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07 Dezember 2010, 14:22
Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens

Peter Seewald und ‚Licht der Welt’. Auf dem Boden der Wahrheit für die Wahrheit arbeiten und sie in ihrer Vielschichtigkeit kommunizieren. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) Zwei Wochen sind vergangen, seit das Interviewbuch mit Benedikt XVI. „Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“ in den Buchhandlungen ist. Schwindelerregende Auflagenzahlen begleiten das historische Ereignis eines Buches, in dem ein Papst zum ersten Mal einem Journalisten in einem Gespräch antwortet. Bereits im Jahr 1994 hatte der italienische Publizist Vittorio Messori den Interviewband mit Johannes Paul II. „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ veröffentlicht. Doch im Unterschied zu heute hatte der Papst damals schriftlich geantwortet. So besticht – neben allen wichtigen Inhalten – die Tatsache, dass der Leser von „Licht der Welt“ in den Fluss eines sechsstündigen Dialogs hineingenommen wird. Die Distanz zwischen Papst und Leser wird so auf ein Minimum reduziert.

Viel wurde und wird weltweit über „Licht der Welt“ geschrieben. Es vergeht kein Tag, an dem eine Äußerung eines Kommentators – sei es im positiven oder negativen Sinn – fehlen würde. Theologen, Journalisten, Kommentatoren jeglicher Couleur setzen sich mit dem Wort des Papstes auseinander und versuchen, diesem in allen Nebensätzen und grammatikalischen Wendungen ihren letzten und tiefsten Sinn abzuringen. Besonders jedem Katholiken ist es anzuraten, sich intensiv mit dem Papstbuch auseinanderzusetzen, denn: es handelt sich um eine einmalige Gelegenheit, Benedikt XVI. kennenzulernen. So mancher wird auch staunend entdecken, wie sich angestaute Vorurteile an der einnehmenden Einfachheit und Tiefe der Gedanken des Papstes brechen und der für viele bereits bekannte „wahre“, das heißt nicht von irgendwelchen Medien in einem faschingsmäßig organisierten Spektakel verzerrte Benedikt XVI. in seiner unübersehbaren Wirklichkeit und Größe zutage tritt.

Natürlich ist es nicht ungewöhnlich und sogar richtig, dass gegenüber einem „Interviewten“ dieses Kalibers der „Interviewer“ in den Hintergrund tritt, ja fast vergessen wird. Peter Seewald begünstigt dies nicht zuletzt durch die Unaufdringlichkeit, mit der er sich Benedikt XVI. nähert. Seewald ist weder ein „Papstspezi“ noch ein „Hofjournalist“, wie dies vor kurzem jemand völlig unqualifiziert äußerte. Seine Kunst besteht darin, es dem Gesprächspartner zu ermöglichen, sich in einer selten so sichtbaren Frische, Klarheit und Tiefe zu äußern. Seewald macht es möglich, dass sein Gespräch mit dem Papst zu einer lebendigen Katechese wird und Benedikt XVI. in seiner einzigartigen Fähigkeit zur Kommunikation hervortritt, einer Kommunikation, die nichts mit Show, großartigen, aber schnell vergehenden Bildern und außerordentlichen Gesten zu tun hat, sondern dazu zwingt, sich mit Verstand und Herz mit dem Kommunizierten auseinanderzusetzen, selbst Teil der Kommunikation zu werden und nicht einfach passiv etwas über sich ergehen zu lassen.

Deshalb lohnt es sich, neben den vielbesprochenen Antworten Benedikts XVI. kurz beim Frager Seewald einzuhalten. Seewald ist der Autor des Interviews: ohne ihn gäbe es „Licht der Welt“ nicht. Über seine besondere Beziehung mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ist viel bekannt, und Seewald hat sich nie gescheut, die entscheidende Rolle Kardinal Ratzingers zu betonen, die dieser für sein Leben hatte. Auch über diese „Geschichte einer Konversion“ braucht nicht mehr viel gesagt zu werden, zumal es sich in erster Linie um die persönliche Geschichte Seewalds handelt, die ihn wie jeden Gläubigen dazu bringt, den empfangenen Schatz nicht für sich selbst zu behalten, sondern den anderen mitzuteilen, damit auch sie eines derartigen Schatzes teilhaftig werden können.

