zölibat erleben wollen, immer an der Quelle bleiben und sich entsprechende Wüstenzeit freischaufeln müssen. „Wenn der Zölibat spirituell gelingen soll, dann fängt dies beim Terminkalender an! Es wäre gscheiter, wir würden mit dem Herr eine Woche lang unsere Zeit verbringen und dann ein Wort zu sagen! Wir finden alle hundertausend Gründe, warum wir keine Zeit zum Beten oder zum Meditieren des Wortes in der heiligen Schrift haben. Wenn ich nicht Tag für Tag von Jesus jene Liebe empfange, die ich brauche, dann werd ich unglücklich werden. Da bin ich als Zölibatärer viel verwundbarer!”

Der Theologe stellte dann fest, dass für das geistige Leben vier Säulen wichtig seien: Gebet, Wahrheitssuche, Gemeinschaft und Mission: „Wenn diese vier Säulen gleichgewichtig sind, dann geht es einem Priester oder einer Gemeinschaft gut! Wenn eines dieser Elemente fehlt, kommt das Ganze aus der Balance”.

Abschließend sprach die bekannte Universitätsprofessorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über „Allein? – Zölibat und Beziehung”. Die Religionsphilosophin stellte eingangs fest, dass der Zölibat nur einer großen Liebe wegen gelebt werden könne:„Alleinsein ist auch immer ein Zu-Zweit-Sein”. Für Gerl-Falkovitz gehören Armut, Keuschheit und Gehorsam zur Struktur der Liebe. Verschwendung ist für die Dozentin der Grundcharakter der Liebe. „Selbstverschwendung und Verschwendetwerden ist ein ungewöhnlich großer Entwurf.“


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In Kürze online: KATH.NET-Exklusiv-Interview mit Prof. Gerl-Falkovitz, Dr. Michael Prüller und Dr. Raphael Bonelli


KathTube: Vortrag von P. Karl Wallner über den Zölibat





kathTube: Vortrag von Raphael Bonelli beim Kongress






KATH.NET-Exklusiv-Interview mit Michael Prüller, Pressesprecher von Kardinal Christoph Schönborn



KATH.NET-Interview mit P. Johannes-Paul vom Stift Heiligenkreuz










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