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Paul Zulehner, der große Manipulator

2. August 2010 in Österreich, 40 Lesermeinungen
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Den Honig soziologischer Daten verrührt Paul Zulehner im Grießbrei seiner vorgefassten Meinungen - Von Stephan Baier/DIE TAGESPOST


Graz (kath.net/DieTagespost)
Das Umschlagfoto zeigt den Herrn Professor, wie er sich wohl selbst sieht: Monologisierend, ein Mikrofon vor dem Mund, den Zeigefinger dozierend erhoben. So ist auch das höchst manipulative Buch des emeritierten Wiener Pastoraltheologen und ehemaligen Dekans der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät, Paul M. Zulehner: dozierend, belehrend, mahnend, urteilend, drohend, hochideologisch, schwarz-weiß malend.

Da gibt es nur Gute und Böse, bei Zulehner heißen sie „die Modernen“ und „die Modernitätsskeptischen“. Erstere teilen die Weltsicht des Herr Professors, sind also „optimistisch“, bejahen die moderne Welt, „sehen nicht so sehr den Glauben in der Krise, sondern die Kirche“, und wollen, dass sich die Kirche „dieser im Grund guten modernen Welt“ mehr öffnet. Mehr noch: Diese laut Zulehner modernen Pfarrer leben eine „Loyalität mit der modernen Welt“, in einer „Dissonanz“ zur Kirchenleitung. Die anderen, die „Modernitätsskeptischen“ entlarven sich durch die „negativsten bzw. restriktivsten Stellungnahmen zum Thema Frauen im Priesteramt“ und „wollen, dass die Kirche wieder eine feste Burg mit hohen Mauern und verschlossenen Fenstern wird“.

Das vom ORF vorab massiv beworbene Zulehner-Buch suggeriert auf den ersten Blick, eine wissenschaftliche, soziologische Untersuchung unter österreichischen Pfarrern zu sein. Tatsächlich aber werden die mageren Daten, die hier in Tabellen präsentiert werden, im Meer der Zulehnerschen Kirchenvision ertränkt. Und damit ja kein Leser auf den Irrweg gerät, sich seine eigene Meinung zu bilden, repetiert der Autor dozierend, in endlosen Wiederholungen, mit grau unterlegten Kästen und in den zusammenfassenden „Ergebnissen“ immer und immer wieder seine Kernthesen.

Diese spiegeln keineswegs ein – der österreichischen Wirklichkeit entsprechendes – buntes Bild von Kirche, sondern ein ideologieverdächtiges Schwarz-Weiß: „Hier sind die Kirchenmaurer“, die Reform- und Modernisierungs-Feinde, dort sind diejenigen, die aus der subjektiven Sicht des Autors „auf dem konziliaren Kurs der Öffnung“ bleiben. Wie gut, dass in dieser schwarz-weißen Welt die Bösen auf einen Blick erkennbar sind: „Wie sich ein Priester kleidet, lässt (mit hoher Wahrscheinlichkeit) erkennen, zu welchem Lager er neigt.“ Wenn also ein Priester als solcher erkennbar ist, steht er unter dem Verdacht, zu den „Antimodernen“ zu gehören.


Jeder seriöse Soziologe würde vermutlich Zweifel am eigenen Modernitätsverständnis bekommen, wenn er feststellt, dass ausgerechnet die Jüngeren weniger „modern“ sind. Er würde sich die Frage stellen, ob seine aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammende Vorstellung von Modernität vielleicht nicht nur hinsichtlich der Musik und der Bekleidung, sondern auch im Welt- und Kirchenverständnis den Modernitäten jüngerer Jahrgänge gewichen sein könnte. Nicht so das Lehramt Zulehner: „Je jünger ein befragter Pfarrer ist, desto größer ist seine Skepsis und Distanz zur modernen Kultur und zu Modernisierungsvorschlägen anderer Pfarrer“, stellt er fest, um dann die junge Generation – die er als Universitätsprofessor offenbar weniger (ver)formen konnte als er wollte – mit allerlei Unterstellungen zu überziehen: „Der Weg, den die jungen Pfarrer in die Weltabschottung gehen, wird sich nach und nach auch dadurch in den Pfarren nachereignen, weil die weltoffenen Pfarrmitglieder nach kurzzeitigem Widerstand nach innen oder nach draußen emigrieren.“

Fazit: Nicht die seit Jahrzehnten wirkenden „modernen“ Pfarrer fortgeschrittenen Alters sind also für die bisherige Massenflucht aus der Kirche – messbar in Messbesuchen und Beichtfrequenzen – mitverantwortlich, sondern die jungen Pfarrer sollen später einmal daran schuld gewesen sein. Mehr noch: Die jungen Pfarrer, die laut Zulehner „keine hohe Wertschätzung für die Beteiligung der Leute“ zeigen und „daher das Leben in den Pfarrgemeinden autoritativ/autoritär-klerikal bestimmen“, sollen im Voraus dafür verantwortlich gemacht werden, dass sich die Zulehnersche Kirchenvision wohl nicht verwirklichen wird: „Kirche wird zu einer Art antimoderner Oase inmitten einer modernen Welt, ein Zufluchtsort für Weltflüchter.“ Man fragt sich, ob der Professor jemals einem der von ihm pauschal beflegelten jungen Priester, die „weniger dissonant mit der Kirchenleitung“ sind, begegnet ist.

