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Bischof Genn: Der Papst setzt auf Tiefendimensionen

28. September 2011 in Spirituelles, 12 Lesermeinungen
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Felix Genn, Bischof von Münster, über 'substanzielle Äußerungen, die mit kurzen Schlagzeilen nicht zu bewerten sind': Hier liegt Schwarzbrot, das durchgekaut werden will, damit seine Substanz und sein Geschmack, aber auch sein Nährwert spürbar werden


Münster (kath.net/Bistum Münster) Es war ein Jahrhundertereignis. Niemand von uns weiß, wann noch einmal ein deutscher Papst Deutschland besuchen wird. Deshalb sind die Akzente, die durch die Reise gesetzt wurden, von bleibender Bedeutung und großer Nachhaltigkeit, ohne dass man schon im Einzelnen einen Tag oder zwei Tage später diese Eindrücke alle zusammenfassen und vor allem verarbeitet haben kann.

Da ist einmal Berlin, die Messe im Olympiastadion – zum zweiten Mal schon, dass ein Papst an diesem Ort die Eucharistie feiert, zum ersten Mal ein Papst aus Deutschland. Nach der heiligen Messe sprach ich mit Kardinal Glemp (emeritierter Erzbischof von Warschau, Red.). Als ersten Eindruck beurteilte er die heilige Messe als großartig und verwies darauf, dass es genau der Ort sei, an dem Hitler 1936 die Olympischen Spiele eröffnet hat. Welche Aussage ist das aus dem Munde eines Polen!

Die Begegnungen in Thüringen, die bewegende Feier der Vesper in Etzelsbach und die Eucharistiefeier auf dem Domplatz in Erfurt können in ihrer tiefen Wirkung kaum in Worte gefasst werden. Es war wirklich die Feier des Glaubens mit Katholiken, die unter einer braunen und roten Diktatur in der Ausübung ihres Glaubens verhindert waren. Deshalb war es gut, dass der Papst die Volksfrömmigkeit, die sich um die Marienverehrung rankt, ebenso akzentuierte wie das Glaubenszeugnis der Heiligen, die für diese Region in besonderer Weise Bedeutung haben. Dabei unterließ er es nicht, das große Engagement der Gläubigen in der Zeit der DDR zu würdigen.

Vertiefung des Glaubens – darin sieht Papst Benedikt völlig zu Recht den Schlüssel für die Erneuerung der Kirche. Re-Form der Kirche kann immer nur bedeuten, so wie es Paul VI. in seiner Enzyklika über den Dialog gesagt hat, sich zurückzuformen in den Typus, der für die Kirche prägend ist, in Christus. Von dort aus Kirche und Gesellschaft zu gestalten, von dort aus auch die großen Fragen der Zeit aus dem Geist des Evangeliums zu beantworten, das war das Anliegen, das Papst Benedikt in seiner Begegnung mit den Politikern, mit der Ökumene in ihren unterschiedlichen Formen, mit der Jugend und mit allen in Kirche und Gesellschaft Engagierten hervorgehoben hat. Diese Botschaft ist sperrig, weil sie nicht in den Mainstream und deshalb auch nicht in die schon vorher geäußerten Erwartungen passt.


Der Papst gibt zu denken. Auch die letzte Rede in Freiburg zeigte, dass dieser Besuch nicht einfach leise dahin plätschert und mit einem wohligen Gefühl ausklingt. Hier liegen substanzielle Äußerungen, die mit kurzen Schlagzeilen nicht zu bewerten sind und auch nicht damit abgetan werden können. Hier liegt Schwarzbrot, das durchgekaut werden will, damit seine Substanz und sein Geschmack, aber auch sein Nährwert spürbar wird.

Papst Benedikt legt die Grundlagen aus einer großen geistigen Weite, damit wir selbst in Deutschland aus einer Vertiefung die anstehenden Fragen in Gemeinschaft mit der Gesamtkirche, die sich nicht nur über den Raum, sondern auch über die Zeit erstreckt, geben können.

Es ist eine Botschaft, die nicht einfach kurzatmig ist und nach dem Prozess der Beschleunigung bearbeitet werden will, sondern eher in die Entschleunigung führt, damit aus der großen Perspektive des christlichen Geistes das, was unmittelbar als bedrängend erscheint, beantwortet werden kann. Nur so ist es möglich, im Heute zu glauben.

