USA: Die Autorität der Bischöfe steht auf dem Spiel
 
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Amerikanischer Episkopat beginnt Beratungen über Missbrauch durch Priester. Die Wurzeln des Skandals liegen in der Dissenskultur der Kirche.
Von Regina Einig / Die Tagespost

Würzburg (DT)
Am Donnerstag beginnt in Dallas die Vollversammlung der Bischofskonferenz in den Vereinigten Staaten. Das Interesse der Öffentlichkeit ist überwältigend: der katholische Fernsehsender EWTN wird alle Sitzungen in diesem Jahr landesweit live und ungekürzt übertragen. Das war zuletzt 1992 bei der Bischofsvollversammlung in New Orleans der Fall, auf deren Tagesordnung dasselbe Thema stand wie in dieser Woche: sexueller Missbrauch durch katholische Priester - und die Konsequenzen, die sich daraus für die Diözesen ergeben. 176 Priester in den Vereinigten Staaten haben in diesem Jahr ihr Amt wegen sexuellen Missbrauchs freiwillig oder auf Anordnung der Vorgesetzten aufgegeben. Die Bischöfe haben bereits im Vorfeld die Null-Toleranz-Parole angekündigt, allerdings mit einer Einschränkung. Priestern, denen nicht mehr als ein Fehltritt zur Last gelegt wird, und die nach einer Behandlung ihren Dienst unbeanstandet ausüben, sollen ihr Amt behalten dürfen. Nach Angaben der "New York Times" haben sich bereits mehrere Bischöfe, darunter Kardinal Theodore E. McCarrick in Wa-shington und Kardinal Adam Maida von Detroit gegen diese Einschränkung ausgesprochen.

Eine faktische Einigung unter den amerikanischen Bischöfe dürfte ungeachtet aller gemeinsam verabschiedeten Beschlüsse jedoch Illusion bleiben. Als Weihbischof James Quinn von Cleveland kürzlich vorschlug, die Diözesen sollten die Akten der betreffenden Priester in der Apostolischen Nuntiatur deponieren, um sie kraft diplomatischer Immunität dem Zugriff der Justiz zu entziehen, schrieb ein Kolumnist: "Noch vor acht Wochen hätte ich die Behauptung, dass man eines Tages amerikanische Bischöfe hinter Gittern sehen wird, für überzogen gehalten. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher."

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Die Frage nach den Ursachen des Skandals wird von den katholischen Medien nahezu ausschließlich in dem wachsenden Problem der Homosexualität unter katholischen Priestern gesehen. In der vergangenen Woche veröffentlichte das Institut "Family Research Council" in Washington eine Studie über den Zusammenhang von Homosexualität und sexuellem Missbrauch. Dass Homosexualität im amerikanischen Klerus inzwischen ein massives Problem darstellt, steht außer Frage. Die Ereignisse der letzten Monate haben daher langjährige Bedenken gegenüber manchen Veränderungen der Priesterausbildung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigt. Der amerikanische Autor Michael Novak schrieb unlängst, der Nährboden der aktuellen Krise sei eigentlich schon nach 1965 entstanden, als Progressisten gegen die traditionelle Lehre der Kirche rebellierten. Vierzig Jahre nach der Euphorie des Zweiten Vatikanums herrscht Ernüchterung: Manchen amerikanischen Katholik erinnern allzu rosige Zukunftsvisionen einer "erneuerten" Kirche heute eher an die Romanfigur Winston Smith aus George Orwells Werk "1984": Der Bürger von Ozeanien soll begreifen, dass zwei und zwei wirklich fünf ergibt. Vielen Bischöfen fehlt es offensichtlich am intellektuellen Selbstvertrauen, um sich mit dem akademischen Establishment an Seminaren und theologischen Fakultäten auseinanderzusetzen.

