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14 September 2011, 10:00
‚Weil niemand Joseph Ratzinger so gut kennt wie er’

Michael Hesemann erzählt, wie es zu dem Interview-Buch mit Georg Ratzinger „Mein Bruder, der Papst“ kam: Ich wollte den wertvollsten Augenzeugen für das Leben Papst Benedikts befragen und damit diese Quelle für alle künftigen Papstbiografen sichern
Regensburg (kath.net) Am 5. Jahrestag des Papstbesuches in Regensburg stellten Prälat Dr. Georg Ratzinger und der Autor und Historiker Michael Hesemann am Dienstag im „Institut Papst Benedikt XVI.“ der Domstadt ihr Buch „Mein Bruder, der Papst“ vor. Gastgeber war Bischof Gerhard Ludwig Müller, der die Einführungsworte sprach, Gast aus Spanien der Erzbischof von Madrid und Gastgeber des Weltjugendtages, Kardinal Rouco Varela. Kath.net dokumentiert exklusiv den Text der Ansprache Michael Hesemanns, in der dieser die Hintergründe dieses ungewöhnlichen Buchprojektes erläutert:

„Eure Eminenz, Eure Exzellenz, Hochwürdigster Herr Prälat, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sie werden sich fragen, wie dieses Buch entstand, wie ich dazu kam, es mit und für Prälat Dr. Georg Ratzinger zu schreiben und weshalb ein weiteres Buch über den Heiligen Vater überhaupt nötig war.
Und genau das möchte ich Ihnen gerne beantworten.

Gleich nach der Wahl Joseph Ratzingers zum 265. Nachfolger Petri erhielt ich den Auftrag, eine Biografie des neuen Papstes für junge Menschen, die Teilnehmer des Weltjugendtages in Köln, zu verfassen. Das Buch erschien dann unter dem Titel „Benedetto! Die Kirche ist jung“ (Pattloch 2005).

Schon damals, also 2005, studierte ich alle verfügbaren Quellen, darunter auch Interviews mit Prälat Georg Ratzinger, und fragte mich, weshalb diese, aus meiner Sicht, so knapp und unvollständig waren. Leider hatte ich damals nur drei Wochen für das Buch, die Zeit drängte, es sollte ja schon im Juli erscheinen.

Aber mir war klar, dass für eine vollständige Biografie des Heiligen Vaters ein längeres Interview mit seinem Bruder unabdingbar war.

Warum? Weil niemand Joseph Ratzinger so gut kennt wie er. Georg Ratzinger ist ja drei Jahre älter und hat damit auch seine Kindheit und Jugend immer aus der Perspektive des älteren Bruders hautnah verfolgt. Er ist immerhin auch das einzige noch lebende Familienmitglied des Heiligen Vaters, seit Schwester Maria schon 1991 verstarb.

Da der deutsche Papst zum Protagonisten der Zeit- und Kirchengeschichte geworden ist, war es unabdingbar, ja Pflicht vor der Geschichte, dass ein Historiker seinen Bruder ausgiebig befragen und damit auch die eigenen Erinnerungen des Heiligen Vaters, die 1998 unter dem Titel „Aus meinem Leben“ erschienen, eben aus der Augenzeugenperspektive ergänzen würde.

Nun wartete ich fünf Jahre lang, dass dies geschehen würde, dass Georg Ratzingers Erinnerungen einmal vollständig protokolliert würden, doch nichts geschah. Ein Buch wurde im Pattloch-Verlag angekündigt, das, warum auch immer, nie erschien, eine schöne Georg Ratzinger-Biografie erschien im Herder-Verlag, doch auch sie behandelte den Heiligen Vater nur am Rande. Das war ja auch richtig, in dem genannten Buch ging es halt um „Den Bruder des Papstes“, der selbst eine beachtliche Karriere als Domkapellmeister gemacht hat, als kultureller Botschafter dieser schönen Stadt Regensburg mit ihren Domspatzen in der ganzen Welt. Doch das war nicht, was ich im Auge hatte.

Als ich dann eher zufällig im Marienheiligtum Absam in Tirol bestätigt bekam, dass ausgerechnet dort die Großeltern des Heiligen Vaters geheiratet hatten, packte mich noch mehr die Neugier und das unter einem ganz neuen Aspekt. Was, wenn es in der Tat so etwas wie eine Vorsehung gäbe, einen Plan Gottes gewissermaßen, der diesen Joseph Ratzinger dorthin brachte, wo er eigentlich nie hin wollte, nämlich auf die Cathedra Petri? Auch Peter Seewalds großartiges Interviewbuch „Licht der Welt“ beantwortete mir diese Frage nicht. So war es eine schöne Fügung, die mich in das Haus von Prälat Georg Ratzinger brachte.

Als im Frühjahr 2010 die Angriffe gegen Papst Benedikt immer heftiger wurden, organisierte eine Internet-Bloggerin, Frau Sabine Beschmann, unter dem Motto „Deutschland pro Papa“ Solidaritätskundgebungen für Papst Benedikt in Köln und München, zu denen sie auch mich als Redner einlud. Daraus entstand im September der Verein „Deutschland pro Papa e.V.“ dem ich dann auch beitrat.