Vielleicht ist es deshalb auch für Journalisten, die aufgrund ihres Berufes à jour berichten müssen, schwierig, über die tiefen spirituellen Werte, Akzentsetzungen und Dimensionen angemessen zu berichten. Mir ist das vor allem aufgefallen im Blick auf die Berichterstattung über die Gebetsvigil mit den Jugendlichen am Samstagabend. Ich habe das Vorprogramm erlebt, das sich im üblichen Mainstream hielt und deshalb sich weit absetzte von dem, was an vorbereitendem Programm beim Weltjugendtag in Madrid geboten wurde.

Ich habe dann die intensive Atmosphäre der Zeugnisse von Jugendlichen, die Lichtfeier und die deutende Ansprache des Papstes, die auf tiefe existenzielle Schichten der Jugendlichen einging, erlebt.

Anschließend war ich mit anderen Bischöfen eingeladen, in einem Zelt der Begegnung Jugendlichen zum Gespräch zur Verfügung zu stehen. Mich hat das sehr angerührt, weil ich auf diese Weise vielen Jugendlichen aus dem Bistum Münster begegnen und über diese Ansprache mit ihnen sprechen konnte. Die Sehnsucht nach Glauben und der Verwurzelung des Evangeliums im eigenen Herz ist sehr groß.

Nach diesen Gesprächen ging ich in das Anbetungszelt und konnte erfahren, wie Hunderte von Jugendlichen vor dem ausgesetzten Allerheiligsten saßen. Das daneben liegende Zelt der Versöhnung bot die Möglichkeit zum Empfang des Bußsakramentes. Dies wurde so sehr ausgenutzt, dass zu wenig Priester zur Verfügung standen, und die Organisatoren noch weitere Priester herbeiordern mussten, damit sie dem Andrang gerecht wurden.

Wie kann man das journalistisch berichten? Es handelt sich nämlich um sehr tiefe, intime Vorgänge, in denen aber mehr Nachhaltigkeit liegt als das bloß an der Oberfläche Geäußerte. Auf diese Tiefendimensionen setzt Papst Benedikt. Deshalb muss er Erwartungen enttäuschen, die von vornherein einen bestimmten Rahmen vorgeben, in den ihr Bild passen soll.

Er muss auch Erwartungen enttäuschen, die er als Papst, wenn er denn seine Aufgabe im Sinne des Konzils wahrnimmt, gar nicht erfüllen kann. Er ist nämlich nicht ein absolutistischer Herrscher, sondern hat die Aufgabe, das Glaubensgut der Kirche, das durch die Jahrhunderte bewahrt wurde, in unsere Zeit zu verkünden, so dass er rückgebunden ist an dieses Glaubensgut und nicht einfach von sich aus bestimmt so genannte "Gastgeschenke" geben kann. In der Tat, wie Papst Benedikt sagt, ist das ein politisches Missverständnis seines Auftrags.

Die Verkündigung des Evangeliums hat immer eine kritische Dimension. Sie ruft nämlich auf zur Bekehrung, und diese ist immer ein Herausgehen aus dem eigenen Rahmen, den eigenen Vorstellungen, aus dem, wo man sich – vielleicht auch kirchlich – eingerichtet hat.

Deshalb hat dieser Besuch eine nachhaltige Wirkung. Eine immer wieder erneuerte Lektüre der Ansprachen und eine Zusammenschau der verschiedenen Äußerungen kann der Kirche zu Beginn dieses Jahrhunderts zusammen mit dem, was der selige Papst Johannes Paul II. in seinen Lehrschreiben und was das Konzil uns geschenkt hat, Orientierung und Hilfe geben, Kirche von Heute für das Morgen zu gestalten.

Freilich: Man muss es in sein Herz einlassen. Dann braucht es Zeit, bis es übersetzt, bis es ausgeformt ist und Gestalt gewinnt. Kein Wunder, dass die Reden des Papstes nicht bloß Beifall finden, aber sie führen in die Auseinandersetzung, und diese haben Kirche und Gesellschaft nötig, weil diese Worte not-wendig sind.

Foto: (c) kathtube



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