25 März 2010, 22:03
Verwirrung um das päpstliche Geheimnis
 
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Vatikan-Normen bei Missbrauch sind besser als ihr Ruf - Von Johannes Schidelko (KNA)

Rom (kath.net/KNA)
Nach Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und der «New York Times» hat nun auch der Tübinger Theologe Hans Küng der Kirche das Vertuschen von Missbrauchsskandalen vorgeworfen. In den USA zogen die Medien mit dem neu aufgerollten Fall Murphey aus Milwaukee eine direkte Verbindung zwischen den kirchlichen Normen bei «Verführungs-Verbrechen» (Crimen sollicitationis) und der angeblichen Geheimhaltung gegenüber zivilen Strafverfolgungsbehörden. Einen Zusammenhang den Vatikansprecher Federico Lombardi am Donnerstag energisch bestritt. Küng hielt nun Papst Benedikt XVI. vor, als Präfekt der Glaubenskongregation wichtige Informationen über Missbrauchsvorgänge geheimgehalten zu haben.

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Gemeinsam ist den Vorwürfen ein Missverständnis über Bedeutung und Reichweite kirchlicher Strafverfolgung - und ihre Unterschiede zu zivilrechtlicher Ahndung. Und unklar ist dabei zugleich, dass der Vatikan mit seinem Dokument über «Delicta graviora» - über schwerwiegende Straftaten aus dem Jahre 2001 - die seit 1962 geltenden Normen bei «Crimen sollicitationis» deutlich verschärft hat. Während die Ortskirchen zuvor bei Verführungsverbrechen eigenständig agierten und nur Vergehen etwa gegen die Sakramentenordnung (Verstöße gegen das Beichtgeheimnis) nach Rom melden mussten, sind seither generell Missbrauchsfälle durch Geistliche der vatikanischen Glaubensbehörde anzuzeigen.

Die Missverständnisse ranken sich vor allem um das «secretum pontificium», um die Verschwiegenheitspflicht, der kirchenrechtliche Verfahren über «Delicta graviora» unterliegen. Dabei geht es um Verstöße und um Sanktionen in Bereichen, die der katholischen Kirche besonders heilig sind - um Verstöße gegen die Eucharistie, gegen die Beichte, und auch gegen das priesterliche Keuschheitsgebot, bei denen Minderjährige betroffen sind. So ist es für weltliche Gerichte eine Bagatelle, ob jemand ein Beichtgespräch aufzeichnet und veröffentlicht, für die Kirche aber ein schweres Vergehen. Wenn ein Geistlicher sich jedoch an einem Ministranten vergreift, riskiert er zwei Strafverfahren: ein kirchliches, das ihn die Laisierung und den Verlust des Klerikerstandes kosten kann, und ein weltliches, das ihn eventuell ins Gefängnis bringt. Keineswegs beansprucht das kirchliche Strafrecht, an die Stelle staatlicher Gerichtsbarkeit zu treten.

Die dazu erlassenen Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2002 legen fest, dass in erwiesenen Fällen sexuellen Missbrauchs den Tätern zur Selbstanzeige geraten oder aber die Staatsanwaltschaft direkt informiert wird. Noch deutlicher sind die bayerischen Bischöfe, die eine allgemeine Meldepflicht aller Verdachtsfälle verfügt haben. Und die US-Bischöfe haben sich aufgrund ihrer Skandale von der Jahrtausendwende darauf verpflichtet, mit weltlichen Ermittlungsbehörden Hand in Hand zu arbeiten

Für die Verschärfung der kirchlichen Normen zu Missbrauchsfällen hat sich der damalige Kardinalpräfekt Ratzinger schon vor zehn Jahren eingesetzt. Nach den Erfahrungen in den USA, in Australien, in Irland und jetzt auch im deutschen Sprachraum sollen die vatikanischen Normen von 2001 nach offiziell noch nicht bestätigten Informationen nun unter seiner Führung nochmals überarbeitet werden. Diese Normen sind keinesfalls geheim, wie mitunter behauptet, sondern auf der Vatikan-Homepage nachlesbar, wenn auch nicht vollständig.

An die Katholiken in Irland hat sich Benedikt XVI. - wie bereits seit langem angekündigt - soeben in einem eigenen Brief gewandt. Eine Ausweitung dieses Briefes auf Vorgänge in anderen Weltregionen war offenbar nicht möglich. Denn auf der Grünen Insel sollte nicht der Eindruck entstehen, der «deutsche» Papst relativere aufgrund von Vorgängen in seiner Heimat seine frühere Zusage. Sicher wird Benedikt XVI. in der Liturgie der bevorstehenden Kartage jedoch Gelegenheit finden, etwa die Priester bei der Erneuerung ihres Weiheversprechens an Gründonnerstag an ihre Pflichten gegenüber den Gläubigen und gegenüber der Kirche zu erinnern.

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