02 Februar 2011, 13:07
Kardinal Lehmann, der Zölibat und die Antwort auf Kardinal Brandmüller
 
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‚Dialogprozess’ und Meinungsbildung: die Gefahr der Verwirrung. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Der Bischof von Mainz und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Kardinal Lehmann antwortet seinem Mitbruder im bischöflichen Dienst, Walter Kardinal Brandmüller, anlässlich dessen „Offenen Brief“ an acht CDU-Politiker. Diese hatten sich mit einem Schreiben an die deutschen Bischöfe gewandt, um eine erneute Diskussion über den Zölibat anzustoßen.

Unter dem Hinweis auf ihre Sorge um den Rückgang des Priesternachwuchses hatten die Politiker das seit über vierzig Jahren immer wieder diskutierte Modell der Weihe von „viri probati“, das heißt von in Ehe und Familie bewährten Männern vorgebracht. Dabei forderten sie die deutschen Bischöfe auf, „die Zulassung von viri probati zur Priesterweihe zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und sich dafür „in der Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche und vor allem in Rom mit Nachdruck einzusetzen“, dies auch im Hinblick auf eine „regionale Ausnahmeregelung für Deutschland“.

Drei Punkte sind bei diesem Ansinnen hervorzuheben. Zum einen wird die priesterliche Lebensform des Zölibats unter rein funktionellen und pragmatischen Kriterien betrachtet. Zum anderen lässt die erwünschte Möglichkeit einer Sonderregelung für Deutschland aufhören. Als drittes mutet die Aufforderung, die Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche „und vor allem Rom“ in die Diskussion mit aufzunehmen, zumindest merkwürdig an.

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Was die Forderung nach einer Einbeziehung des Weltepiskopats betrifft, muss an dessen jüngste Stellungnahme erinnert werden, die im nachsynondalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum caritatis“ (2007) zusammengefasst ist. Dort ist zu lesen:

„Die Synodenväter haben hervorgehoben, dass das Amtspriestertum durch die Weihe eine vollkommene Gleichgestaltung mit Christus erfordert. Bei aller Achtung gegenüber der abweichenden ostkirchlichen Praxis und Tradition ist es doch notwendig, den tiefen Sinn des priesterlichen Zölibats zu bekräftigen. Dieser wird zu Recht als ein unschätzbarer Reichtum betrachtet und auch durch die ostkirchliche Praxis bestätigt, gemäß der die Bischöfe nur unter zölibatär lebenden Männern ausgewählt werden und die Entscheidung vieler Priester für den Zölibat in hohen Ehren gehalten wird. In dieser Wahl des Priesters kommen nämlich in ganz eigener Weise seine Hingabe, die ihn Christus gleichgestaltet, und seine Selbstaufopferung ausschließlich für das Reich Gottes zum Ausdruck“.

Die Bischöfe der Welt betonen, dass es nicht ausreiche, „den priesterlichen Zölibat unter rein funktionalen Gesichtspunkten zu verstehen. In Wirklichkeit stellt er eine besondere Angleichung an den Lebensstil Christi selbst dar“. Aus diesem Grund bekräftigte Benedikt XVI. „in Einheit mit der großen kirchlichen Tradition, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und meinen Vorgängern im Petrusamt“ die die Schönheit und die Bedeutung eines im Zölibat gelebten Priesterlebens als ausdrucksvolles Zeichen der völligen und ausschließlichen Hingabe an Christus, an die Kirche und an das Reich Gottes und bestätige folglich seinen obligatorischen Charakter für die lateinische Tradition. Der in Reife, Freude und Hingabe gelebte priesterliche Zölibat ist ein sehr großer Segen für die Kirche und für die Gesellschaft selbst“.

So viel zu „Rom“ und „Weltepiskopat“. In seinem Beitrag für die Kirchenzeitung der Diözese Mainz beklagt Kardinal Lehmann eine „Einseitigkeit“ der Stellungnahme Kardinal Brandmüllers zur Zölibatsinitiative. Ja der Ton des „Offenen Briefes“ habe Scham in ihm hervorgerufen, da der Vorschlag hinsichtlich der Weihe von „viri probati“ zu Priestern ja gar keine „andere Kirche“, ja „gar einen deutschen Sonderweg" ins Spiel bringe.

