28 März 2010, 21:20
Die andere Partei hatte sich in der 'Causa Groer' durchgesetzt
 
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Kardinal Schönborn wendet sich entschieden gegen alle Vertuschungsvorwürfe, die sich gegen Papst Benedikt XVI. richten. Keine explizite Distanzierung von Barbara Rosenkranz. Rudolf Gehring ist "natürlich wählbar"

Wien (kath.net/PEW/red) Die frühere steirische Landeschefin Waltraud Klasnic wird in Zukunft auch als "unabhängige Opfer-Beauftragte" wirken. Dies teilte Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag in der ORF-"Pressestunde" mit. Die frühere Politikerin und Vorsitzende des "Zukunftsfonds der Republik Österreich" und des Dachverbandes "Hospiz Österreich" hatte dem Wiener Erzbischof am Samstag ihre Bereitschaft bekundet, diese Aufgabe zu übernehmen. Kardinal Schönborn wörtlich: "Wir wollen die Unabhängigkeit der Aufklärung garantieren". Zugleich würdigte der Wiener Erzbischof die "starke soziale Kompetenz und die Sensibilität von Waltraud Klasnic".

Waltraud Klasnic werde in der Zusammensetzung ihres Teams und in der Festlegung der Arbeitsweise ganz selbständig sein. Selbstverständlich werde es eine enge Zusammenarbeit mit den ab 1996 aufgebauten kirchlichen Ombudsstellen geben, die "eine zuverlässige und vertrauenswürdige Arbeit leisten". Kardinal Schönborn wird am Gründonnerstag mit Waltraud Klasnic zusammentreffen, um die weitere Vorgangsweise festzulegen. Ausdrücklich betonte der Wiener Erzbischof: "Die unabhängige Opfer-Beauftragte soll auch mit ihrem Team festlegen, wo finanzielle Zuwendungen notwendig sind. Wo Täter noch belangt werden können, müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn Täter verstorben sind, muss man - etwa zur Finanzierung von Therapien - einspringen". Für die Finanzierung der Tätigkeit der unabhängigen Opfer-Beauftragten wird die Kirche aufkommen, wobei keine Kirchenbeitragsmittel eingesetzt werden.

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Im Hinblick auf die Missbrauchsfälle betonte Kardinal Schönborn: "Es gibt nur einen Weg, den Weg der Wahrheit". Alle Versuche, etwas zu vertuschen, seien klar abzulehnen. Zur Anzeigepflicht von Missbrauchsfällen im kirchlichen Milieu – die derzeit unter Juristen und Therapeuten intensiv diskutiert wird - äußerte der Wiener Erzbischof seine "persönliche Überzeugung", dass bei "schwerwiegendem Verdacht" die Anzeige erfolgen muss, "außer wenn das Opfer das ausdrücklich nicht will". In diesem Zusammenhang erwarte er sich viel vom "Runden Tisch", zu dem Justizministerin und Familienstaatssekretärin für 13. April erstmals eingeladen haben.

Entschieden wandte sich Kardinal Schönborn gegen alle Vertuschungsvorwürfe, die sich gegen Papst Benedikt XVI. richten. Der Papst habe sich als Kardinal in der "Causa Groer"(1995) energisch für eine vatikanische Untersuchungskommission eingesetzt. Diese Kommission sei aber von der "diplomatischen" Partei im Vatikan verhindert worden, die alles auf "die Medien" schieben wollte, sagte Schönborn: "Ratzinger hat mir damals traurig gesagt: Die andere Partei hat sich durchgesetzt."

Kardinal Ratzinger habe aber 2001 die Errichtung des "Gerichtshofs" in der Glaubenskongregation zur Behandlung von Sexualdelikten gegen Kinder und Jugendliche durchgesetzt, damit Bischöfe nichts vertuschen können: "Ihm vorzuwerfen, er sei ein Vertuscher, ist unhaltbar". Die zwei von deutschen und amerikanischen Medien aufgerollten angeblichen Vertuschungsfälle, in die der Papst involviert gewesen sein soll, würden untersucht, sagte Kardinal Schönborn. Er wolle dazu "jetzt nicht 1. Reihe fußfrei" von Wien aus "Zurufe nach Rom" tätigen. Vatikan-Sprecher P. Federico Lombardi SJ habe bereits sehr viel erläutert.