Interessant ist vor allem die Haltung, die Seewald bei seinen Fragen einnimmt, welche in anderer Form selbst Anlass eines eigenen Buches sein könnten. Diese Haltung erklärt sich nicht allein aus seiner persönlichen Beziehung zum Papst (der immer Papst ist und bleibt: Seewald scheint genau zu wissen, dass Joseph Ratzinger am 19. April 2005 gestorben ist). Die weiße Soutane hindert ihn nicht daran, dem Papst echte Fragen zu stellen, dies nicht einem banalen und hausbackenen journalistischen Stil, der in erster Linie an „sensationellen“ Antworten interessiert ist. Es sind „echte“, „wahre“ Fragen, weil es dem Frager selbst um Wahrheit geht, dies gerade angesichts all der Lügen- und Scheingebäude, die ansonsten errichtet werden, sich verselbständigen und Parallelwelten schaffen, die die Wirklichkeit ersetzen. Seewald zeigt somit, dass er wirklich katholisch ist, das heißt: es geht ihm nicht darum, drängende Fragen zu Kirche und Welt in das stickige Zimmer einer sich selbst zu ernst nehmenden Aktualität oder Modernität zu sperren, in dem nur wenige den Antworten richtig folgen könnten. Seewald, ein „Mann von Welt“ und „Kosmopolit“, wie er sich gern nennt, macht die Türen weit auf und lässt die Wahrheit des Glaubens mit all dem in Dialog treten, was die Christen von heute und vor allem die neugierigen Nichtchristen sowohl auf einer ernsten als auch auf einer von Vorurteilen und Allgemeinplätzen verschmutzten Ebene bewegt und interessiert.

„Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“, meinte einst der Philosoph Martin Heidegger. Und Seewalds Fragen reiht sich sehr gut in diese Frömmigkeitsübung ein. Er tut nicht so, als sei er „neutral“, sondern vermittelt durchaus ein Bild von Welt und Glaube, in dem er selbst sich bewegt. Gleichzeitig lässt er erkennen, dass die Antworten sich auf fruchtbare Weise mit seiner vielleicht auch anders gelagerten Sicht treffen können, ja mehr noch: In gewissem Sinne wird Seewald mit seinem Fragen zu einem kleinen Buben, der genau weiß, dass ihn sein väterliches Gegenüber, egal was er jetzt gerade anstellt, nicht alleine lassen wird.

Ergebnis: ein schönes Buch, das es ohne Seewald so nicht gäbe. Man stelle sich vor, irgendein Vertreter der selbsternannten Fortschrittsdenker hätte den Papst mit seinen immer gleichen und immer langweiligeren „Problemen“ bedrängt. Oder irgendeiner der üblichen Medienspezialisten hätte es vor allem darauf angelegt, eine „Sensation“ zu produzieren. Gleiches könnte man von den vielen Papstverstehern sagen, die sich in den Falten dieses historischen und anspruchsvollen Pontifikats winden und es oft an erster Stelle an ihrer eigenen Unzulänglichkeit bemessen.

Seewald erteilt eine Lehre, nicht zuletzt auch den Profi-Vatikanisten und auch der so oft schwachen Medienmaschine des Vatikans. Er macht vor, wie man einen Pontifikat, einen Papst, den Vatikan, den Glauben erzählen könnte, wenn man wollte, während es zu oft der Fall ist, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Seewald bindet den Leser in etwas Großes ein, angesichts dessen klar wird, dass das Ganze nicht die Summe von Teilen ist, sondern als Ganzes auch dem kleinsten Teil seinen Sinn verleiht. Das Fragen Seewalds relativiert gleichzeitig vieles und lehrt: Nicht alles steht auf der höchsten Ebene, nicht alles verdient eine ungemäße Emphase (wie gerade der „Kondomstreit“ im Nachhinein, das heißt nach dem Lesen des Textes gezeigt hat).

Einfachheit, Tiefe, Menschlichkeit und das völlige Eingebundensein in den göttlichen Plan: das ist die Botschaft Benedikts XVI. in „Licht der Welt“, die er in dieser ergreifenden und mitreißenden Weise durch das Fragen Seewalds mitteilen konnte. Damit ist Seewald dem Papst „gerecht geworden“. Folge ist, dass „Licht der Welt“ keine Eintagsfliege ist. Das Wort des Fragenden und des Befragten ist dazu bestimmt, zu bleiben.


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Benedikt XVI.
Licht der Welt
Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit.
Ein Gespräch mit Peter Seewald
Verlag Herder
240 Seiten
geb.m.Schutzumschlag
ISBN 978-3-451-32537-3
Preis: 20,50 Euro

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