Im Dezember 2010 gab ich im Kloster Weltenburg an der Donau ein Seminar zu Themen der Kirchengeschichte – meinem Schwerpunktthema als Autor und Historiker – an dem auch Frau Roswitha Biersack, die Leiterin der bayerischen Abteilung von DpP teilnahm. Am letzten Seminartag erklärte sie mir, sie müsse noch nach Regensburg, sie sei bei Prälat Ratzinger eingeladen, ob ich denn mitkommen möge. Natürlich wollte ich diese Chance gerne wahrnehmen.

So fragte ich bei dieser Gelegenheit Prälat Ratzinger, ob er sich denn vorstellen könnte, mir ein Interview zu geben, seine Erinnerungen an sein Leben mit seinem Bruder mit mir zu teilen, woraus vielleicht ein kleines Buch entstehen könnte. Zu meiner Freude war er dem nicht völlig abgeneigt, wir blieben also in Kontakt. Da er vorher eine schwierige Knie-OP und die darauffolgende „Reha“ absolvieren wollte, wurde es Anfang Mai, bis er bereit war, mich fünf Tage lang hintereinander für jeweils gute zwei Stunden zu empfangen. Damit wurde der Grundstock für dieses Buch gelegt.

Frau Biersack transkribierte, ich erarbeitete ein Manuskript, das wir an weiteren vier Tagen Prälat Ratzinger vorlasen und das ich bei weiteren Besuchen ergänzte, bis wir alle mit dem Ergebnis glücklich waren. Dann wurde das Manuskript noch zur Korrektur und Freigabe an den Sekretär Seiner Heiligkeit des Papstes, Prälat Dr. Gänswein, geschickt – genauer gesagt: von Prälat Ratzinger übergeben - der nach gründlicher Prüfung sein „nihil obstat“ erteilte. Erst dann, am 13. Juli – wie heute ein Fatima-Tag!-, wurde es dem Herbig-Verlag zur Veröffentlichung übergeben.

Das war eine Vereinbarung zwischen mir und Prälat Ratzinger, dass das Buch natürlich nur veröffentlicht würde, wenn es ihm gefiele und wenn auch Rom keinen Einwand hätte. Nun wissen Sie also, weshalb es so spontan erschien und nur kurzfristig angekündigt wurde!

Als Erscheinungstermin hatte ich ursprünglich einmal den 60. Jahrestag der Priesterweihe der beiden Brüder, also den 29. Juni, im Auge. Doch als der Heilige Vater seine Deutschlandreise ankündigte, war das natürlich der noch bessere Termin. So erscheint es quasi auf halber Strecke zwischen dem Jubiläum der Priesterweihe und dem 85. Geburtstag des Heiligen Vaters im kommenden April.

Was aber will nun dieses Buch?
An erster Stelle, wie gesagt, eine Lücke schließen: im Sinne der „oral history“ den wertvollsten Augenzeugen für das Leben Papst Benedikts befragen und damit eine Quelle für alle künftigen Papstbiografen sichern. Und auch wenn es unbescheiden klingt, ich möchte behaupten, dass von nun an niemand, der den Heiligen Vater wirklich verstehen will, um diese Quelle herum kommt.

Denn auch das will es: auf all die vielen irreführenden, ja verzerrenden Darstellungen des Papstes mit einem realistischen, authentischen Portrait antworten!

Dann möchte dieses Buch Mut machen, den christlichen Glauben wieder konsequent zu leben.
Die vielleicht stärkste Botschaft, die wir in ihm finden, ist doch das Bild einer liebevollen, so eng verbundenen Familie, die stark genug war, den Versuchungen des braunen Zeitgeistes während der NS-Diktatur zu widerstehen, weil sie ihren Glauben lebte, der zum Fundament und zur tragenden Mauer ihres Lebens wurde. Ja, jede Familie kann auch heute noch von den Ratzingers lernen.

„A family which prays together, stays together“ sagt man in Amerika und genau das war das Geheimnis für die innere Stärke, für die Kraft dieser deutschen Familie, einer Familie, aus der zwei so prägende Gestalten, ein genialer Chorleiter und ein Genie der Theologie, hervorgingen. Doch die Kraft des gemeinsamen Gebetes, des Glaubens, in ihr Leben zu holen, das steht doch jeder Familie offen!

Jungen Männern, die in sich die Berufung zum Priesteramt spüren, soll das Buch Mut machen, dem Ruf des Herrn konsequent zu folgen, gleich wie die Umwelt darauf reagiert – das ist die zweite Botschaft dieses Buches.

Die dritte aber ist vielleicht die Antwort auf meine anfangs gestellte Frage, ob es so etwas wie einen roten Faden durch das Leben unseres Papstes, vielleicht sogar ein Wirken der göttlichen Vorsehung gibt. Ich glaube, sie mit einem klaren „Ja“ beantworten zu können. Es war kein Zufall, dass dieser Mann zum Nachfolger Petri gewählt wurde und noch viel weniger hat er je danach gestrebt, wie Hans Küng ihm unterstellte.