Zur Frage nach den Ursachen von sexuellem Missbrauch und Gewalt in der Kirche erinnerte Kardinal Schönborn daran, dass leider überall Gewaltbereitschaft vorhanden sei. Freilich gebe es keine "bessere Schule" zum Umgang mit Gewalt als das Evangelium: "Jesus geht konsequent den Weg der Gewaltlosigkeit, er steht eindeutig auf der Seite der Opfer. Leider hat das seine Gemeinschaft, die Kirche, oft sträflich vernachlässigt".

Der Zölibat könne gut oder schlecht gelebt werden, er sei aber nicht die eigentliche Ursache des Missbrauchs, betonte der Kardinal. Wo Priester Probleme mit der Ehelosigkeit haben und in Beziehungen leben, werde ernsthaft mit ihnen geredet und vor allem die Frage gestellt: Wie lebst du mit der Doppelmoral? Diese Doppelmoral sei ein "Unrecht", auch für die Partnerin des Priesters.

Als Ordinarius für die Katholiken des byzantinischen Ritus in Österreich sei er auch für verheiratete Priester mit Familie zuständig, erinnerte Kardinal Schönborn. Er sehe deshalb, dass sowohl eheloses als auch in eine Ehe eingebundenes Priestertum eine große Herausforderung sei.

Im Hinblick auf die hierarchische Struktur der Kirche sagte der Wiener Erzbischof, dass es den Missbrauch geistlicher Macht im Verlauf der Kirchengeschichte in verschiedener Form gegeben habe und gebe. Die hierarchische Struktur gehe auf Jesus zurück, der die Apostel berufen habe. Aber zugleich sei klar, dass die Kirche die Freiheit fördern und die "emanzipatorische Kraft" des Evangeliums in den Vordergrund stellen müsse. "Wo dies unterbleibt, ist Reformbedarf", betonte der Kardinal. Die "entscheidende Reform" orientiere sich an der Frage: "Entsprechen wir der Botschaft Jesu Christi"?

Zu den Gewaltvorwürfen gegen den Vorarlberger Bischof Elmar Fischer wollte sich Schönborn auf Grund der mangelnden Detailinformationen nicht äußern. Tatsache sei, dass in der Pädagogik ein Umdenken in Richtung Gewaltfreiheit und ein stärkerer Blick auf die Kinder erfolgt sei. Zugleich ließ der Wiener Erzbischof keinen Zweifel daran, dass er diesen Wechsel zutiefst begrüßt: "Gott sei Dank ist in der österreichischen Gesellschaft endlich etwas anders geworden. Prügel und g?sunde Watschen sind keine pädagogischen Methoden mehr". Es sei "töricht", Einstellungen, die vor 40 oder 50 Jahren noch gang und gäbe waren, heute rechtfertigen zu wollen. Er habe in seiner eigenen Schul-Laufbahn in der Volksschule und im Gymnasium prügelnde Lehrer erlebt und sei schon damals über diese Methode und die Gleichgültigkeit von Vorgesetzten und Eltern zutiefst empört gewesen.

Schönborn stellte am Ende der Pressestunde auch klar, dass er sich vor einigen Tagen bei der Pressekonferenz der Bischofskonferenz nicht explizit von Barbara Rosenkranz, der FPÖ-Präsidentschaftskandidatin, distanziert habe. Er werde nie eine Wahlempfehlung oder Abempfehlung geben. Zu Rudolf Gehring, der Kandidat der Christlichen Partei Österreichs (CPÖ), meinte Schönborn:: "Wenn er die Kriterien der Demokratie erfüllt, die für dieses Amt gegeben sind, die demokratisch vorgegebenen Kriterien, ist er für jeder Mann und für jede Frau natürlich wählbar." Schönborn zeigte sich auch sehr froh, dass die "Christen" ihren Namen jetzt auf "Christliche Partei Österreichs" geändert hat.

Pressestunde in voller Länge auf orf.at





Foto: (c) kath.net

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