Wie aber sollen „weltoffene und daher reformfreudige Pfarrer“ sein? Sie bringen „das Leben der Kirche nachhaltig durch vorauseilende mutige Praxis voran“, indem sie „Reformen nicht nur fordern, sondern faktisch leben“. Im Klartext: Pfarrer, die etwas anderes leben, als sie bei ihrer Priesterweihe versprochen haben, sind „mutig“ und bringen die Reform der Kirche voran. Anders ist es wohl nicht zu deuten, wenn der Autor zu den „Erfahrungen mit der Ehelosigkeit“ eine Tabelle präsentiert, in der 67 Prozent der Pfarrer sich zur Formulierung bekennen: „Ich habe einen eigenständigen Weg gefunden, den ich verantworten kann“. Statt nachzufragen, was das konkret bedeutet, und wie es zu verstehen ist, wenn ein Pfarrer sich „bei einem Freund daheim“ (oder „bei einer Freundin daheim“) fühlt, verrührt Zulehner den Honig der erhobenen Daten wieder einmal im Grießbrei seiner skurrilen Meinungen: Hier wird aus der „Suche nach selbstverantworteten Lösungen“ flugs ein „Dissens der Pfarrer mit der Kirchenleitung“, der natürlich auf dem „Reformwunsch“ der eigenständigen Pfarrer beruht. Jene Pfarrer, die den Zölibat, den sie einst versprachen, „eigenverantwortet“ aus- und weglegen, werden so plötzlich zur „Vorhut, welche heute schon lebt, worauf die kirchliche Gemeinschaft hinsteuert“. Ob ein beim Seitensprung ertappter Ehemann wohl auch so argumentieren darf?

Und wohin möchte Professor Zulehner das Kirchenschiff gesteuert sehen? Wer das Orakel aus Wien dazu befragen will, muss nur lesen, was seine „Modernen“ wollen: „Die Modernen plädieren für die Ausweitung des Pools, aus dem die Priester genommen werden, aber nicht nur zur eigenen Entlastung, sondern noch aus einem wesentlich anderen Grund. Hier geht es nicht nur um die Behebung des Priestermangels, sondern um eine qualitative Anreicherung des Priesteramts.“ Wir lernen also erstens: Priester werden nicht berufen, sondern aus einem „Pool“ gezogen. Zweitens lernen wir staunend, dass das von Christus gestiftete Priesteramt einer „qualitativen Anreicherung“ bedürfe.

Und drittens lauschen wir andächtig, wie Herr Zulehner den „Pool“ auszuweiten gedenkt: Viri probati zu weihen, sei „eine alte Forderung in der katholischen Kirche“, schreibt Zulehner, um uns belegfrei zu dozieren, dass man dabei „an die theologisch gut gebildeten und pastoral wertvollen Pastoralassistenten“ zu denken habe. Sein Fazit: „Neue Formen des Priesteramts werden gewünscht, damit die Arbeitslast besser verteilt werden kann. Von ihnen wird zudem eine Anreicherung des Priesteramts erwartet, sei es durch die Lebenserfahrung von Frauen oder aus einer Partnerschaft (mit Kindern).“

Mit seinem neuen Buch hat sich Paul Zulehner neuerlich als großer Manipulator erwiesen: Da wurde etwas als wissenschaftliche Pfarrer-Studie verkauft, was sich bei genauem Hinsehen als höchst subjektives Plädoyer eines gealterten Kirchenreformers erweist. Da wird mit Scheinargumenten und Vorurteilen jongliert, mit Wertungen und Pauschalverurteilungen manipuliert. Was kein Rechtsstaat der Welt als Argument nehmen würde, soll die Kirche schlucken: „Stimmigkeit des Lebens wird gesucht, nicht Übereinstimmung mit dem Gesetz.“

Und weil ihm die befragte Mehrheit der Pfarrer nicht mehr reicht, nimmt Zulehner für seine Kirchenvision gleich – und völlig ohne Beleg – das gesamte Kirchenvolk in Geiselhaft. Er behauptet einfach, „dass das Kirchenvolk die individuell gewählten Wege ihrer Pfarrer nicht nur akzeptiert, sondern als ein Vorgriff auf die ihrer Ansicht nach unausweichlich kommende Kirchenentwicklung (spricht: Veränderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt) ansieht.“ Wer Paul Zulehner als Theologen ansah, war jedenfalls immer schon selber schuld. Doch nach diesem Buch ist auch seine Reputation als Soziologe Ansichtssache.


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