Denn wenn dieses Buch etwas zeigt, dann, dass Joseph Ratzinger nie nach irgendetwas gestrebt hat! Er war ja glücklich in seiner Kaplansstelle in Bogenhausen, als man ihn, da man seine Fähigkeiten erkannt hatte, drängte, doch lieber in Freising Theologie zu lehren.

Man musste ihn überreden, nach Bonn zu wechseln, nach Münster, Tübingen; nur der vermeintliche Karriereknick, der Wechsel von der renommierten Uni Tübingen zur doch damals recht neuen Hochschule in Regensburg geschah wohl freiwillig, schon weil er hier wieder in seinem geliebten Bayern, bei seinem Bruder und noch dazu in einer so wunderschönen Stadt sein durfte.

Er wurde dann aber förmlich gedrängt, die Ernennung zum Erzbischof von München und Freising anzunehmen. Auch der Wechsel nach Rom kam nur durch gehörigen Druck durch den damaligen Papst Johannes Paul II. zustande. „Aber es ist doch wichtig, dass ich hier in München bin“, versuchte er, das dem Polen auszureden, doch der Wojtyla-Papst, der auch ein ziemlicher Dickschädel sein konnte, bestand darauf: „München ist wichtig, aber Rom ist wichtiger!“ Auch wenn hier natürlich alle Bayern im Saal heftig widersprechen werden!

Aber Joseph Ratzinger gehorchte, wie er es immer getan hatte. Er hatte sich so auf den wohlverdienten Ruhestand gefreut, darauf, seinen Bruder länger besuchen und noch ein paar Bücher schreiben zu können, als das Konklave 2005 auch dieser Hoffnung ein jähes Ende bereitete.

Georg Ratzinger war danach tief deprimiert, sein Bruder Joseph verglich seine Wahl mit einem „Fallbeil“, das auf ihn herabraste. Doch er folgte erneut dem Ruf des Herrn. Denn wer wäre besser geeignet, die Kirche durch diese Zeit der Sinnkrise und des Relativismus zu führen als dieser demütige und weise Mann aus Bayern?

So musste auch Prälat Georg Ratzinger sich mit der neuen Situation arrangieren, denn auch er wusste, dass nicht der Mensch plant, sondern Gott. Und er fand einen Weg, er telefoniert heute regelmäßig mit seinem Bruder, er war gerade wieder vier Wochen bei ihm in Castel Gandolfo. Man muss halt nur Gott vertrauen! Und wenn es nur etwas von diesem Gottvertrauen vermittelt, dann hat dieses Buch seinen Sinn und seinen Wert!

Für mich als Autor gehörten die drei Monate der Zusammenarbeit mit Georg Ratzinger zu den schönsten in meinem Leben. Ich gestehe hier offen: Ich bin ein wenig traurig, dass sie vorüber sind. Als Rheinländer gewann ich nicht nur Bayern, sondern gerade auch Regensburg ein wenig lieb; ich war gerne hier und bin es immer wieder gerne.

Vor allem aber durfte ich in Georg Ratzinger einen großartigen Menschen erleben, dessen Demut und Bescheidenheit, vor allem aber seine Herzensgüte, mich immer wieder tief berührten. Sie hier in Regensburg können froh und dankbar sein, einen so grundguten Menschen in Ihrer Mitte, in Ihrer Stadt, leben zu haben. Ich hoffe, die Stadtväter begreifen das und folgen endlich dem Beispiel von Castel Gandolfo, das ihm längst die Ehrenbürgerwürde verlieh.

Ihm wird mein lebenslanger Dank gebühren für diese Zeit, für unsere Begegnungen, die mich spirituell bereichert haben.

Natürlich danke ich von Herzen unserem Gastgeber, Seiner Exzellenz, Bischof Müller. Er ist einer der großen Theologen ganz in der Tradition des Heiligen Vaters und ein wahrer „guter Hirte“, für den Regensburg dankbar sein kann. Ich freue mich über jede unserer Begegnungen.

Vielen Dank dem Institut Papst Benedikt XVI., das seine Räume für die heutige Buchvorstellungen geöffnet hat. Sie sind der einzig würdige Rahmen, um dieses Buch Ihnen, meine Damen und Herren, heute zu präsentieren.

Dann danke ich natürlich meiner Verlegerin, Frau Fleissner-Mikorey, die sich mit diesem Buch auch auf ein verlegerisches Abenteuer einließ; denn wer sagt schon bedingungslos „Ja“ zu einem Buch, dessen Verträge nur zwei Monate vor dem Erscheinungstermin unterschrieben werden konnten.

Nun hoffe ich, dass es seinen Weg um die Welt geht und die Herzen der Menschen für unseren Papst und seine Botschaft öffnet.
Danke!“

KATH.NET-Buchtipp:
Georg Ratzinger, Michael Hesemann
Mein Bruder, der Papst
256 Seiten
20,50 EURO

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