08 April 2010, 13:45
Der Missbrauch mit dem Missbrauch
 
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Allmählich gerät die 'Aufklärung' durch die Maschinisten der veröffentlichten Meinung ins Zwielicht - Ein Kath.Net-Gastkommentar von Gernot Facius, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung DIE WELT

Bonn (kath.net)
Die Eiterbeule sexueller Missbrauch von Minderjährigen ist aufgestochen. Den ersten Stoß führte, was in der öffentlichen Wahrnehmung schon unterzugehen droht, der Jesuit Klaus Mertes. Er war es, der Ende Januar die Vorwürfe gegen Patres des Berliner Canisius-Kollegs publik machte und damit den kirchlichen Prozess der „Reinigung“ in Gang setzte. Der zweite Stich kam von den Medien, die das Fehlverhalten einzelner Priester und Ordensleute breit thematisierten. Beide Seiten haben sich in der unsäglichen Missbrauchs-Causa Meriten erworben.

Doch allmählich gerät die „Aufklärung“ durch die Maschinisten der veröffentlichten Meinung ins Zwielicht. Obwohl längst ebenso gravierende (oder schlimmere?) Vorgänge in säkularen Bildungseinrichtungen wie der „reformpädagogischen“ Odenwaldschule bekannt geworden sind (und auch die evangelischen Kirchen von Skandalen nicht verschont bleiben), blieb die Debatte weiter auf die katholische Kirche fokussiert. Über die Motive braucht man nicht lange zu spekulieren.

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Es ist klar: Die Kirche reklamiert einen hohen moralischen Anspruch. Deshalb sitzt sie zu Recht ganz vorn auf der Anklagebank. Aber ist damit schon die Einseitigkeit hinreichend erklärt? Auch die sogenannte Reformpädagogik erhebt einen besonderen Anspruch.

Menschenfreundlich und antiautoritär will sie sein, von Zwängen will sie die Schüler befreien. Es wundert einen deshalb nicht, dass die Alt-68er oder die grünen Ideologen der „Befreiung“, so sie noch den Ton angeben in Politik und Medien, die unappetitlichen Vorgänge in den Internaten der „Reformer“ kleinreden möchten und sich stur dagegen sträuben, sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen als das anzuerkennen, was er ist: ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Im Fall der Odenwaldschule kommt hinzu, dass selbst die ehemalige grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, die sich gern als Chefaufklärerin geriert, seit Jahren von dem pädophilen und homosexuellen Umtrieben wusste.

Hat die gut vernetzte Homo-Lobby mit ihren Sympathisanten im politischen Berlin die Sache unter Verschluss gehalten? Im Lager der Grünen wie im mit Hochkarätern aus der Politik besetzten Beirat der „Humanistischen Union“ wurde lange straffreier Sex zwischen Erwachsenen und Kindern propagiert. Daran möchte man heute ungern erinnert werden.

Lieber drosch man auf Papst, Bischöfe und Priester ein und stilisierte jedes Versagen in der Vergangenheit zum GAU für die Kirche. Man setzte sich munter darüber hinweg, dass es in Deutschland seit acht Jahren praktisch keine schwerwiegenden Fälle von Kindesmissbrauch im Klerus gegeben hat - weil die 2002 verabschiedeten bischöflichen Richtlinien (so unvollkommen sie im Detail noch sein mögen) doch Wirkung zeigen.

Eine undifferenzierte Berichterstattung, vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, tut freilich noch immer so, als handele es sich um ein aktuelles Problem. Die ewige Wiederholung des Immergleichen in einem Teil der Medien, von um Aufmerksamkeit kämpfenden Nachrichtenagenturen in Gang gesetzt, verwischt die Grenzen zur Propaganda.

Schlampige Berichte der „New York Times“, sensationell aufgemacht, werden ohne eigene intensive Recherche weiterverbreitet. Um Nachrichten (im Sinne von Danach richten) geht es in diesem Gewerbe ohnehin schon lange nicht mehr.

Eher um Meinungen über Nachrichten. Seien sie noch so seicht. Solidaritätsadressen für den Pontifex oder für den der Prügelei im Kinderheim bezichtigten ehemaligen Stadtpfarrer von Schrobenhausen und heutigen Augsburger Bischof Walter Mixa schaffen es nicht oder nur verschämt in Zeitungsspalten.

Entlastendes ist eben nicht „sexy“, macht weder Auflage noch Quote. Hauptsache Krawall. Das ist nicht nur die These auf dem Boulevard. Auch die als seriös eingestuften elektronischen Medien sind von diesem Ungeist infiziert.

Papst Benedikt ist gewiss vieles vorzuwerfen. Wie andere Hierarchen hat er als Chef der römischen Glaubenskongregation das Problem der pädophilen Priester zu lange unterschätzt. Aber als ihm die Tragweite bewusst wurde, hat er gehandelt, erst recht als oberster Hirte der Kirche.

In deutschen Medien hingegen ist Benedikt - weil die Metapher sich so gut macht, historische Bezüge erlaubt und gut zu „verkaufen“ ist - der „schweigende Papst“. Eine Abbildung von Wirklichkeit ist das nicht, es ist ein Zerrbild. Aber mit Zerrbildern schafft man keine Aufklärung. Es wird Missbrauch mit dem Missbrauch getrieben.

Der Autor ist ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung DIE WELT, Mitglied der Gesellschaft Katholischer Publizisten in Deutschland und ist freier Journalist in Bonn.

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Foto: (c) AgenziaSir

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