Toleranz gegenüber offenen Verstößen gegen Morallehre Wie gelassen die amerikanischen Bischöfe offensichtliche Verstöße gegen die katholische Morallehre tolerieren, zeigte bereits vor zwei Jahren der spektaktuläre Konflikt der amerikanischen Initiative "Roman Catholic Faithful" aus Petersburg, Illinois, mit dem Sprecher der südafrikanischen Bischofskonferenz Reginald Cawcutt, Weihbischof in Kapstadt. Der Bischof war 1999 in die Schlagzeilen geraten, nachdem ein anonymer Hacker den Code eines Online-Gesprächsforums für homosexuelle Geistliche geknackt hatte und der konsternierten Öffentlichkeit eine Fülle ordinärer Einzelheiten zugänglich machte. Die Mehrzahl der Priester, die sich auf der mittlerweile geschlossenen Seite "Saint Sebastian Angels" geoutet hatten, stammte aus den Vereinigten Staaten und Kanada und wurde von Weihbischof Cawcutt, der sich sogar mit Foto vorstellte, explizit in der Vorstellung bestärkt, ihre Lebensform stehe eigentlich in keinem Widerspruch zum Katholizismus. Der unzimperliche Umgangs-ton der etwa fünfzig Teilnehmer des Forums sorgte unter den Katholiken in den Vereinigten Staaten für ebenso viel Bestürzung wie die hasserfüllten Einträge Cawcutts, der mehrfach dem Papst den Tod wünschte.

Besonders skurril erschien Cawcutts feste Überzeugung, Toleranz für aktive Homosexualität im Namen des Zweiten Vatikanischen Konzils fordern zu können: "Jemand hat mal gesagt, die Beichte sei eine Hilfe zur Heiligung. Wer mit dem Zölibat was anfangen kann, hat sicher Grund, beichten zu gehen, sobald er sich nicht dran hält. Wenn nicht - ja, Jungs, dann erinnert Euch mal, was das Zweite Vatikanum über das persönliche Gewissen als leitende Instanz gesagt hat", lautet einer seiner Einträge. Ein Priester der Initiative "Roman Catholic Faithful" forderte die homosexuelle Priestergruppe daraufhin mit einem Eintrag ins Gästebuch der "Sebastian Angels" zu Umkehr und Beichte auf - und erntete aus einschlägigen Kreisen massive Drohungen. Im April 2000 veröffentlichte der "National Catholic Reporter" ein aufsehenerregendes Interview mit dem 63 Jahre alten Weihbischof, in dem dieser jeder kirchlichen Kritik an homosexuellen Priestern eine dezidierte Absage erteilte. Seelsorglicher Dienst in der homosexuellen Gemeinde seien Teil seines Apostolats an AIDS-Kranken, zudem müsse man homosexuelle Priester moralisch unterstützen. Cawcutt bestätigte, dass das Internet-Forum inzwischen unter einer unbekannten Adresse wieder eröffnet wurde und verurteilte den Aufruf zur Umkehr von "Roman Catholic Faithful" in aller Schärfe: "Homosexuelle Priester stehen ohnehin schon unter Druck. Diese Leute (Roman Catholic Faithful, A.d.R.) halten sich für bessere Katholiken, aber sie haben schwerer gesündigt als irgendeiner aus der homosexuellen Gemeinde." Weihbischof Cawcutt ist nach wie vor im Amt und inzwischen im angelsächsischen Raum zur Symbolfigur für den weitreichenden innerkirchlichen Konsens in puncto Vereinbarkeit von Priestertum und aktiver Homosexualität geworden.

Der Fall Cawcutt wirft zudem ein Schlaglicht auf die in den Vereinigten Staaten weit verbreitete Praxis, Toleranz für aktive Homosexualität im Namen der nachkonziliären "Offenheit" geradezu als ein Gebot der Seelsorge zu fordern, Loyalität zur katholischen Morallehre aber als ausgrenzende Rechthaberei zu verdammen. Dass dieses Phänomen keine Ausnahmeerscheinung ist, sondern mittlerweile in eine regelrechte Subkultur innerhalb der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten etabliert ist, dokumentiert eine kürzlich erschiene Publikation des Journalisten Michael Rose. Der Autor des Interviewbands "Goodbye, Good Man" weist anhand der Aussagen von Seminaristen und jungen Priestern nach, dass die Maxime "Ich bin katholisch und homosexuell - und das ist gut so" von vielen Verantwortlichen in den amerikanischen Diözesen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stillschweigend akzeptiert, wenn nicht gar gefördert wird.