Dabei scheint der Bischof von Mainz zu vergessen, dass sich der Kirchengeschichtler Kardinal Brandmüller gerade auch aufgrund seiner Forschungen zum Thema „Zölibatskritik in der Geschichte“ zu seiner Warnung vor einem deutschen Sonderweg aufgrund des Vorschlags der Unionspolitiker veranlasst sah, im Notfall eine „regionale Ausnahmeregelung für Deutschland“ zu erwirken. Das Wort von der Sonderregelung stammte somit nicht von Kardinal Brandmüller, sondern ist gewissermaßen die „ultima ratio“ des Ansinnens der katholischen Unionspolitiker und somit eindeutig „nationalkirchlicher“ Natur, was zweifellos Gefahren eines schismatischen Denkens in sich birgt, wie die Kirchengeschichte zeigt.

Der Beitrag Kardinal Karl Lehmans ist auch unter einem biographischen Gesichtspunkt interessant, sagt er doch inhaltlich nichts Neues, sondern verdichtet in wenigen Zeilen theologische und pragmatische Kernpunkte seines Denkens und Wirkens. Die Enttäuschung darüber, wie im Brief Brandmüllers „der amtierende Bundestagespräsident, immerhin nach dem Bundespräsidenten die zweite Autorität in unserem Land, eine amtierende Bundesministerin und drei hochverdiente Ministerpräsidenten, die sich jahrzehntelang für ihre Kirche einsetzten, beschimpft werden“, ist bezeichnend für die Weise, wie der Kardinal das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, zwischen Bischof und politischen Instanzen einzuordnen scheint (abgesehen davon, dass man zwar mit dem Inhalt des Schreibens Brandmüllers nicht einverstanden sein kann, es jedoch unmöglich ist, Beschimpfungen herauszudestillieren).

Auch der Ort des viel beschworenen Dialogprozesses, dessen Logik sich jenseits des Nichtwiderspruchsprinzips herauszukristallisieren scheint und in der „neuen Mitte“ ausgemacht wird, gibt keinen Anlass, etwas Neues zu erkennen. Das unter dem Vorwand des „II. Vatikanischen Konzils“ immer wieder vorgebrachte Ziel, den Zeitgeist mit der Kirche so zusammenzubringen, dass sich daraus eine neue Ordnung ergibt, liegt seit fast 50 Jahren auf den Schreibtischen vieler Theologen und Bischöfe.

Merkwürdig erscheint unter einem nichtdeutschen Gesichtspunkt die Lobrede Kardinal Lehmanns auf Vertreter der staatlichen Institutionen und der Politik. Würde z.B. ein italienischer Kardinal oder Bischof ähnliches tun, sei es in Bezug auf Vertreter der heute noch regierenden Mitte-Rechts-Koalition um Berlusconi, sei es in Bezug auf verdiente Politiker und Staatsmänner aus dem Mitte-Links-Spektrum der Opposition mit seiner altkommunistischen Vergangenheit, so wären ihm die ersten Seiten aller Zeitungen sicher. Die Wogen der Polemik „Kirche mischt sich in Politik ein“ würden in einem Land wie Italien sehr hoch schlagen. Kritik von allen Seiten des politischen Spektrums wäre das Wenigste. Scharfe Diskussionen über das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Kirche (die in Italien gern mit „dem Vatikan“ und „dem Papst“ identifiziert wird) wären eine selbstverständliche Folge.

Wie dem auch sei: es gehört nicht zum guten Stil, dass ein Kardinal einen anderen Kardinal unter dem Hinweis, dass er „seit einigen Jahrzehnten in Rom als Präsident der Historischen Kommission des Vatikans dient und früher als angesehener Historiker an der Universität Augsburg lehrte“ (man lese: er hat keine pastorale Erfahrung, er ist zu lange von Deutschland weg usw.), persönlich angreift und ihm Ansinnen unterstellt, die bei einer aufmerksamen Lektüre seiner Worte an keiner Stelle aufzufinden sind.

Bereits im April 2010 wurde die Kirche mit einem Aufeinanderprall von Purpurträgern konfrontiert, als sich der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn öffentlich gegen Angelo Kardinal Sodano nicht zuletzt auch wegen dessen missverstandenen Grußwortes an den Papst zu Beginn der heiligen Messe am Ostertag geäußert hatte. Der Presserummel, der notwendig um derartige Vorfälle entsteht, ist zweifellos einer vertieften Betrachtung von Problembereichen unzuträglich und stiftet zusammen mit der Substanz derartiger Ereignisse nur Verwirrung. Und das sollte vermieden werden, da das gemeinsame Anliegen zu wichtig ist.


Brief von Kardinal Brandmüller

Kontakt Kardinal Lehmann: Kontakt Kardinal Lehmann
oder bischof.lehmann@bistum-mainz.de

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Cartoon: (c) PETER ESSER

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