Im Mittelpunkt von Roses Recherchen stehen die Zulassungsvoraussetzungen und Ausbildungsrichtlinien in den amerikanischen Priesterseminaren, die nach dem Zweiten Vatikanum eingeführt wurden: Sie bilden einen festen Bestandteil der "Dissenskultur", die ein Autor wie Michael Novak als eigentliche Ursache der Krise ansieht. Die Interviews zeigen zudem, wie schwer gegen korrupte Netzwerke, die in Diözesen und Ordensgemeinschaften Toleranz und Integration für Homosexuelle rigoros fordern, anzukommen ist - sowohl vor als auch nach der Priesterweihe. Ein Priester aus Baltimore berichtet, dass homosexuelle Theologiestudenten in seiner Diözese von den Vorgesetzten gezielt gefördert werden. Das spiegele sich seit Jahren auch im Studentenjargon: "Der rosa Palast" bezeichne das diözesane Priesterseminar, "die Lavendelmafia" die Seminarleitung. Nichts führe viele angehende Priester an der Erfahrung vorbei, dass Loyalität zur Morallehre der Kirche von den Vorgesetzten systematisch sanktioniert wird - bis hin zum Ausschluss aus dem Seminar.

Die in den sechziger und siebziger Jahren eingeführten psychologischen Auswahlverfahren stellen nach Aussagen der Befragten eine Hürde dar, an der gläubige Kandidaten gegenüber Agnostikern mitunter das Nachsehen haben. Die Bereitschaft, den Zölibat zu leben, quittieren Psychologen, die der Kirche häufig selbst fernstehen, im Gutachten mit dem Vermerk "gespaltene Persönlichkeit" oder "unterentwickelte Sexualität".

Psychologen sollen sich selbst mit der Lehre identifizieren Der katholische Ärzteverband Amerikas kritisierte die psychologischen Einstellungstest in den Seminaren bereits in einer 1999 veröffentlichten Studie und forderte Ordensgemeinschaften und Diözesen auf, bei der Einstellung von Psychologen darauf zu achten, ob diese sich wirklich mit der katholischen Morallehre und der hierarchischen Struktur der Kirche identifizierten. Vor allem Kandidaten, die kein Verständnis für homosexuelle Handlungen zeigten, erhielten häufig die Bewertung "rigide" oder "unflexibel ". Die implizite Frage der psychologischen Untersuchung lautet daher, ob der Kandidat bereit ist, Homosexualität als eine "normale" Lebensform in seiner engeren Umgebung zu akzeptieren. In den derzeit in den Vereinigten Staaten geltenden Richtlinien des Jesuitenordens für die Aufnahme von Novizen heißt es beispielsweise: "Kandidaten sollen die Fähigkeit mitbringen, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren und mit sexuell unterschiedlich orientierten Menschen gut auszukommen." Nicht selten scheitern an derartigen Auswahlverfahren gerade fähige Bewerber, denn ihre Zulassung würde das System in Frage stellen. Ein Seminarist stellte lapidar fest, Psychologen und Therapeuten seien seine wahren Vorgesetzten.

Es ist daher kein Zufall, dass verschiedenene katholische Online-Publikationen in den Vereinigten Staaten zum Auftakt der Vollversammlung der amerikanischen Bischofskonferenz ihre Titelseite einem wieder aktuellen Dokument aus dem Jahre 1961 gewidmet haben: Das Schreiben der Religiosenkongregation an Orden und Säkularinstitute mit dem Titel "Über die sorgfältige Auswahl und Ausbildung vonKandidaten" untersagt kategorisch dieAufnahme homosexueller Bewerber. Ob die amerikanischen Bischöfe neben den Symptomen der Krise auch die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Wurzelkur sehen - das ist die Frage, um die es in dieser Woche für die amerikanischen Katholiken geht.

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